Volker Klüpfel, Michael Kobr : Affenhitze

Affenhitze
Affenhitze Kluftingers neuer Fall Originalausgabe Ullstein Buchverlage, Berlin 2022 ISBN 978-3-550-20146-2, 554 Seiten ISBN 978-3-8437-2659-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ausgerechnet als der bayrische Ministerpräsident eine Ausgrabungsstätte im Allgäu besichtigt, wird dort eine Leiche entdeckt. Der Paläontologe Udo Brunner wurde augenscheinlich mit einem Bagger in den Matsch gedrückt, den der benachbarte Unternehmer Martin Swoboda den Forschern zur Verfügung gestellt hat. Zur Nachbarschaft gehört auch eine Sekte, deren "Älteste" besorgt ist, dass die Forscher die Erde entweihen. Kluftinger ermittelt ...
mehr erfahren

Kritik

Wer Action oder einen spannenden Thriller erwartet, wird sich mit "Affenhitze. Kluftingers neuer Fall" langweilen. Es gibt zwar zwei Morde, aber deren Aufklärung ist eher Nebensache. Stattdessen legen Volker Klüpfel und Michael Kobr den Akzent auf Lokalkolorit, Klamauk und Situationskomik. Und dabei geht es vor allem um den schrulligen Allgäuer "Interims-Polizeipräsidenten" Kluftinger.
mehr erfahren

Der Tote im Matsch

Ein Fund in der zur Gemeinde Pforzen im Ostallgäu gehörenden Tongrube „Hammerschmiede“ wird möglicherweise dazu führen, dass die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden muss. Während die Paläontologen bisher davon ausgingen, dass der aufrechte Gang vor drei bis vier Millionen Jahren in Afrika begann („Lucy“), zeigt sich Prof. Udo Brunner überzeugt, mit seinen Ausgrabungen in der Tongrube „Hammerschmiede“ beweisen zu können, dass die Zäsur bereits vor mehr als elf Millionen Jahren im Allgäu stattgefunden habe. Der Skelettfund wurde zwar nach dem Entdecker der Ausgrabungsstätte, dem Amateurpaläontologen Sigulf Guggenmos benannt ‒ Danuvius guggenmosi ‒ aber selbst die Forscher benutzen den Spitznamen Udo.

Ausgerechnet als der bayrische Ministerpräsident die Tongrube „Hammerschmiede“ besichtigt, entdeckt Dr. Martin Langhammer, der Gemeindearzt von Altusried, Udo Brunners Leiche. Der Paläontologe wurde augenscheinlich mit einem Bagger in den Matsch gedrückt, den der benachbarte Unternehmer Martin Swoboda den Forschern zur Verfügung gestellt hat.

Die Leitung der Ermittlungen in dem Mordfall obliegt Kommissar Adalbert Ignatius Kluftinger aus Altusried, der seit Birte Dombrowskis Ausscheiden als „Interims-Polizeipräsident“ in Kempten amtiert.

Birte Dombrowskis Vorgänger, der inzwischen zum Ministerialrat beförderte Dietmar Lodenbacher, vermittelt dem amtierenden Polizeipräsidenten, dessen Sekretärin Sandy Henske keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen will, seinen Neffen Elias Hermann, der gerade das zweite juristische Staatsexamen bestanden hat, als Hilfskraft. Kluftinger ist zufrieden:

Ganz schön praktisch, so ein Assistent, dachte er sich. Wie eine ferngesteuerte Computermaus.

Befragungen

Bei der polizeilichen Befragung lässt Brunners Vertreterin Dr. Theresa Lanz erkennen, dass sie an der Hypothese ihres nun toten Chefs zweifelt und zumindest noch nicht damit an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Offenbar gab es wiederholt Streit zwischen ihr und dem Professor.

Martin Swoboda möchte, dass die Paläontologen möglichst bald wieder verschwinden. Den Bagger stellte er ihnen nur deshalb zur Verfügung; er soll ihre Arbeit beschleunigen. Denn er baut hier Ton ab. (Später stellt sich heraus, dass er sich um ein atomares Endlager beworben hat.) Kluftinger fällt auf, dass die LKWs einen Umweg nehmen. Daran sei die benachbarte Sekte schuld, erklärt Swoboda, die eine Durchfahrt-Genehmigung über ihr Gelände verweigere.

Kluftinger sucht die „Gemeinschaft der Söhne und Töchter unserer lieben Frau“ auf und redet mit „Frau Ruth“, die als „die Älteste“ das Sagen hat und ihren bürgerlichen Namen Beate Jerofke nur ungern verrät. Sie äußert sich besorgt über den Tonabbau ebenso wie über die Grabungen, die ihrer Meinung nach die Erde entweihen und gesundheitsgefährdende Schwingungen verursachen.

Udo Brunners These, der aufrechte Gang sei im Allgäu entstanden, wird in der wissenschaftlichen Welt vor allem von Prof. Jerome Jenkins angezweifelt, dem Leiter des Instituts für Paläontologie an der Columbia University und Abteilungsleiter für die Menschheitsgeschichte Afrikas am American Museum of Natural History in New York. Auf Einladung der Universität Tübingen bzw. von Theresa Lanz hält er sich in Pforzen auf. Kluftinger und der Kriminalhauptkommissar Richard Maier befragen den Afroamerikaner in einem von Marianne Scherer geführten Boardinghouse. Könnte der Sohn des Lucy-Entdeckers Colin Jenkins Brunner beseitigt haben, um zu verhindern, dass der wissenschaftliche Erfolg seines Vaters geschmälert wird?

Mit seiner Mitarbeiterin Lucy Beer fährt Kluftinger nach Kaufbeuren-Neugablonz, zu dem 32-jährigen Hausmeister Adam Holetschek. Als er 13 Jahre alt war, schlossen sich seine Eltern der „Gemeinschaft der Söhne und Töchter unserer lieben Frau“ an und übereigneten ihr den gesamten Besitz. Nach zehn Jahren verließ Adam Holetschek die Sekte ohne seine Eltern. Seither fühlt er sich bedroht.

Sigulf Guggenmos starb 2018. Er war nicht allein gewesen, als er das Potenzial der Sedimentschichten in der Tongrube „Hammerschmiede“ entdeckt hatte. Ein weiterer Amateurpaläontologe arbeitete mit ihm zusammen, der pensionierte Erdkundelehrer Werner Wegner. Der war auch Vorsitzender des Vereins der Freunde der Tongrube, bis ihm Udo Brunner wegen Meinungsverschiedenheiten ein Hausverbot erteilte und sich der Verein einen neuen Vorsitzenden suchen musste. Tötete er Brunner? Als Kluftinger ihn unter Mordverdacht stellt, bricht er zusammen und wird mit einem Kollaps ins Krankenhaus gebracht. Aber er kann nicht der Mörder sein, denn sein Alibi für die Tatzeit ist wasserdicht.

Privatleben

Im Privatleben baut Kluftinger bei einem Flohmarkt zugunsten von Flüchtlingen einen Stand für seine Frau Erika auf. Sebastian Eder kauft ihm die vier Felgen ab, die der Kommissar kürzlich herumstehen sah und in den Kofferraum lud. Immerhin macht er ihm einen Sonderpreis. Umgekehrt kauft Kluftinger am Stand eines Bekannten ein Buch mit einem Stempel der öffentlichen Bibliothek, das er ihm zum Lesen gegeben hatte und das er nicht zurückbekam. Er hätte selbst nicht mehr daran gedacht, aber als er kürzlich in der Bücherei war, stellte die neue Bibliothekarin Chiara Levoni fest, dass die Rückgabe dieses Buches seit seinem letzten Besuch vor 16 Jahren aussteht und mehr als 400 Euro Mahngebühr angefallen sind. (Er bat dann um eine Verlängerung um 14 Tage.)

Der Sohn Markus Kluftinger und seine Ehefrau Yumiko wohnen mit ihrer Tochter Maxima in Kaufbeuren. Weil sie für das Kind eine Tagesmutter angestellt haben, macht der Großvater sich Sorgen, denn Grete Wohlrat ist ihm nicht geheuer. Wo und wann immer möglich, beschattet er sie. Als sie den Kinderwagen zum Teich im Jordanpark schiebt und sich zu einer Gruppe von Müttern gesellt, die dort mit ihren Sprösslingen planschen, versteckt er sich im Gebüsch, um Beweisfotos von Grete Wohlrats erwarteten Fehlverhalten zu schießen. Aber er wird von den Frauen entdeckt und als vermeintlicher Spanner davongejagt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Aufklärung des Mordfalls (Spoiler)

Eine Woche nach dem Mord erfährt Kluftinger, dass sich Prof. Udo Brunner und Beate Jerofke von früher kannten. Sie lebten damals beide in der Lausitz. Beate Jerofke führte dort in einem Kinderhort ein strenges Regiment. Udos Schwester Corinna Brunner musste 1992 nach einer Bestrafung im Krankenhaus behandelt werden. Die gewalttätige Erzieherin wurde zwar entlassen, aber Udos und Corinnas Vater Dr. Gerhard Brunner verzichtete auf eine Strafverfolgung, als sie ins Allgäu zog.

Um mehr über „Frau Ruth“ herauszufinden, meldet sich Kluftinger für das zweitägige Seminar „Antistresstherapie und Anger-Management durch aktives Entspannen mithilfe von Erdströmen“ an. Nachts dringt er in das Büro der Sektenführerin ein und sucht nach Hinweisen. Plötzlich hört er Schritte. Er drückt sich an den Bücherschrank, der daraufhin um eine Achse schwenkt und den Weg in ein luxuriös eingerichtetes Privatgemach freigibt. Dort versteckt Kluftinger sich. Frau Ruths Assistent Jakob kommt ins Büro und beginnt herumzuschnüffeln, wird aber nach kurzer Zeit von seiner Chefin ertappt und zur Rede gestellt.

Sobald die beiden fort sind, schleicht sich Kluftinger in sein Zimmer. Aber nach dem Seminarende fährt er nur ein Stück weit weg, stellt dann das Auto ab und kehrt zu Fuß zurück.

Er beobachtet die angekündigte Prozession zur alljährlichen Vereinigung der slawischen Gottheit Smiertka mit ihrem Bruder Jarilo. Bei dieser Zeremonie wird eine von Jakob mit Feldfrüchten gefüllte Strohfigur Smiertkas zu Grabe getragen.

Plötzlich ahnt Kluftinger, was geschieht. Er hat vorhin einen Armreif der Sektenführerin auf dem Boden liegen sehen und befürchtet nun, dass das Grab nicht nur für die Zeremonie ausgehoben worden sei. Mit gezogener Dienstwaffe stürzt er auf die Sektenmitglieder zu. Jemand schlägt ihm die Pistole aus der Hand und schubst ihn in die Grube. Jakob und die anderen fangen an, das Loch zuzuschaufeln. Hastig reißt Kluftinger die Puppe auf – und findet seinen Verdacht bestätigt: Beate Jerofke atmet, sie ist nur bewusstlos. Als die Sektenmitglieder erkennen, dass sie ihre Anführerin beinahe lebend begraben hätten, stellen sie Jakob bestürzt zur Rede. Der verteidigt sich. Frau Ruth habe sie alle manipuliert. Ihn habe sie beispielsweise dazu gebracht, Professor Brunner zu ermorden. Der steckte mit seinen Stiefeln im Matsch fest. Jakob, der mit ihm in Streit geraten war, nahm den Bagger und walzte den Grabungsleiter tot.

Jakob flieht in den Wald, nachdem er mit Kluftingers Dienstwaffe einen seiner Sektenbrüder erschossen hat, wird aber mit Wärmebildkameras aufgespürt und festgenommen. Weil Beate Jerofke den Mörder nicht explizit zur Tat angestiftet hatte, ist ihr Verhalten nicht justiziabel.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

In der zur Gemeinde Pforzen im Ostallgäu gehörenden Tongrube „Hammerschmiede“ wurden 2015 bis 2019 tatsächlich mehr als elf Millionen alte Fossilien einer bis dahin unbekannten Primatenart entdeckt, die sich möglicherweise nicht nur kletternd, sondern auch auf zwei Beinen fortbewegte. Benannt wurde sie nach dem Allgäuer Amateurarchäologen, der das Potenzial der Sedimentschichten erkannt hatte: Sigulf Guggenmos (1941 ‒ 2018). Aber sogar Madelaine Böhme, die als Professorin für Paläoklimatologie an der Universität Tübingen tätig war und 2019 Danuvius guggenmosi beschrieb, benutzte dafür den Spitznamen Udo.

Diese Tatsachen verwenden Volker Klüpfel und Michael Kobr in ihrem Roman „Affenhitze. Kluftingers neuer Fall“ als Ausgangspunkt der Geschichte.

Wer Action oder einen spannenden Thriller erwartet, wird sich mit „Affenhitze“ langweilen. Es gibt zwar zwei Morde, aber deren Aufklärung ist eher Nebensache. Stattdessen legen Volker Klüpfel und Michael Kobr den Akzent auf Lokalkolorit, Klamauk und Situationskomik. Und dabei geht es vor allem um den schrulligen Allgäuer Kommissar Kluftinger, einen altmodischen Tollpatsch, der sich beispielsweise einen Facebook-Account zulegt, weil er nicht länger als „Digitaldepp“ belächelt werden möchte. Mit den im Internet verbreiteten englischen Begriffen hat er allerdings weiterhin Schwierigkeiten, und eine Drohne ist für ihn ein „Flugdings“.

„Boardinghouse Pforzen“, las Kluftinger halblaut von der Fassade ab. „Ich hab gedacht, dieses Pforzen ist Sperrbezirk.“
„Sperrbezirk?“
„Weißt schon.“ Kluftinger schnalzte mit der Zunge.
„Ach das!“ Maier lachte laut los. „Der war gut.“
Kluftinger runzelte die Stirn. „Wer war gut?“
„Der Witz.“

Während Volker Klüpfel und Michael Kobr den Protagonisten Kluftinger, aus dessen Perspektive sie die Handlung entwickeln, zur Karikatur überzeichnen, bleiben die anderen Figuren in „Affenhitze“ eher schemen- oder klischeehaft. Manche wie Jerome Jenkins und Werner Wegner werden auf die Bühne gestellt und dann wieder fallen gelassen. Überhaupt gibt es wenig, das die Autoren über längere Zeit entwickeln. „Affenhitze“ ist mehr eine Aneinanderreihung von bemüht schrägen, oft nur albernen Episoden.

Der behäbige Erzählrhythmus passt zur Hauptfigur Kluftinger, ja, aber statt die Geschichte auf 550 Seiten auszuwalzen, wäre eine Beschränkung auf 200 Seiten besser gewesen.

Den Roman „Affenhitze. Kluftingers neuer Fall“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Martin Umbach und den beiden Autoren.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

Volker Klüpfel, Michael Kobr: Milchgeld
Volker Klüpfel, Michael Kobr: Erntedank (Verfilmung)
Volker Klüpfel, Michael Kobr: Rauhnacht

Natascha Wodin - Sie kam aus Mariupol
Obwohl sich Natascha Wodin für eine sach­lich-nüchterne Darstellung ent­schieden hat und v. a. die Lebens­geschichte ihrer Tante Lidia rekon­struiert, han­delt es sich bei "Sie kam aus Mariupol" um einen Tat­sachen­roman, nicht um einen Bericht oder eine Dokumentation.
Sie kam aus Mariupol