|
Thomas Mann: Der Zauberberg (Roman) |
Thomas Mann: Der Zauberberg |
|
Buchbesprechung:Wegen einer Lungenaffektion hielt Katia Mann sich 1912 sechs Monate lang im Waldsanatorium von Professor Jessen bei Davos auf. Während ihrer Abwesenheit blieb Thomas Mann bei den Kindern in der Villa in München bzw. im Landhaus bei Tölz, aber in der zweiten Maihälfte reiste er für drei Wochen nach Davos, um seiner Frau Gesellschaft zu leisten. Weil er sich nach zehn Tagen bei feuchtkaltem Wetter auf dem Balkon einen Katarrh zugezogen hatte, schloss er sich Katia bei der nächsten medizinischen Untersuchung an, und Professor Jessen empfahl ihm, ebenfalls ein halbes Jahr im Sanatorium zu bleiben, um einen kleinen Lungenschaden auszukurieren. Thomas Mann reiste jedoch nach drei Wochen planmäßig wieder zurück nach München. Ich habe es vorgezogen, den "Zauberberg" zu schreiben, worin ich die Eindrücke verwertete, die ich in kurzen drei Wochen dort oben empfing, und die hinreichten, mir von den Gefahren dieses Milieus für junge Leute – die Tuberkulose ist eine Jugendkrankheit – einen Begriff zu geben. Diese Krankenwelt dort oben ist von einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman lasen. Es ist eine Art Lebens-Ersatz, der den jungen Menschen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben vollkommen entfremdet. (Thomas Mann im Mai 1939 an der Princeton University. Seite 10) Die Eindrücke aus der Welt der Kranken in dem Lungensanatorium ließen Thomas Mann nicht mehr los, und er begann, sie literarisch zu verarbeiten. Mit ihm ["Der Tod in Venedig"] war ich nahezu fertig zu dem Zeitpunkt meines Besuches in Davos, und die Erzählung nun, die ich plante – und die sofort den Titel "Der Zauberberg" erhielt –, sollte nichts weiter sein als ein humoristisches Gegenstück zum "Tod in Venedig", ein Gegenstück auch dem Umfang nach, also eine nur etwas ausgedehnte short story. Sie war gedacht als Satyrspiel zu der tragischen Novelle, die ich eben beendete. Ihre Atmosphäre sollte die Mischung von Tod und Amüsement sein, die ich an dem sonderbaren Ort hier oben erprobt hatte. Die Faszination des Todes, der Triumph rauschhafter Unordnung über ein der höchsten Ordnung geweihtes Leben, die im "Tod in Venedig" geschildert ist, sollte auf eine humoristische Ebene übertragen werden. (a.a.O., Seite 11)
Im Gegensatz zur ursprünglichen Absicht wurde aus "Der Zauberberg" in jahrelanger Arbeit statt einer Novelle ein zweibändiger Roman.
Hans Castorp als Gralssucher – Sie werden das nicht gedacht haben, als Sie seine Geschichte lasen, und wenn ich selbst es gedacht habe, so war es mehr und weniger als Denken. (a.a.O., Seite 20) In der entrückten Atmosphäre auf dem "Zauberberg" sucht Hans Castorp nach dem "genialen Weg" zum Leben: "Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!" (Seite 751) Trotzdem meint Hofrat Dr. Behrens: "Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären [...]" (Seite 665f) Castorp möchte sich in der entrückten Welt auf dem "Zauberberg" von Hofrat Dr. Behrens bevormunden lassen und gerät zugleich unter den Einfluss widersprüchlicher Auffassungen und Prinzipien. Sie [die Erzählung] arbeitet wohl mit den Mitteln des realistischen Romanes, aber sie ist kein solcher, sie geht beständig über das Realistische hinaus, indem sie es symbolisch steigert und transparent macht für das Geistige und Ideelle. Schon in der Behandlung ihrer Figuren tut sie das, die für das Gefühl des Lesers alle mehr sind als sie scheinen: sie sind lauter Exponenten, Repräsentanten und Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten. (a.a.O., Seite 16)
Clawdia Chauchat verkörpert die Erotik; sie sieht zwar verführerisch aus, aber im Inneren ihres äußerlich schönen Körpers ist sie krank. Tugend findet Clawdia Chauchat langweilig; sie bevorzugt Müßiggang und Disziplinlosigkeit. Der Zbg. ["Der Zauberberg"] wird das Sinnlichste sein, was ich geschrieben habe, aber von kühlem Stil.
Mynheer Peeperkorn, der übrigens Ähnlichkeiten mit Gerhart Hauptmann aufweist (was dem naturalistischen Dichter gar nicht recht war), verhält sich lebenslustig und ausschweifend. Als ihm auf dem "Zauberberg" bewusst wird, dass er nicht länger nach seinen Vorstellungen weiterleben kann, vergiftet er sich mit einer ausgefallenen Konstruktion. |
|
Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004 |
|
Hans Werner Geißendörfer: Der Zauberberg Thomas Mann: Buddenbrooks Thomas Mann: Der Tod in Venedig Thomas Mann: Doktor Faustus Heinrich Breloer: Die Manns. Ein Jahrhundertroman |