Daniela Krien : Die Liebe im Ernstfall

Die Liebe im Ernstfall
Die Liebe im Ernstfall Diogenes Verlag, Zürich 2019 ISBN 978-3-257-07053-8, 288 Seiten ISBN 978-3-257-60949-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde wuchsen in der DDR auf und erlebten deren Zusammenbruch. Durch die Wiedervereinigung sind die alten Einschränkungen einer neuen persönlichen Freiheit gewichen. Für die fünf Frauen bedeutet diese Gesellschaft im Umbruch neue Möglichkeiten, deren Realisierung allerdings ihren Preis hat. Sie müssen sich für bzw. gegen Bindung oder Unabhängigkeit, Kinder oder Karriere, Beruf oder Familie, Selbstverwirklichung oder Unterordnung entscheiden, und ganz gleich, welche Wahl sie treffen, kommen sie nicht ohne Schuldgefühle davon.
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Kritik

Daniela Krien entwickelt das Geschehen mit großem Einfühlungsvermögen nacheinander aus den Perspektiven der fünf Romanfiguren. Dabei spielt sie nicht nur virtuos mit Überschneidungen der Biografien, sondern auch mit Verflechtungen zwischen den Zeitebenen. Trotz ernster und tiefgreifender Themen ist die Lektüre des Romans "Die Liebe im Ernstfall" leicht und unterhaltsam. Ihre Sprache wirkt unangestrengt und geschliffen zugleich.
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Paula

Schon während der Kindheit in Naumburg sind Paula und Judith befreundet. Als 18-Jährige verlassen beide die Heimatstadt. Judith studiert in Leipzig Medizin, und Paula absolviert eine Buchhandelslehre in Regensburg. Fünf Jahre lang teilen sie sich dann eine Wohnung in Leipzig.

Paula heiratet den Architekten Ludger Krohn. Das Paar bekommt zwei Töchter: Leni Antonia und Johanna. Aber Johanna stirbt im Alter von acht Monaten, zwei Tage nach einer Impfung.

Die Ehe übersteht diese Krise nicht.

Nachdem Paula innerhalb eines Jahres mit 15 Männern Sex hatte, hofft sie auf einen Neuanfang mit dem Witwer Wenzel Goldfuß.

Judith

Dr. Judith Gabriel betreibt inzwischen eine Arztpraxis in Leipzig.

Ihre Patientin Brida Lichtblau bittet sie, das Manuskript ihres zum Abschluss des Literaturstudiums geschriebenen ersten Romans auf sachliche Korrektheit zu prüfen, denn die Handlung spielt großenteils in der Notaufnahme einer Klinik. Darüber kommen sich die beiden Frauen näher.

Brida findet tatsächlich einen Verlag für ihr Debüt, und eine ihrer Lesungen findet in der Buchhandlung von Judiths Freundin Paula Krohn statt.

Judith ist unverheiratet. Auch die Liebschaft mit einem seit drei Jahren geschiedenen ehemaligen Richter scheitert. Heimlich lässt sie das von ihm gezeugte Kind wegmachen. Es ist ihre dritte Abtreibung.

Einige Jahre später stellt Paula ihr ihren neuen Lebensgefährten vor: Wenzel Goldfuß. Judith erinnert sich an ihn. Er hatte für seine an Brustkrebs in unheilbarem Stadium erkrankte Frau Maja den Notdienst angerufen, und Judith war zu dem Ehepaar in die Wohnung gefahren. Die spürbare Liebe der beiden hatte die Ärztin beeindruckt. Inzwischen ist Maja längst gestorben.

Brida

Brida Lichtblau, die Tochter eines Försters, wächst in Mecklenburg auf. Mit 16 verlässt sie ihr Elternhaus. Nach vier Semestern Forstwirtschaft wechselt sie zum Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Inzwischen ist sie Mitte 30 und Schriftstellerin.

Vor längerer Zeit ließ sie sich auf eine Affäre mit dem zehn Jahre älteren Tischler Götz ein, der in Leipzig einen Handel mit antiken Möbeln betreibt und mit einer Geigenlehrerin namens Malika zusammenlebte. Weil sie nicht seine Zweitfrau bleiben wollte, trennte sie sich von ihm und fuhr zu ihren Eltern nach Neustrelitz.

Als sie ihn dann in Leipzig zufällig wieder traf, erfuhr sie, dass er und Malika sich drei Monate zuvor getrennt hatten. Daraufhin mieteten sie zusammen eine Wohnung im Stadtteil Gohlis, und als sie schwanger wurde, heirateten sie standesamtllich. Das war vor zwölf Jahren.

Als die Töchter Hermine und Undine vier bzw. zwei Jahre alt waren, trennte sich Brida erneut von Götz, fand vorübergehend Zuflucht bei der befreundeten Ärztin Dr. Judith Gabriel und dann bei ihren Eltern.

Ob sie jemals daran gedacht habe, zu viel zu wollen, fragte er dann, und seine Stimme zitterte. Ob sie geglaubt habe, man könne alles haben, ohne Verzicht, ohne Beschränkung? Ob sie ernsthaft gedacht habe, sich Kinder und Kunst und Kultur und Freunde und Mann und Sex und Zeit zum Lesen und Zeit zum Nichtstun und spontane Fluchten und wer weiß was noch alles nehmen zu können, ohne einen Preis zu bezahlen?

Bei der Scheidung einigten sich Brida und Götz darauf, dass die Kinder in der Wohnung blieben und die Eltern sich bei ihnen abwechselten (Nestprinzip).

Inzwischen lebt Götz seit zwei Jahren mit einer Frau namens Svenja zusammen. Brida verbringt mit dem Paar und den Kindern einen gemeinsamen Urlaub in Hollershagen – wo Götz heimlich auch Sex mit Brida hat.

Noch immer wirft er ihr vor, die Balance zwischen ihren Rollen als Mutter, Ehefrau und Schriftstellerin nicht geschafft zu haben.

Svenja, setzt er schließlich an, nimmt sich nicht wichtig. Sie unterstützt mich und stellt die eigenen Bedürfnisse auch mal zurück.
Und ich habe das nicht getan?
Doch, natürlich, aber dir fiel es schwer. Du hast darunter gelitten. Und weil du gelitten hast, waren auch die Kinder und ich nicht glücklich.

Brida reist vorzeitig ab.

Malika

Malika und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Jorinde sind die Töchter des Musikers Helmut Noth und seiner Frau Viktoria, einer Musikwissenschaftlerin in Leipzig.

Keine drei Wochen nach Malikas Geburt hatten Viktoria und Helmut sie mitsamt einem Koffer voller Kleider und Windeln zu Viktorias Mutter ins Erzgebirge gebracht. Ihr ganzes erstes Lebensjahr war Malika bei der Großmutter geblieben. Viktoria setzte ihr Studium fort und besuchte ihr Baby angeblich, sooft es ging.

Statt Geigenvirtuosin zu werden, wie von der Mutter gewünscht, studierte Malika Musik fürs Lehramt. Als sie Viktoria ihr hervorragendes Abschlusszeugnis vorlegte, meinte diese:

Musiklehrerin … wenn man bedenkt, . was du hättest werden können.

Jorinde besuchte dagegen die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, wurde zunächst Theater- und später erfolgreiche Filmschauspielerin.

Als der Brustkrebs bei der Mutter ausgebrochen war, hielt sich Jorinde für Dreharbeiten in Frankreich auf. Malika begleitete all die schweren Wege. Als dem Vater die defekte Aortenklappe entfernt und eine neue, aus Tiergewebe bestehende eingesetzt worden war, wurde Jorindes Sohn Jonne geboren. Es war Malika gewesen die den Vater täglich besuchte und die Ängste der Mutter beruhigte. Als in die Wohnung der Eltern eingebrochen worden war, blieb Jorinde wegen der Internationalen Filmfestspiele in Berlin, und Helmut und Viktoria hatten größtes Verständnis dafür.

Malika litt unter Fressattacken und verwahrloste – bis sie im Wartezimmer der Hausärztin Dr. Judith Gabriel dem Tischler Götz begegnete, der sich in die linke Hand gesägt hatte. Die Liebesbeziehung half Malika, ihre Krise zu überwinden.

Aber inzwischen haben sich die beiden getrennt.

Jorinde

Als Jorinde feststellte, dass sie schwanger war, heiratete sie den Theaterschauspieler Torben Amsinck, der allerdings nicht Adas Vater war. Die beiden bekamen noch einen Sohn: Jonne.

Die Ehe mit Torben ist inzwischen am Ende, und Jorinde erwartet erneut ein Kind, diesmal von einem berühmten Schauspieler, der zwar finanzielle Hilfe verspricht, aber seine Familie nicht aufs Spiel setzen will.

Statt sich für eine Abtreibung anzumelden, spielt Jorinde mit dem Gedanken, das Kind ihrer Schwester zu überlassen, die viel besser als sie mit Ada und Jonne umgehen kann und darunter leidet, kinderlos zu sein.

Einen Tag nachdem Jorinde ihren Mann um die Scheidung gebeten hat, kommt Malika zu ihr nach Berlin. Auf ihren Vorschlag hin mieten die beiden Schwestern zusammen eine große Wohnung in Leipzig und ziehen dort mit Ada und Jonne ein. Vereinbarungsgemäß müssen die beiden Kinder alle zwei Wochen zu ihrem Vater nach Berlin, obwohl sie das bald nicht mehr wollen.

Die dritte Tochter erhält den Namen Lilli.

Zwei Jahre später versucht Torben über das Jugendamt, das alleinige Sorgerecht für Ada und Jonne zu bekommen. Er argumentiert, dass er und seine schwangere Lebensgefährtin den Kindern eine solide Familie bieten könnten. Jolinde durchschaut, dass es ihm vor allem darum geht, weiterhin keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Als sie sich weigert, auf seine Forderung einzugehen, droht er mit einer gerichtlichen Auseinandersetzung.

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Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde wuchsen in der DDR auf und erlebten deren Zusammenbruch. Durch die Wiedervereinigung sind die alten Einschränkungen einer neuen persönlichen Freiheit gewichen. Für die fünf Frauen in Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ bedeutet diese Gesellschaft im Umbruch neue Möglichkeiten, deren Realisierung allerdings ihren Preis hat. Sie müssen sich für bzw. gegen Bindung oder Unabhängigkeit, Kinder oder Karriere, Beruf oder Familie, Selbstverwirklichung oder Unterordnung entscheiden, und ganz gleich, welche Wahl sie treffen, kommen sie nicht ohne Schuldgefühle davon.

Daniela Krien veranschaulicht all das in fünf mit den Namen der Frauenfiguren überschriebenen Kapiteln. Dabei spielt sie nicht nur virtuos mit Überschneidungen der Biografien, sondern auch mit Verflechtungen zwischen den Zeitebenen, denn jede der Frauen erinnert sich in einer bestimmten gegenwärtigen Situation an frühere Ereignisse und Entwicklungen.

Verblüffend ist es, wie Daniela Krien es schafft, ernste und tiefgreifende Themen so zu präsentieren, dass die Lektüre des Romans „Die Liebe im Ernstfall“ leicht und unterhaltsam ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie das Verhalten ihrer Figuren mit großem Einfühlungsvermögen ausleuchtet. Ihre Sprache wirkt unangestrengt und geschliffen zugleich.

Den Roman „Die Liebe im Ernstfall“ von Daniela Krien gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Bibiana Beglau, Maren Eggert, Jeanette Hain, Nina Kunzendorf und Anna Schudt (ISBN 978-3-257-80401-0).

Daniela Krien wurde am 25. August 1975 in Neu-Kaliß, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, geboren, wuchs jedoch in Thüringen und Sachsen auf. In Leipzig begann sie 1999 Kulturwissenschaften, Kommunikations- und Medienwissenschaften zu studieren.

Meinen ersten Roman schrieb ich dann aus Verzweiflung heraus: Ich konnte wegen der aufwendigen Pflege meiner schwerbehinderten jüngeren Tochter meine Abschlussarbeit in Kulturwissenschaften nicht fertigstellen und stand beruflich vor dem Nichts. Also habe ich mich hingesetzt und geschrieben. Und ich habe mir gesagt: „Wenn ein Verlag dieses Buch will, dann werde ich Schriftstellerin.“ (Daniela Krien in einem Interview)

2011 debütierte die Schriftstellerin mit dem Roman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“, der in 14 Sprachen übersetzt wurde.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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