Elke Heidenreich: Der Welt den Rücken
(Erzählungen)
      Kritik:
Unter dem Titel "Der Welt den Rücken" hat Elke Heidenreich kurze Erzählungen veröffentlicht. Es sind gut beobachtete Geschichten über Liebe und Verlust, die Midlifecrisis und das Altern. Buchkritik, Rezension
 

Elke Heidenreich:
Der Welt den Rücken

 
  Inhalt:
– Die schönsten Jahre
– Silberhochzeit
– Der Tag als Boris Becker ging
– Ein Sender hat Geburtstag
– Karl, Bob Dylan und ich
– Wurst und Liebe
– Der Welt den Rücken
Inhaltsangabe, Handlung

Originalausgabe:
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 3-446-20052-5, 190 Seiten, 15.90 € (D)

Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2003
ISBN 3-499-23253-7, 192 Seiten

   


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Elke Heidenreich: Der Welt den Rücken

Die schönsten Jahre

Die in Norddeutschland lebende Journalistin Nina Rosenbaum leidet darunter, dass ihre Mutter Eva nicht liebevoller zu ihr ist. Nur aus Pflichtgefühl besucht Nina die in einer süddeutschen Kleinstadt wohnende Witwe alle paar Monate und nimmt sich dabei ein Hotelzimmer, statt bei ihrer Mutter zu übernachten. Widerwillig trinkt Nina von dem angebotenen Rotwein mit Schraubverschluss. Die fünf praktischen Korkenzieher, die sie Eva im Lauf der Zeit schenkte, liegen unbenutzt herum. Um die ambivalente Beziehung nicht weiter zu gefährden, verheimlicht die Fünfundvierzigjährige der Achtzigjährigen, dass sie ihres Lebensgefährten Ludwig überdrüssig ist und sich in die Fotografin Flora verliebt hat, die fünf Jahre jünger ist als sie. Nina ahnt nicht, dass die alte Dame mehr versteht, als sie zu erkennen gibt.

Zwei Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, entdeckt Nina in deren Sachen ein an sie adressiertes Kuvert. Es enthält vier Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die jetzt Verstorbene mit Karla, einer der beiden Schwestern ihres Ehemanns, abgebildet ist.

Auf zwei der Fotos rauchte meine Mutter, ich hatte sie nie rauchen gesehen. Und neben ihr, den Arm um sie gelegt, ebenfalls rauchend, Tante Karla in einem Männeranzug mit Oberhemd, gelockertem Kragen und Schlips. So standen sie nebeneinander, umarmten sich, sahen unbeschreiblich glücklich aus und lachten in die Kamera, mitten im Krieg, und die Fotos hatte sicher Tante Paula gemacht. Im Hintergrund stand ein Kinderwagen, vielleicht lag ich darin und schlief [...]
Und auf dem vierten Foto waren mene Mutter und meine Tante Karla in einen innigen Kuss versunken, mit geschlossenen Augen.
Ich drehte die Bilder um. Auf der Rückseite aller vier Fotos stand derselbe Satz, mit sepiabrauner, verblichener Tinte in der zierlichen Schrift meiner Mutter geschrieben: "1940 – 1945, mit Karla. Meine schönsten Jahre." (Seite 43)

Offenbar hatte auch Eva ihrer Tochter eine lesbische Romanze verheimlicht, und Nina begreift, dass sie ihre Mutter gar nicht wirklich kannte. Aber es ist zu spät.

Gabi Kubach verfilmte die Erzählung 2006 mit Ulrike Kriener und Doris Schade in den Hauptrollen fürs Fernsehen ("Die schönsten Jahre").

Silberhochzeit

Ben und Alma feiern Silberhochzeit und haben dazu die engsten Freunde eingeladen. Alma hat gekocht und wird gelobt. Während Anekdoten über frühere Erlebnisse erzählt, Geheimnisse ausgeplaudert und gegenseitige Aversionen spürbar werden, reift in Alma der Entschluss, sich von Ben zu trennen.

Matti Geschonneck verfilmte die Erzählung 2006 fürs Fernsehen: "Silberhochzeit".

Der Tag als Boris Becker ging

Während Boris Becker am 30. Juni 1999 zum letzten Mal in Wimbledon spielt, das Tennismatch verliert und sagt: "Es war Zeit zu gehen", sitzen ein paar Altachtundsechziger in ihrer Stammkneipe unter dem Wandspruch "Schafft alles ab!" und schwadronieren in gedrückter Stimmung über den Sport, das Leben und ihre früheren politischen Überzeugungen. Ist wirklich schon alles vorbei?

Wir fühlten uns, wie Eltern sich fühlen, wenn die Kinder endgültig das Haus verlassen und unsichtbar an die Tür schreiben: "Jetzt seid ihr alt." (Seite 76)

Ein Sender hat Geburtstag

Zur Feier des 50. Geburtstags eines Fernsehsenders versammeln sich Fernsehstars mit ihren Marotten und teilweise längst überholten Ansichten, so der Dichter Albrecht Donner, die ehemalige Journalistin Klara Zander und der frühere Literaturredakteur Dr. Ernst Gauselmann in Begleitung seiner neuen Lebensgefährtin Jessica.

Die Kultur, das waren Dr. Gauselmann, Albrecht Donner und Klara Zander, die zusammen auf zwölf veröffentlichte Bücher und fünf Scheidunen kamen. (Seite 97)

"Nicht Elend und Aussatz, die Banalität wird uns umbringen", knurrt Dr. Gauselmann. "Wir werden überhäuft mit den Plagen der Banalität." (Seite 101) Zu Klara sagt er später: "Ich weiß, dass Jessica zu jung für mich ist, aber Frauen wie du machen mir angst. Jedenfalls hält sie mich für irgendwas und merkt nicht, dass ich in Wahrheit mit allem gescheitert bin." (Seite 123)

Karl, Bob Dylan und ich

Karl und Irene sind seit vielen Jahren befreundet. Bei einem Kneipenbesuch beklagen sie sich über ihre Partner, von denen sie verlassen wurden. Dann geht Irene allein nach Hause, denkt über ihren geschiedenen Mann und ihren letzten Liebhaber nach und kommt zu dem Schluss, dass keiner der beiden zu ihr passte und sie mit ihnen nichts mehr zu tun haben möchte. Überraschend kommt Karl vorbei, um mit ihr gemeinsam eine Fernsehsendung über Bob Dylan anzuschauen – und aus den langjährigen Freunden wird endlich ein Liebespaar.

Wurst und Liebe

Wehmütig erinnert sich die belesene Ich-Erzählerin Doris an ihren Jugendschwarm, einen Geiger, während sie dem angehenden Filmregisseur Harry bei seinem ersten Drehbuch hilft. Dafür schenkt er ihr und ihrem Lebengefährten Otto eine Wurst- und Schinkenschneidemaschine, die er von seinem Großvater geerbt hatte.

[...] immer, wenn wir damit Schinken, Mortadella oder Salami schnitten, gab es einen leisen Schmerz in meiner Brust, als wäre es mein eigenes Herz, das da von dieser Wurstmaschine in hauchdünne Scheiben geschnitten würde. (Seite 160)

Als sie sich kurz darauf von Otto trennt, lässt sie ihm die Wurstschneidemaschine.

Der Welt den Rücken

Die neunzehnjährige Studentin Franziska Steinmetz in München möchte endlich defloriert werden. Dafür sucht sich im Oktober 1963 bewusst nicht einen unerfahrenen Jungen aus, sondern den fünfunddreißig Jahre alten Schlosser und Bundeswehrsoldaten Heinrich, mit dem sie ein Zimmer in einem Gasthof in Landsberg nimmt und gleich darauf noch "zehn Tage der Liebe" am Ammersee verbringt.

Am Ende dieser zehn Tage sah sie ihn an und dachte: Nun ist es genug. Es gab nichts mehr, was sie nun noch hätten ausprobieren, schon gar nichts, worüber sie noch hätten reden können [...] Sie fuhren am nächsten Tag nach München zurück. (Seite 178f)

Erst von ihren Kollegen Hugo und Walter bei der Post, wo sie als Briefträgerin die Kosten fürs Studium verdient, erfährt sie von der Kubakrise und erschrickt, als sie begreift, wie dicht die Welt vor einem Atomkrieg stand.

Siebenundzwanzig Jahre später kommt Franziska auf den Gedanken, sich noch einmal mit Heinrich zu treffen. Als ihr Ehemann geschäftlich in Neuseeland zu tun hat, besucht sie Heinrich in Ulm. Sie lädt den dreimal geschiedenen, heruntergekommenen Frührenter in eine luxuriöse Hotelsuite ein und versucht, die Erinnerung an das erste Mal wieder aufleben zu lassen. In den fünf Tagen versäumt sie den Fall der Berliner Mauer (Wiedervereinigung); davon liest sie erst nach am Abschied in einer Zeitung, die sie sich im Bahnhof kauft.

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Buchbesprechung:

Unter dem Titel "Der Welt den Rücken" hat Elke Heidenreich kurze Erzählungen veröffentlicht: Geschichten über Liebe und Verlust, die Midlife Crisis und das Altern. Bücher von Dieter Wunderlich Es fällt leicht, sich mit den Figuren zu identifizieren, weil es nicht um spektakuläre Ereignisse geht, sondern um gut beobachtete und unprätentiös erzählte Erlebnisse aus dem Alltag. Die Atmosphäre ist zwar eher melancholisch, aber mit Humor, Ironie und Flapsigkeit sorgt Elke Heidenreich für eine heitere Lektüre. Noch vergnüglicher ist es, wenn sie eine ihrer Geschichten aus "Der Welt den Rücken" selbst vorträgt und dabei genau den richtigen Ton trifft (wie am 29. März 2006 in Frankfurt am Main bei der Lesung von "Karl, Bob Dylan und ich").

Die Erzählung "Silberhochzeit" wurde von Matti Geschonneck verfilmt: "Silberhochzeit".

Inhaltsangaben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag
Die Seitenangaben beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe

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Matti Geschonneck: Silberhochzeit

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