Der Untergang des "Dritten Reiches" (4)

Goebbels erklärt Berlin zur Festung
„Ein Wunder ist geschehen“
„Jetzt wird Ihnen das Hälschen durchgeschnitten“
„Herr Reichsmarschall, draußen steht die SS und will sie verhaften!“
„Treue bis in den Tod“
„Heute Abend werden wir weinen“
Magda Goebbels tötet ihre sechs Kinder

„Herr Reichsmarschall, draußen steht die SS und will sie verhaften!“

Auch Hermann Göring gratuliert Adolf Hitler persönlich zum Geburtstag. Für ein paar Stunden kehrt er noch einmal nach Carinhall zurück, bevor er am Nachmittag an einer Lagebesprechung im „Führerbunker“ teilnimmt und sich dann in sein Haus auf dem Obersalzberg abmeldet, wo Frau und Tochter bereits auf ihn warten.

Vor seinem Aufbruch hatte Göring angeordnet, die Gebeine seiner verstorbenen Frau aus dem Mausoleum in Carinhall zu bergen und im nahen Wald zu vergraben. Die wertvollsten Gemälde, Gobelins und Kunstgegenstände waren bereits mit drei Sonderzügen nach Oberbayern gebracht worden. In Görings Auftrag bereitet nun ein Sprengkommando die Zerstörung der Gebäude vor. Die Männer, die Löcher für die Dynamitstangen in die Mauern bohren, werden vom Hausverwalter ermahnt, das kostbare Mobiliar der Räume nicht zu beschädigen: „Vielleicht können unsere Soldaten die Russen doch noch aufhalten.“

Am 23. April fliegt General Karl Koller, der Stabschef der Luftwaffe, mit einer Jagdmaschine von Berlin nach München. Gegen Mittag trifft er auf dem Obersalzberg ein und berichtet Göring, Hitler sei zum Suizid entschlossen. Der Reichsmarschall, den Hitler zu seinem Nachfolger ernannte, ist hin- und hergerissen: „Wenn ich jetzt handle, kann ich als Verräter abgestempelt werden; wenn ich nicht handle, wird man mir vorwerfen, ich hätte in der Stunde der Katastrophe nichts unternommen.“ Vor Aufregung schwitzend sendet er einen Funkspruch nach Berlin: „Mein Führer! Sind Sie einverstanden, dass ich nach Ihrem Entschluss, im Gefechtsstand der Festung Berlin zu verbleiben, gemäß Ihres Erlasses vom 29. 6. 1941 als Ihr Stellvertreter sofort die Gesamtführung des Reiches übernehme mit voller Handlungsfreiheit nach innen und außen. Falls bis 22 [Uhr] keine Antwort erfolgt, nehme ich an, dass Sie Ihrer Handlungsfreiheit beraubt sind. Ich werde dann die Voraussetzungen Ihres Erlasses als gegeben ansehen und zum Wohl von Volk und Vaterland handeln. Was ich in diesen schwersten Stunden meines Lebens für Sie empfinde, wissen Sie, und kann ich durch Worte nicht ausdrücken. Gott schütze Sie und lasse Sie trotz allem baldmöglichst hierherkommen. Ihr getreuer Hermann Göring.“ Bitter sagt er zu seiner Frau: „Nun endlich soll ich Deutschland in die Hand bekommen, nun, wo alles zerschlagen und zu spät ist!“

Hitler überfliegt Görings Mitteilung und achtet zunächst nicht weiter darauf. Am frühen Abend legt ihm Martin Bormann die Abschrift eines weiteren Funkspruchs vor, den der Reichsmarschall an Joachim von Ribbentrop schickte: „Ich habe den Führer gebeten, mich mit Weisungen bis zum 23. 4. 45, 22.00 Uhr zu versehen.

Falls bis zu dieser Zeit ersichtlich ist, dass der Führer seiner Handlungsfreiheit für die Führung des Reiches beraubt ist, tritt sein Erlass vom 29. 6. 1941 in Kraft, nach welchem ich als Stellvertreter in all seine Ämter eintrete.“ Damit gelingt es Bormann – den Göring einmal als „Mephistopheles des Führers“ bezeichnete –, Hitlers Argwohn zu erregen: „Göring übt Verrat. Er sendet bereits Telegramme an die Regierungsmitglieder und teilt ihnen mit, dass er … Ihr Amt, mein Führer, heute Nacht antreten werde.“ Mit stieren Augen und gerötetem Gesicht brüllt Hitler: „Ich weiß es schon lange. Ich weiß, dass Göring faul ist. Er hat die Luftwaffe verludern lassen. Er war korrupt. Sein Beispiel hat die Korruption in unserem Staate möglich gemacht. Zu allem ist er seit Jahren Morphinist. Ich weiß es schon lange.“

Um 19.50 Uhr trifft Hitlers Antwort auf dem Obersalzberg ein: „Der Erlass vom 29. 6. 41 tritt erst nach meiner besonderen Genehmigung in Kraft. Von einer Handlungsfreiheitsberaubung kann keine Rede sein. Ich verbiete daher jeden Schritt in der von Ihnen angedeuteten Richtung.“ Unverzüglich telegrafiert Göring an Joachim von Ribbentrop: „Führer teilt mir mit, er besitzt noch Handlungsfreiheit. Widerrufe Telegramm von heute Mittag. Heil Hitler.“

Bormann hat nicht nur Hitlers Antwort übermittelt, sondern außerdem den Kommandeur der SS-Einheit auf dem Obersalzberg angewiesen, Göring festzunehmen. „Herr Reichsmarschall, draußen steht die SS und will sie verhaften!“, meldet aufgeregt ein Bediensteter. Göring lacht ungläubig, geht aber dennoch in sein Arbeitszimmer. Als seine Frau ihm folgen will, fordert das SS-Kommando sie auf, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Zwanzig Minuten später läuft sie wieder hinunter, aber vor der geschlossenen Tür steht ein Posten und lässt sie nicht hinein.

Fortsetzung

Quelle:
Dieter Wunderlich: Göring und Goebbels. Eine Doppelbiografie
© Verlag F. Pustet, Regensburg 2002
Seiten 209–222 (Fußnoten wurden weggelassen)

Kurzbiografien:
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Oliver Hirschbiegel: Der Untergang
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