Edgar Selge : Hast du uns endlich gefunden

Hast du uns endlich gefunden
Hast du uns endlich gefunden Originalausgabe Rowohlt Verlag, Hamburg 2021 ISBN 978-3-498-00122-3, 302 Seiten ISBN 978-3-644-00367-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als 10- bis 12-Jähriger beobachtet der spätere Schauspieler Edgar Selge (Jahrgang 1948) die vom NS-Regime geprägten Erwachsenen, deren Weltbild durch den "Zusammenbruch" im Frühjahr 1945 zerrüttet wurde. Die Familie des Gefängnisdirektors Dr. Selge gehört zum kulturbeflissenen Bildungsbürgertum, aber das hält den Vater weder von Prügelstrafen noch von sexuellen Übergriffen ab.
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Kritik

"Hast du uns endlich gefunden" ist keine Autobiografie, sondern eine fiktionalisierte Darstellung. Möglicherweise hat Edgar Selge bewusst auf eine geschlossene Form verzichtet, um die Brüchigkeit der Verhältnisse zu unterstreichen. Vieles in den Episoden ist klug beobachtet und lebendig inszeniert.
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Herkunft

Edgar Selges Großvater mütterlicherseits fällte als Marinerichter Todesurteile. Der andere Großvater war Volksschullehrer in Posen, als er eine Gutstochter aus Kalisch heiratete. Die Mitgift ermöglichte es ihm, sich zum Musiklehrer ausbilden zu lassen und zum königlichen Musikdirektor in Berlin aufzusteigen.

Signe Wiehe lehnte den ersten Heiratsantrag von Edgar Selge (senior) ab, aber ein Jahr später, als sie nicht recht wusste, ob sie studieren oder Kindergärtnerin werden sollte, riet ihr Vater, der Reichsmilitärgerichtsrat, dem Bewerber, es noch einmal zu versuchen. Bei der Hochzeit im Jahr 1936 spielte der Vater des Bräutigams zwar die Kirchenorgel, ließ sich aber nicht sehen und durfte auch nicht an der Feier teilnehmen, weil er sich wegen einer Chorsängerin von seiner Frau getrennt hatte. (Er starb 1947 in Berlin, als er auf eine fahrende Straßenbahn aufspringen wollte, abrutschte und unter die Räder kam.)

So wie ihre Mutter und ihre Schwiegermutter brachte auch Signe Geld mit, und zwar durch den Verkauf von Schrebergarten-Parzellen in Braunschweig, die ihrer Mutter, einer Augenarzttochter, gehört hatten.

Das scheint so ein Schema zu sein, das sich wiederholt: Die Gutstochter finanziert den Chordirigenten. Die Augenarzttochter unterstützt den Reichsmilitärgerichtsrat. Und unsere Mutter hilft dem Gefängnisdirektor. […]
Diese Männer, die ihr Leben auf dem Erbe der Frauen aufbauen!

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs floh der Oberstaatsanwalt Dr. Edgar Selge mit der Familie aus Königsberg nach Bückeburg. Ein Jahr lang leitete er unter der Aufsicht eines britischen Offiziers das britische Militärgefängnis in Werl, in dem Generäle wie Albert Kesselring, Nikolaus von Falkenhorst und Erich von Manstein inhaftiert waren.

1938, 1940, 1942 und 1948 hatte Signe Selge vier Söhne geboren: Martin, Werner, Rainer und Edgar (junior). Später folgte Andreas.

Edgar kam am 27. März 1948 in der Lungenklinik Hoheneimberg in der sauerländischen Kleinstadt Brilon zur Welt. Schwangerschaft und Geburt waren wegen der Lungenkrankheit der Mutter riskant. Weil sie den Säugling nicht stillen konnte, wurde Milch von schwangeren Bäuerinnen beschafft.

Rainer und Werner fanden 1950 im Bückeburger Palaisgarten eine Handgranate und trugen sie nach Hause. Sie explodierte auf der Sandsteintreppe des Elternhauses. Rainer kam dabei ums Leben, Werner wurde schwer verletzt.

Weil Signe Selge den Anblick der Sandsteintreppe danach nicht mehr ertrug, zog die Familie 1952 nach Herford, wo Dr. Edgar Selge Direktor der Justizvollzugsanstalt für Jugendliche wurde und die dazugehörige Villa bezog.

Musik

1958 erlebt der zehnjährige Edgar Selge eines der regelmäßig von seinen Eltern veranstalteten Hauskonzerte. Die Mutter spielt zwar Violine, aber der Vater zieht es vor, namhafte Künstler einzuladen, dieses Mal einen Geiger aus Hamburg. Damit am Vormittag etwa 80 der 400 Häftlinge der JVA Platz in den drei verbundenen Räumen – Ess-, Flügel- und Arbeitszimmer – für sich und die mitgebrachten Stühle finden, werden die Möbel zur Seite gerückt. Tische und Schränke stammen aus der Werkstatt der Haftanstalt.

Genau genommen ist es so, dass die Eingesperrten uns ernähren. Nicht nur, weil sie unser Gemüse und unser Obst anbauen. Grundsätzlich, einfach weil sie da sind. Wir leben von den Gesetzesbrechern. Alle, die hier angestellt sind, die hier arbeiten, auch unser Vater, finden hier ihr Auskommen.

Am Abend desselben Tages empfangen Edgar und Signe Selge dann geladene Gäste für eine zweite Aufführung.

Einige Zeit später begleitet Edgar junior seine Eltern zu dem Geige spielenden Rechtsanwalt Brand und seiner Schwester. Unterwegs wird der Junge gewarnt: „Das sind Juden. Pass auf, was du sagst!“ Dr. Selge begleitet den Gastgeber auf dessen Stutzflügel. Als er den Klang des Instruments bemängelt, erklärt Herr Brand, es habe während der NS-Zeit im feuchten Keller gestanden.

Der muss erst wieder hergerichtet werden. So lange sind wir noch nicht wieder zurück.
Wo waren Sie denn?, habe ich gefragt.
Papa hat mir einen strengen Blick zugeworfen.
Im Ausland, hat Herr Brand ganz ruhig gesagt.

Es bleibt bei einem halbherzigen Versuch, mit dem jüdischen Geschwisterpaar Hausmusik zu machen.

Vorurteile

Der Vater sagt einmal, die Juden seien „nachschöpferisch, aber nicht schöpferisch“. Und als Edgar junior nach Felix Mendelssohn Bartholdy fragt, meinen die Eltern:

Mendelssohns Musik sei eben eigentlich zu schön. Ein bisschen wie Konfekt. […] Mendelssohn sei zwar sehr eingängig, aber ohne Tiefe. Letztlich ohne Seele.

Der Zehnjährige gibt nicht auf und fragt, ob es sich bei der Bibel nicht doch um etwas Schöpferisches handele.

Prompt antwortet unser Vater: Die Bibel ist überhaupt keine Erfindung, sondern Gottes Wort, das sich an alle Menschen richtet!
Das würde ich aber auch sagen, ereifert sich unsere Mutter. Gerade die Juden haben Gottes Botschaft des Neuen Testaments mit Füßen getreten und Christus, der sie retten wollte, respektlos ans Kreuz genagelt.
Trocken, vollkommen humorlos, sagt Werner: […] Von Respekt zeugt euer Umgang mit den Juden auch nicht. […]
Das ist ein Satz für eine große Stichflamme. Eine kurze Zäsur, und dann schlägt unser Vater mit der flachen Hand auf den Tisch, dass Geschirr und Besteck klirren: Es hat niemand gewusst, was in den KZs geschieht, und wer es gewusst hat, ist abgeholt und selbst nach Auschwitz geschickt worden!

Herr Niewöhner war bis 1949 Hauptverwalter im Gefängnis, dann degradierten die Briten ihn zum einfachen Aufsichtsbeamten. Edgar junior hört ihn sagen:

Alle naselang treffe ich auf Leute, die vom „Abschaum“ reden, von „Unerziehbaren“, vom „Verbrechergesindel“, das sich hier im Gefängnis auf Staatskosten ernähren lässt. Es sei gar nicht so lange her, sagt Herr Niewöhner und zieht bedrohlich die Stirn nach oben, da habe man die Sittlichkeitsverbrecher nach Düsseldorf-Derendorf geschickt und sie dort fachgerecht mit chirurgischem Eingriff entmannt. Zigeuner und Juden habe man nach Hamburg-Langenhorn geschickt. Zu den Geisteskranken. Da seien sie gut aufgehoben gewesen, denn sie seien prinzipiell unerziehbar. Die Juden und die Zigeuner und die Kommunisten. Und die Polen. Von Hamburg aus seien sie in die Lager weiterbefördert worden. Jetzt lägen uns diese Verbrecher wieder auf der Tasche.

Neben Niewöhner, in der anderen Hälfte des Doppelhauses, wohnt ausgerechnet sein Nachfolger, der Hauptverwalter Gustav Linnenbrügger, mit seiner Frau Anna. Edgar junior besucht das freundliche Ehepaar häufig – bis er aufs Gymnasium kommt und damit abrupt aufhört. Stattdessen klingelt er bei den Linnenbrüggers und rennt weg. Als er der Versuchung nicht widerstehen kann, sich den Spaß gleich noch einmal zu machen, reißt Gustav Linnenbrügger die Tür auf und ermahnt ihn. Edgar weiß noch nicht, dass er ihn zum letzten Mal sieht. Kurz darauf bricht der an Angina Pectoris leidende Hauptverwalter bei einem Rundgang mit dem ungestümen Gefängnisdirektor Edgar Selge zusammen und stirbt. Am Grab spricht der Pastor versehentlich ein Tischgebet: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ Der Schüler Edgar kann sich das Lachen kaum verkneifen und steckt damit auch seinen Vater an.

Als die sozialdemokratische Bundestagsfraktion 1960 vorschlägt, die Verjährung von NS-Morden und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufzuheben, rastet Dr. Edgar Selge aus:

Der Rhythmus in seinem Wutanfall hat mich noch mehr gefesselt als der Inhalt. Die Pausen zwischen den Sätzen waren bis zum Zerreißen gespannt: Hört das denn nie auf!, Sühne wollen die!, Sühne bis ans Ende aller Tage!, […] Wir werden doch unseres Lebens nie wieder froh!, […] Eine Hexenjagd wollen die veranstalten!, […] Und am Ende unsere Stellen mit Sozialdemokraten besetzen!

Kommunismus und Kitsch, das sind die zwei Bedrohungen seiner Welt.

Schandtaten

Einmal fragt der Nachbarsohn Otto Joswig den acht Jahre jüngeren Schüler Edgar, ob er ihn abholen und mit zur Kirmes nehmen solle. Edgar kriegt dafür von seinem Vater fünf Mark. Als er merkt, dass sich Otto ohne ihn auf den Weg gemacht hat, geht er allein auf die Kirmes und verbraucht das Geld. Zu Hause behauptet er, mit Otto Joswig zusammen gewesen zu sein, aber der Vater, der die Lüge durchschaut, verprügelt ihn mit dem Rohrstock.

1959 kommt der Film „Einer kam durch“ endlich auch in Herford ins Kino. Edgar junior will ihn unbedingt sehen. Weil die Eltern jedoch in der Adventszeit keinen Kinobesuch erlauben würden, tut er so, als wolle er mit einem Mitschüler lateinische Vokabeln pauken und klaut seinem Bruder Werner eine Mark aus dem Portemonnaie. Beides fliegt auf, und der Vater ohrfeigt ihn so heftig, dass er mit dem Kopf gegen das Birkenholzbuffet schlägt.

Filme ziehen Edgar unwiderstehlich an. Das Geld für seine heimlichen Kinobesuche beschafft er sich durch Unterschlagungen aus der Klassenkasse. Wenn Tante Pia aus Mainz den aufgelaufenen Fehlbetrag während eines Besuchs nicht ersetzt hätte, wäre Edgar schon früher in Schwierigkeiten gekommen. So endet alles erst, als der gegenüber wohnende Pastor seinen Eltern berichtet, dass er beobachtet habe, wie Edgar spät abends über eine Mülltonne durchs Fenster kletterte.

Nicht nur Filme, sondern auch Romane ersetzen Edgar das Leben. Deshalb stiehlt er in der Buchhandlung.

An einer Stelle meint er:

Ich hab keinen Mut, andere zu enttäuschen. Wenn ich das könnte, wäre ich frei.

Die Familie

Die Mutter soll als erste in der Familie, vor dem Vater und den älteren Söhnen, den Führerschein machen. Das Auto steht bereits seit einem halben Jahr ohne Nummernschilder vor dem Haus, als Signe Selge nach 255 Fahrstunden zum vierten Mal bei der Prüfung durchfällt. Sie bremst wegen eines Radfahrers und weicht auf den leeren Gehsteig aus. Der Fahrerlehrer lobt sie, aber der Prüfer schreit wegen des heulenden Motors: „Fuß vom Gas!“

Ich hab den Fuß zurückgerissen. Es war nicht das Gas, es war die Kupplung. Und da hat das Auto einen Satz gemacht. Ins Schaufenster.

Edgar hört, wie der Vater nach dem Baden die Wanne schrubbt und ihn dann ruft. Er will nicht zu seinem nackten Vater, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, als hineinzugehen und auf eine vors Waschbecken geschobene Fußbank zu steigen.

Als ich mich vorbeuge, um nach der Zahncreme zu greifen, spüre ich ein fremdes, festes Ding an meinem Hintern. Das ist sein Geschlecht. Das gehört da nicht hin! Jetzt weiß ich, was ich befürchtet habe.

Ähnliches passiert in der Küche, als Edgar den Abwasch macht und der Vater das Küchenhandtuch aufhängt.

Der Haken dafür ist an der Wand, wo die Spüle ist. An dieser Spüle stehe ich. […]
Mein Vater sieht mich in dieser Falle. […] Er drückt mich wortlos an die Wand, um über mich hinweg oder an mir vorbei das Handtuch aufzuhängen. Und dabei fühle ich schon wieder seinen steifen Schwanz. […]
Er hängt es mit Absicht neben den Haken und lacht noch dazu und ruft: So ein dummes Handtuch! Es will einfach nicht rauf auf den Haken!
[…] Ich schaue nach meiner Mutter. Die steht an der Tür, schüttelt den Kopf und wundert sich, was der Papa für lustige Sachen macht.

Auch Edgars Brüder kennen sexuelle Übergriffe dieser Art.

Edgar wirft die seit Monaten weggelegten, zum Teil bereits schimmeligen Schulbrote, die ihm die Mutter mitgab, über die Gartenmauer. Dort werden sie gefunden, und dieses Mal ist es die Mutter, die ihn bestraft, und zwar mit einem Teppichklopfer.

Das wird aber kompliziert, denke ich. […] Aber ich mache es, wie sie will, korrigiere den Abstand noch etwas, um beim Hinunterbeugen mit meiner Stirn ihre Brüste nicht zu streifen. Als sie ihren Rock ein Stück hochschiebt, um meinen Kopf zwischen ihre Knie zu klemmen, wird mir klar, dass sie durchaus ein Bild vor Augen hat, dem sie folgt.
[…] Sie hört sehr bald auf, lockert ihre Knie, ich ziehe meinen Kopf unter ihrer Rockfalte hervor, richte mich auf.
[…] Wir waren beide unsicher, was wir da gerade erlebt hatten. […] Mit der glitschigen Bewegung zwischen ihren Nylons heraus war die Idee der Bestrafung endgültig futsch.

Edgar besucht noch die Grundschule, als sein Bruder Werner anfängt, Musik zu studieren. Martin wird nach dem Abitur zur Bundeswehr einberufen. Er studiert bereits Literatur in Freiburg im Breisgau, als er bei einer Bundeswehrübung durch eine falsch eingebaute Panzerluke am Kopf verletzt wird.

Andreas muss 1973 wegen Nierenversagens ins Krankenhaus und wird von Herford nach Mainz in die Universitätsklinik überwiesen. Sein Bruder Edgar reist aus München an, wo er inzwischen studiert. Als der Hämatologe nicht mehr glaubt, den 19-jährigen Patienten retten zu können, verweigert er ihm weitere Dialysen, denn es mangelt ohnehin an Geräten. Edgar findet sich damit nicht ab und erreicht, dass sein jüngerer Bruder nach Frankfurt/Main gebracht wird. Aber dort stirbt Andreas. Als Edgar den Vater vom Bahnhof abholt, weiß der noch gar nicht, dass Andreas bereits tot ist und fragt deshalb, wie es ihm gehe. 23 Jahre nach Rainers tödlichem Unfall mit der Handgranate muss die Familie den Tod des Jüngsten verkraften.

Wenige Jahre nach der Pensionierung des Gefängnisdirektors fahren er und seine Frau nach Italien. Auf Ischia vermutet ein von Dr. Edgar Selge konsultierter Arzt eine Nierenentzündung. Deshalb bricht das Ehepaar die Reise ab und will nach Herford zurückkehren. Beim Sohn Werner in Krefeld legen sie einen Zwischenstopp ein. Der Vater setzt sich in einen Sessel und sagt ganz ruhig: „Ich glaube, ich sterbe.“ Werner dreht sich zu ihm um. Da ist der Vater schon tot. Es war keine Nierenentzündung, sondern ein Herzinfarkt.

Die Witwe Signe Selge überlebt 1997 noch eine Operation wegen eines Magendurchbruchs. Knapp vier Jahre später folgt sie ihrem Mann ins Grab.

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Der erfolgreiche Schauspieler Edgar Selge – Jahrgang 1948 – erzählt in seinem Debütroman „Hast du uns endlich gefunden“ von seiner Kindheit. Zwar nennt er die realen Namen, aber es handelt sich nicht um eine Autobiografie, sondern um eine fiktionalisierte Darstellung. Im Präsens, in der Ich-Form und aus der Perspektive des 10- bis 12-jährigen Kindes beobachtet Edgar Selge die vom NS-Regime geprägten Erwachsenen, deren Weltbild durch den „Zusammenbruch“ im Frühjahr 1945 zerrüttet wurde. Die Familie des Gefängnisdirektors Dr. Selge gehört zum kulturbeflissenen Bildungsbürgertum, aber das hält den Vater weder von Prügelstrafen noch von sexuellen Übergriffen ab. Der Junge nimmt das alles wahr, versucht, es zu begreifen und flüchtet zwischendurch in Parallelwelten des Kinos und der Literatur. „Hast du uns endlich gefunden“ lässt sich also auch als Adoleszenz-Roman lesen.

Hin und wieder wechselt Edgar Selge kurz zur Perspektive des während der Covid-19-Pandemie schreibenden Autors, aber der Erwachsene hält sich mit Kommentaren zurück und vermeidet es, ein Resümee zu ziehen.

Jetzt sitze ich hier und schreibe das auf. Hoffentlich verschwinde ich nicht zwischen den Sätzen. Je genauer ich bin, desto fremder werde ich mir.

Möglicherweise hat Edgar Selge in „Hast du uns endlich gefunden“ bewusst auf eine geschlossene Form verzichtet, um die Brüchigkeit der Verhältnisse zu unterstreichen. Jedenfalls entwickelt er keine stringente Handlung, sondern reiht Episoden aneinander, die von unterschiedlicher Bedeutsamkeit und literarischer Qualität sind. Vieles ist klug beobachtet und lebendig inszeniert.

Hauskonzert ‒ Kirmes ‒ Todestag ‒ Traum von meiner Mutter ‒ Weihnachten ‒ Traum von meinem Vater ‒ Königlicher Musikdirektor ‒ Abwasch ‒ Kasperpuppen ‒ Dvořák ‒ An der Mauer ‒ Gelächter ‒ Blaskapelle ‒ Angina Pectoris ‒ Kino ‒ Kinderzimmer ‒ Magenstiche ‒ Bei Martin ‒ Loslassen

In einer Art Epilog springt Edgar Selge ins Jahr 1973: „Gespräch mit meinem verstorbenen Bruder“.

Der Buchtitel „Hast du uns endlich gefunden“ stammt aus einem Traum:

Ich träume, dass [die Eltern] verlorengegangen sind, irgendwo im Chaos der Welt. Sie irren umher und suchen mich verzweifelt. […] In absoluter Fremde finde ich wie durch Zufall das billige Hotelzimmer, in dem sie leben. Ich betrete es, aber sie sind ausgeflogen. […] Da höre ich die Tür. […] Sie ist zurückgekommen! Aus dem Wirrwarr der Welt ist sie in ihr Hotelzimmer zurückgekommen! […] Sie dreht sich um, hat mich gehört, ich sehe ihr erstauntes, mädchenhaftes Gesicht […]. Sie freut sich, aber sie ist gar nicht mal so überrascht. […] Wie schön, sagt sie. Hast du uns endlich gefunden.

Für sein Debüt als Schriftsteller wurde Edgar Selge 2022 mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda ausgezeichnet.

Den Roman „Hast du uns endlich gefunden“ von Edgar Selge gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Edgar Selge (kurze Biografie)

Pierre Lemaitre - Drei Tage und ein Leben
Pierre Lemaitre geht in diesem Roman der Frage nach, was aus einem Kind wird, das von Schuldgefühlen und Angstzuständen überfordert ist, ohne darüber reden zu können. "Drei Tage und ein Leben" ist eine subtile psycho­logische Studie, eine ergreifende Lektüre.
Drei Tage und ein Leben