Herman Koch : Einfach leben

Einfach leben
Makkelijk leven Stichting CPNB, Amsterdam 2017 Einfach leben Übersetzunng: Christiane Kuby und Herbert Post Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019 ISBN 978-3-462-05210-7, 107 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Tom Sanders hat mit dem Ratgeber "Einfach leben" einen Weltbestseller geschrieben. Nicht zuletzt deshalb fühlt er sich überlegen. Er räsoniert viel und stellt sich häufig vor, was geschehen könnte, aber er unternimmt nichts, als seine Schwiegertochter von ihrem Mann geschlagen wurde, obwohl er Hanna versprochen hat, mit Stefan zu reden.
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Kritik

Bei dem kurzen Roman "Einfach leben" von Herman Koch entsteht das Lesevergnügen durch die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild des Ich-Erzählers und der Vorstellung, die bei der Lektüre von ihm entsteht. Das ist tragikomisch – und zugleich eine Satire auf den Literaturbetrieb.
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Familie Sanders

Tom Sanders hat mit dem Ratgeber „Einfach leben“ einen Weltbestseller geschrieben. Elf einfache Regeln hat er zu einem Buch mit knapp 300 Seiten aufgebläht, von dem bereits 40 Millionen Exemplare verkauft wurden.

Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis. Der Kern meiner Philosophie, wenn man denn von einer Philosophie sprechen kann, passt auf eine DIN-A4-Seite. Was sage ich? Auf eine halbe DIN-A4-Seite.

Es ist nicht verwunderlich, dass der niederländische Autor viel über das Leben nachdenkt.

Das Leben ist zu kurz, um von neun bis fünf Vollzeit aus dem Fenster eines Bürogebäudes zu starren.

Heutzutage zielt alles darauf ab, „gesunde Menschen“ aus einem zu machen, äußerlich wie innerlich. Wir sollen gut aussehen, gesund essen, nicht rauchen, nicht zu viel trinken. Und auch in unserem Kopf soll sich alles möglichst effizient abspielen. Mit Yoga, Meditation und Mindfulness schalten wir unser Gehirn in den Leerlauf-Modus. So haben auch Leute, die man noch nie bei einem einzigen originellen oder eigenständigen Gedanken ertappt hat, das Gefühl, ihrem Leben Sinn und Inhalt zu geben. Spontanität, Impulsivität, Jähzorn geraten immer mehr in Verruf, genauso wie Rauchen, Trunkenheit oder der Verzehr eines Big Tasty bei McDonald’s.

Seine Ehefrau Julia lädt zur Feier ihres 59. Geburtstages Freunde und Bekannte ein. Von Dennis, dem älteren der beiden Söhne, erwartet sie nicht, dass er anreist, denn er ist mit einer Kanadierin verheiratet und lebt seit acht Jahren mit ihr und den drei Kindern in Caitlins Heimat. Stefan, der andere Sohn, hätte zwar nicht weit zu fahren, entschuldigt sich jedoch damit, dass es seiner Frau Hanna nicht gut gehe und er auf die zwei kleinen Kinder Milan und Emma aufpassen müsse.

Tom und Julia mögen ihre Schwiegertochter Hanna nicht und vermuteten, dass sie einfach keine Lust hat, an der Geburtstagsfeier teilzunehmen.

Geburtstagsfeier

Während Julias Geburtstagsparty bereits voll im Gang ist, klingelt es, und Tom geht zur Tür. Draußen steht Hanna. Überrascht bittet er sie ins Haus und führt sie in ein Nebenzimmer. Ihr Gesicht ist verweint und von einem Hämatom entstellt. Stefan habe sie geschlagen, klagt sie, und zwar nicht zum ersten Mal.

Tom verspricht ihr, mit Stefan zu reden, bringt sie nach einer Weile wieder zur Tür und kehrt zur Gesellschaft zurück. Nicht einmal Julia ist aufgefallen, dass er eine Weile nicht im Raum war.

Selbstverständlich nimmt Tom sich vor, die Sache zu regeln. Wer könnte das besser als er? Er braucht sich ja nur an die Ratschläge in seinem Buch „Einfach leben“ zu halten. Der Autor macht also aus dem Fall ein persönliches Projekt.

Das Projekt

Drei Wochen nach Julias Geburtstag laufen sich Tom und Stefan zufällig über den Weg. Der Vater lädt seinen Sohn auf ein Bier in eine Kneipe ein – und redet unaufhörlich, weil er befürchtet, Stefan könne sonst auf seine Eheprobleme zu sprechen kommen.

Tom kann sich nicht vorstellen, dass Stefan gewalttätig werden könnte. Er ist zwar kein Langweiler wie sein älterer Bruder, und in der Kindheit war er so zappelig, dass man heute ADHS diagnostizieren würde. Aber falls Stefan die Hand ausrutschte, wird Hanna ihn wohl entsprechend provoziert haben.

Bisher hat Tom seiner Frau noch nichts von Hannas kurzem Besuch erzählt. Eigentlich hätte er sofort mit ihr darüber reden müssen. Aber nun ist bereits ein Monat vergangen und er müsste Julia nicht nur erklären, warum er die Sache verschwieg, sondern auch, warum er noch nichts unternahm.

Tom und Hanna

Tom verabredet sich mehrmals mit Hanna in einer hippen Kneipe.

Erst beim dritten Treffen kommt Hanna auf den Konflikt mit Stefan zu sprechen. Er habe sie einmal in einen Schrank gesperrt, sagt sie, zwar nur kurz, aber es sei eine unangenehme Machtdemonstration gewesen. Ein anderes Mal habe er sie heftig in den Arm gekniffen. Von dem Schlag ins Gesicht weiß Tom ohnehin schon.

Ist das alles?, hätte ich beinahe gesagt, beherrschte mich aber noch rechtzeitig. Ein Schrank? Ein blauer Fleck? […]
„Und du?“, fragte ich. „Weißt du noch, was du selbst damals getan oder gesagt hast?“
Sie sah mich verständnislos an.
„Ich meine, kannst du dich noch an den Anlass erinnern? […]“

Der Barkeeper zwinkert Tom zu. Offenbar beglückwünscht er ihn zu seiner halb so alten vermeintlichen Freundin.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Spoiler

Nachts liegt Tom wach und denkt an Hanna, die ihm beim vierten Treffen gesagt hat, seine Gegenwart beruhige sie.

Julia verschweigt er die Verabredungen mit der Schwiegertochter.

Solange ich es also für mich behielt, war alles in Ordnung. Ich fügte niemandem Schaden zu – außer vielleicht langfristig mir selbst, aber das war ein bisschen wie mit dem Rauchen und Trinken: Natürlich war es schädlich, und wir würden ja auch damit aufhören, radikal aufhören – nur heute noch nicht.

Unvermittelt erklärt Hanna ihm bei einem weiteren Kneipenbesuch, sie habe Stefan von den Verabredungen berichtet und sei zu dem Schluss gekommen, dass sie damit aufhören müssten.

Am nächsten Morgen – Julia schläft noch – steht Stefan vor der Tür. Der Vater schickt sich an, ihn zu umarmen, aber der Sohn schlägt sofort zu. Als Tom wieder zu sich kommt, liegt er auf der Couch, und Julia tupft sein blutiges Gesicht mit einem nassen Waschlappen ab.

Bald darauf fliegt Julia zu Dennis und dessen Familie nach Kanada. Als Stefan und Hanna einige Monate später mit ihren Kindern nach Australien emigrieren, spielt Julia mit dem Gedanken, sie dort zu besuchen, bevor sie möglicherweise in die Niederlande zurückkehrt.

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In dem kurzen Roman „Einfach leben“ überlässt Herman Koch das Wort einem Ich-Erzähler. Es handelt sich also um eine subjektive, unzuverlässige Perspektive. Tom Sanders räsoniert viel und stellt sich häufig vor, was geschehen könnte, aber er unternimmt nichts, als seine Schwiegertochter von ihrem Mann geschlagen wurde, obwohl er Hanna versprochen hat, mit Stefan zu reden.

„Einfach leben“ reißt Leserinnen und Leser nicht mit lebendigen Dialogen oder einer fulminanten Handlung mit. Das Lesevergnügen entsteht stattdessen durch die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild des Ich-Erzählers und der Vorstellung, die bei der Lektüre von ihm entsteht: Tom Sanders hält sich nicht zuletzt aufgrund des enormen Erfolgs seines Ratgebers „Einfach leben“ für überlegen, scheitert jedoch in seinem eigenen Leben auf erbärmliche Weise. Das ist tragikomisch – und zugleich eine Satire auf den Literaturbetrieb.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

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