Michael Wolski : 1989 Mauerfall Berlin

1989 Mauerfall Berlin
1989 Mauerfall Berlin Zufall oder Planung? Selbstverlag, Berlin 2019 Erweiterte Neuausgabe: 1989 Mauerfall Berlin Auftakt zum Zerfall der Sowjetunion Selbstverlag, Berlin 2021
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Zeitzeuge Michael Wolski ist überzeugt, dass Moskau den Fall der Berliner Mauer ebenso wie die Wiedervereinigung Deutschlands und die Auflösung des Warschauer Pakts jahrelang vorbereitet und gezielt herbeigeführt habe. Damit widerspricht er den gängigen Narrativen.
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Kritik

Beweisen kann Michael Wolski seine Hypothese nicht, aber er trägt in seinem Buch "1989. Mauerfall Berlin. Auftakt zum Zerfall der Sowjetunion" eine Reihe von Argumenten bzw. Indizien zusammen, und das von ihm geschilderte Szenario ist zumindest denkbar. Es könnte so gewesen sein.
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Mauerfall Berlin: Zufall oder Planung?

Einem in der westlichen Welt verbreiteten Narrativ zufolge zerfiel die wirtschaftlich kaputte DDR im Chaos. In Deutschland wird diese Vorstellung vom Bild der friedlichen Revolution durch die Montagsdemonstrationen der Bürgerrechtsgruppen vor der Nikolaikirche in Leipzig überlagert. Michael Wolski behauptet in seinem Buch „1989. Mauerfall Berlin. Auftakt zum Zerfall der Sowjetunion“ dagegen, beim Mauerfall am 9. November 1989 habe es sich um eine verdeckte Aktion gehandelt, die von einem sowjetischen „Drehbuchteam“ geplant worden sei.

Die sowjetischen Geheimdienste übernahmen an diesem Tag mithilfe ihrer hochrangigen Agenten in den Behörden und der Armee der DDR die Macht über die Medien und das Grenzregime und realisierten durch Tricks und Täuschung die unblutige Grenzöffnung.

Der Mauerfall wurde als geheimdienstlich geplante, verdeckte Operation vollzogen. Für die Darstellung in der Öffentlichkeit wurde ein ausgeklügeltes Wahrnehmungsmanagement entwickelt, welches auch noch heute funktioniert.

Vorbereitungen 1985 − 1988

Michael Wolski zufolge begann die Geschichte Mitte der Achtzigerjahre. Im März 1985 wurde Michail Gorbatschow Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Ein Vierteljahr später löste Eduard Schewardnadse den langjährigen Außenminister Andrei Gromyko ab. Zwei Jahre zuvor hatte US-Präsident Ronald Reagan mit dem SDI-Projekt den Druck des Wettrüstens noch einmal erhöht, und die beiden russischen Politiker bezweifelten, dass ihr Land noch lange in der Lage sein würde, die Satellitenstaaten zu beherrschen. Deshalb fingen sie an, den Rückzug aus Osteuropa zu planen.

Die DDR (und die anderen sozialistischen Länder) waren in den Augen der Sowjetführung zum Ballast geworden, der so schwer wog, dass er eine Gefahr für die Existenz der Sowjetunion geworden war.

Ein kleiner Kreis um Gorbatschow, Schewardnadse und KGB-Chef Tschebrikow bzw. seinem Nachfolger Krjutschkow hatte den Rückzug von bisherigen sowjetischen Positionen in Europa, beginnend in der DDR und eine mögliche Wiedervereinigung im Sinn. […] musste das im eigenen Land, vor der Welt und insbesondere gegenüber den teuren Genossen in Ostberlin streng geheim gehalten werden. Die Sowjetunion plante, ihr liebstes Kind zu opfern und das als Auslöser für den Rückzug aus Osteuropa zu nehmen.

Michael Wolski ist überzeugt, dass Wladimir Semjonow eine entscheidende Rolle bei der geheimen Vorbereitung des Rückzugs spielte. Semjonow, ein russischer Diplomat seit September 1939, hatte 1978 das Amt des sowjetischen Botschafters in Bonn von Walentin Falin übernommen und war im April 1986 von Juli Kwizinski abgelöst worden. Aber der Ruhestand des 75-Jährigen dauerte nicht lang: Bereits im Mai berief Schewardnadse ihn als Sonderbotschafter für die Bundesrepublik Deutschland. Statt seinen Lebensabend in Russland zu verbringen, wohnte Semjonow bis zu seinem Tod am 18. Dezember 1992 in Köln. Im Jahr zuvor schloss er seine Tätigkeit als Sonderbotschafter ab.

Die Aufgaben Semjonows als geheimer Sonderbotschafter zwischen 1986 und 1991 mit Wohnsitz in Köln dürfte die Vorbereitung der Abgabe der DDR im Austausch für die Zustimmung zur endgültigen Integration von Kaliningrad (Königsberg) in das sowjetische Hoheitsgebiet mit den Amerikanern (stellvertretend für die Westalliierten) gewesen sein.

Vernon Walters, der von 1972 bis 1976 stellvertretender CIA-Direktor gewesen war, wurde im April 1989 als US-Botschafter in Bonn akkreditiert. Damit − meint Michael Wolski − hätten die Amerikaner dem diplomatischen Schwergewicht Semjonow einen Verhandlungspartner auf Augenhöhe gegenübergestellt.

In einer Rede am 12. Juni 1987 in Westberlin rief Ronald Reagan: „Mr Gorbatschev tear down this wall!“ Michael Wolski glaubt nicht, dass die Aufforderung den Mann in Moskau überraschte.

Am 14. April 1988 wurde das Genfer Abkommen zur Beendigung des sowjetisch-afghanischen Kriegs unterzeichnet, und am 15. Februar 1989 endete der schmachvolle Rückzug der Sowjets aus Afghanistan.

Ungarn 1989

Am 2. Mai 1989 begann Ungarn, die Sicherungsanlagen an der Grenze zu Österreich abzubauen, und am 12. Juni trat Ungarn der Genfer Flüchtlingskonvention bei.

Am 19. August fand in Sopronköhida, einem Ort zwischen Sopron in Ungarn und St. Margarethen im Burgenland, ein „Paneuropäisches Picknick am Ort des ‚Eisernen Vorhangs'“ statt. Dabei wurde die Grenze für drei Stunden geöffnet, und das nutzten schätzungsweise 680 nach Ungarn gereiste DDR-Bürger zur „Republikflucht“. (Ungarische Staatsbürger durften ohnehin legal in den Westen reisen.)

Nach einem Geheimtreffen des ungarischen Ministerpräsidenten Miklós Németh und seines Außenministers Gyula Horn mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 25. August 1989 auf Schloss Gymnich bei Bonn öffnete Ungarn am 11. September um 0.00 Uhr die Grenze zu Österreich.

In diesem Ereignis sieht Michael Wolski den Prolog des Dramas. Der Berliner Mauerfall war der erste Akt, die Wiedervereinigung Deutschlands der zweite, und im Epilog ging es um den Rückzug der UdSSR aus Osteuropa.

DDR, 1989

Nachdem der 20-jährige Kellner Chris Gueffroy am 6. Februar 1989 bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen worden war, setzte die DDR den Schießbefehl im April aus. Die Grenzsoldaten durften nur noch in Notwehr schießen.

Am 18. Oktober übernahm Egon Krenz von Erich Honecker das Amt des Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED. Von seinem Antrittsbesuch in Moskau kam er am 3. November nach Ostberlin zurück und sorgte sogleich für ein Verbot des Schusswaffengebrauchs durch Volkspolizisten bei Aufruhr und Zusammenrottungen.

Berlin, 9. November 1989

Wegen des sowjetischen Feiertags am 7. November zum Gedenken an die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ wurde die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland vom 6. bis 13. November kaserniert.

Vom 8. bis 10. November 1989 tagte das Zentralkomitee der SED in Ostberlin. Seltsamerweise war zwar keine Pressekonferenz nach dem Abschluss der Tagung am 10. November geplant, aber am 9. November verließ Günter Schabowski, der am 6. November das neugeschaffene Amt des Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen übernommen hatte, die ZK-Tagung vorzeitig und eröffnete um 18 Uhr eine internationale Pressekonferenz.

Der italienische Journalist Riccardo Ehrman von der Nachrichtenagentur ANSA fragte Schabowski nach einem neuen Reisegesetzentwurf, und der Politiker las daraufhin folgenden Text vor:

„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen.“

Auf die Nachfrage eines deutschen Reporters, wann diese Regelung in Kraft trete, stotterte Schabowski:

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Die Pressekonferenz wurde im Fernsehen übertragen. Sobald sich Schabowskis Äußerung herumsprach, strömten die Menschen zu den Übergangsstellen der Berliner Mauer und noch vor Mitternacht ging an der Bornholmer Straße der erste Schlagbaum hoch.

Riccardo Ehrman behauptete später, er habe die entscheidende Frage nicht spontan gestellt, sondern sei dazu im Vorfeld der Pressekonferenz angestiftet worden. Es wurde vermutet, dass es sich bei dem Initiator um Günter Pötschke gehandelt haben könnte, den Chef der Nachrichtenagentur ADN. Jedenfalls wurde Ehrman für sein „Mitwirken an der Wiedervereinigung“ am 29. Oktober 2008 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Michael Wolski weist darauf hin, dass Günter Schabowski in der Pressekonferenz am 9. November 1989 den Entwurf einer Reiseregelung verkündet habe, die vom Ministerrat noch gar nicht beschlossen war. Dazu sei das Politbüromitglied in keiner Weise autorisiert gewesen, betont er. In den Medien wurde Schabowski als zerstreut bzw. überfordert dargestellt, aber der langjährige Chefredakteur des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ (1978 − 1985) war ein Medienprofi, und deshalb ist Michael Wolski überzeugt, dass es sich bei „Schabowskis Irrtum“ um eine vorab geplante Inszenierung gehandelt habe.

Den Notizzettel, den Schabowski bei der Pressekonferenz vor sich hatte, erwarb 2015 das Haus der Geschichte in Bonn. Darauf steht u. a.:

„Frage − Antwort (ZK-Mitgl.) nicht verg.“

Und am oberen Rand war vermerkt, dass die Pressekonferenz nicht länger als bis 19 Uhr dauern sollte. Die zeitliche Begrenzung gehörte laut Michael Wolski ebenso zur Inszenierung wie die Verlängerung der ZK-Sitzung. Erst zwischen 20.40 Uhr und 21 Uhr verließen die Sitzungsteilnehmer das Haus des Zentralkomitees und fuhren zum Gästehaus, ins Büro oder nach Hause. Damals gab es noch keine Mobiltelefone. Die Führungskader der DDR erfuhren also erst von der Pressekonferenz und dem Ansturm auf die Übergangsstellen, als es zu spät war.

Der US-amerikanische Journalist Tom Brokaw flog am 6. November 1989 nach Berlin, baute am folgenden Tag mit seinem Team einen Übertragungswagen auf der Westseite des Brandenburger Tors auf, bekam im Anschluss an die Pressekonferenz am 9. November ein Exklusiv-Interview von Günter Schabowski und eilte dann um 19.45 Uhr zum Übertragungswagen. Michael Wolski meint, Tom Brokaw habe bereits im Voraus etwas von den zu erwartenden Vorgängen in Ostberlin gewusst, anders lasse sich das nicht erklären.

Wiedervereinigung

Der Fall der Berliner Mauer bildete den Auftakt zur Wiedervereinigung Deutschlands.

Der am 23. August 1939 geschlossene deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) und der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 waren in der Öffentlichkeit bekannt, aber die geheimen Zusatzprotokolle über die Aufteilung von Interessensphären für den Fall „territorial-politischer Umgestaltungen“ wurden von Moskau bis 1989 geleugnet.

Brisant war vor allem das Territorium um Königsberg. Während des Zweiten Weltkriegs hatte es noch zum Deutschen Reich gehört, auf der Potsdamer Konferenz war es „vorbehaltlich der endgültigen Bestimmung der territorialen Regelungen bei der Friedensregelung“ sowjetischer Verwaltung überlassen worden, aber im Widerspruch zu dieser Regelung hatte Moskau das Gebiet dem eigenen Staat eingegliedert. Um nun einen Anspruch Deutschlands auf Kaliningrad / Königsberg zu verhindern, erklärte der Volksdeputiertenkongress in Moskau die geheimen Vereinbarungen von 1939 am 24. Dezember 1989 für nichtig.

Daraufhin beanspruchte Litauen als erste Unionsrepublik der UdSSR am 11. März 1990 Souveränität. Lettland und Estland folgten im Mai 1990.

Trotz der anfangs ablehnenden Haltung der britischen und französischen Regierungen setzten die USA und die UdSSR ihre Pläne durch. Nachdem die Parlamente in Bonn und Ostberlin den Einigungsvertrag verabschiedet hatten, erfolgte am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands.

Der Zwei-plus-Vier-Vertrag (Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland) zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, Frankreich, Großbritannien, der UdSSR und den USA wurde am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnet und trat am 15. März 1991 in Kraft.

Am 1. Juli 1991 endete der Warschauer Pakt, und mit einem Beschluss des Obersten Sowjets der UdSSR vom 26. Dezember 1991 löste sich dann auch die UdSSR auf.

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In seinem Buch „1989. Mauerfall Berlin. Auftakt zum Zerfall der Sowjetunion“ und auf seiner Website www.1989mauerfall.berlin behauptet Michael Wolski, der Fall der Berliner Mauer sei ebenso wie die Wiedervereinigung Deutschlands und die Auflösung des Warschauer Pakts jahrelang vorbereitet und von Moskau gezielt herbeigeführt worden. Damit widerspricht er den gängigen Narrativen.

Beweisen kann Michael Wolski seine Hypothese nicht, aber er trägt eine Reihe von mehr oder weniger plausiblen Argumenten bzw. Indizien zusammen, und das von ihm geschilderte Szenario ist zumindest denkbar. Es könnte so gewesen sein.

Die Darstellung ist weder stringent noch systematisch, aber gut verständlich und nachvollziehbar.

Nach dem Studium an der Hochschule für Ökonomie in Berlin war Michael Wolski (*1952) ab 1974 in verschiedenen Funktionen im Außenhandel der DDR beschäftigt. 1986 bis 1990 arbeitete er im 1967 bis 1978 errichteten Hochhaus des Internationalen Handelszentrums (IHZ) am Bahnhof Friedrichstraße, gehörte also zum von Alexander Schalck-Golodkowski geleiteten Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo). 1991 wurde Michael Wolski nach Moskau versetzt und baute dort die Repräsentanz des US-Konzerns auf, für den er bereits in Berlin gearbeitet hatte. 1997 kehrte Michael Wolski nach Berlin zurück.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Michael Wolski

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