Militärputsch in Chile 1973


Als Henry Kissinger (* 1923) 1969 Nationaler Sicherheitsberater des US-Präsidenten Richard Nixon (1913 – 1994) wurde, verstärkte sich die Einflussnahme der US-Regierung bzw. der CIA auf die politischen Entwicklungen in Südamerika.

„I don’t see why we need to stand by and watch a country go communist due to the irresponsibility of its own people. The issues are much too important for the Chilean voters to be left to decide for themselves.“ (Henry Kissinger)

Die Bemühungen, die Wahl des Sozialisten Salvador Allende Gossens (1908 – 1973) zum chilenischen Staatspräsidenten zu verhindern, scheiterten jedoch erst einmal. Als Kandidat der 1969 von Kommunisten, Sozialisten und kleineren Linksparteien gebildeten Unidad Popular (UP) schlug er am 4. September 1970 seine Gegner Jorge Alessandri Rodríguez (1896 – 1986) und Radomiro Tomic Romero (1914 – 1992) mit 36,3 gegen 34,9 bzw. 27,9 Prozent der Stimmen. Damit fehlte ihm zwar die erforderliche absolute Mehrheit, aber das Parlament wählte Salvador Allende danach mit den Stimmen der Volksfront und der Christdemokraten zum Staatspräsidenten. Noch vor dem Beginn seiner Amtsausübung überlebte er ein Attentat.

Am 22. Oktober 1970 wurde General René Schneider (1913 – 1970), der Oberbefehlshaber des chilenischen Heeres, bei einem durch die CIA unterstützten Entführungsversuch angeschossen. Er starb drei Tage später.

Eigentlich hatte der mit den Amerikanern abgestimmte Plan vorgesehen, die Entführung der chilenischen Linken in die Schuhe zu schieben und dadurch Allendes Amtsantritt zu verhindern. (Die Verstrickung der CIA in den Anschlag auf Schneider wurde 1975/76 durch die Arbeit eines Sonderausschusses des US-Senats publik. [United States Senate Select Committee to Study Governmental Operations with Respect to Intelligence Activities, vulgo: Church Committee, nach dem Vorsitzenden Frank Church] Weitere Enthüllungen erfolgten durch Christopher Eric Hitchens in seinem 2001 veröffentlichten Buch „The Trial of Henry Kissinger“ – „Die Akte Kissinger“, Übersetzung: Peter Torberg und Jürgen Bürger, DVA, Stuttgart 2001, ISBN 3-421-05177-1.)

Ein vier Wochen langer Besuch des kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro (* 1926) erweckte den Eindruck, Salvador Allende strebe eine sozialistische Planwirtschaft an. Er begann, die Bergbau- und Textilindustrie, Banken und die Niederlassungen ausländischer Unternehmen in Chile zu verstaatlichen. Außerdem stieß er eine Agrarreform an, um Großgrundbesitzern etwa zwanzigtausend Quadratkilometer Land wegzunehmen und es an Bauern und Kollektive zu verteilen. Die Preise für Grundnahrungsmittel wurden staatlich vorgeschrieben. Die Wirtschaftspolitik trug allerdings dazu bei, die Inflation von 29 Prozent im Jahr 1970 innerhalb von zwei Jahren auf 160 Prozent hochzutreiben. Diese Entwicklung wurde durch von den USA initiierte Handels- und Kreditembargos massiv verschärft. Außerdem soll es während Allendes Amtszeit etwa sechshundert Sabotageanschläge auf Brücken, das Eisenbahnnetz, Pipelines und die Stromversorgung gegeben haben. 1972 zwangen Versorgungsschwierigkeiten die Regierung, Lebensmittel zu rationieren. Als Streiks im Herbst 1972 zu Straßenschlachten eskalierten, rief Salvador Allende den Notstand aus.

Bei den Parlamentswahlen Anfang 1973 baute die Unidad Popular ihren Stimmenanteil auf 44 Prozent aus.

Um die sich immer stärker zuspitzende Lage unter Kontrolle zu bekommen, holte Salvador Allende hochrangige Offiziere ins Kabinett. General Carlos Prats González (1915 – 1974), der Innenminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, vereitelte denn auch mit regierungstreuen Militärs den Putschversuch eines Panzerregiments am 29. Juni 1973 („Tanquetazo“). Als der Kongress dem Staatspräsidenten in einer symbolischen Geste am 22. August das Misstrauen aussprach und die Generäle zum Rücktritt aufforderte, überließ Carlos Prats seine Ämter seinem Stellvertreter General Augusto José Ramón Pinochet Ugarte (1915 – 2006). (Carlos Prats und seine Ehefrau Sofia Cuthbert starben am 30. September 1974 bei einem Bombenattentat.)

Am 10. September erklärte Salvador Allende sich bereit, das Volk durch ein Plebiszit über seinen Verbleib im Amt entscheiden zu lassen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Streng geheime CIA-Aktionen zur Destabilisierung der Volksfront-Regierung in Chile liefen unter dem Codewort „Project FUBELT“ (auch „Track II“). Nicht einmal Außenminister William P. Rogers, Verteidigungsminister Melvin Laird und Edward M. Korry, der US-Botschafter in Santiago, sollen eingeweiht worden sein. (Angeblich unterrichtete die CIA bereits einige Tage vor dem Militärputsch gegen Salvador Allende den Bundesnachrichtendienst über das Vorhaben. Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit soll durch einen Doppelagenten davon erfahren haben, aber es sei zu spät gewesen, heißt es, um Salvador Allende zu warnen.)

Am 11. September 1973 wurde der Staatspräsident durch einen Telefonanruf um 6.20 Uhr geweckt. Die Flotte in Valparaíso verlange seinen Rücktritt, hieß es. Nachdem Salvador Allende vergeblich versucht hatte, den Innenminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte Augusto Pinochet zu erreichen, begab er sich mit Regierungsmitgliedern, Familienangehörigen, seiner Privatsekretärin und langjährigen Geliebten Miria Contreras („La Payita“) sowie engen Freunden in den Präsidentenpalast La Moneda.

Die Putschisten, zu denen auch General Augusto Pinochet gehörte, forderten Salvador Allende zum Rücktritt auf, und als er sich weigerte, drohten sie um 9.30 Uhr mit der Bombardierung des Palastes. Daraufhin schickte Salvador Allende die meisten der Anwesenden aus dem Gebäude. Gegen Mittag begann die Bombardierung, und am frühen Nachmittag stürmte die Armee den Palast. Salvador Allende kapitulierte und zog sich in den „Saal der Unabhängigkeit“ zurück. Der offiziellen Version zufolge nahm er sich dort selbst durch einen Kopfschuss das Leben, es könnte aber auch sein, dass ihn aufständische Soldaten erschossen. Zweifel an der Selbstmord-These wurden nicht zuletzt durch die unvollständige Veröffentlichung der Autopsie-Ergebnisse genährt. Es ist nicht einmal sicher, ob Salvador Allende oder ein anderer Toter unter diesem Namen in Valparaíso bestattet wurde. (Später wurden die Gebeine nach Santiago de Chile überführt.)

Miria Contreras gelang ebenso wie Allendes Witwe und seinen drei Töchtern die Flucht ins Ausland.

Schätzungsweise 20 000 Gegner der Militärjunta gingen wie sie ins Exil.

Bereits am ersten Tag des Militärputsches in Chile wurden mehr als 2000 Menschen aus politischen Gründen von der Polizei oder vom Militär festgenommen, bis zum Ende des Jahres 1973 waren es mehr als 13 000. Öffentliche Gebäude wurden in Konzentrationslager umfunktioniert. Berüchtigt war vor allem das Nationalstadion (Estadio Nacional) in Santiago de Chile, wo bis November 1973 mehr als 40 000 Gefangene eingesperrt waren. In den meisten Fällen erfuhren die Angehörigen nichts über das Schicksal der Häftlinge. Rechtsanwälte waren nicht zugelassen, und Gerichtsverfahren gab es keine. Viele der Gefangenen wurden gefoltert, und mindestens 3197 (Abschlussbericht der Rettig-Kommission, 1996), möglicherweise aber auch 5000, kamen ums Leben. Viele der Verschleppten verschwanden spurlos. Es heißt, Gefangene und Tote seien über dem Meer aus Flugzeugen geworfen worden.

Ob Augusto Pinochet eine treibende Kraft hinter dem Putsch war oder sich erst in letzter Minute der Verschwörung anschloss, blieb bis heute umstritten. Jedenfalls riss er an der Spitze der Militärjunta die Macht an sich. Er ließ den Kongress auflösen und die zur Unidad Popular zählenden Parteien verbieten. Ohne demokratische Legitimierung wählten die Mitglieder der Militärjunta Augusto Pinochet am 17. Dezember 1974 zum Präsidenten von Chile.

Im Oktober 1978 legte eine von der Junta einberufene Kommission (Comisión de Estudios de la Nueva Constitución) einen Verfassungsentwurf vor, der von den Machthabern überarbeitet und 1980 in einer Volksabstimmung angenommen wurde. Aufgrund der neuen Verfassung (Carta fundamental) blieb Augusto Pinochet mit weitreichenden Vollmachten im Amt des Staatspräsidenten.

Bei einer weiteren Volksabstimmung zehn Jahre später (Oktober 1988) sprach sich eine Mehrheit dafür aus, bei den geplanten Präsidentschaftswahlen neben Augusto Pinochet auch andere Kandidaten zuzulassen. So kam es, dass der Christdemokrat Patricio Aylwin Azócar (* 1918) am 14. Dezember 1989 die ersten freien Wahlen in Chile nach dem Militärputsch von 1973 gewann und Augusto Pinochet am 11. März 1990 im Amt des Staatspräsidenten ablöste. Der General blieb allerdings Oberbefehlshaber der Streitkräfte.

© Dieter Wunderlich 2010

Salvador Allende Gossens (Kurzbiografie)
Augusto José Ramón Pinochet Ugarte (Kurzbiografie)
Charles Horman (Kurzbiografie)
Isabel Allende: Das Geisterhaus (Verfilmung)
Costa-Gavras: Vermisst

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