Mark Sullivan : Unter blutrotem Himmel

Unter blutrotem Himmel
Unter blutrotem Himmel Übersetzung: Peter Groth Tinte und Feder, Amazon Media, Luxemburg 2018 ISBN 978-1-5039-5008-5, 596 Seiten ISBN 978-2-919808-83-0, 596 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1943 führt der 17-jährige Italiener Pino Lella von den Nationalsozialisten Verfolgte über die Berge in die Schweiz. 1944 macht ihn General Hans Leyers in Mailand zu seinem Fahrer – und Pino spioniert ihn für die Alliierten aus. Nach dem Krieg will er seine große Liebe Anna heiraten, das Dienstmädchen der Geliebten des Generals ...
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Kritik

Mark Sullivan betont, dass sein Roman auf gründlich recherchierten Tatsachen basiert. Wo jedoch die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verlaufen, bleibt unklar. Literarisch anspruchsvoll ist "Unter blutrotem Himmel" nicht, aber die dramatischen Geschichte veranschaulicht ein Stück Zeitgeschichte.
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Nessun dorma – Keiner schlafe

Michele und Porzia Lella leben im Juni 1943 mit ihrem 17-jährigen Sohn Giuseppe („Pino“), dessen zwei Jahre jüngerem Bruder Domenico („Mimmo“) und der sechsjährigen Tochter Cicci in Mailand. Sie führen einen Taschenladen, während Porzias Bruder Albert Albanese und dessen aus Österreich stammende Frau Greta ein Lederwarengeschäft betreiben.

Als die Alliierten vorrücken und Mailand immer wieder Ziel von Luftangriffen wird, fahren die Lellas und Albaneses ebenso wie die Familie des Obstverkäufers Beltramini, dessen Sohn Carletto eng mit Pino befreundet ist, jeden Abend mit dem Zug aufs Land, wo es sicherer ist.

Die Deutschen besetzen Italien. Am 12. September befreien sie den im Sommer gestürzten und zuletzt in einem Hotel im Gran-Sasso-Massiv festgehaltenen Diktator Benito Mussolini, der bald darauf eine Marionettenregierung bildet und in der Villa Feltrinelli in Gargnano am Gardasee residiert („Repubblica di Salò“).

Als das Taschengeschäft der Familie Lella in Mailand bei einem Luftangriff zerstört wird, schicken die Eltern Pino in das von Pater Luigi Re geleitete Internat „Casa Alpina“ bei Motta im Veltlin, wo dessen jüngerer Bruder bereits vor einiger Zeit Zuflucht gefunden hat.

Die Kathedralen Gottes

Am Bahnhof in Chiavenna wird Pino von dem gleichaltrigen Alberto Ascari abgeholt, der von einer Rennfahrer-Karriere träumt.

Pater Re spornt Pino zu anstrengenden Bergwanderungen an. Das dient zur Vorbereitung darauf, dass der 17-Jährige nachts Menschen, die sich in Mailand Hilfe suchend an Alberto Ildefonso Kardinal Schuster oder dessen Seminaristen Giovanni Barbareschi gewandt haben, über die Berge in die Schweiz bringt und so vor den Nationalsozialisten rettet. Es sind vor allem Juden.

Die Gestapo verdächtigt Pater Re als Fluchthelfer, und SS-Obersturmbannführer Walther Rauff, der Gestapo-Chef für das westliche Oberitalien, überprüft die Casa Alpina persönlich – ohne jedoch die in Baumkronen versteckten Juden zu entdecken.

Nicco, der kleine Sohn des Gastwirts Conte im nahen Dorf Madesimo, kommt bei der Explosion einer von ihm gefundenen Handgranate vor Pinos Augen ums Leben.

Die Kathedralen der Menschheit

Sieben Monate lang lebt Pino in der Casa Alpina. Dann ruft ihn der Vater nach Mailand zurück.

Die Eltern befürchten, dass Pino nach seinem in wenigen Tagen zu feiernden 18. Geburtstag zur Faschistenarmee einberufen und an die russische Front abkommandiert wird. Deshalb bestehen sie darauf, dass er sich freiwillig zur paramilitärischen NS-Bautruppe „Organisation Todt“ meldet. Widerstrebend fügt Pino sich.

Im Juli 1944 wird der „Vorarbeiter“, so sein Dienstgrad, bei der Bombardierung des Bahnhofs von Modena verletzt und in einem Feldlazarett behandelt. Am 6. August schickt man ihn für zehn Tage zur Erholung zu seiner Familie nach Mailand.

Die Lellas sind nach der Zerstörung ihres Hauses in eine Mietwohnung gezogen. Weil sich in der Etage unter ihnen hochrangige Nationalsozialisten einquartiert haben, wird der Eingang von der SS bewacht. Auf der Straße davor trifft Pino auf einen deutschen General, dessen Fahrer augenscheinlich vergeblich versucht, eine Autopanne zu beheben. Beherzt greift Pino zu, bringt den Motor ans Laufen – und beeindruckt dadurch Generalmajor Hans Leyers, den Generalbevollmächtigten des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion in Italien. Der stellt Pino kurzerhand als neuen Fahrer ein.

Albert Albanese betrachtet das als große Chance, denn was sein Neffe Pino an der Seite des Deutschen erfährt, kann der Funker Baka den Alliierten mitteilen. Pino erhält den Codenamen „Beobachter“.

Hans Leyers ist verheiratet. Die Kinder Hans-Jürgen und Ingrid sind bei seiner Frau Hanneliese in Berlin. In Mailand hat er eine Geliebte: Dolly Stottelmeyer. Und die hat vor 14 Monaten ein Dienstmädchen aus Innsbruck mitgebracht, dem Pino schon einmal in Mailand begegnete. Anna ist sechs Jahre älter als er, und als er sie im Juni 1943 ins Kino einlud, versetzte sie ihn.

Die 24-Jährige stammt aus Triest wie ihr Vater, ein Fischer. Der ertrank an Annas neuntem Geburtstag, als das Boot in einem Sturm kenterte. Die Mutter, eine Sizilianerin, wurde daraufhin verrückt. Anna verließ sie, ging nach Innsbruck und bewarb sich auf eine Stellenanzeige. Sie ist bereits Witwe. Ihre von der Mutter arrangierte Ehe mit einem deutschen Armeeoffizier dauerte jedoch kaum länger als die Flitterwochen, denn Christian fiel vor drei Jahren in Tobruk.

Bei seinen Fahrten mit dem General sieht Pino, wie Zwangsarbeiter von der Organisation Todt in einem Tunnel wie Sklaven schuften müssen.

Er kann es kaum glauben, als er Leyers nach Gargnano fährt und der General ihn als Dolmetscher mit zu einer kurzen Unterredung mit Benito Mussolini nimmt. Auch dessen Geliebte Claretta Petacci ist zugegen.

Als Pino mit seinem Freund Carletto Beltramini in einem Café am Piazzale Loreto in Mailand sitzt, sehen sie, wie ein Radfahrer eine Bombe auf deutsche Soldaten wirft – und Carlettos Vater vor seinem Obstladen umgeworfen wird. Um schneller zu dem Schwerverletzten durchzukommen, streift Pino seine Hakenkreuzbinde über den Ärmel. Der Sterbende und dessen Sohn halten ihn deshalb für einen Nazi und verabscheuen ihn.

SS-Obersturmbannführer Walther Rauff kündigt Rache für den Anschlag an: die Erschießung von 15 Italienern. Um das zu verhindern, sucht Leyers Kardinal Schuster auf und drängt ihn, dafür zu sorgen, dass der Attentäter sich stellt. Der General begründet sein Engagement gegenüber Pino mit der Befürchtung, Brutalität könne die Unterstützung der Resistenza verstärken.

Dem Kardinal gelingt es nicht, das Massaker zu verhindern. Am 10. August 1944 sieht Pino, wie auf dem Piazzale Loreto 15 Männer erschossen werden, unter ihnen Tullio Galimberti, ein enger Freund der Familie, der fünf Jahre älter als Pino ist.

Am Abend führt Leyers seine Geliebte aus. Pino nutzt die Gelegenheit, um einen Wachsabdruck des Schlüssels für den Aktenkoffer des Generals zu machen. Anna ertappt ihn dabei, und er vertraut ihr an, dass er für die Alliierten spioniert. Er vertraut ihr, und die beiden werden ein Paar.

Mimmo schließt sich den Paritsanen an und beschimpft seinen älteren Bruder Pino als Nazi, denn er ahnt nichts von dessen heimlicher Aufgabe.

Im Herbst 1944 wird die Versorgungslage zunehmend schlechter, und General Leyers beginnt in großem Stil, Lebensmittel zu requirieren.

Der Grausamste aller Winter

Anna hilft Pino, Bakas Funkgerät an den SS-Wachen am Eingang vorbei in die Wohnung der Lellas zu schmuggeln. Die Deutschen werden nämlich immer besser bei der Ortung von Sendern. Am Wohnort hochrangiger Nationalsozialisten werden die Funkjäger jedoch keinen Spion vermuten.

Als Leyers seinen Koffer im Wagen liegen lässt, bringt Pino ihn zu Onkel Albert, öffnet ihn mit seinem Nachschlüssel, und Tante Greta fotografiert die Dokumente.

Pino beobachtet im Frühjahr 1945 nicht nur, wie Leyers Dokumente verbrennt und Goldbarren für sich abzweigt, sondern auch, wie er einem Unternehmer verspricht, dessen Fabrik vor der Zerstörung zu schützen und Kinder vor der Deportation nach Auschwitz rettet. Offenbar will er sich für die Zeit nach dem Krieg Fürsprecher verschaffen.

Leyers beabsichtigt, seine Geliebte nach Innsbruck zu schicken, wo es sicherer als in Italien ist. Anna erklärt Pino, sie werde Dolly beim Einrichten helfen und dann zu ihm nach Mailand zurückkehren. Sie wollen heiraten.

Mimmo, der inzwischen von der Spionagetätigkeit seines Bruders erfahren hat, überbringt ihm den Auftrag der Resistenza, Hans Leyers festzunehmen. Pino überrascht den General, hält ihn mit einer Pistole in Schach und bringt ihn zu der von Mimmo angegebenen Adresse, wo er den Gefangenen Partisanen übergibt.

Dolly und Anna sollten sich in der Nacht zuvor auf den Weg nach Norden machen. Als Pino nach ihnen schauen will, findet er die Tür aufgebrochen und die Wohnung verwüstet vor. Signora Plastino, die Concierge, berichtet gehässig, dass die beiden „deutschen Huren“ in der Nacht abgeholt wurden.

Von einer aufgewühlten Menschenmenge mitgerissen, findet sich Pino im Hof des Castello Sforzesco wieder. Anna und Dolly werden kahlgeschoren und in Unterwäsche auf den Platz gestoßen – und vor Pinos Augen erschossen. Weil Umstehenden Pinos Verzweiflung auffällt und sie ihn deshalb für einen Kollaborateur halten, verfolgen sie ihn. Er entkommt in den Dom und will sich vom Dach stürzen, aber Kardinal Schuster hält ihn davon ab.

Der US-Major Frank Knebel fährt am 29. April 1945 mit Pino zur Esso-Tankstelle am Piazzale Loreto. Dort liegen Leichen, darunter die von Mussolini und seiner Geliebten Claretta Petacci. Die beiden wurden am Vortag in Giuliano di Mezzegra am Comer See von Partisanen erschossen. Der Mob hängt sie kopfüber auf.

„Die Rache ist mein“, spricht der Herr

Der Amerikaner Frank Knebel erteilt Pino und Carletto – die sich inzwischen versöhnt haben – Anfang Mai den Auftrag, Hans Leyers über den noch umkämpften Brenner zu bringen. Der Mann sei ein Freund der Amerikaner und wichtig, erklärt er und übergibt Pino einen von Generalleutnant Mark Clark auf Anordnung des alliierten Oberbefehlshabers General Dwight D. Eisenhower ausgestellten Passierschein.

Als Leyers unterwegs aussteigt, um zu urinieren, zielt Pino mit einem Schnellschussgewehr auf ihn. Leyers nimmt an, dass Dolly und Anna bereits in Innsbruck sind und erfährt erst jetzt von ihrem Tod. Er weist Pino darauf hin, dass dieser ihn durch die Festnahme daran hinderte, sich im richtigen Augenblick um die beiden Frauen zu kümmern. Pino begreift, dass Anna und Dolly noch leben könnten, wenn er Leyers nicht den Partisanen übergeben hätte. Er lässt die Waffe sinken, und sie fahren weiter.

Am Grenzübergang wird Leyers von US-Militärs erwartet. Beim Abschied nennt er Pino „Beobachter“. Woher kennt er dessen Decknamen? Wie lange weiß er, dass Pino ihn ausspionierte? Kann es sein, dass er ihm absichtlich Informationen für die Alliierten beschaffte?

Das Deutsche Reich kapituliert am 8. Mai 1945.

Nachwirken

Alberto Ildefonso Schuster bleibt bis zu seinem Tod 1954 Kardinal von Mailand.

Pater Luigi Re führt die Casa Alpina weiter. Er stirbt 1965.

Domenico („Mimmo“) Lella stirbt 1974 im Alter von 47 Jahren an Krebs.

Giuseppe („Pino“) Lella gelangt 1950 als Trainer und Dolmetscher des Nationalen Ski-Teams von Italien nach Aspen/Colorado. Dort lernt er zufällig Gary Cooper und Ernest Hemingway kennen. Er heiratet Patricia McDowell und kauft mit ihr ein Haus in Beverly Hills. Nach der Scheidung wird Yvonne Winsser seine zweite Ehefrau, aber auch diese Verbindung wird nach 13 Jahren geschieden.

Hans Leyers wird im April 1947, einige Wochen nach seinem 51. Geburtstag, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er kehrt zu seiner Frau Hannelise und den beiden Kindern Hans-Jürgen und Ingrid nach Düsseldorf zurück. Später ziehen sie ins Herrenhaus „Palant“ eines mittelalterlichen Anwesens in Eschweiler. Er stirbt am 2. Februar 1981.

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Mark Sullivan betont, dass sein Roman „Unter blutrotem Himmel“ auf Tatsachen basiert, die er im Verlauf von zehn Jahren recherchierte. Er befragte nicht nur Pino Lello, sondern auch andere Zeitzeugen und Hinterbliebene. Außerdem sprach er mit Historikern und Mitarbeitern in Yad Vashem. Wochenlang studierte er Dokumente in den Kriegsarchiven der USA, Italiens und Deutschlands. Wo jedoch die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verlaufen, bleibt unklar.

Der Roman „Unter blutrotem Himmel“ dreht sich am Beispiel des Protagonisten Pino Lello, aus dessen Perspektive das Geschehen dargestellt ist, um Kriegsgräuel und -verbrechen, politisches Engagement, Mitgefühl und Unmenschlichkeit, Liebe, Zorn und Rache.

Mark Sullivan entwickelt die im Juni 1943 beginnende und im Mai 1945 endende Geschichte weitgehend chronologisch und wie einen Abenteuerroman. Literarisch anspruchsvoll ist „Unter blutrotem Himmel“ nicht, aber leicht lesbar, mitreißend und ergreifend. Mit der dramatischen Geschichte veranschaulicht Mark Sullivan ein Stück Zeitgeschichte. Dabei ließe der reißerische Titel eher einen Thriller erwarten.

Der Roman „Beneath a Scarlet Sky“ / „Unter blutrotem Himmel“ soll Gerüchten zufolge mit Tom Holland in der Hauptrolle verfilmt werden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Peter Groth

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