Rafael Chirbes : Die schöne Schrift

Die schöne Schrift
Originalausgabe: La buena letra, Madrid 1992 Die schöne Schrift Übersetzung: Dagmar Ploetz Verlag Antje Kunstmann, München 1999
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Die schöne Schrift" von Rafael Chirbes handelt vom Leben einer einfachen Spanierin. Während die Verwandtschaft während des Bürgerkriegs und in den Jahren danach zusammengehalten hatte, brach sie in den Vierzigerjahren durch die Einheirat einer feschen ehrgeizigen Frau aus der Stadt auseinander. An ihrem Lebensabend wird ihr klar, dass ihr auch der Sohn fremd geworden ist.
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Kritik

Eine einfache alte Frau erzählt ihrem erwachsenen Sohn von den seltenen Augenblicken des Glücks in ihrem Leben, vor allem aber von Not und Leid, Liebe und Kränkungen. In einem schlichten, bewegenden Monolog erinnert sich die Frau an entscheidende Stationen ihres Lebens. Sie spricht zu ihrem Sohn, aber mehr noch zu sich selbst, weil sie vor dem Sterben verstehen möchte, was ihr widerfuhr.
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Kurz vor dem Tod erzählt Ana ihrem Sohn Manuel die Geschichte ihres Lebens.

Nein, das ist keine Rache. Ich will nicht mit ihr abrechnen. Früher wollte ich es nicht oder wusste nicht wie, und jetzt ist es zu spät. Ich würde mich nur gerne selbst verstehen, sie alle verstehen, die nicht mehr da sind.

Einer der beiden Großväter machte sich immer wieder einen Spaß daraus, die kleine Ana zu erschrecken oder ihr Gruselgeschichten zu erzählen und das verängstigte Kind dann zu trösten. Scheinbar gehörten Liebe und Angst zusammen.

Später lernte sie Tomás kennen, der als Gerber in einer Schuhfabrik arbeitete. Als er sie seiner Familie in Misent vorstellte, kam es zu einem Eklat: Sein musikalisch und künstlerisch begabter Bruder Antonio war mit seiner Freundin Angela gekommen und schäkerte während des Essens ständig mit ihr.

Sie war nervös. Man sah, sie war ein anständiges Mädchen, und sie schaute zu deiner Großmutter, zu Pepita und mir herüber, als wolle sie erklären, dass ihr diese Späße nicht gefielen, es aber Antonios Art sei, sich so aufzuführen.

Plötzlich stand Thomas‘ Schwester Gloria auf: „Jetzt reicht’s. An diesen Tisch setzen sich keine Huren.“

Angela heiratete einen anderen Mann und zog nach Madrid. Aber wenn sie Antonio oder jemand aus seiner Verwandtschaft traf, wurden ihre Augen feucht.

Tomás und Ana bewohnten ein Haus in Bovra.

Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften Tomás und sein Nachbar Paco auf der Seite der Roten. Gegen Ende des Kriegs desertierten die beiden und versteckten sich aus Furcht vor Denunzianten auf dem Dachboden. Die siegreichen Falangisten zogen in Bovra ein. Eine Woche später stellten sich Tomás und Paco. Sie waren nicht die einzigen. Den ganzen Tag hörte man die Schreie der Gefangenen in der Stadtverwaltung. Der Falangistenführer Raimundo Mullor prügelte persönlich auf die wehrlosen Männer ein und ließ zehn von ihnen an der Friedhofsmauer erschießen.

Ein paar Stunden, bevor Tomás wieder nach Hause kam, fasste Guardia Civil seinen Bruder Antonio.

Den ersten Abend lang hat dein Vater still geweint. Er weinte um seinen kleinen Bruder. Er konnte sich nicht vorstellen, was für Achterbahnfahrten das Leben uns noch bescheren sollte.

Die Schuhfabrik hatte Tomás entlassen. Jeden Abend fragte er auf der Plaza nach irgendwelchen Hilfsarbeiten, aber kaum jemand wagte es, einen Linken zu beschäftigen.

Antonio wurde zum Tod verurteilt. Jede Woche besuchten ihn Ana und Tomás abwechselnd im Gefängnis von Mantell. Aufgrund der langen Wartezeiten beim Umsteigen dauerte die Bahnfahrt eine ganze Nacht. In Mantell fanden sie eine Frau, die ihnen an diesen Vormittagen gegen Bezahlung ihre Küche überließ, damit sie für Antonio „mal ein paar Kartoffeln mit Rüben, ein andermal Kichererbsen mit einem Knochen“ kochen konnten.

Das war nicht viel, aber doch mehr, als wir selbst zu Hause hatten.

Endlich fand Tomás eine feste Arbeit an der Laderampe des Bahnhofs, und Ana erhielt immer mehr Nähaufträge.

Völlig unerwartet stand eines Tages Antonio in der Tür. Man hatte ihn begnadigt. Er zog bei seinem Bruder und seiner Schwägerin ein. Im Gefängnis hatte er Schnitzen gelernt. Damit verdiente er jetzt ein bisschen dazu. José, ein Junge aus der Nachbarschaft, half ihm dabei. Tomás kaufte seinem Bruder Werkzeug, eine Werk- und eine Drechselbank und mietete später eigens einen Schuppen für die Schreinerwerkstatt. Alles schien sich zum Guten zu wenden.

Während eines sonntäglichen Familienausflugs pflückte Antonio Blumen und verteilte sie an seine Mutter, seine Schwester Gloria, die Schwägerin Ana und deren Tochter. Gloria warf sie ihm wütend vor die Füße: „Ich will für niemanden die zweite Wahl sein, nicht einmal für meinen Bruder. Gib sie ihr und lass uns andere in Frieden. Ja, ihr.“ Dabei deutete sie auf Ana.

Am folgenden Samstag sagte Antonio, er fahre mit dem ersten Zug zu den Eltern nach Misent. Am Sonntagabend kam er nicht zur gewohnten Zeit zurück. Erst am Montag nach dem Mittagessen tauchte er wieder auf, unrasiert und schmutzig. Am nächsten Samstag fuhr er wieder weg. Offenbar hatte er vorher aus den Geldbörsen seines Bruders und seiner Schwägerin sowie aus der gemeinsamen Kasse der Schreinerei Geld gestohlen. Nach zwei Wochen holte Tomás ihn aus einem Bordell in Cullera und bezahlte dort auch Antonios Schulden. „Das Gefängnis hat ihn kaputt gemacht“, entschuldigte er seinen Bruder.

Einmal ertappte Antonio seine Schwägerin mit einem seiner Zeichenhefte in der Hand.

Er zog dann ein anderes Heft hervor, das er im doppelten Boden der Truhe versteckt hatte, und zeigte mir zehn, zwanzig Porträts von mir. Ich begann zu weinen, aus Beklemmung oder Angst, und genau in dem Moment ging die Haustür auf, dein Vater kam von der Arbeit zurück. Es war nur eine nervöse Reaktion, aber von dem Augenblick wussten wir, glaube ich, beide, dass wir nicht mehr zu zweit allein im Haus bleiben konnten. Wir mussten uns aus dem Weg gehen.

Ana ging mit ihrer kleinen Tochter sonntags ins Kino, um eineinhalb Stunden lang eine schönere Welt zu erleben. Als sie zufällig einmal aus einem Fenster Klaviermusik hörten, war das Mädchen fasziniert und wollte Pianistin werden. Aber es blieb ein Traum; Anas Tochter wurde Arbeiterin in einer Chemiefabrik.

Eine junge Frau aus dem Ort, die als Büglerin für eine adelige Familie in Valencia arbeitete, brachte Isabel mit.

Außer in den Filmen hatten wir hier noch nie eine Frau gesehen, die sich so extravagant kleidete.

Die beiden Mädchen tanzten mit José und Antonio. Die Büglerin fuhr wieder nach Valencia; Isabel blieb da. Später stellte sich heraus, dass sie nicht die Nichte der Aristokratenfamilie in Valencia war, wie es gerüchtweise geheißen hatte, sondern eine Hausangestellte. Nach der Heirat brachte Antonio Isabel mit ins Haus seines Bruders.

Nachmittags pflegte Isabel Briefe zu schreiben und ihr Tagebuch zu führen.

Sie hatte eine große, schöne Schrift, aus der die Bs und Ls wie die Segel eines Schiffes hochragten.

Dann tauchte sie am Steuer des Autos auf, das Raimundo Mullor ihr geliehen hatte, und holte Antonio zu einer Spazierfahrt ab. Ana merkte, dass sie Lebensmittelvorräte stahl. Später schützte Isabel ein Magenleiden vor und kochte sich selbst etwas, wenn ihr das Familienessen nicht gut genug war. Während der Schwangerschaft verordnete der Arzt Isabel angeblich wegen einiger Komplikationen Eier, Fleisch und Milch – Kostbarkeiten, die sich der Rest der Familie nicht leisten konnte. Das Geld stammte wohl aus der Werkstatt. Damit finanzierten Antonio und Isabel auch ihre regelmäßigen Besuche im Kasino und in der Konditorei.

Auf einmal waren wir in der Familie nicht mehr alle gleich: Die beiden hatten ihren Lebens- und Kleidungsstil verbessert, während wir ärmer geworden waren.

Tomás beobachtete traurig, was geschah.

An anderen Tagen, zuweilen auch nachdem er mich grundlos angeschrien hatte, schluchzte er nachts im Bett in meinen Armen und bat mich um Verzeihung: „Ich bin nichts wert. Ich bin nicht fähig, dir das Leben zu bieten, das du verdienst, ist es nicht so?“, jammerte er. „Verzeih mir.“

Es schmerzte Tomás, dass sein Bruder sich mit dem Falangisten Mullor anfreundete und seine politische Überzeugung verriet, um gesellschaftlich aufzusteigen. Antonio und Isabel mieteten ein vornehmes Haus nah der Plaza und schafften sich auch ein Klavier für ihre Tochter an, für die sie ein Kindermädchen anstellten. Als Mitglied der Geschäftsführung des örtlichen Fußballvereins saß Antonio bei den Spielen auf der Ehrentribüne.

Ana war schon 40, als sie von ihrem Sohn Manuel entbunden wurde. Zuerst hatte auch Tomás Hoffnungen in das Kind gesetzt, aber dann begann er zu trinken. Eines Nachts kam er überhaupt nicht nach Hause. Am nächsten Abend fanden sie ihn. Tomás lag neben seinem Fahrrad mit dem Rücken im Schlamm. Man brachte ihn nach Valencia ins Krankenhaus. Dort starb er. Weil Ana nicht genügend Geld für die Überführung der Leiche nach Bovra besaß, wurde er in Valencia begraben. „Tomás Císcar, 1908 – 1950“ ließ sie auf den Grabstein meißeln.

Anas Schwägerin Gloria, die man wegen eines Krebsleidens in ein Krankenhaus eingeliefert hatte, wurde entlassen – nicht, weil sie geheilt war, sondern weil es keine Therapie mehr für sie gab. Isabel weigerte sich, Gloria bei sich aufzunehmen: Sie müsse aufs Geschäft achten und könne sich kein Gerede leisten; vielleicht sei die Krankheit ja auch ansteckend. Ana richtete Gloria ein Bett her, aber nach einigen Monaten packte Gloria ihre Sachen und wollte wieder ins Krankenhaus nach Misent. Zwei Wochen später war sie tot.

Kurz nach Glorias Begräbnis tauchte Antonio immer häufiger bei Ana auf; er überließ Isabel das Geschäft und vagabundierte nichtstuend durch die Straßen und über die Felder.

Manchmal brachte er auf dem Rückweg Blumen mit oder Gemüse, das man ihm gegeben oder das er geklaut hatte. Öfter bat er darum, ich möge ihm aus dem frisch geernteten Gemüse einen Salat zubereiten. Den aß er so, als könne ihm der Geschmack etwas zurückgeben.

Als er krank wurde, besuchte Ana ihn mehrmals. Die Anweisungen des Arztes befolgte er nicht. Kurz bevor er starb, reichte er Ana einen kleinen Schlüssel für die Schublade eines Eckschranks aus Mahagoni. Sie brachte ihm die mit Papieren, Umschlägen, Zeitungsartikeln, Briefen, Fotos und dem Todesurteil gefüllte Schublade ans Bett. Er leerte sie aus, nahm das vergilbte Blatt, mit dem der Boden ausgelegt war und drehte es und zeigte Ana das Porträt, das er vor vielen Jahren von ihr gezeichnet hatte.

Unter großen Opfern sorgte Ana dafür, dass ihr Sohn Manuel Bovra verlassen und studieren konnte.

Er hat auch eine sehr schöne Schrift. „Eine schöne Schrift maskiert die Lüge“, heißt es in einem spanischen Sprichwort.

Manuel und seine Frau, Isabel und ihre Tochter reden nun schon seit Tagen auf Ana ein, ihr Haus aufzugeben. Sie möchten stattdessen einen Wohnblock bauen, in dem sich Ana eine moderne Wohnung einrichten könnte. „Es ist doch jammerschade“, meint die Cousine, „dass dieses Grundstück so wenig genutzt wird.“

Ana beendet ihre Erzählung:

Letzte Nacht musste ich an etwas denken, das dein Vater mir einmal erzählt hat, dass die Seeleute sich weigern, schwimmen zu lernen, weil sie so im Falle eines Schiffbruchs sofort ertrinken und ihnen keine Zeit bleibt zu leiden. Ich konnte nicht einschlafen. Bis zum Morgengrauen habe ich mich im Bett herumgewälzt. Ich konnte den Neid auf jene nicht unterdrücken, die gleich am Anfang gegangen sind, die nicht Zeit gehabt haben, unser aller Schicksal zu erleben. Weil ich durchgehalten habe, bin ich im Kampf müde geworden und habe erfahren müssen, dass die ganze Anstrengung umsonst war. Jetzt warte ich.

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Eine einfache alte Spanierin erzählt ihrem erwachsenen Sohn Anfang der Fünfzigerjahre von den „Achterbahnfahrten“ ihres Lebens, von seltenen Augenblicken des Glücks, vor allem aber von Not und Leid, Liebe und Kränkungen. Während die Verwandtschaft im Spanischen Bürgerkrieg und in den Jahren danach zusammengehalten hatte, zerbrachen die familiären Beziehungen aufgrund der Einheirat einer feschen ehrgeizigen Frau aus der Stadt. Traurig stellt sie fest, dass ihr auch der Sohn fremd geworden ist, denn wie könnte er sonst das Haus, in dem sie fast ihr ganzes Leben gewohnt hat, abreißen wollen, um das Grundstück mit einem Häuserblock besser nutzen zu können. In einem schlichten, bewegenden Monolog erinnert sich Ana noch einmal an entscheidende Stationen ihres Lebens. Sie spricht zu ihrem Sohn, aber mehr noch zu sich selbst, weil sie vor dem Sterben verstehen möchte, was ihr widerfuhr.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Verlag Antje Kunstmann

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