Ketil Bjørnstad : Vindings Spiel

Vindings Spiel
Originalausgabe: Til musikken H. Aschehoug & Co, Oslo 2004 Vindings Spiel Übersetzung: Lothar Schneider Insel Verlag, Frankfurt/M / Leipzig 2006 ISBN: 3-458-17292-0, 347 Seiten Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 2007 ISBN: 978-3-518-45891-4, 347 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Aksel Vinding ist 15, als seine Mutter 1967 vor seinen Augen von der Strömung im Fluss fortgerissen wird. Ihr Tod zerstört die Familie vollends und wirft Aksel aus der Bahn. Er bricht die Schule ab und konzentriert sich ganz auf die Musik. So trauert er um seine Mutter, denn ihr verdankt er die Liebe zur Musik. Obwohl er sich in Anja Skoog verliebt hat, lässt er sich von Margrethe Irene verführen und bringt erst mit 18 den Mut auf, sich von ihr zu trennen ...
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Kritik

Einfühlsam beschäftigt Ketil Bjørnstad sich in dem Roman "Vindings Spiel" mit den Irrungen und Wirrungen seines zwischen 15 bis 18 Jahre alten Protagonisten, aus dessen Perspektive erzählt wird.

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Aksel wohnt mit seinen Eltern Hjalmar und Åse Vinding sowie seiner zwei Jahre älteren Schwester Cathrine in einem Haus im Osloer Stadtteil Melumveien.

Sein Vater hat vier Geschwister.

Sie waren fünf Geschwister, vier Brüder und eine Schwester. Die Schwester konnte man gleich vergessen. Sie stand an letzter Stelle. Was die vier Brüder anging, war es den Eltern nur möglich, zweien eine Ausbildung zu zahlen. Vater und Onkel Wilhelm wurden auserwählt. Hjalmar und Wilhelm machten Abitur, während Edgar und Arnt dazu verurteilt wurden, Großvaters Autowerkstatt zu übernehmen, und Tante Borghild musste im Krankenhaus putzen gehen.

Åses Eltern waren beide Musiker: Asta saß während der Vorführung von Stummfilmen am Klavier im Kino, und Rasmus spielte Geige auf Dampfern zwischen Oslo und New York, bis ihn ein homophiler Millionär aus Ägypten zum Kapellmeister auf einem Kreuzfahrtschiff machte. Zehn Jahre später tauchte er wieder auf, schlug seine Frau krankenhausreif, als er betrunken war, und zwei Wochen später ertränkte er sich [Suizid]. Asta Bang zog daraufhin mit den Kindern nach Oslo. Dort lernte sie den Bariton Waldemar Schwacht vom Folketeater kennen und wurde seine Frau. Ihre Tochter Åse war bereits schwanger, bevor sie Hjalmar Vinding heiratete. Bei der Geburt ihrer Tochter Cathrine im Jahr 1950 wäre die Zweiundzwanzigjährige beinahe gestorben.

Die Ehe von Åse und Hjalmar ist nicht glücklich. Aksel hört die Eltern oft streiten. Erst sehr viel später gesteht er sich ein, dass seine Mutter alkoholkrank war. Sie weckte aber auch sein Interesse für Musik.

Er [Hjalmar] erdrückte sie, nahm ihr jede Entscheidungsmöglichkeit, weil er über seine eigene finanzielle Situation die Unwahrheit sagte.

Vater stand während meiner ganzen Kindheit im Abseits. Er wehrte sich nicht gegen meine enge Beziehung zu Mutter.

Im Sommer 1967 – Aksel ist fünfzehn Jahre alt – verbringt die Familie einen heißen Sonntag am nahen Flussufer.

Mittagessen im Grünen. Eine stille Mahlzeit, als seien wir alle müde. Wir sind die einzige Familie, die sich hierher verirrt, zwischen Erlengebüsch, Birken und hohen Fichten. Die anderen sind nach Bogstad gefahren oder zum østervannet, den großen Seen. Aber hier ist der Platz der Familie Vinding, wo man seine Ruhe hat, wo man am helllichten Tag Wein trinken kann, ohne dass es jemanden kümmert. Der Wind redet für uns. Und das Rauschen des Wasserfalls. Ich habe den Fluss nie so reißend erlebt. Ich sage es Mutter. Sie nickt, ohne sich zum Fluss umzudrehen, wie es jeder andere getan hätte.

Cathrine, der die Familiensonntage lästig sind, setzt sich abseits und liest den Roman „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck. Åse will schwimmen, trotz der besonders starken Strömung und obwohl sie viel Wein getrunken hat. Hjalmar versucht vergeblich, sie davon abzuhalten und folgt ihr schließlich. Sie erreicht einen Felsen mitten im Fluss und klammert sich fest, wird jedoch nach kurzer Zeit von der Strömung mitgerissen. Nach ein paar Sekunden kann sie sich an einem ins Wasser ragenden Ast festhalten. Ihr Mann kommt zu ihr und packt ihre Hand. In dem Augenblick bricht der Ast ab.

Da bin ich zur Stelle, packe seinen Arm, halte ihn zurück. Die Strömung ist stärker, als jemand von uns dachte. Im selben Moment lässt er Mutter los. Sie sieht mich mit diesem ungläubigen Blick an, begreift, ehe wir selbst es begreifen, dass es uns nicht gelingen wird, sie zu retten. Vater will losschwimmen, aber ich halte ihn unerbittlich, mit den jungen Muskeln des Fünfzehnjährigen. Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber er darf Mutter nicht hinterherschwimmen, denn dann würden beide verschwinden. Cathrine kommt von hinten, reißt mich an den Haaren. „Lass ihn los! Lass ihn los!“ Aber ich lasse nicht los. Ich halte Vater fest, ersticke ihn beinahe mit dem Arm um seinen Hals, zerre ihn hinauf an Land.

Aksel rennt am Flussufer entlang und sieht hilflos zu, wie seine Mutter in den Wasserfall gerissen wird.

Durch den Tod seiner Mutter wird er aus der Bahn geworfen. Nach Neujahr schwänzt er die Schule, und einige Zeit später geht der Sechzehnjährige ganz vom Gymnasium ab. Aksel will sich voll und ganz der Musik widmen. Auf diese Weise trauert er um seine Mutter. Klavierstunden erhält er schon seit längerer Zeit von Oscar Synnestvedt.

Im Sommer 1968 qualifiziert Aksel sich für die Juniormeisterschaft der Nachwuchspianisten. Er, Ferdinand Fjord, Anja Skoog, Rebecca Frost und Margrethe Irene Floed schaffen es ins Finale. Während Aksel vorspielt, beginnt seine betrunkene Schwester plötzlich zu klatschen und „Bravo“ zu rufen. Man bringt sie zwar nach draußen, aber Aksel kann sich nicht mehr konzentrieren und bekommt am Ende nur höflichen Applaus. Anja Skoog gewinnt die Juniormeisterschaft.

Aksel hat sich in das hübsche Mädchen verliebt. Die Fünfzehnjährige besucht eine Privatschule. Ihr Vater Bror Skoog ist Chirurg, „Spezialist für kranke Hirne“, und ihre Mutter Marianne arbeitet als Gynäkologin. Klavierunterricht bekommt sie, ebenso wie Rebecca Frost, die Tochter eines Reeder-Millionärs, bei Selma Lynge im Stadtteil Sandbunnveien. Die aus Deutschland stammende Pianistin hatte eine vielversprechende Karriere und ihren berühmten Namen Selma Liebermann aufgegeben, um den zehn Jahre jüngeren norwegischen Philosophen Torfinn Lynge zu heiraten und ihm nach Oslo zu folgen.

Cathrine brach die Schule bereits vor Weihnachten 1967 ab, obwohl es nur noch wenige Monate bis zum Abitur gewesen wären. Dem Vater fehlte der Mut, mit ihr darüber zu reden. Aksel beobachtet seine Schwester und findet heraus, dass sie fast jeden Vormittag in einem Haus in Bjerkelundveien verschwindet. Was tut sie dort? Schließlich klingelt er an der Tür und fragt die Dame, die ihm öffnet, nach Cathrine Vinding. Den Namen kenne sie nicht, entgegnet die Dame.

„Aber sie kommt zu Besuch. Täglich. Fast jeden Vormittag. Ich habe es selbst gesehen.“
Die Frau wird still. Ein Schatten über ihrem bleichen Gesicht. Ein Beben der Lippen. Fast so, dass ich es bereue. Sie starrt mich an.

Ihr Ehemann kommt dazu:

„Sie ist nicht mehr meine Schülerin.“
„Ihre Schülerin?“
„Ja. In Kunstgeschichte.“
„In Kunstgeschichte?“, sage ich und lasse die Kunstpause länger werden als nötig.
„Ja?“, sagt er fragend.
„Aber sie hat noch nicht einmal das Abitur!“

Einige Zeit später redet Aksel mit seiner Schwester über ihren Schulabbruch und erfährt, dass sie vor einem halben Jahr auch aus der Handballmannschaft ausschied. Cathrine meint:

„Wir haben aufgehört, eine Familie zu sein, als Mutter starb. Herrgott, Aksel, damals hatten wir wenigstens Konflikte. Jetzt sind wir nur drei sentimentale Schicksale, die herumlallen, Seite an Seite, ohne einander helfen zu können.“

Cathrine erzählt ihrem Bruder von Walther Askelund, dem dreißig Jahre älteren Professor für Kunstgeschichte, den sie fast jeden Vormittag besuchte, während seine Frau Dorthe als Sekretärin in einem Ministerium arbeitete. Sie erklärt Aksel, warum sie sich auf die Affäre einließ:

„Ich war sicher neugierig […] Ich wollte raus aus meiner Kindheit, weg von Mutters Tod, wenn du verstehst, was ich meine. Weg von diesem tristen Haus, von dir und Vater.“

Durch Aksels Besuch erfuhr Dorthe Askelund von der Untreue ihres Mannes. Sie hat inzwischen die Scheidung eingereicht, und weil das Haus ihr gehört, wohnt der Professor jetzt behelfsmäßig bei Freunden. Cathrine trauert Askelund nicht nach, denn sie weiß seit einiger Zeit, dass sie nicht seine einzige Geliebte war.

Im Sommer 1969 schließen sich Aksel, Ferdinand, Rebecca und Margrethe Irene zum Bund „Junge Pianisten“ zusammen. Sie halten sich für eine Elite und träumen von einer Karriere als Musiker. Welche Herausforderung so eine Laufbahn darstellt, wissen sie noch nicht.

Margrethe Irene, die Tochter des Oberingenieurs Fabian Floed und dessen Ehefrau Desirée, verführt Aksel.

„Jetzt musst du mich küssen“, sagt sie.
Ich will nicht, dass das geschieht. Ich sehe ihre großen Augen. Wie Zinnteller. Sie merkt, dass ich mich innerlich wehre, dass ich das nicht will. Da legt sie ruhig eine Hand auf meine Hose, über meinem Schritt […]
Sie hat immer Abscheu in mir erregt. Jetzt liege ich neben ihr, lasse es geschehen.

Als er in ihre Hand ejakuliert, ist es ihm peinlich. Obwohl er nicht Margrethe Irene, sondern Anja liebt, lässt er sich immer wieder auf das sexuelle Spiel mit ihr ein.

Bror Skoog sorgt dafür, dass Aksel seiner Tochter Aja nicht zu nahe kommt. Sie müsse sich auf ihre Karriere als Konzertpianistin konzentrieren und außerdem das Abitur machen, sagt er. In seiner Verzweiflung ruft Aksel in der gynäkologischen Praxis von Marianne Skoog an. Sie trifft sich mit ihm und zeigt viel Verständnis für ihn. Aber gegen das, was zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter stattfinde, könne sie nichts ausrichten, meint sie. Freimütig erzählt die Fünfunddreißigjährige dem halb so alten Jungen, sie sei gleich beim ersten Koitus mit dem sieben Jahre älteren Kommilitonen Bror Skoog schwanger geworden. Er drängte sie zur Abtreibung, denn sie studierten beide noch, aber sie entschied sich für das Kind und brachte im Alter von achtzehn Jahren Anja zur Welt. Da sie beide aus wohlhabenden Familien stammen, konnten sie sich ein Kindermädchen leisten. Marianne möchte sich von Bror scheiden lassen. Weil er ausrastete, als sie davon sprach, hat sie sich vorgenommen, bis zu Anjas 18. Geburtstag in einem Jahr durchzuhalten.

Am 11. November 1969 gibt Rebecca Frost ihr Debüt. Beim Betreten der Bühne tritt sie auf den Saum ihres Kleides, stürzt und bleibt eine Weile liegen. Dann spielt sie zwar, aber weit unter ihrem Niveau. In der Pause vertraut sie Aksel an, sie werde zwar das Konzert durchstehen aber danach nie wieder Klavier spielen. Nach dem Abitur wolle sie Medizin studieren. Das habe sie beschlossen, als sie am Boden lag.

Bei der anschließenden Feier im Haus der Familie Frost im Stadtteil Bygdøy bietet Selma Lynge Aksel an, ihr Schüler zu werden. Rebecca warnt ihn vor der Klavierlehrerin, der man eine Schwäche für junge Männer nachsagt. Auf der Suche nach einer Toilette tappt Aksel in ein dunkles Zimmer. Anja und seine Schwester schrecken vom Bett hoch, auf dem er Cathrine mit dem Kopf zwischen den nackten Beinen Anjas ertappte.

Für Aksels 18. Geburtstag hat Margrethe Irene ein besonderes Geschenk: Er soll zum ersten Mal „richtig“ mit ihr schlafen. Widerstrebend lässt er sich darauf ein.

Bald darauf trennt er sich von seinem Klavierlehrer Oscar Synnestvedt und beginnt mit dem Unterricht bei Selma Lynge, die ihren Ehemann jedes Mal zum Einkaufen schickt, wenn Aksel kommt.

Eines Abends ruft Anja an. Sie ist allein zu Hause und lädt Aksel ein, zu ihr zu kommen. Beim Zwiebelschneiden verletzt sie sich leicht am Finger, und obwohl der kleine Schnitt kaum blutet, wird sie ohnmächtig. Aksel trägt sie zu ihrem Bett und stellt erschrocken fest, dass sie nur noch schätzungsweise 40 Kilo wiegt. Sie ist magersüchtig. Als sie zu sich kommt, meint sie:

„Du darfst gern mit mir schlafen.“
„Du darfst machen, was du willst.“

Nach seinem Orgasmus fragt er sie bestürzt, ob das nicht riskant gewesen sei. Aber Anja beruhigt ihn und deutet an, dass sie ein Pessar trägt. Da Marianne Skoog Gynäkologin ist, nimmt Aksel an, Anja habe die Einlage von ihrer Mutter bekommen, aber zu seiner Überraschung erklärt sie ihm, ihr Vater habe für die Empfängnisverhütung gesorgt.

1970 findet Anjas Debüt statt. Den zweiten Satz des Klavierkonzerts in G-Dur von Maurice Ravel werde sie für Aksel spielen, erklärt sie ihm, aber sie möchte, dass er weit hinten sitzt, weil sie befürchtet, sonst abgelenkt zu werden. Weil jedoch Margrethe Irene unbemerkt die Karten vertauscht, findet Aksel sich unversehens in der dritten Reihe wieder. Anja merkt es bereits, als sie auf die Bühne kommt. Verlegen schaut Aksel zu Boden. Den ersten Satz spielt sie virtuos. Mitten im zweiten Satz begegnen sich Anjas und Aksels Blicke. Die Siebzehnjährige greift daneben, hört zu spielen auf, und muss nach einer kurzen Unterbrechung mit dem Orchester zusammen ein paar Takte vor dem Fehlgriff neu einsetzen. Ein Desaster. Bror Skoog kann es kaum fassen, dass seine Tochter versagte.

Ferdinand, Rebecca und Margrethe Irene machen Abitur. Danach holen sie Aksel ab und feiern mit ihm.

Margrethe Irene weiß, dass Hjalmar Vinding sein Haus verkauft hat und erwartet von Aksel, dass er nach dem Auszug aus dem Elternhaus bei ihr wohnt. Stattdessen bringt Aksel endlich den Mut auf, sich von ihr zu trennen.

Am selben Tag erhält er einen Brief. Der Rechtsanwalt Joachim Fehn teilt ihm mit, sein Mandant Oscar Synnestvedt sei am 15. April 1970 gestorben und habe Aksel seine Wohnung vermacht. Am 1. Juni könne Aksel dort einziehen.

Vier Monate lang sieht und hört Aksel nichts von Anja. Dann ruft Marianne Skoog an und lädt ihn ein, vorbeizukommen. Ihr Ehemann ist nicht zu Hause. Anja, die noch magerer und kränker als an ihrem Debütabend aussieht, war die ganze Zeit über mit ihrem Vater in einem Sanatorium. Aksel geht zu Marianne in die Küche, um mit ihr über Anjas Gesundheitszustand zu sprechen. Sie legt das Telefon auf und vertraut ihm an, dass sie gerade ihren Mann bei der Polizei anzeigte.

Als Aksel nach Hause kommt, sitzen sein Vater und Cathrine mit einer Besucherin zusammen. Sie heißt Ingeborg, verdient ihr Geld als Vertreterin für Damenkonfektion und bewohnt einen kleinen Hof bei Sunnmøre. Hjalmar Vinding kündigt an, dass er zu ihr ziehen werde.

Aksel liegt bereits im Bett, als das Telefon klingelt. Ein paar Minuten später kommt Cathrine zu ihm ins Zimmer. Marianne Skoog rief an: Ihr Mann hatte sich im Keller mit einer Schrotflinte erschossen. Anja war ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Kurz darauf stirbt Anja an den Folgen ihrer Magersucht.

Fortsetzung: „Der Fluss“

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Mit dem Roman „Vindings Spiel“ begann der norwegische Schriftsteller, Pianist und Komponist Ketil Bjørnstad eine Trilogie, die er mit „Der Fluss“ (2007) und „Die Frau im Tal“ (2009) fortsetzte. Der Protagonist Aksel Vinding wurde wie der Autor 1952 geboren und weist offenbar autobiografische Züge auf.

Ruhig, ohne Effekthascherei und ohne stilistischen Schnickschnack entwickelt Ketil Bjørnstad in dem Künstlerroman „Vindings Spiel“ die Handlung. Einfühlsam beschäftigt Ketil Bjørnstad sich mit der psychischen Entwicklung bzw. den Irrungen und Wirrungen seines zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alten Protagonisten, aus dessen Perspektive erzählt wird. In „Vindings Spiel“ geht es außerdem um die Unfähigkeit von Menschen, sich einander mitzuteilen, um das Zerbrechen von Ehen und Familien, um den Missbrauch von Kindern, Obsessionen und Abhängigkeitsverhältnisse. Gerade weil vieles ungesagt bleibt oder nur angedeutet wird, entsteht eine Spannung, die bis zum Ende anhält.

Einen Musikerroman mag man das kaum nennen, obwohl es um einen jungen Pianisten geht, der in der klassischen Musik lebt; einen Adoleszenzroman ebenso wenig, obwohl die Spanne zwischen träumerischer Faszination und handgreiflicher Praxis auf jeder Seite spürbar ist. Vindings Spiel ist ein Roman, der so musikalisch wie erotisch ist, ständig liest man in der Angst und Erwartung, dass etwas passieren wird. (Konrad Heidkamp, „Die Zeit“, 19. Oktober 2006)

Gleich auf den ersten dreizehn Seiten setzt Ketil Bjørnstad mit einer meisterhaft inszenierten Episode einen Akzent: Die Vindings verbringen den Sonntag mit einem Picknick am nahen Flussufer und täuschen ein Familienglück vor, das sie in Wirklichkeit längst nicht mehr haben. Aksel erinnert sich, wie er einmal beim Baden von der Strömung mitgerissen wurde und der Vater ihn rettete. Der Fluss ist gefährlich. Stromabwärts tost ein Wasserfall. Die Mutter trinkt zu viel Wein. Mit solchen Hinweisen lässt Ketil Bjørnstad den Leser ahnen, dass etwas Grauenvolles passiert.

„Vindings Spiel“ ist keine leichte Unterhaltung, sondern eher mit ernster Musik zu vergleichen. Ebenso intensiv ist der Genuss.

Es sind kurze Sätze, die Bjørnstad setzt, Wörter als Töne, Akkorde, dann wieder lange Melodien, die auf einem Wort enden und mit einem neuen Satz weiterziehen. Es ist die Komposition, die dem Buch seinen Rhythmus verleiht. Jede Begleitstimme, jedes Nebenthema bleibt sichtbar, klar und einfach. Kein Verschwinden, kein Schwadronieren, sondern ein Aufdröseln von Themen, von Melodien, und davon gibt es viele. (Konrad Heidkamp, a.a.O.)

Den Roman „Vindings Spiel“ von Ketil Bjørnstad gibt es auch als Hörbuch, gesprochen von Moritz Stoepel (Lahr 2007, 9 CDs, ISBN: 978-3-939461-25-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Insel Verlag

Ketil Bjørnstad (kurze Biografie)

Ketil Bjørnstad: Oda
Ketil Bjørnstad: Villa Europa
Ketil Bjørnstad: Der Fluss
Ketil Bjørnstad: Die Frau im Tal
Ketil Bjørnstad: Die Unsterblichen

Adriana Altaras - Das Meer und ich waren im besten Alter
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