Angelika Rehse : Josses Tal

Josses Tal
Josses Tal Originalausgabe Pendragon Verlag Günther Butkus, Bielefeld 2023 ISBN 978-3-86532-831-1, 400 Seiten ISBN 978-3-86532-849-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Josef Tomulka, dessen Existenz besonders vom Großvater als Familienschande angesehen wird, weil die Mutter unverheiratet ist, erfährt vom Nachbarsohn erstmals Zuwendung. Wilhelm Reckzügel, ein überzeugter Nationalsozialist, erwartet allerdings im Gegenzug, dass der Schüler beispielsweise Regimekritiker denunziert. Im Alter von 79 Jahren legt "Josse" 2004 seine Lebensbeichte ab.
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Kritik

Angelika Rehse geht es wohl um die Frage, wie "normale" Menschen zu Mitläufern und Tätern des NS-Regimes werden konnten. "Josses Tal" dreht sich um Manipulation und Verblendung, Lüge und Täuschung, Schuld und Reue. Angelika Rehse veranschaulicht das alles am konkreten Beispiel in kurzen Szenen und vermeidet es, abstrakt auf die Zeitgeschichte einzugehen.
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Uneheliches Kind

Josef Tomulka ist fünf Jahre alt, als die Großeltern Fritz und Frieda Tomulka und seine Mutter Helene Tomulka im Juli 1930 mit ihm von Gleiwitz-Ostropa nach Dorotheenthal im schlesischen Landkreis Reichenbach umziehen. Die Familie hofft, dass sie dort die Schande verheimlichen kann, dass Josef ein uneheliches Kind ist. Helene hatte eine Anstellung in Breslau, kam jedoch im Alter von 20 Jahren schwanger von dort nach Gleiwitz zurück. Am neuen Wohnort behaupten die Tomulkas, Josefs Vater sei kurz vor der geplanten Heirat mit Helene bei einem Grubenunglück umgekommen.

Für den Umzug nimmt Fritz Tomulka sogar einen beruflichen Abstieg von der gelernten Fachkraft der Kunstgussgießerei in Gleiwitz zum Hilfsarbeiter einer Weberei in Reichenbach in Kauf.

Von Mutter oder Großmutter erfährt Josef keine Zuwendung, und der Großvater hasst den Enkel, schlägt ihn und ohrfeigt ihn so heftig, dass ein Trommelfell platzt. Als der in Berlin Medizin studierende Nachbarsohn Wilhelm Reckzügel während eines Besuchs bei den Eltern Wilhelm und Lieselotte sowie den Geschwistern Werner und Waldtraud mitbekommt, wie Fritz Tomulka seinen Enkel schlägt, baut er sich in SA-Uniform vor ihm auf und rät ihm, es nie wieder zu tun.

Wilhelm Reckzügel sorgt außerdem dafür, dass Josef nicht länger von Gleichaltrigen gemobbt wird. Vom Nachbarsohn wird das Kind erstmals in seinem Leben gemocht und anerkannt.

Unterstützung

Am 5. Mai 1933 kommt Wilhelm in die Dorfschule und bittet den Lehrer Kurt Vaupel, Josef für eine Woche vom Unterricht freizustellen, denn er benötige dessen Mithilfe in Berlin. Dadurch verschafft er Josef zusätzlich Respekt.

In Berlin geht es um die Vorbereitung der am 10. Mai groß aufgezogenen „Aktion wider den undeutschen Geist“. Josef hilft mit, Bibliotheken zu „säubern“ und bei der der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz.

Am 10. Juli 1935 wird Josef zehn Jahre alt, aber weder seine Mutter noch seine Großeltern denken an den Geburtstag – anders als Wilhelm. Der kommt eigens aus Berlin, um seinem Schützling zu gratulieren und ihn zum Jungzugtreffen in Peterswaldau zu begleiten. Josef wird vom Jungvolk des Gaues Niederschlesien und der Stadt Peterswaldau im Kreis Reichenbach begrüßt und aufgenommen.

Bevor Wilhelm nach Berlin zurückkehrt, wo er sich auf die Abschlussprüfungen vorbereitet, macht er Josef zum Spitzel. Er möchte wissen, in welcher Wohnung kein Hitler-Bild hängt, wer bei Juden einkauft, wer jüdische Arztpraxen aufsucht oder auf andere Weise auffällt. Von da an schaut und hört sich Josef um, wenn er mit der Sammelbüchse in Dorotheenthal, Peterswaldau, Reichenbach und Langenbielau von Haus zu Haus geht. Aufgrund seiner Meldungen werden einige Bewohner von SA-Männern zusammengeschlagen.

Die Lehrer erreichen Ende 1935, dass Fritz Tomulka seinen Widerstand gegen einen Wechsel des Enkels an eine höhere Schule aufgibt und Josef schließlich das Gymnasium zu Reichenbach besuchen darf.

Ab Sommer 1936 trägt Wilhelm Reckzügel eine SS-Uniform. Auch zur Feier des 12. Geburtstags seines Schützlings kommt er 1937 nach Dorotheenthal und ist dabei, als Josef zum Jungzugführer ernannt wird.

Tod der Mutter

Helen Tomulka erkrankt Ende 1937 an Diphtherie und müsste eigentlich in eine Krankenhaus-Isolierstation gebracht werden, aber der jüdische Hausarzt Dr. Bornstein sorgt dafür, dass sie zu Hause gepflegt werden kann.

Kurz vor dem Tod ruft sie ihren Sohn ans Bett. Sein Vater sei ein guter Mensch gewesen, flüstert sie und nennt erstmals den Namen: David Silberborn. Dessen Eltern hatten ein großes Geschäft in Breslau, waren aber noch vor Josefs Geburt aus Furcht vor den aufstrebenden Nationalsozialisten in die USA ausgewandert. Das Foto seines Vaters, das Helen ihrem Sohn geben möchte, nimmt er nicht an. Stattdessen rennt er verstört aus dem Haus – und weigert sich dann, an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Er wird von der Familie Reckzügel aufgenommen und im Zimmer der Tochter Waltraud einquartiert, die inzwischen den Haushalt eines verwitweten Tuchmachers in Schweidnitz führt.

Verheimlichung

Der NSDAP-Ortsgruppenleiter Johann Tenkhoff drängt Josef im August 1938, auf eine Napola (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) zu wechseln, aber für die Eliteschulen benötigt man einen Ariernachweis, und den kann Josef nicht beibringen, weil in seiner Geburtsurkunde kein Vater angegeben ist und Josef angeblich nichts über seinen Erzeuger weiß.

Wilhelm Reckzügel, der im April 1938 promovierte und als Assistenzarzt in der Berliner Charité zu arbeiten anfing, avanciert im Juni 1940 zum Stationsarzt im Elisabethenhospital in Breslau.

Im Sommer 1941 begegnet Josef der Ordensschwester Tabea, die das Waisenhaus in Langenbielau leitet. Ihr vertraute Helen Tomulka vor dem Tod David Silberborns Kippa an, mit der Bitte, sie später ihrem Sohn als Andenken an seinen Vater weiterzugeben. Josef ist entsetzt, als er begreift, dass Schwester Tabea über seine Herkunft Bescheid weiß. Die Kippa seines Vaters ist das Letzte, was er haben möchte. Er kann nur hoffen, dass weder Wilhelm noch andere Nationalsozialisten von seiner halbjüdischen Abstammung erfahren.

Kritische Stimmen

Josef entdeckt in der Dorfschule einen geheimen Raum, in dem verbotene Literatur versteckt ist. Statt den Fund zu melden, liest er in den Büchern und schaut sich in Bildbänden „entartete Kunst“ an.

Wenn er Leute belauscht, hört er Dinge über Hitler und das NS-Regime, die ihm zu denken geben. Er erfährt von der Ermordung der Kinder, die von den Nationalsozialisten als „Ballastexistenzen“ betrachtet werden. Der Pfarrer redet beispielsweise mit anderen über den kleinen Gottlieb Haase aus der Gemeinde, der im Kinderheim war und dessen Eltern die Nachricht erhielten, der Junge sei an Lungenentzündung gestorben und man habe die Leiche wegen Infektionsgefahr unverzüglich einäschern müssen.

Die Kriegswitwe Else Winkler äußert sich immer wieder kritisch über die Regierung. Ihr Ehemann fiel kurz vor der Geburt der Tochter im Ersten Weltkrieg. Als Josef sie im August 1942 beschattet, um herauszufinden, ob sie die Insassen des im Frühjahr neben der zur Munitionsfabrik umgerüsteten Weberei eingerichteten Lagers heimlich mit Nahrungsmittel versorgt, kommen zwei Hitlerjungen dazu und wollen der Witwe zum Spaß einen Schreck einjagen. Von drei Seiten stürmen die Jungen mit ausgebreiteten Armen „wie aufgescheuchte Krähen“ auf sie zu. In Panik geraten, springt Else Winkler über eine Mauer des Mühlbachs.

Hätten Josef und die beiden anderen nach ihr geschaut, wäre Else Winkler zu retten gewesen. Sie war mit dem Kopf aufgeschlagen, konnte sich nicht mehr erheben und wurde erst am nächsten Morgen zufällig von einem Arbeiter entdeckt. Sie starb an einer Lungenentzündung.


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Aufdeckung

Als Wilhelm Reckzügel 1942 zum Weihnachtsbesuch nach Dorotheenthal kommt, kündigt er seine Eheschließung an. Die Feier ist für Mai 1943 im Haus seines Schwiegervaters in Breslau geplant. Obwohl sie im kleinen Kreis stattfinden soll, erhält Josef eine Einladung.

Im Mai 1943 fährt er mit dem Zug nach Breslau und wird von Wilhelm Reckzügel abgeholt. Der nimmt ihn mit in die neubarocke Villa aus dem Jahr 1890, in die er gerade mit seiner Braut Rosemarie einzieht. Das Anwesen hatte früher einer jüdischen Familie gehört. Wilhelm verdankt den Besitz seinem Schwiegervater, einem hohen NSDAP-Funktionär.

Eher beiläufig erhält Josef von Wilhelm ein lackiertes Schmuckkästchen, auf dem „Schalom“ in hebräischer Schrift steht. Es enthält nicht nur einen Brief der schwangeren Helene Tomulka an David Silberborn, sondern auch zwei Fotos der beiden.

Das Kästchen sei per Post aus Breslau nach Gleiwitz-Ostropa gekommen, erklärt Wilhelm. Fritz Tomulka schickte es zurück, und der neue Bewohner der Villa legte es auf den Dachboden.

Wilhelm weiß seit Jahren von Josefs jüdischem Vater.

Als Josef begreift, dass er manipuliert wurde, schlägt er zu, bricht Wilhelm die Nase und tritt mehrmals auf den am Boden Liegenden ein, bevor er losrennt.

Norwegen

Auf der Straße prallt er mit SS-Hauptsturmführer Bärwald zusammen, und ohne nachzudenken, behauptet er, unterwegs zu sein, um sich zum Kriegsdienst zu melden. Bärwald nutzt die Gelegenheit, um den fast 18-Jährigen, der morsen kann, für einen Einsatz unter strengster Geheimhaltung zu rekrutieren. Mit sechs anderen Soldaten wird der Funker Tomulka nach Oslo geflogen.

Bei einer Pause auf dem Weg nach Trondheim entdeckt Josef in der Nähe von Lillehammer ein Feuer auf einem Bauernhof 300 Meter abseits der Straße. Er rennt hin und trifft auf eine verzweifelt nach ihren Kindern rufende Mutter. Beherzt übergießt sich Josef mit einer Kanne Milch und stürmt in die brennende Scheune, um Gunnar und Thale zu retten. Dann reißt er sich die Uniform vom Körper und wirft sie in die Flammen. Finja, so heißt die Mutter der Zwillinge, nimmt den Nackten mit ins Haus, schiebt einen Tisch zur Seite, hebt einen Flickenteppich hoch und öffnet eine Falltür.

Zwei Jahre lang versteckt sich Josef mit Hilfe der Norweger, die ihn „Josse“ nennen.

Offiziell kam der Wehrmachtsfunker Josef Tomulka bei der heldenhaften Rettung von zwei norwegischen Kindern aus einer brennenden Scheune ums Leben. Weil jedoch keine Leiche gefunden wurde, schickte man seine Begleiter zum Strafeinsatz an die Ostfront.

Juli 2004

Im Juli 2004 reist eine Frau namens Helen nach Lillehammer, wo der inzwischen 79-jährige Josse noch immer als Einsiedler in einer Blockbohlenhütte lebt. Helen, möchte mehr über den Tod ihrer Urgroßmutter Else Winkler erfahren, und Josse ist bereit für einen Lebensbericht.

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Im Alter von knapp 74 Jahren debütierte Angelika Rehse im Frühjahr 2023 als Romanautorin: „Josses Tal“ lautet der Titel des Buches.

Im Mittelpunkt steht Josef Tomulka, dessen Existenz besonders vom Großvater als Familienschande angesehen wird, weil die Mutter unverheiratet ist. Zuwendung erfährt das Kind erst vom Nachbarsohn im schlesischen Dorf Dorotheenthal, der sich früh in der NSDAP engagiert, in Berlin Medizin studiert und als NS-Arzt Karriere macht. Wilhelm Reckzügel setzt sich für seinen Schützling ein und sorgt dafür, dass Josef in der Hitlerjugend sowohl Erfolg hat als auch Anerkennung erfährt. Im Gegenzug erwartet er beispielsweise die Beteiligung bei der Bücherverbrennung in der „Aktion wider den undeutschen Geist“, Spitzeldienste und Denunziationen. Josef fühlt sich endlich angenommen und merkt nicht, wie er von seinem vermeintlichen Freund manipuliert wird. Er verheimlicht seinen jüdischen Vater und ahnt nicht, dass Wolfgang darüber längst Bescheid weiß. Was er bei seinen Spitzeldiensten von regimekritischen Menschen hört, bringt ihn allmählich zum Zweifeln, und dass er am Tod der Kriegswitwe Else Winkler mitschuldig ist, macht ihm zu schaffen.

Die eigentliche Geschichte, die Angelika Rehse in „Josses Tal“ aus der Sicht bzw. Rückschau des Protagonisten entwickelt, beginnt 1930 und endet 1943. Eingerahmt ist sie vom Besuch einer Urenkelin von Else Winkler bei „Josse“ 2004 in Norwegen. Der inzwischen 79-Jährige legt vor ihr seine Lebensbeichte ab.

Angelika Rehse geht es wohl um die Frage, wie „normale“ Menschen zu Mitläufern und Tätern des NS-Regimes werden konnten.

„Josses Tal“ dreht sich um Manipulation und Verblendung, Lüge und Täuschung, Schuld und Reue. Angelika Rehse veranschaulicht das alles am konkreten Beispiel in kurzen Szenen und vermeidet es, abstrakt auf die Zeitgeschichte einzugehen. Themen wie Euthanasie, Judenverfolgung, Zwangsarbeit und Konzentrationslager reißt die Autorin nur kurz an. Dadurch vermeidet sie eine Überfrachtung des Romans.

Gerade weil Angelika Rehse in keiner Weise überambitioniert ist, lässt sich ihr Roman „Josses Tal“ trotz der tragischen Handlung leicht lesen.

Den Roman „Josses Tal“ von Angelika Rehse gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Brigitte Carlsen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Pendragon Verlag

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