Hugo Claus : Der Schwertfisch

Der Schwertfisch

Hugo Claus

Der Schwertfisch

Originalausgabe: De zwaardvis, Amsterdam 1989 Der Schwertfisch Übersetzung: Rosemarie Still Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1992 Cotta's Bibliothek der Moderne
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mit wenigen Strichen veranschaulicht Hugo Claus in diesem Roman eine Reihe unglücklicher und gescheiterter Menschen, die in der von außen so idyllisch wirkenden Provinz leben. Es geht um Demütigung, Unterwerfung und Aufbegehren.
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Kritik

Aus dreizehn Szenen – Vor- und Rückblenden, inneren Monologen und Andeutungen – montiert Hugo Claus den Roman "Der Schwertfisch". Nicht mitfühlend, sondern sarkastisch wirkt die ebenso spannende wie bedrückende Darstellung.
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Sibylle Ghyselen ist mit dem erfolgreichen Unternehmer Gerard verheiratet. Sie wohnen mit ihrem Sohn Maarten in einem komfortabel eingerichteten Landhaus auf einem ausgedehnten Grundstück. Nachdem Gerard sich auf einem Ball des Bürgermeisters betrunken hat, fährt ihn seine Frau im Porsche nach Hause und hilft ihm ins Schlafzimmer. Dort befiehlt sie ihm: „Knie, knie nieder vor deiner Herrin!“ Sie zieht ihn aus, richtet Büstenhalter, Hüfthalter, Strapse, Strümpfe und ein schwarzes Spitzenhöschen her, verbindet ihm die Augen und zieht ihm die Unterwäsche an. Vor einem Wandspiegel nimmt sie ihm die Augenbinde ab. Am nächsten Morgen leugnet sie ihren Triumph und versucht den Vorfall als Bagatelle abzutun, aber Gerard redet nicht mehr mit ihr, verlässt sie und leitet die Scheidung ein.

Sibylle beabsichtigt, das Landhaus zu verkaufen und wegzuziehen, damit Maarten eine bessere Schule als die ihm Dorf besuchen kann. Ihre Mutter bestärkt sie in dem Vorhaben.

Weil seine Eltern Atheisten sind, haben sie Maarten vom Religionsunterricht befreit. Einmal ertappt ihn das bigotte Fräulein Dora dabei, wie er von außen an der Tür des Klassenzimmers lauscht. Sie möchte wissen, warum er das tut, und er antwortet: „Weil der Herr Pfarrer so schön erzählen kann.“ Da beschließt die krebskranke Frau, vor ihrem nahen Tod noch einen Menschen zu bekehren. Bald wundern sich der Briefträger Achiel und der Bäcker Rik darüber, dass Maarten ein Kreuz durch den Garten schleppt.

Er stapft behutsam durch das trockene Gras, so wie er es Jesus im Fernsehen hat tun sehen, mit schleppenden Schritten, todmüde, aber doch so schnell wie möglich, denn er muss den Berg Goliath vor den anderen erreichen, vor allem vor Unserer Lieben Frau und ihrer Schwester Magdalena, die nicht am Fuße des Kreuzes anfangen können zu weinen, wenn der Hauptakteur noch nicht dranhängt.

Sibylle und ihre Mutter steigen aus dem BMW. Sie haben in Antwerpen eingekauft und Matze fürs Abendessen mitgebracht. Maarten isst einige der mit Butter bestrichenen und mit braunem Zucker bestreuten Fladen. Die Großmutter mahnt ihre Tochter, dem Jungen nicht so viel Butter und Zucker zu geben. Er müsse lernen, sich zu beherrschen und erinnert an ihren Mann, der Sibylle immer wieder zu mehr Disziplin ermahnt habe. „Pappi war senil“, wehrt Sibylle die Kritik ab. Maarten möchte noch „eine Matz“. Seine Großmutter korrigiert ihn – „nicht Matz, sondern Matze“ – und erklärt ihm, es handele sich um „das Brot der Juden“. Die Juden, die Jesus gekreuzigt haben! Die beiden Frauen wollten ihn mit diesem jüdischen Brot vergiften! Maarten übergibt sich.

Sibylle ist entsetzt über den Judenhass ihres Sohnes und verdächtigt den Rektor Willy Goossens, im Unterricht antisemitische Vorurteile zu vermitteln. Sie fährt mit dem Fahrrad hin. Seine Frau Liliane führt sie ins Wohnzimmer, aber Sibylle möchte mit dem Lehrer unter vier Augen sprechen. Willy Goossens beteuert, sich nicht abfällig über Juden geäußert zu haben und lenkt den Verdacht auf den Pfarrer. Er hat Sibylle Ghyselen zum Kulturwochenende eingeladen, natürlich im Namen des Kulturkomitees. Ob sie die Einladung erhalten habe? Da werde auch ein von ihm gedichtetes Deklamatorium aufgeführt. Sie könne auch zur Probe kommen. Sibylle verspricht, es sich zu überlegen.

Maarten schüttet etwas Zucker in den Tank des BMWs. Als seine Mutter zur Probe des Deklamatoriums fährt, setzt auf dem Weg der Motor aus. Willy Goossens ist enttäuscht über ihr Ausbleiben, bricht die Probe ab und lässt sein Moped an, um nach Hause zu fahren.

Dann sieht er ihr Auto, eine verlassene zierliche Silhouette, die linke Wagentür weit offen. Liegt sie verletzt, ermordet in einem Graben? Wie wird er sie dann auf seinem Moped ins Krankenhaus in der Stadt bringen können? Der Schlüssel steckt nicht in der Zündung. Im Handschuhfach liegen Zigaretten, Tampax, ein halber verschrumpelter Apfel, zusammengeklebte Bonbons. Wurde sie von Gastarbeitern aus dem Auto gezerrt? Er wagt nicht mehr, sich zu bewegen. Aber stehenbleiben kann er hier auch nicht. Jeden Augenblick können Blitzlichter aufleuchten, kann irgendwo eine Reportermeute von Het laatste Nieuws hervorspringen. „Schulrektor bei der Leiche einer vergewaltigten Frau.“ Sterbensbang geht er um den BMW herum. Er findet neben einem Rad zerknülltes Papier, das nach Schokolade riecht. Kalter Schweiß rinnt ihm über das Gesicht. Er rennt zu seinem Moped, tritt wie verrückt aufs Pedal.

Willy ist froh, dass sie zu Hause ist und nur eine Autopanne hatte. Sibylle ist gerührt. Damit Maarten nicht aufwacht, führt sie ihren Besucher mit einer Taschenlampe in der Hand zu einer umgebauten Scheune, in dem sich ihr Mann ein Refugium eingerichtet hatte und bietet ihm einen Whisky an. Willy weist sie darauf hin, dass er dem Deklamatorium den Titel „Cybele“ gegeben habe (er spricht den Namen der Fruchtbarkeitsgöttin mit S, nicht mit K). Cybele, das klinge wie Sybille, und der Name beinhalte auch zwei I-Laute wie Willy. Er kniet vor ihr nieder, küsst ihre Beine, seine Wange reibt über ihre Schenkel und wandert höher.

Als Richard Robion vorbeikommt, sieht er das Licht brennen und glaubt, Maarten treibe sich in dem von seinem Vater eingerichteten Raum herum.

Richard Robion verdiente als Tierarzt viel Geld. Für die Abtreibungen, die er hin und wieder vornahm, verlangte er kein Geld, denn er wollte den Frauen nur helfen. Sie hatten ihn ihrer Dankbarkeit versichert, aber als man ihn verhaftete, waren sie die ersten, die mit dem Finger auf ihn zeigten. Nach der Verbüßung seiner Haftstrafe begann er zu trinken. Heute hat er tagsüber das Dach auf dem Haus der Ghyselens repariert und ist anschließend durch die Kneipen gezogen. Der 44-Jährige steigt vom Rad, torkelt zu dem beleuchteten Fenster und sieht durch die Vorhänge Sibylle Ghyselen und Willy Goossens beim Liebesspiel. Das erregt ihn so, dass er „sogar auf ein Schaf gesprungen“ wäre. Zu Hause will er mit seiner ebenfalls betrunkenen Frau Julia schlafen, bekommt aber Kopfschmerzen.

Am nächsten Morgen wird Julia tot aufgefunden. Der Kommissar und ein Polizist verhören Richard Robion den ganzen Tag über, bis er gesteht:

„Meine Milch kochte über. Die jahrelange Wut. Keine Wut auf sie, sicher nicht auf mein Schätzchen, dafür lege ich die Hand ins Feuer. Und dann habe ich sie geschlagen, geschlagen, bis ich nicht mehr konnte und von selbst umgefallen bin. Und nun, Herr Kommissar, würde ich gern ein bisschen schlafen, wenn’s erlaubt ist.“

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Mit wenigen Strichen veranschaulicht Hugo Claus (1929 – 2008) in dem Roman „Der Schwertfisch“ eine Reihe unglücklicher und gescheiterter Menschen, die in der von außen so idyllisch wirkenden Provinz leben. Es geht um Demütigung, Unterwerfung und Aufbegehren. Der flämische Schriftsteller erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern montiert sie aus dreizehn Szenen und entwickelt sie aus Vor- und Rückblenden, inneren Monologen und Andeutungen. Nicht mitfühlend, sondern sarkastisch wirkt die ebenso spannende wie bedrückende Darstellung.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2008
Textauszüge: © Ernst Klett Verlag

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