Michael Wildenhain : Die Erfindung der Null

Die Erfindung der Null
Die Erfindung der Null Originalausgabe Klett-Cotta, Stuttgart 2020 ISBN 978-3-608-98305-0, 299 Seiten ISBN 978-3-608-12002-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In der Provence wird eine Touristin aus Stuttgart als vermisst gemeldet. Ihr Begleiter, der Mathematiker Martin Gödeler, kehrt allein nach Stuttgart zurück, wird dort festgenommen und von einem jungen Staatsanwalt vernommen, der ihn als Mörder überführen möchte ...
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Kritik

Man kann "Die Erfindung der Null" als Kriminalroman lesen. Aber es ist nicht immer einfach, Michael Wildenhain zu folgen, denn er schreibt fragmentarisch und wechselt übergangslos zwischen den Handlungs­strängen. Dazu kommt eine verknappte Darstellung mit literarischen Ellipsen.
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Vermisst

Als der Betreiber einer Pension in Castellane ein bis zu diesem Tag von einem deutschen Touristenpaar bewohntes Zimmer für die nächsten Gäste herrichten möchte, stellt er fest, dass das Gepäck der Frau noch herumliegt, darunter ihr Ausweis, Führerschein und ein Bündel Notizhefte. Deshalb meldet er die Deutsche bei der Polizeipräfektur als vermisst.

Susanne Melfosch ist ebenso wie ihr Begleiter, ein mehrere Jahre älterer Mathematiker namens Dr. Martin Gödeler, in Stuttgart gemeldet. Die französische Polizei übergibt den Fall also den deutschen Behörden.

In der Gorges du Verdon werden Kleidungsstücke gefunden, die der Vermissten gehörten, aber von ihr fehlt jede Spur, und ihr Handy reagiert nicht auf Anrufe.

Sechs Tage nach der Vermisstenmeldung wird Martin Gödeler in seiner Wohnung in Stuttgart festgenommen. Ein unerfahrener, aber Deutsch und Französisch sprechender Staatsanwalt Ende 20 vernimmt ihn. Dabei wundert er sich darüber, wie mitteilsam der Verdächtige ist.

Der Mathematiker

Martin Gödeler wuchs in Berlin auf und studierte dort Mathematik. Im Alter von 18 Jahren verliebte er sich in seine Kommilitonin Gunde. Sie zogen zusammen und bekamen eine Tochter, der sie den Namen Sophia gaben.

Martins Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben, und sein Bruder stürzte sich daraufhin von einer Brücke in den Tod.

Bei einem Kongress über Kryptografie in Hamburg lernte Martin die brillante Mathematikerin Dr. Elisabeth Lucile („Lu“) Trouvé kennen und begann eine Affäre mit ihr. Als Lu von ihm verlangte, sich zu entscheiden, verließ er Gunde und Sophia.

Nach einem gegen die Nationalisten und Neonazis gerichteten Sprengstoffanschlag auf die Siegessäule am „Großen Stern“ kam Lu zu Martin und sagte, sie müsse sofort weg und er solle keine Fragen stellen. Er bringt sie nach Brüssel. Dort verschwand sie aus dem Motel.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Martin Gödeler bereits begonnen, an seiner Habilitation zu arbeiten, aber fertig ist er damit nie geworden.
Seit 20 Jahren lebt er in Stuttgart und arbeitet als Nachhilfelehrer in einem auf die Vorbereitung für die Abiturprüfungen in Mathematik spezialisierten Institut.

Sonderkurs

Drei Jugendliche melden sich bei Martin Gödeler für einen Sonderkurs an. Bei Zacharias handelt es sich um einen Migranten aus Afghanistan. Der zweite junge Mann nennt sich Lurek und heißt mit vollem Namen Xaver Lurek von Merlingengrün. Die 17-Jährige, die sich ebenfalls für Mathematik zu begeistern scheint, wird Juno gerufen. Erst später erfährt Martin, dass sie eigentlich Nofretete Lea Mischke heißt.

Als er krank wird, kauft Juno für ihn ein und umsorgt ihn in seiner verwahrlosten Souterrain-Wohnung. Aber nach einer Weile kommt sie in Begleitung der beiden Jungen, nimmt sein Bargeld aus der Schatulle und verbrüht ihm mit frisch gekochten Kaffee Brust und Bauch. Dann schlägt Zacharias den Kranken zusammen.

Nachdem Martin sich erholt hat, findet er heraus, dass es sich bei Juno um eine Drogenabhängige handelt, die sich zur Finanzierung ihrer Sucht im Park prostituiert. Und sie manipulierte Zacharias, der nun zu Martin Gödeler sagt:

„Machen Sie Ehre, Herr Gödeler. Ich entschuldige mich. […] Die Juno, die hat mir gesagt, Herr Gödeler, Sie hätten sie angefasst. Andauernd. Immer wieder. Ich hab die geliebt, Herr Gödeler. Dann fickt die fremde Männer. Ist alles so krank hier, Herr Gödeler. Machen Sie Ehre, Sie sind okay. Aber alles ist so krank hier. Die Leute, Herr Gödeler, die haben hier alles. Aber die komm‘ im Kopf nicht klar.“

Susanne Melfosch

Susanne Melfosch wuchs in Hamburg-Billstedt auf. Kurz vor dem Abitur hatte sie eine Affäre mit dem Mathematiker Martin Gödeler, der zu einem Vortrag in die Hansestadt gekommen war.

Sie begann Mathematik zu studieren, wechselte dann zu Jura, brach aber auch dieses Studium ab. In Berlin heiratete sie einen Juristen und bekam einen Sohn.

Mit ihrer früheren Mitschülerin Sybille, die ihren Mann und die zwei Kinder bei einem Bootsunglück verloren hatte, reiste sie einmal nach Phuket. Dort gerieten sie in die Flutwelle eines Tsunamis. Sybille gab bald auf und ließ sich von den Wassermassen mitreißen. Susanne kehrte unverletzt nach Berlin zurück und verschwieg Sybilles Tod.

Nach zwei Jahrzehnten verlässt die inzwischen 47-Jährige ihren Mann und den 21-jährigen, Informatik studierenden Sohn Martin, zieht von Berlin nach Stuttgart und sucht nach Martin Gödeler. Als sie herausfindet, dass er in einer verwahrlosten Souterrain-Wohnung lebt, stiftet sie ihren Mitbewohner Zacharias dazu an, sich mit seinem Freund Lurek an Martin Gödeler heranzumachen und ihm vorzugaukeln, sie seien von Mathematik begeistert. Damit, so hofft sie, werde er aus seiner Trübsal herausgerissen. Aber sie rechnet weder mit Junos Beteiligung noch mit deren Boshaftigkeit und Blick fürs schnelle Geld.

Immer wieder versucht Susanne, sich Martin zu nähern. Er weist sie jedes Mal zurück, aber sie lässt nicht locker, und schließlich gibt er seinen Widerstand auf.

Kurz bevor Martin und Susanne zu einer gemeinsamen Reise in die Provence aufbrechen, verabreden sie sich mit Juno in einem chinesischen Restaurant. Sie sprechen auch über Zacharias, der einen Neuanfang bei einem Onkel in Melbourne versuchen wollte und das Geld für die Reise von Martin bekam.

„Ich hoffe, jetzt mal ehrlich, dass Zacki es geschafft hat nach Down Under. Boah, das is‘ so mega weit. Ja, ich weiß, Herr Gödeler, bei Ihnen da, im Unterricht, da hab ich ordentlich gelabert. Saubres Deutsch. Kann ich auch. Is‘ Training – Sie sollten ja denken, ich bin schlau.“

Gorges du Verdon

Susanne und Martin fahren in die Provence.

In Barcelonnette besichtigen sie eine Ausstellung über die Entwicklung der Zahlen und die Erfindung der Null. Dass Susanne über mystische Bedeutungen der Null schwadroniert, verärgert den Mathematiker, und es kommt zum Streit.

Trotz Lebensgefahr im Fall einer Schleusenöffnung wandern die beiden am letzten Tag ihres Aufenthalts in der Provence durch die Gorges du Verdon. Als abzusehen ist, dass sie nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit ans Ziel kommen, beschließt Martin, in der Schlucht ein Lager aufzuschlagen. Ihre Schlafsäcke haben sie dabei, und in der Nähe des von Felsvorsprüngen geschützten Platzes hat Martin Treibholz entdeckt, mit dem sich ein Feuer entfachen lässt. Er setzt sich auf den Rucksack und beginnt, mit einem Messer einen Stecken anzuspitzen, um damit später Brot und Kartoffeln im Feuer zu rösten.

Susanne will jedoch weiter. Erneut geraten die beiden in Streit. Martin wirft der 47-Jährigen vor, wegen des bevorstehenden Klimakteriums in Panik geraten zu sein. Als sie ihm verrät, dass sich ihr Verdacht, schwanger zu sein, durch einen in Castellane gekauften Teststreifen bestätigt hat, fährt er herum und verletzt Susanne mit dem Messer am Arm. Dann zerreißt er ihr Top und schneidet ihr absichtlich unterhalb der linken Brust ins Fleisch. Erst dann beruhigt er sich, öffnet das mitgeführte Erste-Hilfe-Paket und verbindet Susanne.

Trotz der stark blutenden Verletzungen geht sie allein weiter.

Martin kehrt am nächsten Morgen in die Pension zurück, packt seine Sachen und fährt ohne Susanne nach Stuttgart. Dort wird er festgenommen.

Grüße aus Dubai

Susannes Ehemann meldet dem Staatsanwalt in Stuttgart, dass in Frankreich, Italien und in der Schweiz Geldbeträge mit einer Girocard von seinem Konto abgehoben worden seien.

Sein Sohn Martin erhält eine SMS mit anonymen Grüßen aus Dubai. Nachforschungen ergeben, dass die SMS vom Handy einer Hebamme namens Dörte Rydlowsky aus Bochum stammen. Inzwischen ist sie von Dubai nach Goa weitergereist. Auf Nachfrage sagt sie aus, die SMS im Auftrag einer Schwangeren geschickt zu haben, die auf dem Weg nach Thailand gewesen sei und sich als Sybille vorgestellt hatte.

An den in der Gorges du Verdun gefunden Kleidungsstücken befinden sich Spermaspuren, die im Labor sowohl Martin Gödeler als auch Xaver Lurek von Merlingengrün zugewiesen werden. Aus Susannes Notizen geht hervor, dass sie in Stuttgart mit Lurek schlief, um vor der Menopause noch ein Kind zu bekommen. Martins kläglichen Sperma-Mengen traute sie keine Zeugung zu, aber sie verführte ihn, weil sie erreichen wollte, dass er die Vaterschaft für das von ihr erhoffte Kind annehmen werde.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Der Staatsanwalt

Nitram Rotem, der junge Staatsanwalt, der Martin Gödeler als Mörder überführen möchte, wuchs mit seiner Mutter und einer Frau, die er für seine Großmutter hält, in Saulxures-sur-Moselotte am Westrand der Vogesen auf. Als er acht Jahre alt war, starb die Mutter, und die vermeintliche Großmutter zog mit ihm ins Elsass. Später kam er in ein deutsches Internat und studierte dann auch in Deutschland.

Während einer Haftverschonung gegen die Auflage, Stuttgart nicht zu verlassen und sich regelmäßig auf einer Polizeiwache zu melden, fährt Martin nach Saulxures-sur-Moselotte und findet dort mit Hilfe eines Friedhofsangestellten das Grab einer Maja Elisabeth Rotem.

Im Elsass spürt Martin einen Mann namens Thomas Kramer auf, der Maja Rotems angebliche Mutter Rebekka di Maro pflegte, bis sie wegen ihrer Demenz in ein Heim musste. Thomas Kramer berichtet seinem Besucher, was mit Elisabeth Lucile Trouvé nach ihrem Verschwinden in Brüssel geschah.

Politisch Gleichgesinnte brachten die Schwangere nach Thionville zu Rebekka di Maro, deren Tochter eine Woche zuvor gestorben war und ihr anbot, sie könne die Rolle der Tochter übernehmen, wenn sie bereit sei, ihre Karriere als Mathematikerin aufzugeben. Daraufhin wählte Elisabeth Lucile Trouvé den Namen Maja Elisabeth Rotem, zog mit Rebekka di Maro nach Saulxures-sur-Moselotte, gebar einen Sohn und ließ auch Nitram später glauben, Rebekka di Maro sei ihre Mutter.

Der Staatsanwalt ist also der Sohn des von ihm vernommenen Mathematikers. Martin Gödeler wird nach der Rückkehr aus Frankreich erneut festgenommen, weil er gegen die Auflagen verstieß. Aber als der junge Staatsanwalt die Zusammenhänge erkennt, kommt Martin Gödeler endgültig frei – und verschwindet kurz darauf.

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Der Mathematiker Martin Gödeler wird von dem jungen Staatsanwalt Nitram Rotem vernommen, der ihn als Mörder überführen möchte. Der Verdächtige denkt:

Ich bin sein Mörder – er ist mein Staatsanwalt.

Wer nun aber von dem Roman „Die Erfindung der Null“ ein packendes Psychoduell der beiden Männer erwartet, wird erst einmal enttäuscht, denn Michael Wildenhain beschäftigt sich nur zwischendurch kurz mit den Vernehmungen. Dass das Verhältnis von Martin Gödeler und Nitram Rotem tatsächlich im Zentrum des Romans steht, wird erst gegen Ende erkennbar.

Man kann „Die Erfindung der Null“ als Kriminalroman lesen. Immerhin beginnt Michael Wildenhain mit dem Fall einer Vermissten, von der Kleidungsstücke in der Gorges du Verdon gefunden werden. Und es gibt sowohl einen Verdächtigen – den Mathematiker Martin Gödeler – als auch Ermittlungen. Als Leserin bzw. Leser steht man zunächst vor Rätseln und möchte erfahren, was da geschehen ist. Das schafft Spannung.

Es ist nicht immer einfach, Michael Wildenhain zu folgen und einen roten Faden zu erkennen, denn er schreibt fragmentarisch, unzusammenhängend, wechselt übergangslos zwischen den Handlungssträngen und den zeitlichen Ebenen. Dazu kommt eine verknappte, stilistisch variierte Darstellung mit literarischen Ellipsen.

Der Protagonist Martin Gödeler, dessen Name wohl nicht zufällig an den Mathematiker Kurt Gödel (1906 − 1978) erinnert, eignet sich weder als Identifikationsfigur noch als Sympathieträger, zumal sich Michael Wildenhain kaum für eine Ausleuchtung der Charaktere interessiert.

Dass Michael Wildenhain den Plot seines Romans „Die Erfindung der Null“ mit dem althochdeutschen Hildebrandslied assoziiert, ist nachvollziehbar. Wenn er Martin Gödeler mit Odysseus vergleicht, fällt es schwerer, ihm zu folgen. Und die sowohl im Titel und in den Kapitelüberschriften als auch im Text hergestellten Bezüge zur Mathematik wirken zumindest für einen Laien wie mich konstruiert und überambitioniert.

Thematisch kreist „Die Erfindung der Null“ um eine Frage, der Michael Wildenhain bereits in seinem für den Deutschen Buchpreis 2017 nominierten Roman „Das Singen der Sirenen“ nachging: Ein Gefühl wie die Liebe und der Wunsch, eine Familie zu gründen bzw. Nachkommen zu zeugen, wie hängt das zusammen?  Außerdem inszeniert Michael Wildenhain in „Die Erfindung der Null“ den Gegensatz zwischen der Mathematik und der Unkalkulierbarkeit des Lebens. (Das erinnert an „Homo Faber“ von Max Frisch.)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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