Patrícia Melo : Der Nachbar

Der Nachbar
Gog Magog Verlag Rocco, Rio de Janeiro 2017 Der Nachbar Übersetzung: Barbara Mesquita Tropen Verlag, Stuttgart 2018 ISBN 978-3-608-50387-6, 159 Seiten ISBN 978-3-608-11078-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Lehrer empfindet die Geräusche, die er aus dem Apartment des neuen Nachbarn hört, als Lärm und fühlt sich dadurch gestört. Er hasst den Mann. Als die Katze verschwindet, verdächtigt er Ygor Silva, sie getötet zu haben. Dann gerät er an Nachschlüssel für die fremde Wohnung. Die Situation gerät außer Kontrolle …
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Kritik

In dem Kriminalroman "Der Nachbar" veranschaulicht Patrícia Melo, wie ein ganz normaler Mensch durch Hass und egozentrische Rechtsansprüche zum Monster wird. Das ist nicht nur in der brasilianischen Gesellschaft ein brisantes Thema.
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Lärm!

Ich habe weder das absolute Gehör mancher Musiker, noch sind meine Ohren so sensibel wie die von Hunden. Aber ich habe nie begriffen, warum Lärm nicht zu den wirkungsvollen Stichwaffen gezählt wird.
Ein Gelächter wie das aus dem oberen Stockwerk, das in spitzen, hysterischen Ausbrüchen mitten in der Nacht zu mir herunter dringt, kann genauso verletzten, dachte ich, als ich wach wurde. Nicht wie eine Pistole, ein Messer oder ein Seil. Seine Wirkung ähnelt eher der bestimmter Gifte, die zwar nicht töten, aber unsere Gesundheit ruinieren. Unser Leben zersetzen. Unseren Geist verwirren.

Der Ich-Erzähler, ein 54 Jahre alter Biologielehrer, fühlt sich in seiner Eigentumswohnung in São Paulo durch den eine Etage höher neu eingezogenen Bewohner Ygor Silva gestört, denn die Geräusche, die er von oben hört, empfindet er als Lärm. Marta, die als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet, hält die Empfindlichkeit ihres Ehemanns jedoch für übertrieben, und als sie eines Morgens in die Küche geht und sieht, dass er nachts mit einem Besenstiel den Putz von der Decke geklopft hat, beschimpft sie ihn zornig.

Fehde

Der Genervte klingelt an der Wohnung darüber. Ygor Silva erklärt, niemand sonst im Haus beschwere sich über ihn.

„Leben ist laut“, sagte er und vollführte auf Zehenspitzen drei Schritte wie ein Hase auf der Hut. Er machte sich über mich lustig. „Was Sie als Lärm bezeichnen“, sagte er, „das bin ich, ein lebender Mensch. Ich kann nicht auf ’stumm‘ geschaltet, im Flüsterton, in Hausschuhen leben“, fuhr er fort wie ein Possenreißer, um am Ende ein raues Gelächter in mein Gesicht abzufeuern.

Als der Lehrer einen Kratzer an seinem Auto entdeckt, zweifelt er keine Sekunde daran, wer ihm den Schaden zugefügt hat – und lässt einen Schlüssel über den Lack von Ygor Silvas Wagen kreischen. Einige Zeit später verschwindet die Katze Gala. Klar: der Störenfried hat sie umgebracht.

An der Pförtnerloge des Apartmenthauses fällt dem Lehrer ein Schlüsselbund mit dem Etikett „Ygor Silva – Apartment 605“ ins Auge, und er nimmt ihn an sich, als Francisco nicht aufpasst. Er lässt Nachschlüssel anfertigen und bringt dann den Schlüsselbund unbemerkt wieder zurück. Nun malt er sich aus, wie er in die Wohnung des Feindes eindringt, Unterlagen über Steuerhinterziehung oder Beweise für obskure Begierden vorfindet, vielleicht auch Gala zerstückelt im Kühlschrank. Mit diesem Belastungsmaterial wird er den Ruhestörer zur Räson bringen.

Entgleisung

Als er Ygor Silva mit einem Handkoffer zum nahen Taxistand gehen sieht, nutzt er die Gelegenheit und schließt das fremde Apartment auf. Gewiss birgt der PC Geheimnisse des Bewohners, aber das Gerät ist durch ein Passwort geschützt. Nachdem der Eindringling eine Pistole aus einer Schublade genommen hat, sieht er sich im Bad um, aber da hört er jemand kommen. Er versteckt sich hinter der offenen Tür und übergibt sich vor Aufregung auf seine Füße.

Ygor Silva schmettert ihn mit der Tür gegen die Wand. Ein Schuss trifft den Angreifer ins Knie, und im selben Augenblick reißt der Einbrecher die Bodenmatte weg. Das Geräusch, das entsteht, als Ygor Silva mit dem Schädel auf den Badewannenrand schlägt, kommt dem Lehrer lauter vor als der Schuss.

Den Toten zwängt er fürs Erste in den Flurschrank.

Nach der Tat

Er ist noch keine zwei Minuten in seinem Apartment zurück, als der Pförtner Francisco mit Gala auf dem Arm klingelt.

Am Kühlschrank klebt ein Zettel Magdas mit der Mitteilung, sie sei bei Helena und Bárbara. Die Tochter Helena war sechs Jahre alt, als ihre Mutter und ihr Stiefvater heirateten. Inzwischen lebt die Juristin mit Bárbara zusammen, die als Journalistin tätig ist. Die Abwesenheit seiner Frau will der Lehrer nutzen, um die Leiche zu beseitigen.

Viele Leute glauben, einen Menschen ums Leben zu bringen, sei der schwierigste Teil des Verbrechens. Aus eigener Erfahrung kann ich heute sagen, dass bei Mord das Töten das geringste Problem ist. Wirklich kompliziert ist es, die Leiche verschwinden zu lassen. Es gibt Täter, die ihre Opfer zerlegen und mit dem Menschenfleisch brockenweise Schweine füttern. Was in meinem Fall dazu fehlte, waren die Schweine. Wo sollte ich welche auftreiben? Wie mit meinem bluttriefenden Eimer in einen Mastbetrieb gelangen?

Im Apartment darüber stellt er fest, dass die Leiche nicht in einen der verfügbaren Koffer passt. Also fährt er zu einem rund um die Uhr geöffneten Baumarkt und kauft ein. Dann beugt er sich über den Toten, den er mittlerweile in die Badewanne gelegt hat.

Es waren Momente intensiver körperlicher Arbeit, bei der sich meine Anatomievorlesungen aus der Zeit an der Universität als durchaus nützlich erwiesen. Für die weniger widerspenstigen Partien verwendete ich ein elektrisches und ein Küchenmesser, für die Sehnen und die Knochen den Fuchsschwanz.

Mit zwei vollgepackten Koffern im Auto fährt er los, aber die Gegend außerhalb von São Paulo, die er von früher kennt, ist inzwischen für den Tourismus erschlossen, und er wagt es deshalb nicht, Ygor Silva dort abzulegen. Stattdessen bringt er die Leiche zurück.

Als er am nächsten Tag gegen Abend aufwacht, hört er Mutter und Tochter reden. Helena erklärt ihm dann, dass Marta sich von ihm scheiden lassen werde. Sie nimmt ihn mit und quartiert ihn im Gästezimmer ein.

Von dort flieht er am Tag darauf. Damit Francisco ihn nicht sieht, schleicht er durch die Garage ins Haus. Sein Wohnungsschlüssel passt nicht mehr: Das Schloss wurde bereits ausgetauscht. Er klingelt – und trifft Marta mit einem Afroamerikaner an. Er heißt Rodrigo, arbeitet ebenfalls im Krankenhaus und ist seit knapp zwei Jahren Martas Liebhaber.

Entsetzt zieht der gehörnte Ehemann sich ins Apartment seines toten Feindes zurück. Dort schläft er auf einem Sofa. In den nächsten Tagen versucht er mehrmals, die Leichenteile zu entsorgen, kehrt jedoch immer wieder mit den vollen Koffern zurück.

Als die Putzfrau aufsperrt, gibt er sich als Cousin des Wohnungsinhabers aus und teilt ihr angeblich in dessen Auftrag mit, man brauche sie nicht mehr.

Weil der Frau der Gestank in der Wohnung zu denken gibt, führt die Polizei den Lehrer kurz darauf mit Handschellen ab.

Gerichtsverfahren

Helena besorgt ihm einen Rechtsanwalt – Dr. Franco Moreira Mendes – und bezahlt ihn auch. Die Medien berichten groß aufgemacht über den Fall. Nach einigen Tagen wird der mutmaßliche Mörder von einer psychiatrischen Klinik in die Haftanstalt Paulo Mário Nevesco gebracht. Bárbara erreichte durch ihre Kontakte als Journalistin, dass er sich die 25 Quadratmeter große Zelle lediglich mit zehn anderen Häftlingen – und nicht, wie üblich, mit 30 – teilen muss.

Weil Ygor Silva zehn Tage vor seinem Tod Anzeige gegen den Lehrer erstattete, ist der Streit der beiden Männer aktenkundig. Bei der Obduktion wird in einem der beiden Knie ein Projektil gefunden.

Dr. Franco Moreira Mendes will versuchen, das Gericht von der Schuldunfähigkeit seines Mandanten zu überzeugen. Er stößt auf einen Präzedenzfall: Ein Kindermädchens tötete ihren Schützling während eines von dessen Geschrei ausgelösten epileptischen Anfalls.

Martas neue Ehe scheitert in weniger als zwei Jahren, weil Rodrigo gewalttätig wird, wenn er getrunken hat.

Nach zwei Jahren und sieben Monaten beginnt bereits die Gerichtsverhandlung gegen den Lehrer.

Der ging bisher davon aus, eine Leiche zerstückelt zu haben, aber ein Sachverständiger erklärt, das Opfer habe noch gelebt und sei bei der Abtrennung von Körperteilen verblutet.

Der Verteidiger führt im Gerichtssaal einen Filmausschnitt aus der Pokémon-Serie vor, und zwar aus der Folge „Electric Soldier Porygon“. Nachdem diese am 16. Dezember 1997 in Japan ausgestrahlt worden war, mussten 685 Kinder im Krankenhaus behandelt werden, weil visuelle Stimuli bei ihnen einen epileptischen Anfall ausgelöst hatten. Ähnlich wie die Lichtblitze im Film, erklärt Dr. Franco Moreira Mendes, habe der Lärm des Nachbars bei seinem Mandanten zu einer audiogenen Epilepsie geführt.

Zwei Geschworene lassen sich davon beeindrucken und plädieren für „unschuldig“, aber fünf andere halten den Angeklagten für schuldig, und der Richter verurteilt ihn zu 14 Jahren und 10 Monaten Haft.

Rúbia Maria, eine 40 Jahre alte geschiedene frühere Lehrerin, die inzwischen eine kleine Eisdiele betreibt, nimmt Briefkontakt mit ihm auf. Sie habe schon immer einen Mörder kennenlernen wollen, schreibt sie. Nachdem der Häftling sie zum ersten Mal gesehen hat, stellt er einen Antrag auf einen Intimbesuch.

An dem Tag wird sie neue Dessous in Leoparden- oder Zebramuster tragen, zumindest hat sie mir das versprochen.

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In dem Kriminalroman „Der Nachbar“ veranschaulicht Patrícia Melo, wie ein ganz normaler Mensch durch Hass zum Monster wird. Die Geschichte spielt in der brasilianischen Gesellschaft, in der Gewaltverbrechen häufiger vorkommen als beispielsweise in Deutschland. Aber auch in den USA und in Europa wird Hass geschürt, nicht zuletzt durch die sozialen Medien. Wenn sich dieser Hass mit egozentrischen Rechtsansprüchen verbindet, wie im Fall des Protagonisten von „Der Nachbar“, kann das zu mörderischen Exzessen führen.

Der Biologielehrer, der seinen neuen Nachbarn hasst, von dem er sich belästigt fühlt, räsoniert darüber:

[…] und auch meinen eigenen Erfahrungen nach war Lärm ein wahrer Nährboden für die Erzeugung von Gewalt. Es gibt nirgendwo mehr Stille, denn heutzutage ist Stille ein Produkt für die Reichen […]. Unerwünschte Geräusche unterschiedlicher Art aktivieren über chemische Reaktionen elektrische Mechanismen, die unser Gehirn dazu anregen, negative Gefühle zu entwickeln. Giftige Schallwellen zerstören unser Einfühlungsvermögen. Verändern unsere Haltung. Lassen uns die Zähne fletschen. […]
Wir, die Mittelschicht, die Armen, die wir der enormen Lärmverschmutzung der Städte und der akustischen Hysterie der Massenkultur ausgesetzt sind, laufen Gefahr, uns in die Herde des Bösen zu verwandeln. Die Klanghölle der Welt macht aus uns echte Todesmaschinen. Wir sind eine Gefahr für die Gesellschaft und für uns selbst.

Patrícia Melo überlässt in ihrem Roman „Der Nachbar“ einem Ich-Erzähler das Wort, dessen Namen wir nicht erfahren und entwickelt die Handlung konsequent aus dessen subjektiver Sicht – einschließlich seiner Wahrnehmungsverzerrungen und seines Realitätsverlustes.

Die Tat des Protagonisten teilt das Buch genau in der Mitte in zwei Hälften. Teil 1 reißt von der ersten Seite an mit. Da brennt Patrícia Melo ein Feuerwerk wilder sarkastischer Einfälle temporeich ab. Wer makabre Komik mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Das ist brillant. Im Vergleich dazu fällt im zweiten Teil von „Der Nachbar“ –  wo es um die gerichtliche Aufarbeitung des Falls und die Haft des Täters geht – die Anzahl der originellen Ideen deutlich ab.

Der brasilianische Originaltitel lautet „Gog Magog“. In der Bibel versteht man unter Gog einen im Land Magog lebenden Fürsten oder auch zwei in der Apokalypse am Jüngsten Tag vom Teufel befreite Völker.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Virginia Woolf - Zum Leuchtturm
In dem ungewöhnlich gegliederten Roman "Zum Leuchtturm" kommt es weniger auf die Handlung an als auf die Charaktere. Diese sind nachvollziehbar herausgearbeitet, u.a. mittels der Darstellungsweise des stream of conciousness.
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