Julia Schoch : Das Liebespaar des Jahrhunderts

Das Liebespaar des Jahrhunderts
Das Liebespaar des Jahrhunderts Biographie einer Frau Originalausgabe dtv Verlagsanstalt, München 2023 ISBN 978-3-423-28333-5, 190 Seiten ISBN 978-3-423-44178-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine als Offizierstochter in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin, die seit 31 Jahren mit demselben Mann zusammen ist und zwei Kinder hat, denkt über ihre Liebesbeziehung nach. Sie will sich von ihrem Lebensgefährten trennen und fragt sich, ob das mehr Verlust oder Befreiung sein würde.
mehr erfahren

Kritik

In Julia Schochs autofiktionalem Roman "Das Liebespaar des Jahrhunderts. Biographie einer Frau" erfahren wir keine Namen. Die Ich-Erzählerin – eine in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin wie Julia Schoch – entwickelt die Geschichte vom Ende her, in einem an das Du des Mannes gerichteten feinsinnigen und grüblerischen aber auch egozentrischen Monolog.
mehr erfahren

Der Beginn

Im Grunde ist es ganz einfach: Ich verlasse dich. […]
Am Anfang habe ich zu dir gesagt: Ich liebe dich.
Drei Wörter am Anfang, drei Wörter am Ende.

Seit 31 Jahren sind die beiden ein Paar. Geheiratet haben sie nie, auch nicht, als sie zwei Kinder bekamen. Die gehen inzwischen eigene Wege. Und die Ich-Erzählerin grübelt über ihre Liebesbeziehung mit ihm. Namen erfahren wir keine.

Alles begann kurz nach der Wende, als sie noch in einer kleinen Mietwohnung im sechsten Stock einer Plattenbausiedlung am Rand von Ostberlin wohnte und ihr Studium durch einen Job im Kino finanzierte. Aufgewachsen war sie in Mecklenburg, aber ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie zu studieren begonnen hatte. Er rief an, fragte, ob sie Vanilletee möge – und kam kurz darauf mit einer Packung zu ihr.

Wir schlossen einen Drei-Jahres-Pakt. Du hast gesagt: Wenn wir drei Jahre schaffen, sehen wir weiter.

Ihr Vater war in der DDR Offizier gewesen, sein Vater ein regimekritischer Künstler.

Als er plötzlich verschwand, der Staat, und mit ihm die ganze Ideologie, hatte es beiden, deinem und meinem Vater, den Boden unter den Füßen weggerissen.

Während er sein Studium in Paris fortsetzt, macht sie in Montpellier weiter – und trampt nach Norden, um ihn besuchen zu können. Am Springbrunnen vor dem Centre Georges Pompidou haben sie sich verabredet. Zum Studienabschluss kehren beide nach Deutschland zurück – wohnen aber immer noch nicht zusammen.

Um uns herum ein Panoptikum problematischer Beziehungen. Wenn uns Freunde von Streitigkeiten und Trennungen erzählten, von ihren Seelenqualen, stöhnten wir innerlich auf. Das Hin und Her der Emotionen hielten wir für vergeudete Zeit. Es langweilte uns. Jedenfalls machte uns das Thema nicht gesprächig. Nur Idioten denken, die Liebe ist kompliziert, sagtest du hinterher.

Heute wünschte ich, Erzählen würde nicht automatisch bedeuten, alles liegt in der Vergangenheit.

Noch vor der Jahrtausendwende geht das Studentenpaar erneut ins Ausland, diesmal nicht nach Frankreich, sondern nach Bukarest.

Nach dem Studienabschluss in Potsdam nimmt sie widerwillig eine Praktikantenstelle in einem Verlag in Berlin an und wechselt bald darauf in eine Halbtagsstelle an der Universität. Statt der seit zwei Jahren vorbereiteten Doktorarbeit schreibt sie Gutachten für Verlage. Nebenher versucht sie sich mit Geschichten und denkt auch schon an einen Roman.

Mir fällt ein, dass ich ganz zu Beginn, als ich anfing zu schreiben, in meinen jungen Jahren, dachte, Schreiben werde Licht ins Dunkel bringen. Ich dachte, dass es zu irgendeiner Art von Erkenntnis führt. Inzwischen gehe ich davon aus, dass es dem, der schreibt, nur deutlicher vor Augen stellt, was das Ungreifbare ist. Es bringt einem das Unbekannte nur klarer zu Bewusstsein. Ein Unterschied.

Später

[…] habe ich mit einem anderen Mann geschlafen. Ich erzählte es dir. Es stellte sich heraus, dass dir dasselbe passiert war. Wir mussten lachen. […]
Wir hörten auf, uns solche Sachen zu erzählen.

Er bewirbt sich für eine Stelle in Kaliningrad und zieht dorthin. Anschließend verbringt er noch einige Zeit in Sibirien.

Ich hatte das Gefühl, du hast dir absichtlich ein Land ausgesucht, in das ich dir nur schwer folgen kann.

Als sie schwanger ist, mietet sie für die angehende Familie eine Wohnung in Berlin.

Zu früheren Zeiten hatte ich mich oft stundenlang durch eine Welt aus Gedanken bewegt. Jetzt wurde meine Aufmerksamkeit fast nur noch von Tatsachen absorbiert. Beim Abräumen des Frühstücksgeschirrs fiel mir der Wachsfleck in der Mitte des Tisches auf, und als ich mit dem Wachsfleck fertig war, sah ich beim Wegstellen der Butter, dass die Innentür des Kühlschranks voller Krümel war, und als ich die Krümel aus dem Lappen spülte, stach mir das verdreckte Abflusssieb ins Auge, und als ich das Abflusssieb im Mülleimer ausschütten wollte, war der so voll, dass ich den Sack sofort nach draußen bringen musste, und auf dem Weg nach draußen entdeckte ich die Sandspuren, die die Schuhe der Kinder im Flur hinterlassen hatten und die sich im Laufe des Tages in den Teppich graben würden, wenn man sie nicht sofort entfernte.

Der Reigen aus Anschaffung und Entsorgen, Einkaufen, Säubern und Wegschmeißen.Wir richteten Kinderzimmer ein, und als es Zeit dafür war, räumten wir das Kindliche wieder aus. Wir verwandelten Doppelstockbetten in Jugendbetten, machten aus Spielzeugschränken Kommoden für Jeans und T-Shirts, ersetzten Basteltische durch Schreib- und Computertische.

Sie stößt auf ein Foto aus dem Sommer, in dem sie sich kennenlernten – erschrickt darüber, wie füllig sie damals war und wundert sich darüber, dass er sich dennoch für sie entschied.

Ich nahm wieder Kontakt zu ehemaligen Schulkameraden und zu einer Freundin aus Kindertagen auf. Die meisten von ihnen hatten sich von ihren ersten Partnern getrennt, lebten allein oder in zweiter oder sogar dritter Ehe.

Wir sahen viel häufiger Sex im Fernsehen oder Kino, als wir selbst welchen hatten.

Ich erwartete mir von einer Romanze keine Veränderung meines Lebens mehr. Ich erwartete mir nur eine Romanze.

Unsere Absichten und Pläne deckten sich nicht mehr. Sie durchkreuzten sich nur noch: Wenn ich abends mit Sekt auf dich wartete, brauchtest du dringend einen Kamillentee; wolltest du morgens, wenn die Kinder aus dem Haus waren, noch ein wenig plaudern, war ich in Gedanken schon im Büro; legte ich abgeschlagen die Füße hoch, hattest du Kinokarten für den Abend. Dann kamst du früher von der Arbeit, um irgendwas zu kochen, aber ich war unterwegs, in der Annahme, du kämst später.

Ich wusste, dass du der einzige Mensch bist, der mir außer den Kindern ernsthaft etwas bedeutete, aber ich konnte es nicht mehr empfinden.

[…] wie sehr ich dich geliebt habe. Ich war wütend. Wie naiv ich gewesen bin! Mich so aufzusparen für dich! Mein ganzes Leben auf dich auszurichten, während du längst – immer! – deiner Wege gegangen bist.

Sie beschließt, sich von ihm zu trennen. Sobald er nach Hause kommt, wird sagen: „Ich verlasse dich. Heute noch.“ Während sie darüber nachdenkt, was sie packen soll, fängt sie zu kochen an, und als er die Küche betritt, schaut sie zu ihm hoch und sagt: „Ich habe Schmorgurken für uns gekocht.“

Was ich an dem Abend verstanden habe: Man kann sich selbst nicht trauen.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Eine Frau, die seit 31 Jahren mit demselben Mann zusammen ist und zwei Kinder hat, denkt über ihre Beziehung nach. Sie will sich von ihrem Lebensgefährten trennen und fragt sich, ob das mehr Verlust oder Befreiung sein würde.

Was sich über die Zeit anreichert, sind nicht die Kristalle der Liebe. Es sind die Kristalle der Ernüchterung.

Ich suche nicht nach Schuld. Ich glaube, ich suche nicht mal nach der Erklärung dessen, was vor sich gegangen ist.

In Julia Schochs Roman „Das Liebespaar des Jahrhunderts. Biographie einer Frau“ erfahren wir keine Namen. Die Ich-Erzählerin – eine in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin wie Julia Schoch – verschweigt uns sogar, ob es sich bei ihren Kindern um Söhne oder Töchter handelt. Sie entwickelt die Geschichte vom Ende her, aus der Retrospektive, in einem an das Du des Mannes gerichteten Monolog. (Dialoge gibt es also ebenso wenig wie in Julia Schochs Romans „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“.

Mein Gedächtnis ist eine Kiste, die auf einem Dachboden gestanden hat und nach langer Zeit geöffnet wird.

Der ebenso feinsinnige wie grüblerische Monolog richtet sich zwar an den Lebenspartner, ist jedoch egozentrisch. Die Frau erforscht sich und die Beziehung aus ihrer Perspektive. Über den Mann erfahren wir nicht viel, über die Kinder noch weniger. Vieles wird nur kurz angerissen.

Julia Schoch begann ihre autofiktionale Buchreihe „Biographie einer Frau“ mit dem Roman „Das Vorkommnis“. „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ lautet der Titel des zweiten Bandes. Es heißt, Julia Schoch plane eine Trilogie.

Unverkennbar sind die Parallelen zwischen der als Ich-Erzählerin auftretenden Schriftstellerin und Julia Schoch (*1974).

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © dtv Verlagsgesellschaft

Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Jean Echenoz - Ich gehe jetzt
Jean Echenoz vermittelt in "Ich gehe jetzt" keine Botschaft, sondern er spielt mit dem Leser, dessen Erwartungen er immer wieder ins Leere laufen lässt, aber so, dass dieser sich nicht darüber ärgert, sondern großes Vergnügen dabei empfindet.
Ich gehe jetzt