John Cheever : Die Lichter von Bullet Park

Die Lichter von Bullet Park

John Cheever

Die Lichter von Bullet Park

Originalausgabe: Bullet Park Alfred A. Knopf, New York 1969 Die Bürger von Bullet Park Übersetzung: Kurt Wagensil Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1975 ISBN 3-499-11853-X, 155 Seiten, 4.80 DM Die Lichter von Bullet Park Neuübersetzung: Thomas Gunkel DuMont Buchverlag, Köln 2011 ISBN: 978-3-8321-6214-6, 255 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eliot Nailles wohnt mit seiner Ehefrau und dem 17-jährigen Sohn in Bullet Park. Die alltägliche Fahrt mit dem Vorortszug nach New York City erträgt er nur noch, wenn er eine Beruhigungstablette genommen hat. Im Nachbarhaus richtet sich das Ehepaar Hammer ein. Paul Hammers unverheiratete Mutter spielte mit dem Gedanken, aus Protest gegen den Kapitalismus einen jungen Mann an eine Kirchentüre zu nageln. Keine schlechte Idee, findet Paul ...
mehr erfahren

Kritik

In seiner skurrilen, sarkastischen Gesellschaftssatire "Die Lichter von Bullet Park" leuchtet John Cheever hinter die Kulissen einer Vorstadt-Idylle. Dem Roman fehlt es an formaler Gestaltung.

mehr erfahren

Das Ehepaar Paul und Marietta Hammer kaufen in Bullet Park, einem sauberen und gepflegten Vorort von New York City, das Haus der Witwe Heathcup, deren Mann sich unlängst erschoss [Suizid]. In der Christ Church von Bullet Park macht Pater Ransome Eliot Nailles mit seinem neuen Nachbarn Paul Hammer bekannt. Hammer und Nägel, das gefällt Eliot Nailles gar nicht.

Zwei Wochen nach ihrem Einzug laden Paul und Marietta Hammer vier in der Nachbarschaft wohnende Paare zum Essen ein, darunter auch Eliot und Nellie Nailles. Marietta Hammer betrinkt sich; sie beschimpft, beleidigt und demütigt ihren Mann ohne Rücksicht auf die Gäste, die sich dann auch bald verabschieden.

Du gehörst zu den Männern, die glauben, dass sich irgendwann, eines schönen Tages, eine schlanke, bildhübsche, wohlhabende, leidenschaftliche und intelligente Blondine aus gutem Hause in sie verlieben wird. […] Wenn diese Blondine wirklich auftauchen würde, dann hättest du nicht den Mumm, mit ihr ins Bett zu gehen. Du würdest sie bloß anhimmeln und heimlich im Anrichteraum küssen, aber letztlich beschließen, mir nicht untreu zu werden. So würde das Ganze laufen, wenn eine Blondine auftauchte, aber es taucht keine auf. So eine Blondine gibt’s nicht. Du wirst für den Rest deines Lebens einsam sein.

– – –

Der 42-jährige Eliot Nailles nennt sich Chemiker, obwohl er keinen Abschluss hat und die auf dem College erworbenen Fachkenntnisse längst veraltet sind. Er hatte zunächst fünf Jahre lang bei Monsanto in Delaware gearbeitet, dann war er drei Jahre lang als Chemiker für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen in Rom gewesen. Dort wurde vor 17 Jahren Eliots und Nellies Sohn Tony geboren. Eliot leitet inzwischen die Mundwasserabteilung des Familienunternehmens Saffron Chemical Corporation.

Als er zur Arbeit nach New York City fährt und am Bahnsteig auf den Vorortszug wartet, wie andere Pendler auch, rauscht der verspätete Chicago Express durch. Nailles senkt bereits wieder den Blick, um weiter Zeitung zu lesen, da fällt ihm auf, dass Harry Shinglehouse fort ist. Gerade stand er noch am Bahnsteig. Nun liegt nur noch ein blank geputzter brauner Schuh von ihm auf dem Gleisbett. Nailles geht zur Telefonzelle am Ende des Bahnsteigs und ruft die Polizei an. Der Chicago Express habe einen Mann mitgerissen, meldet er. Es stellt sich heraus, dass Harry Shinglehouse arbeitslos war. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Ohne eine Beruhigungspille geschluckt zu haben, bringt Eliot Nailles es nicht mehr fertig, jeden Morgen in den Vorortszug zu steigen. Ausgerechnet die letzte Pille aus dem Röhrchen fällt ihm aus der Hand und verschwindet in einer Bodenritze. Nailles geht daraufhin statt zum Bahnhof erst einmal zur Adresse des Arztes, um sich Nachschub verschreiben zu lassen. Aber dem Arzt wurde vor drei Wochen die Approbation entzogen, weil er verbotene Tabletten verordnet hatte. Er arbeitet jetzt in einem Labor. Ein Unbekannter bietet Nailles an, ihm die Pillen zu besorgen und verabredet sich mit ihm auf dem katholischen Friedhof. Während Nailles bisher für 10 Dollar eine große Packung bekam, muss er jetzt 25 Dollar für 5 Pillen bezahlen. Aber er trifft sich fortan regelmäßig mit dem Dealer.

Nachdem Tony Nailles bereits drei Wochen lang depressiv im Bett liegt, erhält seine Mutter einen Brief ihrer früheren Putzfrau, der sie wegen Diebstahls gekündigt hatte. Mary Ashton empfiehlt Nellie Nailles den Wunderheiler Swami Rutuola, der halbtags für den Tischler Percham arbeitet. Nellie geht hin. Der Guru kommt gleich mit und verbringt einige Zeit allein mit Tony in dessen Zimmer. Danach steht Tony auf und versichert, es gehe ihm schon viel besser. Zehn Tage später nimmt er auch wieder am Schulunterricht teil.

– – –

Paul Hammers Mutter Gretchen Shurz Oxencroft hatte an der Universität in Bloomington studiert und war im letzten Semester Sozialistin geworden. Eine Woche nach dem Studienabschluss zog sie nach New York und fing dort als Sekretärin von Franklin Pierce Taylor an. Bald darauf war sie auch seine Geliebte. Weil sich ihr revolutionärer Eifer in Kleptomanie verwandelte, trennten sie sich schließlich im Streit. Erst danach merkte Gretchen, dass sie schwanger war. Taylor übernahm die Kosten für die Geburt und zahlte Unterhalt. Als Paul drei Jahre alt war, wurde er von Taylors Mutter adoptiert und mit nach Ashburnham genommen, wo sich außer der Großmutter ein Kindermädchen um ihn kümmerte. Laut Geburtsurkunde heißt Paul mit Nachnamen Oxencroft, aber seine Großmutter erreichte, dass der Name in Hammer geändert wurde.

Paul Hammer war im letzten Schuljahr, als seine Großmutter starb. Weil er nicht als Einziger während der Weihnachtsferien im Internat bleiben wollte, flog er nach Boston und suchte nach seinem Vater. Dessen Ehefrau sagte ihm, er habe in einem Hotel eine Party gefeiert und wenn er das tue, bleibe er jedes Mal noch ein paar Tage dort, um sich zu erholen. Paul findet Franklin Pierce Taylor in seinem Hotelzimmer. Er liegt nackt und besinnungslos auf dem Bett. Benutzte Gläser und leere Flaschen zeugen von der Party. Enttäuscht fliegt Paul nach Innsbruck und besucht seine Mutter in Kitzbühel. Gretchen freut sich über den unerwarteten Weihnachtsgast. Sie schimpft über den Kapitalismus und die USA. Sie will nie wieder einen Fuß auf nordamerikanischen Boden setzen. Wenn sie es täte, sagt sie, würde sie zum Beispiel nach Bullet Park ziehen und dort ein unauffälliges Leben führen, aber nur, um einen verheirateten jungen Mann mit zwei oder drei Kindern auswählen zu können. Den würde sie dann an die Tür der Christ Church nageln, um die Welt wachzurütteln. Paul Hammer hält seine Mutter für verrückt und reist gleich wieder ab.

In seinem zweiten Studienjahr in Yale beantragte er eine Namensänderung von Paul Hammer zu Robert Levy. Der Richter lehnte das ab. Weil die Lokalzeitung darüber berichtete, erfuhren Pauls Freunde von seiner unehelichen Geburt, und die meisten mieden ihn von da an.

Er investierte 50 000 Dollar aus dem Erbe seiner Großmutter in einen Verlag in Cleveland, den ein ehemaliger Kommilitone gegründet hatte. Aber der Verlag ging bankrott, und Pauls Geld war nach eineinhalb Jahren weg.

In der Absicht, Gedichte von Eugenio Montale zu übersetzen, zog er nach New York. Dort wurde er alkoholkrank. Deshalb suchte er schließlich einen Psychiater auf, der ihm erklärte, er sei ein Transvestit und verdränge seine Homosexualität.

Nach Aufenthalten in Chicago, San Francisco, Los Angeles, Rom und Orvieto besuchte Paul Hammer seinen Schulfreund Charlie Masterson und dessen Ehefrau in Blenville/Pennsylvania. Dort entdeckte er ein Haus, das er unbedingt haben wollte. Die Freunde machten ihn mit der Besitzerin Dora Emmison bekannt, die sich vor einem Monat von ihrem Mann in Reno hatte scheiden lassen. Die Alkoholikerin zeigte ihm bereitwillig die Räume und ließ ihn auch auf dem Sofa übernachten, aber verkaufen wollte sie das Haus nicht. Beim nächsten Besuch brachte Paul Hammer ein paar Flaschen Bourbon mit. Dora Emmison war zwar verabredet, konnte jedoch dem Whiskey nicht widerstehen. Als sie dann endlich losfuhr, kam sie nicht weit: Sie verunglückte tödlich.

Paul Hammer erwarb das begehrte Haus dann von Dora Emmisons in Washington, D. C., lebender Mutter. Drei Wochen später zog er ein.

Weil ihm ein seltsamer Geruch an seiner Katze auffiel, folgte er deren Spuren im Schnee und kam zu einem abgelegenen Haus. Der etwa 70 Jahre alte Bewohner Gilbert Hansen hatte als leitender Chemiker bei Beauregarde et Cie gearbeitet. Noch immer experimentierte er mit Duftstoffen. Seine Enkelin Marietta Drum wohnte bei ihm. Paul Hammer suchte und fand sie kurz darauf in der Stadt. Sie ließ sich von ihm zum Mittagessen einladen und bestand auf einem teuren Restaurant. Weil er nicht genügend Geld bei sich hatte, erwartete sie von ihm, dass er selbst nichts aß, um für sie bezahlen zu können. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr hatte sie in Frankreich gelebt. Dann waren ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall gestorben und ihr Großvater Gilbert Hansen hatte sie zu sich geholt. Jetzt war sie 23, genauso alt wie Paul Hammer. Die beiden wurden ein Paar und heirateten in der Kirche von Blenville.

Glücklich wurden sie miteinander nicht. Als die gelben Wände in ihrem Haus abblätterten, ließ Marietta sie rosa tünchen. Paul nahm das alles schwermütig hin.

Dann kam er zu dem Schluss, dass die Vorstellung seiner Mutter, einen Menschen zu kreuzigen, sinnvoll war. Im Wartezimmer seines Zahnarztes in Ashburnham entdeckte er einen Bericht über die Beförderung von Eliot Nailles zum Leiter der Mundwasserabteilung der Saffron Chemical Corporation. In der Absicht, diesen ihm zuvor unbekannten Mann in der Kirche zu ermorden, zog Paul Hammer mit seiner Frau nach Bullet Park.

– – –

Während Marietta das Wochenende in Blenville verbringt, will Paul Hammer sein Vorhaben realisieren. Allerdings hat er es nicht mehr auf Eliot Nailles abgesehen, sondern auf dessen Sohn Tony. Weil er das Bedürfnis hat, sich jemandem mitzuteilen, sucht er unmittelbar vor der geplanten Tat den Guru Swami Rutuola auf und kündigt ihm an, dass er Tony Nailles auf dem Altar der Christ Church verbrennen werde.

Dann fährt er zur Villa des Ehepaars Lewellen. Dort findet eine große Party statt. Eliot und Nellie Nailles sind unter den Gästen. Ihr Sohn Tony weist die ankommenden Autos ein. Hammer hält in einiger Entfernung. Tony geht zu ihm und will ihm einen näheren Parkplatz zeigen. Plötzlich attackiert ihn Hammer mit Tränengas, verpasst ihm einen Hieb mit einem zuvor gekauften Totschläger und fährt mit ihm zur Kirche. Dort zerrt er den Bewusstlosen auf den Altar, holt einen Kanister Benzin aus dem Auto und verschließt den Eingang.

Swami Rutuola eilt zu Mr und Mrs Lewellen. Dort alarmiert er Eliot Nailles. Er müsse sofort zur Christ Church fahren, sagt er, für Erklärungen reiche die Zeit nicht.

Nachdem Nailles vergeblich gegen die verschlossene Tür gehämmert hat, holt er eine Motorsäge und bricht damit die Tür auf. Paul Hammer sitzt in der ersten Reihe und weint. Eliot Nailles hebt seinen Sohn vom Altar, und der Junge kommt wieder zu sich.

Paul Hammer wird in eine staatliche Anstalt für geisteskranke Straftäter gesperrt.

nach oben

In seinem Roman „Die Lichter von Bullet Park“ leuchtet John Cheever hinter die Kulissen einer Vorstadt-Idylle. Ordnung und Sauberkeit, Konvention und Wohlstand erweisen sich als brüchige Fassaden. Dahinter stoßen wir auf Eheprobleme, innere Leere, die vergebliche Frage nach dem Lebenssinn, Neurosen und Gewaltfantasien, Depressionen und Alkoholkrankheit. Die Gesellschaftssatire „Die Lichter von Bullet Park“ ist ein Abgesang auf den American Dream.

Nailles klingt wie nails, das englische Wort für Nägel. Nägel und Hammer: Während Nailles Beruhigungstabletten schluckt, um die alltägliche Fahrt zur Arbeit zu ertragen, schlägt Hammer zu.

Die Handlung, die der mehrfach ausgezeichnete amerikanische Erzähler John Cheever (1912 – 1982) in „Die Lichter von Bullet Park“ entwickelt, ist skurril und irrwitzig, also weder realistisch noch psychologisch nachvollziehbar.

John Cheever hat den Roman in drei sehr verschieden lange Teile gegliedert. Im ersten Teil erzählt er vorwiegend von Eliot Nailles, einem der Bewohner von Bullet Park, dessen Frau und Sohn. In Rückblenden werden auch Ereignisse aus der Vergangenheit dargestellt. Der zweite Teil dreht sich um Paul Hammers Biografie von der unehelichen Geburt bis zu seiner Übersiedlung nach Bullet Park, mit der das Buch beginnt. Im letzten, nur 20 Seiten langen Teil mutiert der Roman zum Thriller: Paul Hammer hat sich vorgenommen, Eliot Nailles‘ Sohn Tony auf dem Altar der Christ Church in Bullet Park zu ermorden.

Die drei Teile fügen sich nicht zu einer homogenen Ganzheit. Dem Roman fehlt es an Form, zumal die beiden ersten Teile – also fast das ganze Buch – aus Episoden-Reihen bestehen.

„Die Lichter von Bullet Park“ endet mit dem sarkastischen Halbsatz

[…] und alles war so herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher.

Die Originalausgabe von „Bullet Park“ erschien 1969. Die erste Übersetzung ins Deutsche von Kurt Wagensil trug den Titel „Die Bürger von Bullet Park“. Für die Neuübersetzung von Thomas Gunkel wählte der DuMont Buchverlag den Titel „Die Lichter von Bullet Park“.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © DuMont Buchverlag

 

Carl Zuckmayer - Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus
Carl Zuckmayer erzählt "Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus" mit einfachen Worten. Es handelt sich um eine lebensbejahende, volkstümliche Erzählung.
Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus

Carl Zuckmayer

Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Sommer durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.