Thomas Mann: Der Zauberberg
(Roman)
      Kritik:
"Der Zauberberg" ist ein komplexer, intellektueller, artifizieller und detailverliebter Roman, in dem der "Held" unter den Einfluss mehrerer Figuren gerät, die widersprüchliche Prinzipien und Lebensanschauungen vertreten. Wie in der Musik charakterisieren Leitmotive die "Komposition". Buchkritik, Rezension
 

Thomas Mann:
Der Zauberberg

 
  Inhalt:
Nach seinem Examen besucht der Hamburger Ingenieur Hans Castorp seinen lungenkranken Vetter in einem Sanatorium bei Davos und gerät dabei in den Bann der Welt der Kranken. Kurz vor seiner geplanten Abreise lässt er sich untersuchen, und weil der Arzt auch bei ihm einen Lungenschaden diagnostiziert, bleibt er – bis sieben Jahre später der Weltkrieg ausbricht. Inhaltsangabe

Der Zauberberg
Manuskript: 1913 - 1924
Originalausgabe: 1924

Reprint:
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2003
ISBN: 3103481284, 1008 S., 15 € (D)

   



Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps; empfohlene Bücher (Belletristik, Biografien, Sachbücher), Filme, Literaturverfilmungen Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps - STARTSEITE












Thomas Mann: Der Zauberberg


Ausführliche Inhaltsangabe


Buchbesprechung:

Wegen einer Lungenaffektion hielt Katia Mann sich 1912 sechs Monate lang im Waldsanatorium von Professor Jessen bei Davos auf. Während ihrer Abwesenheit blieb Thomas Mann bei den Kindern in der Villa in München bzw. im Landhaus bei Tölz, aber in der zweiten Maihälfte reiste er für drei Wochen nach Davos, um seiner Frau Gesellschaft zu leisten. Weil er sich nach zehn Tagen bei feuchtkaltem Wetter auf dem Balkon einen Katarrh zugezogen hatte, schloss er sich Katia bei der nächsten medizinischen Untersuchung an, und Professor Jessen empfahl ihm, ebenfalls ein halbes Jahr im Sanatorium zu bleiben, um einen kleinen Lungenschaden auszukurieren. Thomas Mann reiste jedoch nach drei Wochen planmäßig wieder zurück nach München.

Ich habe es vorgezogen, den "Zauberberg" zu schreiben, worin ich die Eindrücke verwertete, die ich in kurzen drei Wochen dort oben empfing, und die hinreichten, mir von den Gefahren dieses Milieus für junge Leute – die Tuberkulose ist eine Jugendkrankheit – einen Begriff zu geben. Diese Krankenwelt dort oben ist von einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman lasen. Es ist eine Art Lebens-Ersatz, der den jungen Menschen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben vollkommen entfremdet. (Thomas Mann im Mai 1939 an der Princeton University. Seite 10)

Die Eindrücke aus der Welt der Kranken in dem Lungensanatorium ließen Thomas Mann nicht mehr los, und er begann, sie literarisch zu verarbeiten.

Mit ihm ["Der Tod in Venedig"] war ich nahezu fertig zu dem Zeitpunkt meines Besuches in Davos, und die Erzählung nun, die ich plante – und die sofort den Titel "Der Zauberberg" erhielt –, sollte nichts weiter sein als ein humoristisches Gegenstück zum "Tod in Venedig", ein Gegenstück auch dem Umfang nach, also eine nur etwas ausgedehnte short story. Sie war gedacht als Satyrspiel zu der tragischen Novelle, die ich eben beendete. Ihre Atmosphäre sollte die Mischung von Tod und Amüsement sein, die ich an dem sonderbaren Ort hier oben erprobt hatte. Die Faszination des Todes, der Triumph rauschhafter Unordnung über ein der höchsten Ordnung geweihtes Leben, die im "Tod in Venedig" geschildert ist, sollte auf eine humoristische Ebene übertragen werden. (a.a.O., Seite 11)

Im Gegensatz zur ursprünglichen Absicht wurde aus "Der Zauberberg" in jahrelanger Arbeit statt einer Novelle ein zweibändiger Roman. Bücher von Dieter Wunderlich Nicht ein älterer Künstler wie Gustav von Aschenbach in der Novelle "Der Tod in Venedig" steht im Mittelpunkt des Romans "Der Zauberberg", sondern ein eher mittelmäßiger junger Ingenieur, und der verliebt sich nicht in einen schönen polnischen Knaben wie Tadzio, sondern in die "kirgisenäugige", schätzungsweise achtundzwanzig Jahre alte Russin Clawdia Chauchat. Statt einer Cholera-Epidemie in Venedig symbolisieren die Tuberkulosekranken in einem Schweizer Lungensanatorium auf dem "Zauberberg" Morbidität und Verfall.

Die Romanfigur Hofrat Dr. Behrens ähnelt Professor Jessen, wie Thomas Mann ihn während seines Aufenthalts im Waldsanatorium kennen gelernt hatte. Das Äußere des 1898 errichteten und seit 1915 "Valbella" genannten internationalen Sanatoriums und das Innere des kleineren Waldsanatoriums bei Davos dienten als Vorbilder für die Beschreibungen des "Berghofs" auf dem "Zauberberg".

Die morbide Atmosphäre und die ihrer Verantwortung enthobenen Kranken auf dem auf dem "Zauberberg" stehen im krassen Gegensatz zu der von Arbeit und Ordnung bestimmten Welt im "Flachland".

Hans Castorp, der "Held", erinnert nach Thomas Manns eigener Aussage an Parsifal, den anfangs törichten, simplen Gralssucher.

Hans Castorp als Gralssucher – Sie werden das nicht gedacht haben, als Sie seine Geschichte lasen, und wenn ich selbst es gedacht habe, so war es mehr und weniger als Denken. (a.a.O., Seite 20)

In der entrückten Atmosphäre auf dem "Zauberberg" sucht Hans Castorp nach dem "genialen Weg" zum Leben:

"Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!" (Seite 751)

Trotzdem meint Hofrat Dr. Behrens:

"Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären [...]" (Seite 665f)

Castorp möchte sich in der entrückten Welt auf dem "Zauberberg" von Hofrat Dr. Behrens bevormunden lassen und gerät zugleich unter den Einfluss widersprüchlicher Auffassungen und Prinzipien.

Sie [die Erzählung] arbeitet wohl mit den Mitteln des realistischen Romanes, aber sie ist kein solcher, sie geht beständig über das Realistische hinaus, indem sie es symbolisch steigert und transparent macht für das Geistige und Ideelle. Schon in der Behandlung ihrer Figuren tut sie das, die für das Gefühl des Lesers alle mehr sind als sie scheinen: sie sind lauter Exponenten, Repräsentanten und Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten. (a.a.O., Seite 16)

Clawdia Chauchat verkörpert die Erotik; sie sieht zwar verführerisch aus, aber im Inneren ihres äußerlich schönen Körpers ist sie krank. Tugend findet Clawdia Chauchat langweilig; sie bevorzugt Müßiggang und Disziplinlosigkeit.

Während seines Besuchs bei Katia war Thomas Mann auf die Steigerung erotischer Empfindsamkeit durch die im Lungensanatorium empfohlene Überernährung und Untätigkeit (Liegekuren) aufmerksam geworden, und in seinem Tagebuch schrieb er:

Der Zbg. ["Der Zauberberg"] wird das Sinnlichste sein, was ich geschrieben habe, aber von kühlem Stil.

Mynheer Peeperkorn, der übrigens Ähnlichkeiten mit Gerhart Hauptmann aufweist (was dem naturalistischen Dichter gar nicht recht war), verhält sich lebenslustig und ausschweifend. Als ihm auf dem "Zauberberg" bewusst wird, dass er nicht länger nach seinen Vorstellungen weiterleben kann, vergiftet er sich mit einer ausgefallenen Konstruktion.

Lodovico Settembrini lehnt Peeperkorn als einen "dummen alten Mann" ab. Der todkranke italienische Humanist, übrigens ein Freimaurer, tritt für Vernunft, Toleranz und Freiheit ein. Vergeblich warnt er Castorp zu Beginn seines Aufenthalts und nach sieben Wochen noch einmal vor den Gefahren des morbiden Milieus auf dem "Zauberberg" und drängt ihn zur Abreise.

Settembrinis Antagonist ist der vom Judentum zum Katholizismus konverierte Jesuit Leo Naphta, an dem Züge des Philosophen und Literaturtheoretikers Georg Lukács (1885 - 1971) zu erkennen sind. Der asketische Fanatiker predigt hasserfüllt eine Art "heiligen Krieg" gegen Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie, und er propagiert eine chiliastische Weltvision, in der kommunistische Ideale mit der Utopie eines Gottesstaates verschmolzen sind. Mit seinen Vorstellungen von der gewaltsamen Herstellung einer angeblich besseren Welt erweist er sich als ein Vordenker des Faschismus.

Weil Settembrini und Naphta sich nicht zuletzt in ihren pädagogischen Bemühungen um Castorp gegenseitig im Weg stehen, ist es nur konsequent, dass sie sich duellieren. Dabei entziehen sich beide – jeder auf seine Weise – dem Zwang, aufeinander zu schießen zu müssen.

Während Clawdia Chauchat, Mynheer Peeperkorn, Lodovico Settembrini und Leo Naphta je ein Prinzip bzw. eine Lebensauffassung repräsentieren, muss Hans Castorp ihre Gegensätzlichkeit aushalten, um zu reifen. Doch am Ende – so befürchtet es der Erzähler – fällt er als Kanonenfutter im Ersten Weltkrieg.

Thomas Mann achtet darauf, dass der Erzähler sich nie weit von dem entfernt, was Hans Castorp erlebt und denkt. "Der Zauberberg" ist ein komplexer, intellektueller, artifizieller und detailverliebter Roman mit einer Fülle von Symbolen. Weil sich die Leitmotive dieser "Komposition" (Thomas Mann) wie in der Musik erst erschließen, wenn das Ganze bekannt ist, empfiehlt Thomas Mann die mehrmalige Lektüre des Werks.

Thomas Mann wurde 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © S. Fischer Verlag – Die Seitenangaben beziehen sich auf den entsprechenden Band
der "Bibliothek des 20. Jahrhunderts", herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki.
(Linzenzausgabe für den Deutschen Bücherbund, Stuttgart, Hamburg, München o. J.)

Seitenanfang

Hans Werner Geißendörfer: Der Zauberberg

Thomas Mann: Buddenbrooks
Thomas Mann: Der Tod in Venedig
Thomas Mann: Doktor Faustus

Heinrich Breloer: Die Manns. Ein Jahrhundertroman


Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps; empfohlene Bücher (Belletristik, Biografien, Sachbücher), Filme, Literaturverfilmungen Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps - STARTSEITE