Pola Oloixarac : Wilde Theorien

Wilde Theorien
Las teorías salvajes Editorial Entropía, Buenos Aires 2008 Wilde Theorien Übersetzung: Matthias Strobel Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021 ISBN 978-3-8031-3331-1, 252 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Anthropologe Johan Van Vliet gilt seit einer Afrika-Expedition 1917 als verschollen. Ein halbes Jahrhundert später beginnt Rosa Ostreech in Buenos Aires Philosophie zu studieren und beschließt, Augusto García Roxlers Theorie der Egoistischen Übertragungen zu vollenden, während die kleine Kamtchowsky und ihre Freunde Bilder in Google Earth durch andere aus früheren Zeiten ersetzen.
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Kritik

Der Roman "Wilde Theorien" ist ein freches, skurriles Sprachkunstwerk, l'art pour l'art. Pola Oloixarac spielt pseudointellektuell mit Nonsense und der Sprache. "Wilde Theorien", das ist eine komödiantische Lektüre ohne zusammenhängende Handlung.
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Johan Van Vliet

Der niederländische Anthropologe Johan Van Vliet unternimmt 1917 mit seinen Doktoranden Fodder und Fischer eine Expedition zu den Fon, einem Volk im Königreich Dahomey (Benin). Er interessiert sich vor allem für Initiationsriten, durch die Knaben zu Männern werden oder Männer sich für den Sexualverkehr qualifizieren. Nur Krieger, die sich als Bestien gezeigt haben und nicht mehr als potenzielle Beutetiere, sondern als Raubtiere zurückkehren, erwerben ein Anrecht auf die Frauen der eigenen Ethnie.

Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen. Die Penetration des gegnerischen Fleischs ist die Vorbedingung, um das Fleisch des eigenen Stammes penetrieren zu dürfen.

[…] wird im Werk Van Vliets die natürliche Schlechtigkeit des Menschen zum Axiom: das Bestialische ist die Kritik, das Dogma.

Bald nach der Ankunft wenden sich die Fon gegen die Forscher. Johan Van Vliets Aufzeichnungen brechen im August 1917 ab. Den beiden Begleitern wird es zu gefährlich: Sie flüchten mit den Notizbüchern des Forschers und ziehen in die USA.

Im Januar 1949 sieht der Pilot Manners beim Überfliegen der Sümpfe im Nordosten von Johannesburg einen nackten weißen Mann rennen. Er meldet es, aber die Suchaktionen sind erfolglos. Johan Van Vliet bleibt verschollen.

Rosa Ostreech

Als Rosa Ostreech in Buenos Aires Philosophie zu studieren beginnt, ist Dr. Augusto García Roxler intellektuell bereits so gut wie tot.

Während seiner Zeit als Assistent der Philosophischen Fakultät hatte er an der 1915 gegründeten Colonia Nacional Dr. Manuel A. Montes de Oca in Luján, 80 Kilometer westlich von Buenos Aires, Erfahrungen als Pfleger von Jugendlichen mit Mikrozephalie gesammelt, und im Alter von 30 Jahren erarbeitete er den Entwurf seiner Universaltheorie des menschlichen Verhaltens, der Theorie der Egoistischen Übertragungen.

Mit dem Elan ihrer Jugend will Rosa Ostreech diese Theorie ausloten, nicht zuletzt durch die Verführung des Professors Collazo. Getrieben wird sie von der Überzeugung, dass nur sie das Werk vollenden könne.

Ihre Wohnung teilt sie sich mit einem Siamesischen Kampffisch (Betta splendens) namens Yorick und einer auf den Namen Montaigne Michelle hörenden Katze.

In dieser Nacht prasselte Gewitterregen gegen die Fenster meines pied-à-terre, und das Wasser in Yoricks Aquarium bebte wie bei einem Orkan. Montaigne Michelle hatte es irgendwie fertiggebracht, das Aquarium umzuwerfen. Yorick, der Herr der falschen Algen, überlebte. Das Telefon läutete; jemand rief an und legte wieder auf. Düstere Ahnungen suchten mich heim. Die Natur übt eine schaurige Wirkung auf mich aus. Häufig bereitet knarrendes Holz Schrecken in meinen Ohren, und das, was die Meteorologen Wind nennen, sind eidoi, für die es keinen menschlichen Begriff gibt. Diesmal bebte die Türklinke, als etwas Grauenhaftes von außen an ihr rüttelte. Ich klammerte mich an meine dreisprachige Ausgabe der Metaphysik von Aristoteles, die schön schwarz und handfest ist. Warm eingepackt in zwei Winterschlafanzüge setzte ich mir die Schreibmütze auf (eine Gewohnheit, die ich pflege, seit ich Little Women gelesen habe, erinnert ihr euch an Jo?) und verriegelte das einzige Fenster. Das Gewitter knisterte, verwandelte meine Gedanken in eine ominöse Kursivschrift. […] Bekanntermaßen ist die Erfahrung des Schreckens in tiefer Nacht essenziell für das richtige Verständnis von politischer Philosophie.

Rosa Ostreech beschreibt sich selbst folgendermaßen:

Wer diese Seiten liest, bevor wir einander persönlich vorgestellt wurden, darf eine Frau Anfang zwanzig vor sich sehen, pechschwarze Haare, beiges Regencape.

Ich habe ein tadelloses, überzeugendes und häufig unumgängliches Skelett – jedenfalls wenn man jenem gewissen Monstrum der Statistik glaubt, das angelockt wurde vom gierigen Schnüffeln junger Kerle, alter Säcke und sapphisch veranlagter Frauen. Ich verteile mich elegant auf weiches, rosiges Fleisch von unbestimmtem Farbton irgendwo zwischen dem Gold von Oliven und dem lyrischen Marmor des alten Byzanz. Meine restlichen Glieder rufen unterschiedliche Speichelmengen und Kommentare unterschiedlichsten Tenors zu Fragen angeborener Distinguiertheit und rioplatensischer Schönheit hervor; mein schwarzes Haar macht einen Satz ins Leere und hält dann, kurz bevor es meine Hüften streift, hingebungsvoll inne; meine Augen sind schwarz und tief, leicht schielend; mein Mund ist orthodox, ist schlicht rot. Vorne grüßen erlaucht die Zwillingstürme, mit wuchtigem Schwung nach oben zu einem zarten dorischen Hals, den Kinnbacken einer fleischfressenden Dame. […]

Mittlerweile sollte der Leser begriffen haben, dass das gegenwärtige Experiment vorschrieb, aus meinem Körper sowohl ein Laboratorium als auch eine Warte zu machen […].

Die kleine Kamtchowsky

Rodolfo Kamtchowsky, der bei Tanten aufwächst, weil seine Mutter früh an Krebs gestorben ist, kommt als 13-Jähriger zum Studium nach Buenos Aires und begegnet dort einer Psychologie-Studentin, die später seine Ehefrau wird. Die beiden bekommen eine Tochter.

Im Alter von elf Jahren begreift die kleine Kamtchowsky folgendes:

„In Ermangelung einer objektiven und verbindenden Moral bleibt uns nichts anderes übrig, als auf den privaten Ansatz einer Ethik geistiger Prozesse zu vertrauen. Davon ableiten lässt sich eine Form individueller Verantwortung. Dabei geht es nicht um einen kantianischen Impuls; zu keinem Zeitpunkt bin ich davon ausgegangen, dass es so etwas wie ein wahren ‚Wir‘ gibt.“

Sie tut sich mit dem Blogger Pabst (eigentlich: Pablo) zusammen, der in seinem Hass auf die Welt immer wieder neue Provokationen ersinnt.

Endlich ließ sich seine Erziehung zur Freiheit, die in einem solch krassen Widerspruch stand zu dem realen Gebrauch, den er in seinem armseligen Leben von dieser Freiheit hatte machen können, in die Praxis umsetzen. In Ausübung seines Rechts auf anonyme Aggression führte Pabst erbitterte Kämpfe gegen Invasoren und Feinde (beides potenzielle Bewunderer).

Das Internet stellte ihm ein Habitat zur Verfügung, in dem die Vergesellschaftungsprotokolle die Kontrolle über die eigene wie fremde Spontanität erlaubten, ein Instrument des Sozialen also, das wesentlich avancierter war als das grobe Verhalten in freier Wildbahn.

Die beiden jugendlichen Außenseiter philosophieren viel miteinander.

Kamtchowsky merkte an, dass der Unterschied vielleicht auf der Distanz zwischen Suffixen und Präfixen beruhte. Eine Suffix-Generation – wie die Morphologie von „Bewusstsein-an-sich“ und „Bewusstsein-für-sich“ deutlich macht – konzentriert ihre Aufmerksamkeit auf das, was herauskommt, was sich a posteriori (die Syntax lügt nicht) aus dem Bewusstsein herunterlässt; eine nachfolgende Generation hingegen, die die Frage des Bewusstseins in den ihrem Blick inhärenten Verurteilen verortet, optiert für das Präfix, für eine demselben Denkvermögen vorgängige, ihm intrinsische Charakteristik (zum Beispiel Selbst-Bewusstsein).

Als Pabst und die kleine Kamtchowsky einem anderen Paar begegnen – Mara und Andy – sind sie bald unzertrennlich.

Das vierhändige Idyll der schönen Mara und Andy und der definitiv fragwürdigeren Pabst und Kamtchowsky umfasste Zoo- und gelegentliche Kinobesuche. Da sie sich als nicht genügend pervers oder attraktiv einschätzten, um den Zugang zu ihrer Persönlichkeit auf einen solch fordernden Bereich wie den der Sexualität zu beschränken, gebärdeten sich Pabst und Kamtchowsky auch als intellektuell brillante und luzide Pessimisten.

Während es sich die kleine Kamtchowsky von vorn und hinten besorgen lässt, geht Pabst masturbierend in der Wohnung herum, die sich Mara und Andy teilen.

Pabst nahm seine Rolle als Priv.-DJ für fremdes Ficken und eigenes Wichsen sehr ernst, er und sein brandneuer alter ego DJ Milk Blow, produced by a. a. cumming, inc.

Aber:

Die Nähe zu den spärlichen Ressourcen (die Frauen, ihre nicht unendliche Anzahl von Öffnungen) förderte das Auftreten von Reibereien zwischen den männlichen Elementen; sogar in einem Umfeld friedlicher Kooperation ließ sich die Neigung zum Konkurrenzverhalten nicht vermeiden.

Nachdem die kleine Kamtchowsky einmal Ketamin geschnupft hat, das in Form eines Hakenkreuzes auf einem Klodeckel in der Toilette einer Gaststätte ausgestreut war, wird sie von zwei weißen Jungs durchgefickt und zur Diva des Amateurpornos, weil Bigtool4.U das Video ins Netz hochlädt und es viral geht.

Gorrita, der Mützenmann, der sich die Hose bis zu den Knien heruntergelassen hatte, hantierte mit seinem Penis herum und versuchte ihn in irgendeine von Kamtchowskys Öffnungen zu zwängen. Rulitos, das Lockenmännchen, war pragmatischer veranlagt, packte sie bei den Hüften, drehte sie um und zog sie zu sich heran.

Die kleine Kamtchowsky gibt sich nicht mit Blogs zufrieden, sondern schlägt vor, die Welt mit Videospielen im Internet zu verändern.

Kamtchowskys Idee gelangte auf den geistigen Bühnen von Andy, Mara und Pabst schon bald zur Aufführung. Schnell hatte man sich organisiert: Mara würde mit Hilfe Kamtchowskys an der Grafik arbeiten, Andy würde Lucio und Q kontaktieren, um die nötige Software zu entwickeln; das Drehbuch würden Pabst und Kamtchowsky schreiben.

Pabst sah in Kamtchowskys Idee ein soziologisches Dispositiv von großer Souveränität […].

Als Pabst und die kleine Kamtchowsky den im Keller bei seiner Mutter hausenden Nerd Q besuchen, um mit ihm an dem Projekt zu arbeiten, fallen ihnen Löcher in der Wand auf, und Q behauptet daraufhin, das seien Spuren seiner Ejakulationen.

„Einige sind ziemlich weit oben“, bemerkte die kleine Kamtchowsky. „Eben“, erwiderte Q, der mit verschränkten Armen vor seinem Werk stand. „Supermans Sperma kann auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigen. Die Wucht des Samenergusses ist absolut willkürlich, beim Menschen wie bei allen anderen irdischen Lebensformen; es wäre also unlogisch, für Kryptonianer etwas anderes anzunehmen. Aus einem Körper wie dem von Superman schießen die Spermien heraus wie eine Maschinengewehrsalve.“

Die Nerds hacken sich in das Domain Name System (DNS) und leiten alle aus Buenos Aires an Google Earth gestellten Anfragen um. Sie ersetzen die aktuellen Bilder durch echte und gefälschte Aufnahmen aus früheren Zeiten.

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Im Klappentext heißt es:

Sie möchten sich von einem Roman verzaubern lassen? Literarische Figuren kennenlernen, die zu guten Freunden werden? In »Wilde Theorien« gibt es nichts davon ‒ nur Intellektuelle Trolle mit empathiefreiem Weltzugang, grenzenloser Lust an der Provokation und dem unstillbaren Wunsch, zu dominieren.

Genauso ist es. Pola Oloixarac erzählt in ihrem Debütroman „Wilde Theorien“ keine durchgehende Geschichte mit lebendigen Charakteren, und die Cliffhanger, mit denen einige Kapitel enden, erweisen sich allesamt als Bluff. „Wilde Theorien“ ist ein freches, skurriles Sprachkunstwerk, l’art pour l’art. Pola Oloixarac spielt pseudointellektuell mit Nonsense und mit einer Sprache, die genüsslich mit Fremdwörtern und Fachausdrücken gespickt ist.

Dabei tritt übrigens die von sich überzeugte Philosophiestudentin Rosa Ostreech zwischendurch als Ich-Erzählerin auf.

Passagen in „Wilde Theorien“ lassen sich als satirische Anspielung auf den Machismo und die Peronistische Stadtguerilla der Siebzigerjahre verstehen (Movimiento Peronista Montonero).

Die Handlungsfragmente spielen vor monströsen Kulissen, 1917 bei einer indigenen Ethnie in Afrika ebenso wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Buenos Aires bzw. im Internet. Aber „Wilde Theorien“ ist keine düstere, sondern eine komödiantische Lektüre.

Pola Oloixarac wurde 1977 in Buenos Aires geboren. An der Universidad de Buenos Aires studierte sie Philosophie. 2008 debütierte sie als Schriftstellerin mit dem Roman „Las teorías salvajes“ / „Wilde Theorien“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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