Constantin Schreiber : Die Kandidatin

Die Kandidatin
Die Kandidatin Originalausgabe Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021 ISBN 978-3-455-01064-0, 205 Seiten ISBN 978-3-455-01132-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Drei Wochen vor der Bundestagswahl Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Ökologische Partei ist die stärkste politische Kraft im Land, und die in einem libanesischen Flüchtlingslager geborene muslimische ÖP-Politikerin Sabah Hussein gilt als unschlagbare Kandidatin für das Amt der Bundeskanzlerin. Aber sie hat zum Kampf entschlossene Feinde ...
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Kritik

Selbstverständlich darf Constantin Schreiber der Meinung sein, dass eine Islamisierung Deutschlands drohe und demokratische Staaten repressiven Systemen unterlegen seien, aber in seinem Roman "Die Kandidatin" gibt es nichts, was gute Literatur ausmachen würde.
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Sabah Hussein

Sabah Husseins Vater besaß einen kleinen Laden in der nordsyrischen Hafenstadt Latakia. Im Bürgerkrieg floh er mit seiner Frau ins Lager Rashidiya im Libanon. Sabah wurde dort geboren. Sechs Jahre später setzte die Familie die Flucht fort und gelangte über die Balkanroute nach Berlin. Der Vater, der jetzt 78 alt wäre, starb vor drei Jahren an einem Herzinfarkt.

Schon als Kind suchte Sabah den Rat des Imam der al-Dunja-Moschee in Berlin-Neukölln. Muhammad Abd al-Malik ist 15 Jahre älter als sie, stammt aus Tunesien und soll mit islamistischen Gruppierungen in Kontakt stehen.

Verheiratet ist Sabah mit einem Biochemiker, von dem wir kaum mehr als den Namen Marwan erfahren.

Im Privatleben begeistert sich die Muslima für die neue Folge der Filmreihe, die mit James Bond begann, weil 007 nun nicht mehr von einem Mann, sondern von der kenianischen Schauspielerin Imani gespielt wird; 007 ist jetzt weiblich und lesbisch, schwarz und behindert.

Vor einiger Zeit verschaffte Gerhard Reuter, der stellvertretende Vorsitzende der Ökologischen Partei (ÖP), Sabah Hussein die Position der Sonderbeauftragten für öffentliche Dialoge.

Die Situation

Wir befinden uns in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Nach Meinungsumfragen gilt die Ökologische Partei (ÖP) mit Abstand als stärkte politische Kraft. Es folgen die Linke und die „Zukunft für Deutschland“ (ZfD). Obwohl die Christliche Partei Deutschlands (CPD) kaum noch eine Rolle spielt, hat sie Wolfgang Bauer als Kanzlerkandidaten aufgestellt. Der hat allerdings gegen die 44 Jahre alte Favoritin Sabah Hussein von der ÖP keine Chance, zumal erstmals schon die 16-Jährigen, aber nicht mehr die Senior:innen über 70 wählen dürfen.

Die von Lisa Haupt geführte Ökologische Partei setzt sich für Umweltschutz ein, mehr aber noch für Toleranz, Weltoffenheit, Antikapitalismus, Feminismus und Antirassismus. Diversität lautet das wichtigste Schlagwort. Die Gerechtigkeitsministerin Anja Müller-Papst hat soeben mit dem Vielfaltförderungsgesetz (VifaföG) eine Diversitätsquote eingeführt.

Ziel dieses Gesetzes ist, die Diversität der Angestellten und Manager:innen von Unternehmen zu erhöhen und die diskriminierten Identitäten zu fördern.

Das Neue Museum in Berlin wird in ein Antidiskriminierungsmuseum umfunktioniert.

Gedruckte Tageszeitungen gibt es kaum noch. Journalist:innen, Blogger, YouTuber und Influencer nutzen die Social Media und Livestreams im Internet.

Beim Ruf der Muezzine werden die Straßen gesperrt, damit Muslime und Muslimas − durch den Mittelstreifen von einander getrennt − beten können.

Die Gesellschaft ist in jeder Hinsicht gespalten. Während sich die Reichen in Gated Communities verschanzen, hausen Ärmere in Containern. Wegen der Wohnungsnot gibt es Bestrebungen, die Wohnfläche pro Person zu begrenzen.

In Frankreich regiert seit langer Zeit Staatspräsidentin Marie Le Pen.

In China heißt der greise Machthaber Xi Jinping. Er hat soeben mit einem brutalen Krieg Taiwan erobert und droht Deutschland mit einem Embargo, falls die Bundesregierung sich weiter gegen die Übernahme des E-Mail-Anbieters deutschlandweb.de sträubt. Der von China betriebene Turbokapitalismus ist angeblich nur eine Übergangsphase zum Kommunismus. Mit knapp 100 Prozent Energie aus erneuerbaren Quellen, E-Autos, grüner Architektur und den besten Forschern der Welt gilt die alles beherrschende Weltmacht China als Erfolgsmodell.

Prof. Sebastian Mörtel, der bis vor acht Jahren an der Universität Köln Kunstgeschichte lehrte, leitet in Peking den German Park mit Nachbauten von deutschen Kulturdenkmälern wie dem Schloss Neuschwanstein. Er hat auch bereits das Gemälde „Goethe in der Campagna“ von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein aus dem Städel-Museum in Frankfurt am Main und die Büste der Nofretete aus dem Ägyptischen Museum in Berlin nach China geholt.

Die Gegner

Zu den lautesten Gegnern der Kanzler-Kandidatin Sabah Hussein zählt der mit Aktienspekulationen und Immobiliengeschäften reich gewordene Unternehmer Sven Birn, der in einer Villa in Hamburg-Nienstedten wohnt, der ZfD angehört und jede Gelegenheit nutzt, um das seiner Meinung nach kaputte „System“ zu bekämpfen. Birn gehört zu den Menschen, die aus Überzeugung im großen Stil Land in Mecklenburg-Vorpommern aufgekauft haben, um dort einen „Neu-Gotenhafen“ genannten Staat im Staat aufzubauen. Vorsitzender des Vereins Neu-Gotenhafen ist Nils van Vliet, ein 1984 in der südafrikanischen Stadt Bloemfontein geborener Bure, der vor seiner Einwanderung nach Deutschland Bürgermeister der Gemeinde Orania war, aus der ein neuer burischer Volksstaat entstehen soll.

Selbstverständlich wird niemand in Neu-Gotenhafen die ÖP wählen. Offenbar gibt es aber auch andere Kreise, die eine Muslima im Kanzleramt verhindern wollen, denn der für „AKUT“, das größte Boulevard-Blatt in Deutschland, schreibende Journalist Jonas Klagenfurt erhält ebenso wie einige seiner Kollegen aus anonymer Quelle Material, das Sabah Hussein kompromittieren könnte.

Das Attentat

Um die christlichen Kirchen in Deutschland noch unterhalten zu können, sehen sich die Verantwortlichen gezwungen, die Gebäude für säkulare Zwecke zu nutzen.

In der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg fand sogar schon eine Erotikmesse statt. Mit Förderung durch den Berliner Senat dient sie als interreligiöses Gotteshaus, als ökumenische christliche Kirche, Moschee und Synagoge zugleich. Als Sabah Hussein in der voll besetzten Heilig-Kreuz-Kirche an einer interreligiösen Messe teilnimmt, schießt eine Blondine von der Empore aus mit einem Präzisionsgewehr auf sie.

Bei der Attentäterin handelt es sich um die Personenschützerin Denise Stein. Sie filmt ihren Anschlag, und ihr Video geht im Netz viral.

Die Kandidatin

Denise Stein wird verhaftet. Die 1995 in Grimma geborene Bundespolizistin beteuert zwar, allein gehandelt zu haben, aber es gibt Hinweise auf ein Netzwerk, und weil es enge Verbindungen zwischen der Attentäterin und Neu-Gotenhafen gibt, räumt die Polizei nicht nur die Siedlung in Mecklenburg-Vorpommern, sondern nimmt auch Nils van Vliet fest.

Später wird die einen Hijab tragende Richterin Khadija Hatoum das Gerichtsverfahren gegen Denise Stein leiten.

Um das Leben der schwer verletzten Kandidatin ringen die Ärzte in der Charité. Nach einer Woche heißt es, es bestehe keine Lebensgefahr mehr und man werde Sabah Hussein nun aus dem künstlichen Koma holen.

Mit Krücken schleppt sich die Kandidatin zum von Rania Hamami moderierten TV-Duell mit Wolfgang Bauer ins Studio Berlin-Adlershof. Dabei unterläuft dem CPD-Politiker ein schwerer Verstoß gegen die Political Correctness, als er von einem Kopftuch statt von einem Hijab spricht, obwohl das K-Wort tabu ist.

Am Wahltag erfährt die Kandidatin, dass das Handy ihrer Büroleiterin Jette vor dem Anschlag in Neu-Gotenhafen geortet worden war. Sie begreift, dass die Frau, mit der sie seit fünf Jahren eng zusammengearbeitet hat, den Medien anonym das kompromittierende Material zugespielt hatte. Jette leugnet nicht, dass sie Sabahs Kanzlerschaft verhindern will, weil sie nach dem Abschluss ihres Studiums durch die von der ÖP eingeführte „Peinliche Analyse“, einen Algorithmus, der die politische Gesinnung überprüft, von einer Karriere an der Universität ausgeschlossen wurde.

Sabah glaubt, dass sie trotz der veröffentlichten Bilder und Informationen Bundeskanzlerin wird. Aber Jette hat noch ein Ass im Ärmel: Fotos, die eine Liebesaffäre der Kandidatin mit Muhammad Abd al-Malik beweisen. Dass die ÖP-Politikerin von dem als Islamist verdächtigten Imam ferngesteuert worden ist und die Öffentlichkeit über ihre wahren Ansichten getäuscht hat, macht sie unwählbar.

„Insch‘ Allah“, sagt sie leise und blickt aus dem Fenster.
Das Grün ist so schön.

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Die Idee, eine Person mit Migrationshintergrund könne in naher Zukunft Regierungschefin in einem großen westeuropäischen Staat werden, ist nicht neu.

2012 veröffentlichte der französische Schriftsteller Sabri Louatah den ersten von vier Bänden seines Romans „Les Sauvages“, der in deutscher Übersetzung von Bernd Stratthaus bei Heyne als Trilogie „Die Wilden“ erschien: „Eine französische Hochzeit“, „Brüder und Feinde“, „Familientreffen“. In „Die Wilden“ regiert in naher Zukunft nicht Marie Le Pen Frankreich, wie in „Die Kandidatin“, sondern Idder Chaouch, ein liberaler Politiker mit arabischen Wurzeln, bewirbt sich um das Amt des Staatspräsidenten, und ein Attentat am Vorabend der Wahl soll seinen Erfolg verhindern.

Michel Houellebecq schildert in seinem 2015 publizierten Roman „Sousmission“ / „Unterwerfung“, wie sich bei den Präsidentschaftswahlen 2022 in Frankreich die Konservativen und die Sozialisten mit der Muslim­bruder­schaft verbünden, um einen Sieg des Front National durch die gemeinsame Unterstützung des charismatischen Muslims Mohammed Ben Abbes zu verhindern.

Während Michel Houellebecq zwar in dem Gedankenexperiment mit der Xenophobie in der Gesellschaft spielt, aber die bestehenden Verhältnisse in Frankreich aufs Korn nimmt, nicht den Islam, kann man die Dystopie „Die Kandidatin“ als ernst gemeinte Warnung vor einer Überfremdung und Islamisierung Deutschlands verstehen. Das ist verwunderlich, weil Constantin Schreiber 2019 die Deutsche Toleranzstiftung in Leipzig gründete.

Von Demokratie scheint Constantin Schreiber nicht viel zu halten, denn er stellt China als Staat dar, der dem Westen in naher Zukunft nicht nur als einzige Weltmacht, sondern auch zivilisatorisch weit überlegen ist, gerade weil die politische Führung ohne parlamentarische Debatten oder Rücksicht auf die öffentliche Meinung handeln kann.

Selbstverständlich darf Constantin Schreiber in einem demokratischen Staat wie Deutschland solche Ansichten vertreten, aber in „Die Kandidatin“ gibt es nichts, was gute Literatur ausmachen würde.

Das dystopische Szenario ist nicht das Ergebnis einer analytischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart, sondern eine unbegründete und auch nicht weiter durchdachte Vorstellung. Aus dem rudimentären Plot entwickelt sich nur eine recht einfach gestrickte Handlung, die unausgegorenes, hanebüchenes Stückwerk bleibt. Weil Constantin Schreiber mit Schablonen statt Charakteren arbeitet und weitgehend auf Inszenierungen verzichtet, wird das Geschehen weder lebendig noch anschaulich.

Zwar sind satirische Ansätze erkennbar, zum Beispiel die überspitzte Darstellung der geschlechtergerechten Sprache oder der erste Satz des Romans − „Wollt ihr absolute Diversität?“ −, mit dem Constantin Schreiber auf die berüchtigte Rede anspielt, die Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast hielt. Aber das reicht nicht, um die literarischen Schwächen des Romans „Die Kandidatin“ auszugleichen.

Constantin Schreiber wurde 1979 in Cuxhaven geboren und wuchs in Wilhelmshaven auf. Bereits in der Jugend erlernte er in Syrien die arabische Sprache, und nach dem Abitur absolvierte er ein Praktikum in Ägypten. Von 1998 bis 2002 studierte Constantin Schreiber Jura, wurde dann aber nicht Rechtsanwalt, sondern volontierte bei der Deutschen Welle, schrieb 2006 für eine libanesische Zeitung in Beirut und arbeitete dann bis 2009 als Korrespondent der Deutschen Welle in Dubai. Seither hat er für wechselnde Fernsehsender gearbeitet, teils in Deutsch, teils in Arabisch, unter anderem auch als Tagesschau-Sprecher.

Den Roman „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Hannah Baus.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

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