Elizabeth Strout : Die langen Abende

Die langen Abende
Olive, Again Random House, New York 2019 Die langen Abende Übersetzung: Sabine Roth Luchterhand Literaturverlag, München 2020 ISBN 978-3-630-87529-3, 351 Seiten ISBN 978-3-641-19804-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Die langen Abende" erzählt Elizabeth Strout von der pensionierten Mathematiklehrerin Olive Kitteridge und einer Reihe anderer Bewohnerinnen und Bewohner der fiktiven Kleinstadt Crosby in Maine. Keine der Familien ist intakt. Und am Beispiel der Hauptfigur veranschaulicht die Autorin, was es bedeutet, alt zu werden.
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Kritik

Bei "Die langen Abende" handelt es sich um einen Episodenroman, dessen wirklichkeitsnahe Geschichten einen Zeitraum von zehn Jahren überspannen. Eindrucksvoll ist die Lektüre vor allem, weil Elizabeth Strout mit einer Fülle von Einfällen konkrete Situationen veranschaulicht.
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Olive Kitteridge

Olive Kitteridge war früher Mathematiklehrerin in Crosby, einer Kleinstadt an der Küste von Maine. Ihr Ehemann Henry starb vor zwei Jahren. Ihr Sohn Christopher lebt seit der Scheidung seiner ersten Ehe mit seiner Familie in New York. Ann brachte zwei von verschiedenen Männern gezeugte Kinder mit: Theodore ist jetzt sechs Jahre alt, Annabelle zwei Jahre jünger. Aus der Ehe mit Christopher stammt der zweijährige Henry, aber Olive sieht ihren Enkel zum ersten Mal, als Ann bereits wieder ein sechs Wochen altes Baby hat, ein Mädchen namens Natalie, und die ganze Familie nach Crosby kommt, um einer Einladung Olives zu folgen.

Als die 73-Jährige ankündigt, dass sie noch einmal heiraten werde, gerät Christopher außer sich. Ann weist ihn zurecht, und dabei wird Olive bewusst, dass sie ihren Mann ebenso unter der Fuchtel hatte.

Jack Kennison

Bei Olives Bräutigam Jack Kennison handelt es sich um einen 74-jährigen Witwer. Er war Dozent in Harvard. Nach 25 Ehejahren ließ er sich auf eine Affäre mit der Kollegin Elaine Croft ein, die ihn dann plötzlich wegen sexueller Belästigung anzeigte und sich am Ende mit einer Zahlung von 300.000 Dollar zufrieden gab. Das war vor sechs Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Jack bereits mit seiner Ehefrau Betsy von Cambridge nach Crosby geflüchtet.

Seine Tochter Cassie lebt in San Francisco. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht gerade eng, vor allem seit sie merkte, dass ihn ihre Vorliebe für Frauen abstößt.

Jack und Olive heiraten wie geplant. Ein Traumpaar sind die beiden nicht. Jack ist seit einer Prostataektomie inkontinent und Olive ebenso korpulent wie er.

Kayley Callaghan

Die Schülerin Kayley Callaghan putzt gegen Bezahlung, weil das Einkommen ihrer halbtags in einer Zahnarztpraxis arbeitenden Mutter nicht reicht. Wenn Kayley bei ihrer Lehrerin Doris Ringrose putzt, ist sie gewöhnlich allein in der Wohnung. Eines Tages überkommt es sie, und sie befühlt ihre Brüste. Plötzlich hört sie ein Geräusch, und als sie aufschaut, steht Phil Ringrose in der Tür. Mit einem Nicken fordert er sie zum Weitermachen auf und legt ihr dann ein Kuvert mit Geldscheinen hin. Bald gewöhnt Kayley sich daran, dem schweigsamen alten Mann ihre Brüste zu zeigen.

Das endet erst, als Doris Ringrose anruft und ihr sagt, sie brauche nicht mehr zu kommen. Sie sei nun im Ruhestand, erklärt die Lehrerin, und könne sich also selbst nicht nur um ihren Haushalt, sondern auch um ihren kranken Ehemann kümmern.

Nachdem Phil Ringrose Gerüchten zufolge splitternackt im Garten gestanden haben soll, schiebt ihn seine Frau in ein Seniorenheim ab.

Als Mrs Callaghan in Schubladen ihrer Tochter Geldkuverts entdeckt, rastet sie aus, aber Kayley beteuert, das alles durch Putzen verdient zu haben. Danach nimmt sie den größeren Teil des Geldes, den ihre Mutter nicht fand und versteckt ihn im Wandklavier. Das steht eines Tages, als sie von der Schule nach Hause kommt, nicht mehr da: Die Mutter hat es verkauft.

Die Larkins

Zwei Jahre nachdem Louise Larkin in die Golden-Bridge-Seniorenresidenz zog, kommt ihr 83-jähriger Ehemann Roger bei einem Brand ums Leben. Drogensüchtige, die glaubten, das Haus in Crosby sei unbewohnt, waren eingebrochen und kochten in der Küche Meth. Das Feuer tötete Roger Larkin im Obergeschoss.

Die Tochter Suzanne kommt aus Boston angereist, wo sich die Juristin im Justizministerium für den Kinder- und Jugendschutz engagiert. In Crosby trifft sie sich mit Bernie Green, dem langjährigen Rechtsanwalt ihres Vaters, um den Nachlass zu regeln. Dabei erfährt sie, dass ihr Vater, ein Investmentbanker, mit unsauberen Geschäften reich geworden war. Vor zwei Jahren fielen ihr Hämatome an den Armen ihrer Mutter auf, und Bernie Green berichtet nun, dass Louise Larkin um ihr Leben fürchtete. Offenbar war Roger Larkin gewalttätig. Der Anwalt unternahm zwar ebenso wenig wie Suzanne etwas gegen Roger Larkin, überredete ihn jedoch, seine Frau in die Seniorenresidenz zu bringen. Dabei half eine größere Geldsumme, die Warteliste zu überspringen.

Bei einem Besuch ihrer Mutter begreift Suzanne aufgrund von Äußerungen der dementen alten Frau, dass ihr Bruder als Kind von Louise sexuell missbraucht worden war. Hatte Doyle deshalb Frauen gehasst und später eine Frau mit 29 Messerstichen ermordet?

Cindy Coombs

Zwei Jahre nach der Eheschließung mit Jack Kennison besucht Olive eine Frau, die in einer Woche zu ihrer letzten Chemotherapie muss. Cindy Coombs, die bis zur Erkrankung Bibliothekarin in der Stadtbibliothek von Crosby war, versteht nicht, dass ihr Ehemann Tom, ein Buchhalter, die Krebskrankheit herunterspielt und beispielsweise glaubt, es sei gut für sie, zum Einkaufen zu fahren. Olive gilt zwar als barsch, aber das Gespräch mit ihr tut Cindy gut und hilft ihr, besser mit der Situation umzugehen.

Denny Pelletier

Denny Pelletier ist 69 Jahre alt. Er hatte in einer Tuchfabrik gearbeitet, bis diese vor 30 Jahren stillgelegt wurde und verdiente sein Geld dann als Verkäufer in einem Bekleidungshaus. Seine Frau Marie war erst 18, als sie heirateten. Die drei Kinder haben ebenfalls früh Familien gegründet und leben mit ihnen in anderen Staaten.

Er erinnert sich an seine Mitschülerin Dorie Paige, für die er damals schwärmte, obwohl er bereits mit Marie Levesque ging. Dorie studierte dann in Vassar – und nahm sich nach dem Abschluss das Leben. Gerüchten zufolge soll sie von ihrem Vater missbraucht worden sein.

Jim und Bob, Helen und Margaret Burgess

Jim und Helen Burgess fliegen von New York nach Maine, um ihren siebenjährigen Enkel Ernie ins Sommerlager zu bringen. Die Gelegenheit nutzen sie zu einem Besuch von Jims vier Jahre jüngerem Bruder Bob und dessen Ehefrau Margaret in Crosby.

Bob nahm ebenso wie die Familie lange Zeit an, dass er als Kind den Tod des Vaters verschuldet hatte. Erst nach Jahrzehnten gestand ihm Jim, dass er in dem Auto herumgespielt hatte, das dann losrollte und den Vater tötete.

Während Bob lieber in New York leben würde, genießt Jim es, wieder in Maine zu sein, aber ein Umzug kommt für Helen nicht in Frage.

Während Jim und Bob sich mit ihrer Schwester Susan treffen, bleibt Helen bei Margaret. Die beiden Frauen können sich nicht ausstehen. Als Helen Wein trinken möchte, holt Margaret widerstrebend eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank. Helen betrinkt sich – und stürzt dann auf der Treppe. Im Krankenhaus werden zum Glück keine ernsteren Verletzungen als Hämatome und Frakturen festgestellt. Margaret, eine unitarische Pastorin, macht sich Vorwürfe, weil sie ahnt, dass Helen zu viel trank, um über die unangenehme Situation hinwegzukommen.

Andrea L’Rieux

Nach neun Ehejahren stirbt Jack Kennison. Vier Monate später entdeckt die 82-jährige Witwe im Restaurant des Segelclubs ihre frühere Schülerin Andrea L’Rieux und spricht sie an. Aus dem damals unscheinbaren Mädchen ist eine erfolgreiche Dichterin geworden, die soeben von einer Lesereise durch Skandinavien zurückkam.

Einige Zeit später erfährt Olive von ihrer Frisörin Janice Tucker, dass Andrea kurz nach dem Tod ihres Vaters Severin L’Rieux von einem Bus angefahren und schwer verletzt wurde. Olive vermutet zunächst, dass sich Andrea das Leben nehmen wollte, aber dann liest sie in der Zeitung, dass der Busfahrer betrunken war.

In ihrem Briefkasten findet sie dann ein Exemplar der American Poetry Review mit einem Gedicht von Andrea L’Rieux, in dem sie das Gespräch mit ihrer ehemaligen Mathematiklehrerin auf hämische Weise ausgeschlachtet hat.

Die MacPhersons

Ethel und Fergus MacPherson sind seit 42 Jahren verheiratet, reden aber seit 35 Jahren nicht mehr miteinander und haben die Räume in ihrem Haus in Crosby mit Klebeband-Markierungen geteilt.

Laurie, die jüngere Tochter, deren Ehe gescheitert ist, hat sich mit ihrem Sohn Teddy in der Nähe eingerichtet, aber ihre ältere Schwester Lisa lebt in New York. Bei einem Besuch in Crosby bringt Lisa eine DVD mit und schwärmt von dem Dokumentarfilm, der sie als Domina zeigt.

Olive Kitteridge

Im Alter von 83 Jahren erleidet Olive einen Herzinfarkt und kommt in der Intensivstation eines Krankenhauses wieder zu sich.

Ihr Sohn Christopher drängt darauf, dass sie das von Jack geerbte Haus verkauft und in die Senioreneinrichtung Maple Tree Apartments zieht. Dort leben inzwischen auch Bernie Green und Ethel MacPherson, die beide ebenfalls verwitwet sind.

Olive freundet sich mit einer schüchternen Mitbewohnerin an. Isabelle Daignault vertraut ihr an, dass sie kurz nach dem Tod ihres Vaters von seinem bestem Freund geschwängert wurde. Damals war sie gerade mit der Schule fertig. Sie ist stolz auf ihre Tochter Amy Goodrow, eine mit einem Asiaten in Iowa verheiratete Onkologin.

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„Olive, Again“ lautet der Originaltitel dieses Romans von Elizabeth Strout. Wir kennen die Figur Olive Kitteridge aus dem Buch „Olive Kitteridge“ / „Mit Blick aufs Meer“, für das Elizabeth Strout 2009 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde.

In „Die langen Abende“ – so der deutsche Titel – erzählt Elizabeth Strout nicht nur von der pensionierten Mathematiklehrerin Olive Kitteridge und ihrem zweiten Ehemann, sondern beobachtet auch eine Reihe anderer Bewohnerinnen und Bewohner der fiktiven Kleinstadt Crosby in Maine. Bei „Die langen Abende“ handelt es sich um einen Episodenroman, und eine durchgehende Handlung im gewohnten Stil gibt es deshalb nicht, obwohl sich Elizabeth Strout an die Chronologie der zehn Jahre hält, in denen die Kurzgeschichten spielen. Olive Kitteridge taucht in mehreren Kapiteln auf, manche Figuren kommen nur einmal vor, andere spielen in einem Kapitel die Hauptrolle und kommen in anderen Teilen des Buches als Randfiguren vor.

Die Episoden bleiben anekdotisch. Hin und wieder wird die Vorstellung, die von einer Romanfigur entsteht, durch andere Perspektiven ergänzt bzw. korrigiert, aber Elizabeth Strout versucht nicht, mit gestalterischen Ideen zu punkten, und die Kapitel von „Die langen Abende“ fügen sich auch nicht zu einem Gesellschaftspanorama zusammen.

Eindrucksvoll ist die Lektüre von „Die langen Abende“ vor allem, weil Elizabeth Strout mit einer Fülle von Einfällen konkrete Situationen veranschaulicht.

Die wirklichkeitsnahen Geschichten drehen sich nicht zuletzt ums Altern, und da beschönigt Elizabeth Strout nichts, sondern führt uns Inkontinenz und Gebrechlichkeit vor Augen. Die meisten der Figuren leiden unter Einsamkeit. Keine der Familien ist intakt. Tangiert werden auch Themen wie sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

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