David Wonschewski : Blaues Blut

Blaues Blut
Blaues Blut Eine Biedermeiersehnsucht Originalausgabe Edition Periplaneta, Berlin 2022 ISBN 978-3-95996-219-3, 257 Seiten ISBN 978-3-95996-220-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Aus einem "verhaltensauffälligen Abiturienten" wird ein weltverachtender Misanthrop und "mentaler Amokläufer". Der Grübler weigert sich, die Erwartungen der Konsum- und Leistungsgesellschaft zu erfüllen, wehrt sich gegen den Zwang zur Selbstverwirklichung und unaufhörlichen Leistungssteigerung. Er steigt verzweifelt aus und will sich nicht, wie die anderen, zeitlebens darüber hinwegtäuschen, dass er sich nichts vormache.
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Kritik

Statt einer Handlung mit anschaulich gestalteten farbigen Szenen folgen wir Beobachtungen und Gedanken des ebenso klugen wie skurrilen Erzählers. So wird "Blaues Blut" zur mit Aperçus gespickten philosophischen Achterbahnfahrt weitab vom Mainstream, vorgetragen mit gedanklichem Furor und einer außergewöhnlich kraftvollen poetischen Sprache.
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Verhaltensauffälliger Abiturient

Frankenfelder und Brachwitz machen im Sommer 1997 das Abitur in der westfälischen Gemeinde Hönningstrup mit 6000 Einwohnern. Wenige Wochen nach den Prüfungen besucht Frankenfelder seinen Schulfreund, dessen Eltern verreist sind. Der Architektensohn Brachwitz plündert die Hausbar, und während er schließlich betrunken auf der Couch einschläft, schaut Frankenfelder sich in der Villa um. Im Arbeitszimmer des Architekten lässt er die Hose herunter, stemmt sich rücklings auf die Armlehnen des 3000 DM teuren Bauhaus-Bürostuhls und presst einen stinkenden Haufen aus sich heraus.

Diese Sauerei eines 18-jährigen, Gedichte schreibenden Abiturienten mit Latinum und Graecum ruft „IM Krebs“ von der „Organisation rechtschaffener kontinentaleuropäischer Männer“ auf den Plan, der Frankenfelder nun aus nächster Nähe zu beobachten beginnt.

Ich bin der Erzähler dieser Geschichte. Körperlos schwebe ich über den Geschehnissen.

Er hat zwar den Auftrag, Frankenfelder zu eliminieren, kann aber erst einmal nicht verhindern, dass aus dem „verhaltensauffälligen Abiturienten“ nach der Ableistung des Wehrdienstes „ein wahnsinnig wütender Misanthrop“ und „mentaler Amokläufer“ wird.

Und dass er, anstatt wie die meisten von uns, die sich einfach ihre eigene Realität, ihre eigene Selbstgerechtigkeit zurechtzimmern, zerbrochen ist an der Aufgabe, sich eine tragfähige Existenz zu bauen. Sich ein Lebenskonstrukt zusammenzustellen, nötigenfalls auch zusammenzulügen, indem es sich, würdevoll und voller Respekt vor sich selbst, Tag für Tag existieren lässt.

Statt mit konkreten Handlungsweisen auf konkrete Gefahren zu reagieren, widmete er sich lieber seinen abstrakten Ängsten, um sie mit irrationalen Mitteln zu bekämpfen.

So also verhielt es sich mit Frankenfelder und seinen abstrusen Anstößigkeiten, die er regelmäßig unternahm, so als befände er sich auf einem Feldzug gegen die Zivilisation – nur ohne Waffen, ohne Plan und ohne Ideen.

Während des Studiums zieht Frankenfelder mit Kommilitonen um die Häuser und fällt durch seine „überbordende Unternehmungs- und Ausgehlust“, ja „Feierwütigkeit“ auf.

Künstler

2008 betritt Frankenfelder – inzwischen Ende 20 – das Foyer eines Drei-Sterne-Hotels in Hönningstrup und fragt Cristina, die an der Rezeption tätige Tochter der Inhaber, nach einem freien Zimmer, das er weder bezahlen könne noch wolle und für das er auch keine Verwendung habe. Dann erklärt er der erstaunten Frau: „Ich bin Künstler!“

Ich bin Künstler!
Aha, hatte Cristina gesagt und dann gefragt: Verdient man damit Geld?
Und Frankenfelder hatte gesagt, vielmehr immer noch gerufen:
Andere schon! Ich nicht!
Wie, gar nichts?, hatte sie gefragt. Null!!, hatte er gebrüllt. Wie schade, hatte sie geraunt und gefragt, ob er male – Nein! – ob er schauspielere – Nein! – ob er schreibe – Nein! –- oder singe – Nein! Und schließlich, als ihr langsam die Fragen ausgingen, ob er denn schon mal aufgetreten sei oder etwas veröffentlicht habe: Nie und Nix! Das sei ja nun nicht so viel an Kunst, hatte Cristina vor sich hingeflüstert, worauf Frankenfelder zurückbrüllte, dass das ja wohl die größte Kunst überhaupt sei, ein Kunststück, das kaum ein Künstler hinbekomme, Aktionismus durch Verweigerung, laut sein durch leise sein.

Cristina verschafft Frankenfelder eine Anstellung als Nachtportier im Hotel ihrer Eltern, fängt eine Liebesbeziehung mit ihm an und zieht zu ihm in seine Dachgeschosswohnung.

Nach einiger Zeit beendet Frankenfelder seine Mitarbeit im Hotel und nutzt jede Gelegenheit, seine Texte und Lieder vorzutragen. Obwohl er meint, es gebe keinen Grund, Künstler zu werden, „abgesehen von Selbstverliebtheit, Geltungsdrang und Feigheit“, springt er auf jede Bühne und vor jedes Mikrofon.

Du hast Lieder und Texte geschrieben, um die Leute aufzustacheln. Und diese Leute erfreuten sich daran, blieben aber auf ihren fetten Hinterteilen hocken, bewegten sich nicht einen Zentimeter!

Dass du auf der Jagd nach Applaus und Bestätigung bist, angewiesen darauf, dass die Besucherzahlen steigen. Und während sie steigen, verformst du dich.

Frankenfelder beschimpft das Publikum – und dem gefällt das.

Doch diese Drecksbrut bewegte sich nicht und du sahst es in ihren speckig glänzenden Gesichtern, wie sie sich vornahm, beim nächsten Mal gewiss wiederzukommen und ebenso gewiss viele Freunde mitzubringen.

Künstler sein, Applaus erzeugen, führt zu nichts. Man wird gedruckt und veröffentlicht, man wird verkauft und wird ins Regal eines Käufers einsortiert. […] Wie verkommen muss ein Mensch sein, der seine Geistesblitze in einem Essay, einem Bändchen oder einem Roman veröffentlicht und alsdann, kommerziell aufbereitet, schön weiter an der Welt verzweifelt. Weil es ja so bequem ist, wenn die eigene Intellektualität, ach sagen wir doch gleich: die eigene Genialität einfach nur gelesen, hier und da vielleicht bestaunt – schlussendlich aber in ein heimisches Regal einsortiert wird, wo nichts mehr passiert.

Passivradikalität

Cristina fällt 2015 auf, dass Frankenfelder weder liest noch Musik hört oder etwas anderes tut, die Wohnung seit zwei Wochen nicht verlassen hat und sich auch nicht mehr wäscht.

Was zum Teufel machst du denn da, Frankenfelder?
Nichts.
Wie jetzt: Nichts?
Aha. Nichts also. Und was soll das werden, wenn es einmal fertig ist?
Na, nichts. Nichts soll es werden. Muss doch nicht alles immer gleich was werden. Das ist doch unser größtes Problem, dass uns irgendwann eingetrichtert wurde, dass aus allem immer was werden muss. Dass jeder Handlung eine Zweckgebundenheit innezuwohnen hat. Dass sie, wenn sie diese Zweckgebundenheit nicht besitzt, vollkommen für die Katz und somit dringend zu unterlassen ist.

Ich will es nicht ändern. Ich will nur einfach nicht mehr teilnehmen an der Unlogik der Außenwelt. Die Welt da draußen ist ein Angebot. Und ich lehne dankend ab.

Wie Bartleby, der Schreiber pflegt Frankenfelder den Wahlspruch: „Ich möchte lieber nicht.“

Negierung wurde mir zur letztlich verbliebenen Lebensmöglichkeit. Als einzig würdevolle Existenzform in einer nach Habhaftigkeit gierenden Greifarm-Gesellschaft.

Entscheidest dich, keine Entscheidungen mehr zu treffen. Zu einem entscheidungslosen Menschen zu werden. Aufzubegehren gegen diesen allgegenwärtigen Aufruf zur Entschiedenheit, diese allgegenwärtig propagierte Entschlussfreude.

Mit Cosmin taucht „ein weiterer Frankenfelder“ auf, der vor Glück und Euphorie überschwappt. Nachts geht Frankenfelder mitunter ins Bad und wartet dort, bis Cosmin mit Cristina fertig ist. Aber sie mag den gut gelaunten Schönen eigentlich nicht.

Schließlich zieht sich Frankenfelder allein in eine Dachgeschosswohnung zurück.

Liebe ist ein Konstrukt, was der Mensch sich irgendwann ausgedacht hat. […] da wurde ihm klar, dass er da nicht mehr mitmachen wollte, dass es eine Frage des darwinistischen Anstands war, dieser grassierenden Idee von Liebe den Kampf anzusagen.

Suizidversuche und autoaggressive Verletzungen durch glühende Zigaretten und Rasierklingen hat er ebenfalls hinter sich.

Sehe alles, was ich einmal gewesen, was meinen Charakter und mein Sein ausgemacht hat, verstreut auf dem Boden hinter mir liegen. Wie einer, der sich auf dem Weg ins Schlafzimmer hastig seiner Klamotten entledigt hat, so sieht das aus. Nur, dass dort nicht Hemd und Hose und Socken liegen. Sondern Anstand und Wille und Lust. Kampfbereitschaft.

Längst ist Frankenfelder kein „Befehlsempfänger der Konsumindustrie“ mehr.

Alles, was dir in deiner Kindheit und Jugend beigebracht wurde, hast du schon vor vielen Jahren nach und nach zu verachten begonnen, all diese Automatismen aus Lernen und Funktionieren und beständiger Selbstoptimierung.

Nachdem er im Fernsehen einen Werbespot für einen Hammer gesehen hat, kauft er sich im Baumarkt den schwersten, den er kriegen kann – und zertrümmert damit seine Wohnungseinrichtung. Zweckentfremdung hält er für die letzte Möglichkeit zivilen Ungehorsams. Er entdeckt die „Passivradikalität“ und hockt nur noch auf der in der Wohnung verbliebenen Matratze. Allerdings ist es ihm noch nicht geglückt, „dem Kerker dieser ewig gleichen Selbstreflexion, dem dunklen Loch der Selbstgesprächigkeit“ zu entfliehen.

Im Sommer 2016 ist es IM Krebs endlich gelungen, Frankenfelder zu eliminieren.

Ich war nicht der Schnellste, neunzehn Jahre Bearbeitungszeit sind ein ziemlicher Brocken, keine Frage. Immerhin gut habe ich meine Arbeit gemacht. Nahezu perfekt. Genau das aber ist das Problem. Ich habe Frankenfelder eliminiert, alle Spuren verwischt. So gut, dass nicht einmal ich selbst ihn noch wiederfinden könnte. Frankenfelder ist ein hervorragend funktionierender Bestandteil unserer Zivilgesellschaft geworden. Derart gut integriert ist Frankenfelder, dass er jetzt in diesem Augenblick vor mir stehen könnte. Und ich ihn nicht erkennen würde […].

Familienfreundlich sich gebärendes Ich

Er kehrt nach Hönningstrup zurück und heiratet eine selbstbewusste pragmatische Frau mit zwei Töchtern. Die ältere der beiden wurde vor einem Jahr eingeschult, die jüngere geht noch in den Kindergarten. Er versucht sich als Vaterersatz und Hausmann, während seine Frau Geld für den Familienunterhalt verdient. Sogar den Hund („Dreckstöle“) zu ertragen, bemüht sich der Mann. Zu einem „familienfreundlich sich gebärendes Ich“ ist er geworden.

Habe ich mich, mit zwei glücklich johlenden Kindern und einer glücklich kichernden Frau […], nun doch zwangsoptimieren lassen? Oder ist das Gegenteil der Fall, habe ich den Höhepunkt meiner Abspaltung von mir selbst erreicht, befinde mich inmitten eines halluzinogenen Trips?

Warum du Liebe nicht kannst, das weißt du nicht, vielleicht lässt sich die Menschheit einfach in zwei Teile trennen, diese, für die Liebe des Unbehagens Lösung ist und jene, für die Liebe des Unbehagens Ursprung ist. Du hast es versucht und es hat nicht funktioniert und nun bist du über 40 und stehst hier mit dem Hund deiner Frau, die dich nicht liebt, dem Hund zweier kleiner Mädchen, die du nicht liebst. Du weißt, dass es für viele Menschen unsagbar daneben klingt, sich eine Lebenskonstellation auszusuchen und aufrechtzuerhalten, die nicht auf Liebe beruht, sondern auf Sicherheit. Doch genau deswegen funktioniert es, wäre da wirkliche, tiefempfundene Liebe zwischen der Frau, den Mädchen und dir, es wäre der Anfang vom Ende.

[…] du darfst alles sein, nur um Gottes Willen nicht du selbst, je weniger du deine eigenen Gedanken denkst und je weniger du dich spürst, desto zufriedener bist du und desto nützlicher bist du für eine Frau und zwei Mädchen, die keinen Mann brauchen, sich aber einen solchen leisten wollen.

Ich sehe dich an. Nein, seit du mich in dein Haus und zu deinen Kindern gelassen hast, bin ich die beste Version meiner selbst.

Ein komplett anderer Mensch. Das müsste man sein können. Nicht immer nur man selbst.

Aber nicht einmal Saulus wurde zu einem komplett anderen Menschen: Paulus musste Saulus unter Kontrolle halten, damit der nicht erneut sein Handeln bestimmte.

IM Krebs, der 2017 wieder mit dem Trinken angefangen hat, fragt sich nicht nur, wo Cosmin und Frankenfelder abgeblieben sind, sondern auch welche Rolle er selbst spielt. Die Mutter der beiden Mädchen schaut herein, sieht, dass er schreibt und fragt.

Warum schreibst du nicht mal was Konkretes? Dein Geschwurbel schlägt doch mächtig auf den Magen.

Sie rät ihm, statt des selbstreflexiven Geschwurbels einen Krimi zu schreiben. Das bringt ihn auf eine Idee, und er stockt seine Lebensversicherung auf.

Vor- bzw. Nachspiel

Hönningstrup 2017. Sterbend liegt er am Boden, mit dem Rücken auf einem Flokati. Er kann sich nicht mehr bewegen, hat aber den Griff des in seinem Bauch steckenden Messers im Blickfeld.

Nun ist es keine Paranoia, keine Wahnvorstellung mehr. Sondern Tatsache. Du wurdest verfolgt! Und dieser Verfolger spürte dich auf, holte dich ein, stach zu!

Schau, deine Frau ist da – die Schöne! Die Kinder sind da – die Süßen! Und sogar der Hund, der blöde. Springt um dich herum, schnüffelt an dir. […] Jault das Jaulen, das dir in diesem Augenblick viel besser zu Gesicht stünde. […] Ist und bleibt Dreckstöle. Kann nicht hinaus aus seiner Dreckstölen-Rolle. […] Und die Töle springt und sabbert und lechzt, weiter ungesühnt, weiter ungestraft.

Der Kommissar erklärt der Frau, dass ihm sofort etwas aufgefallen sei. Die Blutspritzer auf dem Teppich und die Austrittswunde passen nicht zu einem Messerangriff von vorn. Er sei überzeugt, dass das alles geplant gewesen sei und würde sich nicht wundern, wenn der Sterbende kürzlich seine Lebensversicherung aufgestockt habe.

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In seinem Roman „Blaues Blut. Eine Biedermeiersehnsucht“ porträtiert David Wonschewski einen grüblerischen Mann, der an den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem daraus resultierenden Erwartungsdruck verzweifelt. Aus dem „verhaltensauffälligen Abiturienten“ wird ein weltverachtender Misanthrop und „mentaler Amokläufer“. Der Protagonist weigert sich, die Erwartungen der Konsum- und Leistungsgesellschaft zu erfüllen; Frankenfelder wehrt sich gegen den Zwang zur Selbstverwirklichung und unaufhörlichen Leistungssteigerung. Er steigt aus und will sich nicht, wie die anderen, zeitlebens darüber hinwegtäuschen, dass er sich nichts vormache.

David Wonschewski tut zunächst so, als gäbe es zwei Ich-Erzähler, aber es wird rasch deutlich, dass es nur einen einzigen gibt, den schizoiden Anti-Helden, der sowohl Frankenfelder und Cosmin („der andere Frankenfelder“) als auch IM Krebs ist.

Eine Handlung im gewohnten Sinn mit anschaulich gestalteten farbigen Szenen weist „Blaues Blut“ allenfalls rudimentär auf. Stattdessen folgen wir Beobachtungen und Gedanken des ebenso klugen wie skurrilen Erzählers, der sich als Berichterstatter gibt. So erleben wir eine mit Aperçus gespickte philosophische Achterbahnfahrt weitab vom Mainstream.

Vorgetragen wird das verzweifelt, mit gedanklichem Furor und einer außergewöhnlich kraftvollen poetischen Sprache.

In der vorangestellten „Gebrauchsanweisung“ wünscht David Wonschewski den Leserinnen und Lesern „viel Spaß“. Das ist sarkastisch, denn „Blaues Blut“ ist ein düsterer und zynischer Roman mit tragikomischen Elementen.

Der österreichische Liedermacher Christoph Theussl hat „Blaues Blut“ durch Musikstücke ergänzt, die ebenso wie von David Wonschewski gesprochene Leseproben über QR-Codes bzw. Links abgerufen werden können.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Edition Periplaneta Berlin

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