Patrícia Melo : Gestapelte Frauen

Gestapelte Frauen
Mulheres Empilhadas Editora LeYa Brasil, São Paulo 2019 Gestapelte Frauen Übersetzung: Barbara Mesquita Unionsverlag, Zürich 2021 ISBN 978-3-293-00568-6, 251 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine junge Rechtsanwältin aus São Paulo soll Fälle dokumentieren, in denen indigene Frauen der Willkür weißer Männer zum Opfer gefallen sind. Sie fliegt nach Cruzeiro do Sul und verfolgt dort zunächst den Gerichtsprozess gegen drei Weiße, die am Ende wegen "Mangels an Beweisen" von der Anklage, das 14-jährige Indiomädchen Txupira ermordet zu haben, freigesprochen werden ...
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Kritik

In ihrem ebenso zornigen wie kunstvollen Roman "Gestapelte Frauen" prangert Patrícia Melo den systemisch grundierten Femizid in einer Gesellschaft an, in der weiße Männer das Sagen haben und indigene Frauen als Freiwild gelten. Man kann das Buch als Kriminalroman lesen. Aber es ist sehr viel mehr.
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Die Ohrfeige

Amir, ein geschiedener Rechtsanwalt in São Paulo, der über Wittgenstein promovierte und regelmäßig Yoga praktiziert, ohrfeigt die Frau, die seit einem Jahr seine Freundin ist, bei einer Party.

„Wo bist du gewesen?“, brüllte er. „Mit wem warst du zusammen?“ […]
Zack. Bis dahin hatte ich noch nie im Leben eine Ohrfeige versetzt bekommen. Mitten ins Gesicht.
„Schlampe“, sagte er […].

Da kommt es der jungen Anwältin sehr gelegen, dass Denise Albuquerque, die Hauptgesellschafterin der Kanzlei in São Paulo, für die sie tätig ist, Freiwillige sucht, die Material für ein geplantes Buch über systemischen Femizid zusammentragen sollen. Sie meldet sich für die Recherche in Cruzeiro do Sul im brasilianischen Bundesstaat Acre an der Pazifikküste, also in maximaler Entfernung von Amir.

Txupira

Bei dem Gerichtsprozess, den die Ich-Erzählerin in Cruzeiro do Sul verfolgt, geht es um die Ermordung des 14-jährigen Indiomädchens Txupira. Der Tankwart José Agripino Ferreira, der den blutbesudelten Geländewagen waschen sollte, alarmierte die Polizei, und nun müssen sich Luís Crisântemo Alves, Abelardo Ribeiro Maciel und Antônio Francisco Medeiros vor Gericht verantworten. Sie behaupten, das Indiomädchen zufällig vom Auto aus gesehen zu haben. Um Spaß zu haben, wollten sie es erschrecken und „einfangen“. Mehr als einen Jux hätten sie nicht vorgehabt.

[…] und dann – er konnte sich auch nicht erklären, wie es dazu gekommen war, aber so war es, eins ergab das andere, das Mädchen hörte nicht auf zu schreien, und deshalb zerrissen sie ihm das T-Shirt und knebelten es damit. […] Antônio Francisco strich mit der Hand über Txupiras Brüste, und was macht die Irre? Sie verpasste Antônio Francisco eine Ohrfeige. Deshalb mussten ihr die Hände gefesselt werden, aber nicht, weil sie vergewaltigt werden sollte, das nicht. Auch nicht gefoltert. Aber das Indiomädchen war verdammt noch mal zu wild, Mann […].

Die 40-jährige Staatsanwältin Carla Penteado, die seit fast vier Jahren in Acre tätig ist, tut alles, um die Geschworenen von der Schuld der drei Angeklagten zu überzeugen – aber am Ende erklärt die Jury, dass Zweifel nicht ausgeräumt worden seien: in dubio pro reo.

Erst nach dem Freispruch gelingt es der Rechtsanwältin aus São Paulo, Carla Penteado Schnappschüsse zu zeigen, die sie in der letzten Nacht unbemerkt in ihrem Hotel machte. Als sie nämlich etwas trinken wollte und die Rezeption unbesetzt vorfand, wollte sie in der Küche nach einem Getränk suchen, aber dort saß Robson, der Verteidiger der Angeklagten, mit drei der Geschworenen zusammen und redete auf sie ein, während sie Bier tranken.

Für das Gerichtsverfahren kommt die Information zu spät, aber Carla rät der jungen Anwältin, sich mit Rita in Verbindung zu setzen, der Chefredakteurin der Zeitung „Didrio da Estrela“. Drei Tage später veröffentlicht das Blatt das Foto von dem heimlichen nächtlichen Treffen und im Textteil des Artikels werden die drei Männer für schuldig erklärt.

Kurz darauf ist Rita tot. Ein Treppensturz. Die Ermittler gehen von einem Unfall aus und vermuten, dass Alkohol eine Rolle gespielt haben könnte.

Ritas Zwillingsbruder Denis, der ebenso wie Carla und die Juristin aus São Paulo einen Zusammenhang zwischen dem Zeitungsartikel über die drei in den Mordfall Txupira verwickelten Männer und Ritas Tod sieht, beauftragt einen unabhängigen Sachverständigen mit eigenen Untersuchungen. Die Staatsanwältin hofft, den drei im Fall Txupira davongekommenen Männern die Ermordung der Journalistin nachweisen zu können.

Ayahuasca

Der Hotelier Juan, der die junge Frau aus São Paulo in der Nacht vor dem Richterspruch auf einem Hotelkorridor sah, sorgt dafür, dass sie auszieht. Carla bringt sie bei ihrer Freundin Lena unter, einer Rechtsanwältin, die gerade einen Lehrgang in São Paulo absolviert.

Im Gegensatz zu seinem Vater Juan freundet sich Marcos mit der Juristin an. Der Halbindio fährt mit ihr wiederholt in das Dorf der Ch’aska, aus dem seine Mutter stammt. Die Weiße wird dort von Zapira, einer Cousine von Marcos‘ Mutter, in die Gebräuche der Indigenen eingeführt und erlebt das Ayahuasca-Ritual.

Engagement

Statt den für die Rückkehr nach São Paulo gebuchten Flug zu nehmen, bleibt die Ich-Erzählerin in Cruzeiro do Sul, ohne in der Kanzlei Bescheid zu geben. Als Quittung dafür bekommt sie die Kündigung.

Carla und die Juristin aus São Paulo suchen eine Bar auf. Während die Staatsanwältin in der Toilette ist, bedrängen Luís Crisântemo Alves, Abelardo Ribeiro Maciel und Antônio Francisco Medeiros die Ich-Erzählerin – bis Carlas Freund Paulo Alves auftaucht und dazwischengeht.

Carla ist allerdings dabei, sich von ihrem zwölf Jahre jüngeren Freund zu trennen, und als Paulo unangekündigt bei ihr vorbeischaut, trifft er Denis bei ihr an.

In dem Kuratawa-Dorf, aus dem Txupira stammte, lässt sich die Anwältin aus São Paulo von Naia, einer schwangeren 15-Jährigen zu dem Ort bringen, wo Txupira zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Dabei entdeckt sie Hämatome an Naias Körper, über die das Mädchen nicht reden möchte. Die Juristin stellt dann Naias höchstens 18 Jahre alten Mann zur Rede.

„Wenn du Naia noch einmal schlägst“, sagte ich, „komme ich und nehme dich fest.“
Er sah mich erstaunt an.
„Wir machen eine chemische Kastration“, sagte ich ganz ruhig. „Weißt du, was das ist? Davon wird dein Schwanz kleiner als eine Küchenschabe.“
Schweigend blickten wir uns an.
„Du Polizei?“, fragte er.
„Schlimmer noch“, antwortete ich. „Ich bin von der Liga der Frauen der Grünen Steine. Jetzt bist zu gewarnt.“

Überraschend taucht Amir in Cruzeiro do Sul auf. Yolanda, die Großmutter der jungen Anwältin, hielt Amir für einen Volltreffer und versuchte ihre Enkelin zum Einlenken zu überreden – bis sie kürzlich am Telefon von der Ohrfeige erfuhr und ihre Meinung über Amir radikal geändert hat. Als er begreift, dass er seine Freundin nicht zurückgewinnen kann, reist er wieder ab.

Kurz darauf erhält die Juristin einen Anruf aus ihrer früheren Kanzlei in São Paulo. Dort trafen Porno-Videos ein, die Amir heimlich während des Geschlechtsverkehrs mit seiner Freundin aufgenommen hatte. Die hat er auch ins Netz gestellt: revenge porn. Denise Albuquerque drängt ihre frühere Mitarbeiterin, Amir anzuzeigen und bietet an, sie in dem Gerichtsverfahren juristisch zu vertreten. Außerdem versichert sie, dass die Anwältin trotz der Kündigung jederzeit in die Kanzlei zurückkehren könne.

Weitere Mordfälle

Luís Crisântemo Alves, Abelardo Ribeiro Maciel und Antônio Francisco Medeiros werden am Ufer des Rio Juruá tot aufgefunden.

Kurz darauf liegt auch die Staatsanwältin Carla Penteado tot in ihrer Wohnung. Jemand hat sie mit derselben Waffe erschossen, mit der auch die drei Männer nacheinander getötet wurden.

Und Carla war tot. Rita war tot. Meine Mutter war tot. Um mich herum stapelten sich die toten Frauen. All die Namen, die ich in meinem Heft notiert hatte.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Polizei ermittelt den Besitzer des Revolvers und nimmt ihn fest. Er heißt Gérson Pimentel. Daraufhin meldet sich Paulo Alves und gesteht nicht nur, seinem Cousin die Waffe gestohlen zu haben, sondern auch die vier Morde, denn er will nicht, dass sein Cousin unschuldig angeklagt wird.

Denis findet in der Hinterlassenschaft seiner Zwillingsschwester Rita ein altes Handy, das Txupira gehört hatte. Darauf ist ein am Ufer des Kuratawa-Reservats gefilmtes Video gespeichert. Es zeigt Luís Crisântemo Alves, Abelardo Ribeiro Maciel und Antônio Francisco Medeiros beim Umladen von Kokain. Francisco blickt irritiert auf und direkt in die Kamera. Crisântemo schreit: „Die Nutte hat uns gefilmt.“ Das war offenbar der wirkliche Grund für Txupiras Ermordung.

Wie Rita an das Handy kam? Möglicherweise entdeckte Crisântemos Exfreundin, die inzwischen in Miami studiert, das Telefon zufällig bei seinen Sachen, schaute das Video an, begriff, dass ihr bisheriger Freund ein Drogendealer und Mörder war – und schickte das Beweisstück der Zeitung.

Abschied

Yolanda kommt nach Cruzeiro do Sul, um ihre Enkelin abzuholen.

Vor dem Abflug besucht die Juristin Paulo Alves in der Justizvollzugsanstalt. Er beteuert, die drei Männer nur getötet zu haben, um Carla zu beschützen. Danach war er bei ihr und zeigte ihr die Tatwaffe. Das war ein Fehler. Sie regte sich auf, die Situation geriet außer Kontrolle, und als Carla die Polizei anrufen wollte, rastete Paulo aus. Seine Hoffnung, die Anwältin aus São Paulo werde ihn vor Gericht verteidigen, erfüllt sich nicht.

Am Flughafen sieht sie einen Bericht über das Video auf Txupiras Handy in der Zeitung „Didrio da Estrela“. Denis hat es offenbar der Redaktion übergeben, obwohl er damit sein Leben riskiert.

Das Kindheitstrauma

Die Ich-Erzählerin erklärt ihrer Großmutter, dass sie sich seit den Ayahuasca-Räuschen im Dorf der Ch’aska an ein traumatisches Erlebnis erinnert, von dem sie bisher nur vage Bruchstücke wusste.

Im Alter von vier Jahren wurde sie von ihrem Vater in ihr Zimmer geschickt. Als sie sich wieder herauswagte, wischte ihr Vater auf allen Vieren den Wohnzimmerboden, und das Wasser im Eimer war rot. Er brachte sie zurück in ihr Zimmer und legte sie schlafen. Als sie wieder aufwachte, lag sie im Fonds seines Autos, und durch die Windschutzscheibe sah sie das von den Scheinwerfern angestrahlte Auto ihrer Mutter. Ihr Vater und ein Fremder hoben etwas Großes, Schweres, das in eine Decke mit dunkelroten Flecken eingehüllt war, aus dem Kofferraum und hievten es auf den Fahrersitz. Dann schoben sie den Wagen, bis er über den Steilhang hinunterstürzte.

Die Großmutter ergänzt: Das Kind verbrachte damals ein Wochenende in dem Landhaus, das der Vater nach der Trennung von ihrer Mutter bei Monteiro Lobato gemietet hatte. Als zu befürchten war, dass er seine Tochter nicht mehr herausgeben würde, fuhr die Mutter los, um sie zu holen. Die besorgten Großeltern warteten – bis die Polizei aus Monteiro Lobato anrief und sie über einen tödlichen Autounfall ihrer 31-jährigen Tochter benachrichtigten.

Zusammenhanglose Äußerungen der Enkelin ließen die Großeltern aufhorchen, und der Großvater fuhr mit einem Kriminaltechniker aus dem Bekanntenkreis nach Monteiro, um sich an der vermeintlichen Unfallstelle umzusehen. Das geborgene Fahrzeug stand noch da. Dem Kriminaltechniker fiel auf, dass kein Zündschlüssel steckte. Am nächsten Morgen suchte die Polizei und fand den Autoschlüssel an einer Stelle, an die er unmöglich beim Sturz des Wagens hingeschleudert worden war. Der Ehemann der Toten gab schließlich zu, den Schlüssel zunächst übersehen und ihn dann dem Wrack nachgeworfen zu haben. Im Wohnzimmer hatte er zwar gewischt, aber die Ermittler stellten dennoch Blutspuren der Ermordeten sicher. Ein Taxifahrer aus Monteiro wurde als Mittäter verurteilt.

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In ihrem ebenso zornigen wie kunstvollen Roman „Gestapelte Frauen“ prangert Patrícia Melo den systemisch grundierten Femizid an, wie er beispielsweise in dem brasilianischen Bundesstaat Acre – aber nicht nur dort – verbreitet ist. In der Gesellschaft, in der weiße Männer das Sagen haben, gelten indigene Frauen als Freiwild.

Patrícia Melo lässt eine junge Rechtsanwältin aus São Paulo als Ich-Erzählerin in „Gestapelte Frauen“ auftreten. Einen Namen gibt sie ihr nicht. Die Juristin soll für die Kanzlei, in der sie beschäftigt ist, Fälle dokumentieren, in denen indigene Frauen der Willkür weißer Männer zum Opfer gefallen sind. Sie hat sich für die Aufgabe im weit entfernten Bundesstaat Acre gemeldet, nachdem sie von ihrem bisherigen Freund in São Paulo geohrfeigt wurde. Und sie leidet selbst unter einem Trauma: Als sie vier Jahre alt war, ermordete der Vater die Mutter.

Man kann „Gestapelte Frauen“ als Kriminalroman lesen. Aber es ist sehr viel mehr.

Der Titel „Gestapelte Frauen“ bezieht sich auf die Kladde, in der die Ich-Erzählerin Femizid-Fälle auflistet. Ein Beispiel:

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Getötet vom Vater
Sie war achtundvierzig Tage alt, als sie erwürgt wurde. Auf der Polizeiwache gab der Mörder an, „er sei sehr nervös gewesen und habe geglaubt, das Kind sei nicht seine Tochter“.

Im Roman sind diese ultrakurzen sachlichen Kapitel mit Ziffern von 1 bis 12 überschrieben. Die eigentliche Handlung entwickelt Patrícia Melo in den Kapiteln von A bis X. Und es gibt noch einen dritten Erzählstrang: In den Kapiteln mit Buchstaben aus dem griechischen Alphabet tauchen wir in Visionen der Ich-Erzählerin unter dem Einfluss des Ayahuasca-Rituals der Indigenen ein. Es sind zum Teil grausame Rachefantasien. Diese wilden magischen Passagen kontrastieren vor allem mit der dokumentarisch-knappen Zusammenstellung der Femizid-Fälle 1 bis 12. Geschickt wechselt Patrícia Melo in „Gestapelte Frauen“ zwischen den drei Ebenen und Erzählformen hin und her.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Unionsverlag

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