Elias Canetti : Die gerettete Zunge

Die gerettete Zunge
Die gerettete Zunge Carl Hanser Verlag, München / Wien 1977
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1. Teil der Autobiografie von Elias Canetti
1905 - 1921: Die Kindheit in Rustschuk – Umzug nach Manchester und Tod des Vaters dort – Deutschunterricht mit der Mutter – Rückkehr nach Wien und Einschulung – Gymnasium und Internat in Zürich
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Kritik

Die multikulturelle Großfamilie, in der Elias Canetti aufwächst, wird in "Die gerettete Zunge" farbig geschildert. Die Beschreibung der brachialen Methode, mit der ihm seine Mutter Deutsch beibringt, lässt auch den Leser mitleiden.
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Elias Canetti wurde 1905 im bulgarischen Rustschuk geboren. Die Vorfahren seiner Eltern waren spanische sephardische Juden.

Das Haus, in dem Jacques Canetti mit seiner Frau Mathilde und der vielköpfigen Verwandtschaft wohnt, zeichnet sich durch orientalischen Flair aus, der auf die türkische Familie von Jacques‘ Großvater zurückzuführen ist. In dem multikulturellen Sprachgemenge überwiegt spanisch. Jacques und seine Frau unterhalten sich manchmal deutsch. Das ist eine Art „Geheimsprache“ zwischen den Eheleuten, wenn der Sohn Elias sie nicht verstehen soll.

Aus finanziellen Interessen, und wohl auch, um sich aus dem engen Familienverband zu lösen, zieht das Ehepaar mit den nunmehr drei Söhnen nach Manchester, wo Jacques in das Geschäft seines Brudes mit einsteigt. Elias lernt nun auch Englisch.

Jacques Canetti stirbt mit 31 Jahren plötzlich an einem Herzschlag. Da ist sein ältester Sohn Elias sieben. Die junge Witwe entschließt sich zum Umzug nach Wien. Vorher will sie für einige Monate noch Station in Lausanne machen, wo sie Verwandte hat.

Elias spricht außer spanisch ein wenig französisch und sehr gut englisch. Um aber in Wien in die für Achtjährige entsprechende Schulklasse aufgenommen zu werden, muss er Deutsch können. Also bringt ihm die Mutter Deutsch bei – auf ziemlich brachiale Weise. Der „Schreckensunterricht“ verläuft so:

Sie las mir einen Satz Deutsch vor und ließ mich ihn wiederholen. Da ihr meine Aussprache missfiel, wiederholte ich ihn ein paar Mal, bis er ihr erträglich schien. Das geschah aber nicht oft, denn sie verhöhnte mich für meine Aussprache, und da ich um nichts in der Welt ihren Hohn ertrug, gab ich mir Mühe und sprach es bald richtig. Dann erst sagte sie mir, was der Satz auf englisch bedeute. Das aber wiederholte sie nie, das musste ich mir sofort ein für allemal merken. … Sie entließ mich, sagte: „Wiederhole dir das für dich. Morgen machen wir weiter.“ Sie behielt das Buch, und ich war ratlos mir selber überlassen. … Wenn sie besonders ungeduldig wurde, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Ich habe einen Idioten zum Sohn!“ … oder „Dein Vater hat doch auch deutsch gekonnt, was würde dein Vater dazu sagen!“ … Sie achtete nicht darauf, dass ich vor Kummer wenig aß. Den Terror, in dem ich lebte, hielt sie für pädagogisch.

Nach gut einem Monat kann sie stolz auf ihren Sohn sein. Es entschlüpft ihr sogar ein Lob: „Du bist doch mein Sohn.“

Elias wurde seinerzeit von seinem Vater schon mit altersgemäßen Büchern versorgt, was ihn zu exzessivem Lesen anspornte. Seine Mutter diskutiert mit dem Schuljungen an den Abenden über Bücher wie mit einem erwachsenen Menschen. Die Bindung der beiden ist zu jener Zeit sehr eng.

Ob wir es wahrhaben wollten oder nicht, solange wir zusammenlebten, waren wir einander Rechenschaft schuldig. Jeder wusste nicht nur, was der andere tat, jeder spürte auch die Gedanken des anderen, und was das Glück und die Dichte dieses Verständnisses ausmachte, war auch seine Tyrannei.

Die Mutter erzieht den in intellektueller Hinsicht frühreifen Sohn zu einem ebenbürtigen Diskussionspartner und sieht in ihm wohl so etwas wie einen Ersatz für ihren verstorbenen Ehemann. Die dominierende Rolle der Mutter belastet den Heranwachsenden mehr und mehr, und er ist froh, dass er durch den Schulwechsel auf ein Gymnasium in Zürich und später in ein Internat (in der Nähe von Zürich) der häuslichen Beengtheit entkommen kann.

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„Die gerettete Zunge“ umfasst die Zeit von 1905 bis 1921. Elias Canetti beschreibt seine Kindheit in Rustschuk inmitten seiner Verwandtschaft mit orientalischem Flair. Es folgt der Umzug seiner Eltern mit den drei Söhnen nach England, wo der Vater stirbt. Seine Deutschstunden bei der Mutter bleiben ihm unvergesslich, sie sind aber Voraussetzung für die Einschulung in Wien. Gerne erinnert er sich an seine Gymnasiums- bzw. Internatszeit in Zürich.

Das autobiografische Werk in drei Teilen ist nicht nur eine Reflexion des Autors über sein Leben bis zum Alter von 32 Jahren. Es vermittelt auch einen Eindruck dieser Zeit, in der viele berühmte Künstler und Schriftsteller wirkten, und von denen Elias Canetti mehrere kennenlernte und sich zum Teil mit ihnen befreundete. Durch alle drei Bände der Autobiografie – „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“, „Das Augenspiel“ – zieht sich der Konflikt mit der dominierenden Mutter, unter dem er Zeit seines Lebens litt. In seinen Erinnerungen kommt auch immer wieder seine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Masse und Macht“ zur Sprache, das ihn seit seiner Jugend beschäftigt (und 1960 unter diesem Titel als großangelegter Essay erscheint.)

Seine Frau Veza starb 1963.

Den Nobelpreis für Literatur erhielt Elias Canetti 1981.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2003

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