Nico Walker : Cherry

Cherry
Cherry Alfred A. Knopf, New York 2018 Cherry Übersetzung: Daniel Müller Wilhelm Heyne Verlag, München 2019 ISBN 978-3-453-27197-5, 379 Seiten ISBN 978-3-641-23511-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

2003 verliebt sich ein 18-jähriger Student in Emily, eine gleichaltrige Kommilitonin. Im Jahr darauf meldet er sich zur US-Army, und vor seinem Einsatz im Irak heiraten er und Emily. Als er 2006 zurückkommt, lassen sie sich scheiden, aber zwei Jahre später sind sie wieder ein Paar – ein drogensüchtiges. Um das benötigte Geld zu beschaffen, überfällt er Banken ...
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Kritik

Nico Walker kehrte 2006 traumatisiert aus dem Irak-Krieg zurück, wurde drogensüchtig und dadurch zum Bankräuber. Im Frühjahr 2014 – knapp drei Jahre nach seiner Verurteilung – begann der Häftling mit der Arbeit an dem Roman "Cherry". In dem schonungsloses Porträt des Protagonisten setzt Nico Walker auf eine lakonische Darstellung statt auf Larmoyanz und Schuldzuweisungen.
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Als das Leben gerade losging

2003 verliebt sich ein 18-jähriger Studienanfänger an einer kleinen Universität östlich von Cleveland/Ohio in Emily, eine gleichaltrige Kommilitonin aus Elba/New York.

Während Emily zunächst in Montreal weiter studiert und dann zu ihren Eltern nach Elba zurückkehrt, verliert er 2004 seinen Studienplatz und meldet sich zur Army.

Ich versuchte mich zusammenzureißen und anständig zu bleiben, aber ich war komplett im Arsch.

Abenteuer / Cherry

Nach der Ausbildung zum Sanitäter im Fort Leonard Wood in den Ozark Mountains in Missouri, im Fort Sam Houston bzw. Brooke Army Medical Center in San Antonio/Texas und im Fort Hood in Killeen/Texas besucht er Emily 2005 in Elba – und heiratet sie dort unmittelbar vor seinem Abflug in den Irak vor einem Friedensrichter.

Schon eine abgefackte Sache, wenn man darüber nachdenkt: Nach unserer Hochzeit ging Emily los und ließ sich per Elektropilation die Schamhaare entfernen. Wie ich später herausfand, bekamen ungefähr hundert Typen vor mir die Ergebnisse der Behandlung zu sehen. Das machte mich fertig.

Kolibri

Als er 2006 vom Einsatz im Irak zurückkommt, verlangt Emily, die gerade ihr Studium abgeschlossen hat und nun promovieren möchte, die Scheidung. Er willigt ein, mietet ein Apartment in Cleveland und immatrikuliert sich an einer kleinen Universität, bricht jedoch das Studium nach kurzer Zeit ab.

Er nimmt das Opiod Oxycontin, konsumiert Kokain und spritzt sich schließlich auch Heroin. Hin und wieder drückt er sich Zigarettenkippen auf der eigenen Haut aus.

Die große Junkie-Romanze

Ende 2008 kommt Emily mit einem Greyhound-Bus und zieht zu ihm.

Wir fühlten uns beide so elend, dass wir nicht anders konnten, als uns noch eine Oxy in die Venen zu drücken. Jeder machte sich eine Achtziger klar. Danach ging es uns besser. Der Fix hatte uns neunzig Dollar gekostet und würde uns durch die Nacht bringen. Morgen früh würde es uns weitere neunzig Dollar kosten, um aus dem Bett zu kommen.

Am Montag holte ich Emily aus der Entzugsklinik ab. Auf dem Rückweg besorgten wir uns Heroin. Rasch war alles wieder beim Alten.

Mehr als tausend Dollar pro Woche gibt das Paar schließlich für Drogen aus. Dafür reichen die Erlöse aus dem illegalen Hanfanbau im Waschraum des Hauses nicht.

Niedergang

Er überfällt eine Bank. Währenddessen öffnet er das Hemd, um sich möglichst unauffällig übergeben zu können.

Ein paar Stunden später ruft ein Bekannter an und weist ihn darauf hin, dass sein von einer Überwachungskamera aufgenommenes Bild in den TV-Nachrichten zu sehen war.

Dennoch macht er mit den Banküberfällen weiter – bis er nach einigen Monaten festgenommen wird.

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Nachdem Nicholas („Nico“) Walker sein Studium abgebrochen hatte, meldete er sich 2004 im Alter von 19 Jahren zur US-Army. 2005/06 nahm er als Sanitäter an mehr als 250 Kampfeinsätzen im Irak teil. Durch die Kriegserlebnisse traumatisiert, kehrte Nico Walker nach Ohio zurück. (Erst später diagnostizierten Psychiater eine posttraumatische Belastungsstörung bei ihm.) Er wurde zunächst durch das Opioid Oxycontin süchtig und dann von Heroin abhängig. Um das benötigte Geld zu beschaffen, begann er Ende 2010 mit Banküberfällen. Im April 2011 wurde er festgenommen, und im Jahr darauf verurteilte ihn ein Gericht zu einer elfjährigen Haftstrafe.

Im Herbst 2013 las Matthew Johnson, ein Miteigentümer des Verlags Tyrant Books in New York, auf der Website BuzzFeed einen Artikel über Nico Walker. Daraufhin schrieb er dem in der Federal Correctional Institution in Ashland/Kentucky einsitzenden Häftling. Matthew Johnson schickte Nico Walker Bücher und brachte ihn dazu, im Februar 2014 mit der Arbeit an einem autobiografischen Roman zu beginnen. Genau drei Jahre später erwarb Tim O’Connell die Rechte daran für den Verlag Alfred A. Knopf in New York, der das Buch im August 2018 unter dem Titel „Cherry“ veröffentlichte. Die Brüder Joe und Anthony Russo sicherten sich kurz darauf die Filmrechte. Als Drehbuchautor soll Jessica Goldberg vorgesehen sein.

Der auch für die deutsche Übersetzung von Daniel Müller übernommene Buchtitel „Cherry“ stammt aus dem Sprachgebrauch der US-Army. Als Cherry wird ein unerfahrener Soldat im Kampfeinsatz bezeichnet.

Nico Walker behauptet zwar im Vorspann, die Geschichte sei frei erfunden, verarbeitet jedoch in dem Roman seine Traumatisierung durch den Krieg und seine mit Beschaffungskriminalität verknüpfte Drogensucht. Der namenlose Ich-Erzähler lässt sich wohl doch weitgehend mit dem Autor gleichsetzen.

Bei ihm handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Mehr als 7000 Kriegsveteranen sollen 2014 ihr Leben durch Suizid beendet haben. Zehnmal so viele starben 2017 an Drogen. US-Präsident Donald J. Trump rief deshalb am 26. Oktober 2017 den medizinischen Notstand aus (allerdings, ohne ausreichend Mittel zur Bekämpfung des Problems zu beschaffen). Man spricht von einer Opioidkrise. Sie hängt mit der durch massive Werbung unterstützten Markteinführung des Schmerzmittels Oxycontin durch Purdue Pharma im Jahr 1996 zusammen.

Nico Walker entwirft in seinem Debütroman „Cherry“ ein trostloses Bild der US-amerikanischen Gesellschaft und ein schonungsloses Porträt des Protagonisten. Statt auf Larmoyanz und Schuldzuweisungen setzt Nico Walker auf eine lakonische Darstellung.

„Cherry“ beginnt mit einem Prolog, in dem das Ende – die Verhaftung des drogensüchtigen Bankräubers – vorweggenommen wird. Es folgen sechs Teile:

• Teil 1: Als das Leben gerade losging
• Teil 2: Abenteuer
• Teil 3: Cherry
• Teil 4: Kolibri
• Teil 5: Die große Junkie-Romanze
• Teil 6: Niedergang

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

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