Philipp Reinartz : Fremdland

Fremdland
Fremdland Originalausgabe Goldmann Verlag, München 2019 ISBN: 978-3-442-48804-9, 319 Seiten ISBN: 978-3-641-19872-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In einem Seniorenheim in Berlin wird eine Greisin ermordet. Jerusalem ("Jay") Schmitt, der die Ermittlungen leitet, erkennt erst nach längerer Zeit die Verbindung zu einem 20 Jahre alten Fall. Damals fand man die Leichen eines aus dem Senegal geflüchteten Paares in einem Auto und davor zwei tote Polizisten …
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Kritik

Philipp Reinartz entwickelt die Handlung seines Kriminalromans "Fremdland" in 66 kurzen Kapiteln. Dabei wechselt er zwischen zwei Zeitebenen ebenso wie zwischen den Handlungssträngen, bis diese immer enger verflochten sind und Zusammenhänge erkennbar werden.
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Jay Schmitt

Jerusalem („Jay“) Schmitt ist 37 Jahre alt. Vor kurzem hat der auch im Ausland ausgebildete Kriminalbeamte die Leitung der neu gegründeten Neunten Mordkommission für besondere Fälle in Berlin übernommen. Sein inzwischen pensionierter Vater Gunther hatte es nur bis zum Polizeiobermeister gebracht.

Eine Hand wäscht die andere

Vor 20 Jahren erwischte Gunther Schmitt bei einer Verkehrskontrolle einen aufstrebenden Kollegen, der Auto fuhr, obwohl er zu viel getrunken hatte. Dieter Grzesinski brachte ihn jedoch dazu, das Delikt zu vertuschen und entfernte als Gegenleistung seinen Namen aus einer Akte über einen Fall, bei dem Gunther Schmitt auf eine vorgetäuschte Vergewaltigung hereingefallen war. Jays Vater sagt, er habe sich nicht zuletzt aus Mitleid zu der Strafvereitelung im Amt überreden lassen, denn Dieter Grzesinski habe damals gerade zwei seiner Kollegen bei einer Schießerei verloren. Jedenfalls stand dessen Karriere nach der Vertuschung des Verkehrsdelikts nichts im Weg, und er avancierte im Landeskriminalamt 4 zum Dezernatsleiter.

Inzwischen ist er pensioniert. Obwohl der Korruptionsfall längst verjährt ist, geht Jay der Sache nach und erkundigt sich bei dem Dezernatsleiter Steffen Bäumer nach der Adresse des Vorgängers. Er sucht Dieter Grzesinski auf, der allein in einer Hütte am See wohnt, und lässt sich berichten, was damals geschah.

Ein 20 Jahre altes Verbrechen

Aus dem Archiv besorgt  sich Jay Schmitt die Akte über die Morde vor 20 Jahren auf dem Gelände der stillgelegten Koletzki-Fabrik. Bei zwei der vier Toten – Holger Heinsmann und Thorsten Schlüter – handelte es sich um Polizisten aus Dieter Grzesinskis Sondereinheit im LKA 4, der Operativen Gruppe City West. Nach offizieller Darstellung wurden die beiden aus ihrem Streifenwagen ausgestiegenen Beamten von einem Privatauto auf dem Koletzki-Gelände totgefahren. Sie konnten die beiden Insassen – Aissa und Mouhamadou Diallo – noch erschießen, sich jedoch nicht mehr rechtzeitig zur Seite werfen.

In einer Kneipe spürt Jay Schmitt einen Mann namens Hermann Brasch auf, der für die Spurensicherung auf dem Koletzki-Gelände verantwortlich war, inzwischen jedoch frühpensioniert ist. Brasch wies schon damals darauf hin, dass Blutspuren von Mouhamadou Diallo auch in einer der leeren Lagerhallen sichergestellt worden waren, aber niemand beachtete das weiter. Nach wie vor vermutet Hermann Brasch, dass der Afrikaner die beiden Polizisten im Auftrag eines Mafioso auf das Fabrikgelände lockte. Dort wurden Holger Heinsmann und Thorsten Schlüter totgefahren, und dann ermordeten die Auftraggeber auch den Senegalesen und dessen Frau, damit es so aussah, als hätten sich die vier Personen gegenseitig und ohne eine Beteiligung anderer getötet.

Mord im Seniorenheim

Jay wird von seinem Stellvertreter Marcel in die Seniorenresidenz Gregorhof gerufen. Die 97-jährige Bewohnerin Louisa Sprenger ist tot. Augenscheinlich hat jemand ihr Sauerstoffgerät manipuliert, sodass sie erstickte. Es hätte sich leicht um einen perfekten Mord handeln können, aber auf dem Tisch liegt ein Zettel der Täterin oder des Täters mit rätselhaften Verszeilen. Es dauert einige Zeit, bis die Ermittler herausfinden, dass es sich um Texte aus verschiedenen Liedern handelt. Schließlich glauben sie, einen Code entdeckt zu haben: 2, 8, 7, 14. Die vier Zahlen könnten für den 28. Juli 1914 stehen, den Tag, an dem der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo ermordet wurden [Attentat von Sarajewo]. Aber das bringt die Polizei auch nicht weiter.

Entführung

Obwohl die Dezernatsleiterin Martha Klewicz ungeduldig auf eine Aufklärung des Mordfalls im Seniorenheim wartet, arbeitet Jay Schmitt parallel dazu an der Aufklärung des vor 20 Jahren begangenen Verbrechens. Der Akte entnimmt er, dass das senegalesische Paar eine achtjährige Tochter hinterließ, die daraufhin ins Kinderheim Sonnenhaus kam. Dort erfährt er nicht nur, dass Marième Diallo die Einrichtung nach zehn Jahren verließ, ohne eine Adresse anzugeben, sondern auch, dass sich wenige Tage vor ihm bereits jemand anderes von der Polizei nach ihr erkundigte.

Auf der Suche nach einer Vertrauensperson Marièmes stoßen Jay Schmitt und seine Kollegin Sonya Mainitz auf Olaf Dengel, der seit mehr als 20 Jahren im Sonnenhaus kocht. Zuerst tut er so, als wisse er nichts und habe keinen Kontakt mehr zu der früheren Bewohnerin. Erst als Jay und Sonya ihm klarmachen, dass Marième Diallo wahrscheinlich in Gefahr ist, weil noch jemand nach ihr sucht, vertraut er ihnen an, wo sie zu finden ist.

Die 38-Jährige, die sich inzwischen Aya Diallo nennt, öffnet die mit der Sperrkette gesicherte Wohnungstür nur einen Spalt. Zwar lässt sie Jay und Sonya nicht herein, denn sie misstraut der Polizei, aber sie nimmt eine Visitenkarte an und gibt ihnen eine Mappe mit, in der sie Material über den Mordfall von damals gesammelt hat.

Bald darauf erhält Sonya Mainitz einen Anruf. Jemand sei an ihrer Wohnungstür, berichtet Aya Diallo. Im nächsten Augenblick bricht jemand bei ihr ein. Als Sonya und Jay hinkommen, sehen sie das kaputte Türschloss. Aya Diallo ist fort. Es sieht nach einer Entführung aus.

Die Fälle scheinen aufgeklärt zu sein

Im Mordfall Louisa Sprenger finden die Ermittler heraus, dass die Tochter einer vor einem Jahr verstorbenen anderen Bewohnerin des Gregorhof mit Dieter Grzesinski liiert war. Aufgrund seiner Besuche in der Seniorenresidenz wusste er über die Zugangsmöglichkeiten Bescheid und kannte möglicherweise auch Louisa Sprenger.

Ein Verdacht drängt sich auf: Dieter Grzesinski, der vor 20 Jahren mit Kollegen zusammen vergeblich in einer Kneipe auf Holger Heinsmann und Thorsten Schlüter wartete, könnte schließlich nach ihnen gesucht und ihre Leichen auf dem Koletzki-Gelände gefunden haben. Vielleicht erschoss er das senegalesische Paar in einer Kurzschlussreaktion und manipulierte dann den Tatort. In diesem Fall hätten ihn Jay Schmitts Nachforschungen beunruhigt. Ermordete er nun die Greisin und hinterließ rätselhafte Verszeilen, um Jay abzulenken? Beschattete er ihn, um die Tochter der vor 20 Jahren Ermordeten aufzuspüren, die schon damals an den polizeilichen Ermittlungsergebnissen zweifelte und möglicherweise etwas weiß, das dem Mörder ihrer Eltern gefährlich werden könnte? Allerdings haben ein Wirt und mehrere Gäste bestätigt, dass Dieter Grzesinski zum Zeitpunkt der Entführung in einer Kneipe saß.

Ein Sondereinsatzkommando stürmt die Hütte am See. Dieter Grzesinski liegt tot auf dem Boden. Er scheint sich mit einem Gewehr erschossen zu haben. Das käme einem Geständnis gleich.

Aus seiner verschlossenen Saunahütte holt die Polizei die Entführte und befreit sie auch von ihren Fesseln.

Jay Schmitt ermittelt weiter

Obwohl es nicht so aussieht, glaubt Jay, dass Dieter Grzesinski nicht allein handelte.

Er lässt sich von seinem Vater auf einem Stadtplan zeigen, wo damals die Verkehrskontrolle stattfand. Dann markiert er sowohl das Koletzki-Gelände als auch Dieter Grzesinskis damalige Adresse. Offensichtlich war Dieter Grzesinski damals nicht auf dem Weg von der stillgelegten Fabrik zurück zur Kneipe oder zu seiner Wohnung. Aber wohin wollte er?

Jay lässt damalige Mitglieder der Operativen Gruppe City West auflisten und zeichnet die Adressen auf dem Stadtplan ein. Bei einer davon liegt der Ort der Verkehrskontrolle auf direktem Weg zu Dieter Grzesinskis eigener Adresse.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Aissa und Mouhamadou Diallo

Aissa und Mouhamadou Diallo flohen vor 20 Jahren mit ihrer Tochter Marième aus der Casamance im Senegal nach Deutschland. Die zahlreichen Baustellen in Berlin machten dem afrikanischen Maurer Hoffnung, aber nirgendwo bekam er Arbeit. Über einen Bauarbeiter kam er schließlich in Kontakt mit einem Mann, der ihm einen Job als Kleindealer von Haschisch anbot. Mouhamadou Diallo lehnte zunächst ab, aber als er zwei Wochen später noch immer keine andere Einkommensquelle gefunden hatte, ließ er sich auf das Geschäft ein und log seine Frau an. Er arbeite auf einer Baustelle, sagte er.

Als ihn die Polizei im Park aufgriff und zusammenschlug, behauptete er Aissa gegenüber, er sei gestürzt. Sie glaubte ihm nicht, und zwei Wochen später folgte sie ihm unbemerkt mit dem Auto zum Park. Sie beobachtete, wie er einen Mann ansprach, der allein mit einem aufgeschlagenen Buch auf einer Bank saß. Dann ging alles ganz schnell.

Tatsächlich handelte es sich bei dem Mann auf der Parkbank um einen Lockvogel. Thorsten Schlüter von der Operativen Gruppe City West hatte die Aufgabe übernommen. Zwei seiner Kollegen schlenderten Eis essend in der Nähe herum. Die drei Polizisten brachten den Dealer zum Revier, und Holger Heinsmann, der ihn bereits nach der ersten Festnahme zusammengeschlagen hatte, trat im Vernehmungsraum den Stuhl des Afrikaners um, sodass dieser mit dem Kopf auf den Boden aufprallte.

Aissa Diallo wartete vor dem Revier, bis zwei Männer – Thorsten Schlüter und Holger Heinsmann – mit ihren Mann wieder herauskamen und ihn mit einem Streifenwagen zum Koletzki-Gelände fuhren. Dort schleppten sie ihn auf eine Rampe. Einer von ihnen – Holger Heinsmann – zog seine Dienstwaffe, richtete sie auf den am Boden kauernden Afrikaner und feuerte einen Schuss ab.

Nachdem Aissa Diallo das von Weitem gesehen hatte, fuhr sie langsam und ohne Licht näher hin. Die Polizisten hörten den Motor, gingen dem Auto entgegen und fragten sich, wer da gleich aussteigen würde. Plötzlich flammten die Scheinwerfer auf, Aissa Diallo gab Gas und überfuhr die beiden Männer. Dann rannte sie zur Rampe. Aber da lag niemand mehr. Es war eine Scheinrichtung. Aissa fand Mouhamadou in der Halle. Sie drängte ihn, rasch mit ihr zum Auto zu gehen, aber er war kaum in der Lage, sich auf den Beinen zu halten. Bevor sie fliehen konnten, tauchte ein weiterer Deutscher auf. Der zwang das Paar, sich in das Auto zu setzen, vor dem die beiden toten Polizisten lagen – und erschoss sie durch die Windschutzscheibe.

Showdown

Zwanzig Jahre später klingelt Jay Schmitt am Privathaus des Dezernatsleiters Steffen Bäumert. Er brauche seinen Rat, erklärt er und fährt mit ihm zum Koletzki-Gelände. Dort steigen sie aus. Jay schildert, was damals passiert sein könnte. In einem entscheidenden Punkt weicht er von der bisherigen Theorie ab: Es war nicht Dieter Grzesinski, der nach Thorsten Schlüter und Holger Heinsmann suchte, die nicht zu den anderen in die Kneipe kamen und sich auch nicht übers Telefon im Streifenwagen meldeten, sondern er beauftragte einen anderen Kollegen. Der fand die beiden Toten, rächte sie, und während der Fahrt nach Hause wurde ihm bewusst, dass er zwei Menschen ermordet hatte. Er rief Dieter Grzesinski an, der sofort zu ihm fuhr. Sie glaubten, dass sich das Verbrechen vertuschen lassen würde, weil es so aussah, als hätten sich die vier Personen auf dem Fabrikgelände gegenseitig getötet. Auf dem Rückweg geriet Dieter Grzesinski in die Verkehrskontrolle.

Zwanzig Jahre lang wuchs Gras über die Sache. Dann fing Jay Schmitt mit neuen Nachforschungen an, und es war zu befürchten, dass er von der Tochter der beiden ermordeten Senegalesen Hinweise bekommen könnte, die seine Zweifel an der offiziellen Darstellung des Tathergangs von damals verstärken würden. Um die Ermittler abzulenken, ermordete Dieter Grzesinskis Kumpan die Greisin im Seniorenheim. Als sich die Schlinge um den pensionierten Kriminalbeamten zuzog, versuchte der dreifache Mörder seine eigene Haut zu retten, entführte Aya Diallo, sperrte sie in Dieter Grzesinskis Sauna, erschoss seinen früheren Kollegen und täuschte einen Suizid vor.

Als Steffen Bäumert begreift, dass er gemeint ist, flüchtet er in die Halle. Dort gelingt es ihm, Jay Schmitt die Dienstwaffe zu entreißen und ihn umzuwerfen. Er richtet die Pistole auf ihn.

„Was habe ich denn falsch gemacht?“, schrie Bäumert jetzt. „Das waren Kriminelle. Das waren Mörder. Die haben meine Kollegen umgebracht. In jedem anderen Land wäre man als Held …“
Wieder brach er ab, wollte sich nicht auf einen Dialog mit Jay einlassen.
„Und Sprenger? Grzesinski?“
„Ich gehe doch nicht jetzt in den Knast für eine Sache, die zwanzig Jahre her ist.“

Bäumert  drückt ab. Aber Jay hatte die Waffe nicht geladen. Und in diesem Augenblick stürmen die Männer vom SEK herbei, um den Dezernatsleiter festzunehmen.

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Philipp Reinartz beginnt seinen Kriminalroman „Fremdland“ mit der Ankunft einer senegalesischen Flüchtlingsfamilie in Berlin. Von da an entwickelt er die Handlung im ständigen Hin und Her mehrerer Handlungsstränge, bis diese immer enger verflochten sind. Weil anfangs nicht erkennbar ist, wie die verschiedenen Vorgänge zusammenhängen und sogar im Dunkeln bleibt, dass der Autor zwischen zwei weit auseinander liegenden Zeitebenen wechselt, entwickeln sich Sog und Spannung in „Fremdland“ erst nach einigen kurzen Kapiteln. Bis zum 66. Kapitel steigert Philipp Reinartz dann auch das Tempo.

Offenbar dachte er bei dem Plot für „Fremdland“ an den Hamburger Polizeiskandal. Der Nachname der Romanfigur Mouhamadou Diallo ähnelt dem Vornamen Dialle eines Mannes, von dem es heißt, er sei am 15. Januar 1994 von zwei Polizisten, die nicht im Dienst waren, zusammengeschlagen worden. Von dem Frankfurter Polizeiskandal, der Ende 2018 publik wurde und bei dem es ebenfalls um fremdenfeindliche bzw. rechtsradikale Polizisten geht, konnte Philipp Reinartz beim Schreiben des Manuskripts noch nichts wissen.

Gesellschaftspolitische Themen wie Migration oder Amtsmissbrauch werden in dem Kriminalroman „Fremdland“ allerdings nicht vertieft. Ebenso wenig leuchtet Philipp Reinartz die Romanfiguren psychologisch aus; er nutzt die Perspektivenwechsel kaum dazu, unterschiedliche Denkmuster zu vermitteln, sondern zum Spannungsaufbau.

„Fremdland“ ist der zweite Band einer von Philipp Reinartz 2017 mit „Die letzte Farbe des Todes. Jerusalem Schmitt ermittelt“ begonnenen Reihe.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Goldmann Verlag

Polizeiskandale in Hamburg und Frankfurt

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