Volker Klüpfel, Michael Kobr : Rauhnacht

Rauhnacht

Volker Klüpfel, Michael Kobr

Rauhnacht

Rauhnacht. Kluftingers neuer Fall Originalausgabe: Piper Verlag, München / Zürich 2009 ISBN: 978-3-492-05204-7, 363 Seiten, 17.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Allgäuer Kommissar Kluftinger, seine Ehefrau Erika und ihre Nachbarn Martin und Annegret Langhammer werden zu einem kostenlosen Aufenthalt im Berghotel "Königreich" bei Oberstdorf eingeladen. Die Besitzerin Julia König veranstaltet ein Kriminalspiel, bei dem die Gäste mitmachen sollen. Das Spiel beginnt, ein Mann liegt zum Schein mit einem Messer im Rücken am Boden, aber der Gast, der den Gendarm mimen soll, kommt nicht aus seinem Zimmer. Er wurde vergiftet ...
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Kritik

In "Rauhnacht" haben Volker Klüpfel und Michael Kobr mehr auf Klamauk als auf die Aufklärung eines Kriminalfalls gesetzt. Das ist unterhaltsam, aber nicht besonders anspruchsvoll.

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Kriminalhauptkommissar Kluftinger von der Polizeidirektion Kempten-Oberallgäu und seine Ehefrau Erika sowie ihre Nachbarn in Altusried, Martin und Annegret Langhammer, werden zu einem kostenlosen Aufenthalt über Silvester im frisch renovierten Berghotel „Königreich“ bei Oberstdorf eingeladen. Weil die Straßen verschneit sind, nimmt Dr. Martin Langhammer, einer der beiden Ärzte von Altusried, seinen Jeep für die Fahrt. Die Einladung stammt von Julia König, der Olympiasiegerin im Superski 1984 in Sarajevo. Sie hat das Hotel gekauft und renovieren lassen. Ihr Ehemann Klaus Anwander konnte dazu finanziell nichts beitragen, denn er hatte sein gesamtes Geld verspielt. Für die Eröffnung haben Julia König und Klaus Anwander zehn Leute eingeladen.

Während die Gäste in der Halle den Begrüßungscocktail trinken, legt das Personal Kostüme im Stil der Zwanzigerjahre in die Zimmer, denn während des Abendessens wird ein Kriminalspiel stattfinden, an dem sich alle beteiligen sollen. Dann führt Julia König das Ehepaar Kluftinger durchs Hotel.

Zum Abendessen erscheint Kluftinger als Meisterdetektiv Hercule Poirot, und Martin Langhammer spielt Dr. John H. Watson. Das Menü beginnt mit einem Gruß aus der „Giftküche“. Angewidert schiebt Kluftinger den Teller mit der Kaviarsülze ein Stück weit von sich. Bevor die Medaillons vom jungen Mordopfer in Verräterblutsoße mit Leichenfingernudeln und das Tollkirschenmousse mit Giftspritzen serviert werden, mimt das eigens engagierte Schauspieler-Ehepaar Frank und Constanze Rieger zur Einstimmung in das Kriminalspiel einige berühmte Figuren aus Kriminalromanen: Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle, Miss Marple von Agatha Christie, Philip Marlowe von Raymond Chandler, Jules Maigret von Georges Simenon.

Plötzlich geht das Licht aus. Man hört einen Schrei, Schritte. Als das Licht wieder angeht, liegt ein Mann mit einem Brotmesser im Rücken in einer Blutlache. Kluftinger braucht einige Zeit, um zu begreifen, dass dies zum Spiel gehört. Carlo Weiß, einer der Gäste, soll nun die Rolle des Dorfpolizisten übernehmen und zum Tatort eilen. Doch er ist nicht zum Essen heruntergekommen, und das Zimmermädchen Kerstin Müller klopft vergeblich an seine Türe. Das Telefon wird auch nicht abgenommen.

Kluftinger geht mit Julia König hinauf. Ihr Klopfen bleibt unbeantwortet, und die Türe ist verschlossen. Der Generalschlüssel nützt nichts, weil von innen ein Schlüssel steckt. Um die Türe aufzubrechen, sucht Kluftinger einen Hebel. Sein Blick fällt auf ein Paar Skier, die dekorativ an der Wand hängen. Julia König schreit auf:

„Oh nein, Herr Kluftinger, bitte, das geht nicht, das sind meine Olympiaski!“
„Keine Sorge, Frau König, denen passiert nix, die sind genau richtig. Und so Ski, die halten ja was aus.“ (Seite 69)

Kluftinger schiebt die Skispitze in den Türspalt und versucht, die Türe aufzuhebeln. Die Türe hebt sich ein wenig, aber dann bricht der Ski entzwei und die Türe fällt wieder in die ursprüngliche Position zurück. Kluftinger bleibt nichts anderes übrig, als die Türe zu zertrümmern. Carlo Weiß sitzt leblos an seinem Schreibtisch. Kluftinger rennt sofort wieder hinunter, um Dr. Langhammer zu holen. Der hat inzwischen als Dr. Watson die Gäste unterhalten und nimmt an, der aufgeregte Auftritt des Kommissars sei Teil des Spiels. Als ihm klar wird, dass tatsächlich ein Arzt benötigt wird, folgt er Kluftinger zu Weiß‘ Zimmer. Doch er kann nur noch den Tod des Mannes feststellen.

Carlo Weiß leitete die Kreditabteilung der Allgäuer Darlehensbank in Sonthofen und gehörte zum Vorstand. Über ihn lief die Finanzierung des Hotelkaufs und der Renovierung.

Unversehens gilt es einen echten Todesfall zu klären. Kluftinger will den Erkennungsdienst anfordern, aber das Hotel ist inzwischen eingeschneit, die Telefon- und Internet-Verbindungen sind tot. Die Gesellschaft ist von der Umwelt abgeschnitten. Als Langhammer sein Handy herausnimmt, weist Kluftinger ihn darauf hin, dass es keinen Empfang gibt, aber der Arzt will gar nicht telefonieren. Stattdessen fotografiert er mit dem Handy eifrig den Tatort und benutzt es zwischendurch als Diktiergerät, um seine Beobachtungen festzuhalten. Für das Kriminalspiel hat Langhammer einen „Detektivkoffer für Geheimagenten“ mitgenommen. Das Material versetzt ihn nun in die Lage, Latexhandschuhe überzustreifen, Fingerabdrücke sicherzustellen und ein am Boden liegendes Glas in einen Asservatenbeutel zu packen. Kluftinger wundert sich darüber, dass die Fingerabdrücke des Toten auf dem Glas verkehrt herum sind, so als habe er es mit der Öffnung nach unten gehalten. In dem Kriminalroman „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ von Edgar Allen Poe steckt ein Zettel: „Heute, 18.30 h. G.“ In der Toilette würgt es den Kommissar, denn dort riecht es nach Erbrochenem.

Zur genaueren Untersuchung lassen Kluftinger und Langhammer die Leiche in den Wellnessbereich bringen und auf den Tisch des Masseurs Arndt Vogel legen. In Gegenwart von Toten wird Kluftinger übel, und es ist ihm äußerst peinlich, dabei zu helfen, Carlo Weiß zu entkleiden.

„So, dann lassen Sie mal seh–“ Langhammer verstummte. Die Lampe über ihnen hatte zu flackern begonnen und ging schließlich ganz aus. Schlagartig war es stockdunkel. Nicht einmal die Notbeleuchtung brannte mehr. „Sind Sie an den Lichtschalter gekommen?“
„Ich bin gar nix“, antwortete Kluftinger in die Dunkelheit hinein. Tiefe Schwärze umgab ihn. In Kombination mit dem Toten auf der Liege reichte das, um ihm eine Gänsehaut über den gesamten Körper zu jagen. Wie angewurzelt stand er da. „Stromausfall?“, fragte er in die Richtung, in der er den Doktor vermutete.
[…] In diesem Moment ging zuckend das Licht wieder an, und Kluftingers Herz setzte einen Schlag aus. „Ha!“, schrie er und taumelte wieder zurück, bis er mit dem Rücken gegen den Schrank stieß. Ihm gegenüber saß der Tote mit aufgerichtetem Oberkörper und hängendem Kopf. Kluftingers Gesicht wurde kalkweiß.
„Hier ist auch nichts“, drang Langhammers Stimme hinter dem Rücken der Leiche hervor, dann packte er sie unter den Armen und ließ sie wieder auf die Liege gleiten. (Seite 95f)

In der Leiste des Toten entdeckt Langhammer einen Einstich. Ein Diabetiker würde sich wohl kaum an dieser Stelle spritzen, und um einen Junkie handelte es sich offenbar nicht. Carlo Weiß wurde wahrscheinlich mit einer Injektion getötet. Doch wie kam der Mörder oder die Mörderin aus dem von innen abgeschlossenen Zimmer?

Weil Kluftinger die Leiche auf keinen Fall in der Nähe von Lebensmitteln haben möchte, von denen er noch essen soll, wird sie statt ins Kühlhaus in die Garage gebracht. Dort ist es bei diesem Wetter kalt genug.

Am anderen Morgen frühstückt Kluftinger erst einmal ausgiebig.

[…] ging Kluftinger selbstbewusst ans andere Ende des Büfetts, nahm sich einen Teller und Besteck und begab sich auf die Suche nach den Leckereien, die dieser reichhaltig gedeckte Tisch zu bieten hatte […] Da er keine Hand mehr frei hatte, steckte er das Besteck in die Hosentasche […]
Da er auf dem Teller nun keinen Platz mehr hatte, nahm er sich einen zweiten, drückte mit dem Ellenbogen den Metalldeckel der nächsten Warmhaltewanne weg, worauf dieser krachend auf den Tisch fiel, und schob nach einem verstohlenen Seitenblick den neuen Teller wie eine große Schaufel in die gelbe Leckerei […]
Allmählich war es fast unmöglich, die Speisen auf seinen Tellern zu balancieren, doch ständig lachten den Kommissar neue, unwiderstehliche Gustostückchen an […]
Als er seine Teller, die wegen des Beladungszustands kaum noch als solche zu erkennen waren, abstellte, schaute er […] voller Vorfreude auf den Frühstücksberg, den er da vor sich hatte […] (Seite 134ff)

Nach dem Frühstück beginnt Kluftinger mit der Vernehmung der Hotelgäste und des Personals. Zu seinem Leidwesen lässt Langhammer sich nicht davon abhalten, eifrig bei den Ermittlungen mitzumachen. Geschäftig bereitet er alles vor, um von allen Personen vor der Vernehmung Fingerabdrücke zu nehmen.

Gleich bei der ersten Person, die vernommen werden soll, erlebt der Arzt eine Überraschung: Die Fingerkuppen der Witwe Franziska Weiß sind glatt. Vor einigen Jahren raste ihr Mann bei einem riskanten Überholmanöver in ein entgegenkommendes Auto, und während er dabei nur leicht verletzt wurde, erlitt seine auf dem Beifahrersitz eingeklemmte Frau schwere Brandverletzungen. Deshalb ist auch ihr Gesicht entstellt. Franziska Weiß gibt von sich aus zu, dass sie und ihre beiden Kinder Juliane und Thomas alles erben und für Carlo außerdem eine hohe Risikolebensvesicherung abgeschlossen wurde. Die nicht mehr praktizierende Rechtsanwältin weiß, dass man aus diesen finanziellen Vorteilen ein Mordmotiv konstruieren könnte und spricht die Tatsachen deshalb lieber selbst an. Sie macht auch kein Geheimnis daraus, dass die Ehe nicht glücklich war. Kluftinger dachte sich das schon, denn Carlo und Franziska Weiß hatten getrennte Zimmer.

Die Holländerin Frederike Zougtran gewann den kostenlosen Hotelaufenthalt bei einem Preisausschreiben und nahm ihren Sohn Lars Witt mit. Der Sechsundzwanzigjährige studiert in Freiburg Pharmazie und möchte eine Apotheke eröffnen. Sobald die beiden den für die Vernehmungen benutzten Raum verlassen haben, meint Langhammer, der Fall sei gelöst, denn für Lars Witt sei es aufgrund seiner Ausbildung ein Leichtes gewesen, Carlo Weiß zu vergiften. Für Kluftinger ist die Wichtigtuerei seines Helfers nahezu unerträglich.

Frank und Constanze Rieger geben bei der Befragung an, dass sie noch immer unter dem Tod ihres Sohnes leiden. Im Alter von zwölf Jahren starb er bei einem Verkehrsunfall.

Die Radiomoderatorin Alexandra Gertler kannte Carlo Weiß bereits vor der Ankunft im Hotel. Bis vor eineinhalb Jahren hatte sie eine Affäre mit ihm. Sie habe ihn geliebt, beteuert sie, aber als ihr klar geworden sei, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte, habe sie sich von ihm getrennt.

Unter vier Augen gesteht die Hotelbesitzerin dem Kommissar, vor einigen Jahren Carlo Weiß‘ Geliebte gewesen zu sein. Ihr Mann dürfe von dem Seitensprung nichts wissen, flüstert sie. Trotz der Trennung blieb Weiß weiterhin für die Finanzierung des Hotelprojekts zuständig.

Klaus Anwander findet das Handy des Toten auf dem Dach eines Anbaus im Schnee. Offenbar warf es jemand aus einem Fenster des Hauptgebäudes. Es dauert nicht lang, bis Kluftinger herausfindet, dass der Masseur Arndt Vogel das Handy gestohlen hatte und dann verhindern wollte, mit dem Ermordeten in Zusammenhang in Verbindung gebracht zu werden.

Georg Eckstein hatte vor Jahren in der Allgäuer Darlehensbank in Sonthofen gearbeitet und war schließlich von Carlo Weiß weggemobbt worden. Zu diesem Zweck hatte Weiß von Ecksteins Computer aus Gelder verschoben und von seinem Apparat aus Telefonsex-Nummern angerufen. Nach der Kündigung seines Konkurrenten übernahm Weiß die Investment- und Kreditabteilung.

Der Concierge Ferdinand Sacher unterrichtet den Kommissar darüber, dass die Verbindung zum Internet wieder möglich ist. Kluftinger schickt eine E-Mail an seine Dienststelle. Die Antwort kommt von Richard Maier, der übers Jahresende Dienst hat. Weil es Maier zu unsicher erscheint, E-Mails mit vertraulichen Informationen auf den Hotel-Computer zu schicken, legt er Kluftinger als User in einem Chat der Website www.nackebutz.de an und teilt ihm nach einer Weile mit, was er bei der Überprüfung der Hotelgäste und des Personals herausfand: Ferdinand Sacher und Arndt Vogel sind vorbestraft, der Concierge wegen schwerer Körperverletzung, der Masseur wegen Diebstahls. Als Kluftinger erfährt, dass Frank und Constanze Rieger mit ihrem Sohn in dem Wagen saßen, mit dem Carlo Weiß kollidierte, sucht er die beiden sofort auf und fragt sie, warum sie ihm das verschwiegen hätten. Die Schauspieler erklären ihm, dass sie sich nicht verdächtig machen wollten. Und sie versichern dem Kommissar, nicht mit Weiß‘ Anwesenheit gerechnet zu haben.

Als Anhang einer E-Mail schickt Richard Maier seinem Chef die Kopie eines Zeitungsartikels von Alexandra Gertler über Carlo Weiß: „Die dunklen Machenschaften des Carlo W.“. Darin warf die junge Frau ihrem früheren Geliebten vor, Kredite rücksichtslos an Finanzhaie verkauft zu haben, die wiederum auch Häuslebauer, die ihren Verpflichtungen gewissenhaft nachkamen, durch die Kündigung der Kredite in den Ruin trieben. Von Kluftinger darauf angesprochen, gibt Alexandra Gertler zu, den Artikel nach der Trennung von Carlo Weiß aus Rache geschrieben zu haben. Er sorgte dann allerdings durch seine Beziehungen dafür, dass sie als Journalistin keine Zukunft mehr sah und deshalb jetzt Morgensendungen im Hörfunk moderiert.

Kluftinger fordert die Anwesenden dazu auf, den Vorabend noch einmal nachzustellen und sich daran zu erinnern, wo sie Carlo Weiß sahen oder hörten. Widerwillig spielt Langhammer die Rolle des Ermordeten und nimmt die entsprechenden Positionen ein. Es stellt sich heraus, dass Weiß nach dem Begrüßungscocktail zunächst in seinem Zimmer verschwand, dann aber noch einmal hinunterging und in der Garderobe der beiden Schauspieler nach dem Kommissar fragte, der zu diesem Zeitpunkt von Julia König herumgeführt wurde. Georg Eckstein erinnert sich, dass er hörte, wie Weiß an die Tür seiner Frau klopfte und rief: „Lass mich rein, ich bin’s, ich muss mit dir reden!“ Franziska Weiß antwortete etwas, das Eckstein nicht verstehen konnte, öffnete die Türe jedoch nicht. Als Kluftinger und Langhammer Franziska Weiß bei einer Elektrotherapie im Wellness-Bereich antreffen, nehmen sie zunächst an, sie habe sich nicht an die Abmachung gehalten, den letzten Abend nachzustellen. Doch sie erklärt ihnen, am Vortag zur gleichen Zeit hier gewesen zu sein. Wenn das stimmt, kann Eckstein sie allerdings nicht in ihrem Zimmer gehört haben. Wer von den beiden lügt?

Als Kluftinger am Empfang vorbeikommt, ist dieser unbesetzt, und er nutzt die Chance, ein halbes Dutzend Zündholzbriefchen einzustecken. Gleich darauf kommt Ferdinand Sacher aus dem Fahrstuhl. Er habe Herrn Eckstein einen von seiner Chefin im entsprechenden Fach an der Rezeption entdeckten Brief gebracht, erklärt Sacher. Kluftinger läuft die Treppe hinauf und reißt Ecksteins Türe auf, ohne angeklopft zu haben. Eckstein versuchte gerade, den zerrissenen Brief im Aschenbecher zu verbrennen. Kluftinger stellt die Papierschnipsel sicher und setzt sie dann zusammen. Absender: Carlo Weiß. Dem Text ist zu entnehmen, dass Eckstein ihn bedrohte. Der weist den Kommissar darauf hin, dass ihn der Briefeschreiber mit „Sie“ anredet, während er mit Carlo Weiß trotz allem beim Du geblieben sei.

Gegen Mitternacht versammeln sich die Hotelgäste auf der eigens vom Schnee befreiten Terrasse.

Polternd trat Langhammer aus der Eingangstür, mit zahlreichen Kisten und Tüten voller Raketen und anderer Feuerwerkskörper bepackt, sodass er seinen Kopf strecken musste, um über seine Ladung hinauszusehen. Aus einer sehr großen blauen Umhängetasche fiel immer wieder die eine oder andere Rakete, die Annegret, die hinter ihm herlief, peinlich berührt einsammelte.
„Darauf freut er sich immer das ganze Jahr“, sagte sie entschuldigend, als sie bei den Kluftingers ankamen […]
„Haben Sie denn nichts dabei?“ Der Doktor strahlte den Kommissar überlegen an.
„Doch, schon, freilich. Ich hab Kracher dabei. Ganz viele kleine feine Judenfürz halt.“ (Seite 273)

Unbemerkt verstellt Kluftinger das Feuerzeug des Arztes, und als dieser es an die nächste Zündschnur hält, versengt ihm eine vierzig Zentimeter hohe Stichflamme die Augenbrauen.

„Wollen wir uns jetzt endlich mal einen Champagner gönnen?“, fragte Annegret beim Blick auf die Uhr ungeduldig, entwand sich ihrem Mann und holte eine der Flaschen von der Bar. Ihr Mann nahm sie ihr ab, drehte sich um, schüttelte sie heimlich und hielt sie dann Kluftinger entgegen.
„Und Ihnen gebührt die Ehre, sie zu öffnen, mein lieber Kluftinger!“
Der Kommissar, der in gebückter Haltung rückwärts laufend die etwa acht Meter lange Zündschnur [des von ihm mitgebrachten selbst gebastelten Böllers] entrollt hatte, stand auf, ging zu Langhammer und nahm die Flasche an sich […] Dann zeigte er auf die erste Rakete, die Anwander gerade abgeschossen hatte. „Mei, dieses Blau!“, rief er euphorisch aus, worauf alle die Köpfe gen Himmel reckten, was Kluftinger dazu nutzte, die Flasche kurz, aber heftig zu schütteln. Dann reichte er sie wieder dem Doktor. „Machen doch lieber Sie.“ […]
Annegret warf Erika einen verwunderten Blick zu […] Schließlich nahm Annegret Kluftinger die Flasche aus der Hand und forderte Erika auf: „Komm, wir übernehmen das, sonst wird das dieses Jahr nichts mehr.“
Die beiden Männer sahen ihnen bedröppelt zu und wichen kaum merklich ein paar Schritte zurück. Während Annegret die Flasche hielt, machte sich Erika an dem Draht zu schaffen, der den Korken sicherte. Doch noch bevor sie die kleine Schlaufe bis zum Ende aufgedreht hatte, schoss der Sekt in einer Fontäne nach oben […] (Seite 284f)

Am Neujahrsmorgen wundert Kluftinger sich darüber, dass Lars Witt in der Hotelbar in dem Buch „De witte spin“ von Heinrich Harrer liest. Dann klickt es bei ihm: Witt – Weiß. Lars Witt gibt zu, Carlo Weiß‘ Sohn zu sein. Seine Eltern waren nicht verheiratet. Weiß kümmerte sich nicht um das Kind seiner Geliebten, zahlte keinen Unterhalt und ließ nichts mehr von sich hören. Vor ein paar Wochen erhielt seine Mutter plötzlich einen Brief von ihm. Er habe erfahren, dass sie ein Preisausschreiben gewann und werde ebenfalls ins Hotel „Königreich“ kommen. Frederike Zougtran und ihr Sohn hofften, von Weiß das Startkapital für eine Apotheke zu bekommen, doch als dieser sie im Hotel erblickte, reagierte er überrascht und entgeistert.

Beim Bettenmachen findet Kerstin Müller unter Ecksteins Matratze eine benutzte Spritze. Langhammer vermutet, dass es sich bei der Restflüssigkeit in der Spritze um eine Kaliumsalzlösung handelt. In Verbindung mit Gamma-Butyrolacton – besser bekannt als Liquid Exstasy – könne Kaliumsalz tödlich sein, erklärt er dem Kommissar.

Der weiß nun, wer Carlo Weiß ermordet hat. Aber er verrät es nicht einmal seiner Frau und schon gar nicht Martin Langhammer. Erst einmal lässt er alle Hotelgäste zusammenrufen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zu Beginn seiner Ansprache weist Kluftinger auf die Indizien hin, die dafür sprechen, dass Georg Eckstein der Mörder ist. Dann erklärt er seinem Publikum, Eckstein habe nicht gelogen, als er behauptete, Carlo Weiß mit seiner Frau Franziska reden gehört zu haben. Stattdessen habe er sich getäuscht, denn Weiß klopfte bei Frederike Zougtran an der Tür. Nach dem ersten Schreck über das Wiederseen wollte er mit ihr reden, aber sie schickte ihn fort. Er ging auf sein Zimmer und schloss ab. Ihm war übel. Im Korridor stieß er taumelnd eine Vase um, und in seiner Toilette roch es später nach Erbrochenem. Übel war ihm, weil er Gamma-Butyrolacton zu sich genommen hatte. Das war ihm in den süßen Begrüßungscocktail gemischt worden. Kluftinger ist überzeugt davon, dass Carlo Weiß noch lebte, als er die Tür aufbrach. Erst als er wieder hinunterlief, um Dr. Langhammer zu holen, wurde der ohnmächtig am Tisch zusammengesunkene Banker mit einer Injektion getötet. Auf dem Brief an Georg Eckstein fand Kluftinger einen winzigen Kaffeespritzer. Der kam aufs Druckerpapier, als er am Computer arbeitete und Kaffee verschüttete. Zu diesem Zeitpunkt war Weiß jedoch bereits tot. Den Brief muss also jemand anderes geschrieben haben. Das gilt auch für den Brief an Frederike Zougtran. Carlo Weiß redete seine Frau als Francesca an, weil er die italienischen Versionen von Vornamen bevorzugte. Das G. auf dem Zettel bedeutet deshalb weder Georg Eckstein noch Alexandra Gertler, sondern Giulia, die italienische Übersetzung des Vornamens Julia. Julia König, so Kluftinger weiter, habe gezielt Leute mit einem Mordmotiv eingeladen. Sie gab Carlo Weiß das Glas mit dem Gamma-Butyrolacton und injizierte ihm unbemerkt die Kaliumsalzlösung, als sie mit dem Bewusstlosen allein im Zimmer war. Um den Verdacht auf Eckstein zu lenken, schrieb sie den Brief und versteckte die Spritze in seinem Bett.

In diesem Augenblick steht unerwartet Richard Maier mit einer Pistole in der Tür. Er kämpfte sich trotz des Wetters und der Lawinengefahr den Berg herauf. Julia König entreißt ihm die Waffe. Es kommt zu einem Gerangel. Ein Schuss löst sich. Die Mörderin ist verletzt. Martin Langhammer verbindet die Wunde, aber Julia König muss so rasch wie möglich ins Krankenhaus gebracht werden. Trotz des Risikos lassen Kluftinger und Langhammer sich von ihren Frauen nicht davon abhalten, die Verletzte mit Maier zusammen auf einem Schlitten ins Tal zu bringen.

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„Rauhnacht“ – der fünfte Band der Buchreihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr über den Allgäuer Kommissar Kluftinger – ist eine Hommage an Agatha Christie. Kluftinger, der diesmal das Kostüm des Meisterdetektivs Hercule Poirot trägt, muss in einem eingeschneiten Hotel einen Mordfall aufklären, und wie in „Mord im Orientexpress“ haben die meisten der Anwesenden ein Mordmotiv.

„Rauhnacht. Kluftingers neuer Fall“ ist jedoch noch weniger als beispielsweise „Milchgeld“ ein Kriminalroman. Im Mittelpunkt stehen nämlich nicht die Ermittlungen in einem Mordfall, sondern die Querelen zwischen Hauptkommissar Kluftinger und Dr. Martin Langhammer.

Während Slapstick in „Milchgeld“ noch schmückendes Beiwerk war, haben Volker Klüpfel und Michael Kobr daraus in „Rauhnacht“ die Hauptsache gemacht. Der Roman besteht fast nur noch aus Klamauk, und der ist auch noch voller Klischees, also nicht wirklich originell. Beispielsweise packt Kluftinger nach der Ankunft im Hotel gleich mal die kleinen Fläschchen, die er im Bad vorfindet, in den Kulturbeutel. Misstrauisch vergleicht er den Inhalt der Minibar mit der Bestandsliste und legt den Korkenzieher in den Koffer. Geld und Schlüssel trägt er im Brustbeutel. Beim Abendessen gibt es winzige Portionen auf riesigen Tellern, und am Frühstücksbüffet steckt Kluftinger das Besteck in die Hosentasche, damit er mehr tragen kann. Der Klamauk beim Frühstück zieht sich über acht Seiten hin. Viel zu lang sind auch einige andere Szenen, etwa die Vorstellung von berühmten Figuren aus Kriminalromanen (7 Seiten) und die Silvesterfeier (15 Seiten).

Die Handlung von „Rauhnacht“ spielt in einem Berghotel, das Themenessen wie „Fiesta Mexicana“, „Karibiktraum“, „Rauhnacht“ und „Wildererschmaus“ veranstaltet. Es gibt also kein Lokalkolorit wie in „Milchgeld“. Und der an sich originellen – aber in „Rauhnacht“ stark überzeichneten – Figur des Allgäuer Kommissars Kluftinger fehlt inzwischen der Reiz der Neuheit.

Fazit: „Rauhnacht. Kluftingers neuer Fall“ ist ein unterhaltsamer, aber nicht besonders anspruchsvoller Roman.

Walter Weyers bearbeitete den Roman „Rauhnacht“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr für die Bühne und inszenierte das Theaterstück „Rauhnacht. Der neue Kluftinger“ am Landestheater Schwaben in Memmingen mit André Stuchlik als Kommissar Kluftinger. Die Premiere fand am 8. Oktober 2010 statt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Piper Verlag

Volker Klüpfel, Michael Kobr: Milchgeld
Volker Klüpfel, Michael Kobr: Erntedank (Verfilmung)

Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten
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