Arne Dahl : Rosenrot

Rosenrot

Arne Dahl

Rosenrot

Originalausgabe: De största vatten Bra Böcker, Malmö 2002 Rosenrot Übersetzung: Wolfgang Butt Piper Verlag, München 2006 ISBN: 978-3-492-04809-5, 400 Seiten, 19.90 € (D) Piper Taschenbuch, München 2007 ISBN: 978-3-492-24964-5, 400 Seiten, 8.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei einer Razzia in Flemingsberg erschießt der Polizist Dag Lundmark 2001 einen afrikanischen Asylanten. Er habe in Notwehr gehandelt, behauptet er, aber seine Kollegin Kerstin Holm, die 1992 bis 1994 seine Geliebte war, glaubt ihm nicht. Die Ermittlungen ergeben, dass der Afrikaner ein Pharmaunternehmen ausspionierte. Wurde er deshalb ermordet? Und wieso gibt es eine Verbindung zu einem Einbrecher, der auf die verweste Leiche eines früheren Geschäftsmannes stieß?
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Kritik

"Rosenrot" ist zwar spannend, aber Kerstin Holms Verhalten lässt sich kaum nachvollziehen und die Motivation des Mörders ist abstrus. Dabei spielt Arne Dahl auf parodistische Weise mit den Versatzstücken des Genres Kriminalroman.
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Im September 2001 stürmen die Polizisten Dag („Dagge“) Lundmark, Bo Ek, Stefan Karlsson und Britt-Marie Rudberg ohne Vorwarnung eine Wohnung in Flemingsberg bei Stockholm, in der sich fünf abgewiesene Asylbewerber illegal aufhalten. Einer von ihnen, Winston Ellis Modisane, flieht durchs Fenster und über die Feuerleiter aufs Dach, aber der Zugang zum Speicher ist wider Erwarten verschlossen. Lundmark folgt ihm, während seine Kollegen die anderen vier Afrikaner festnehmen.

Als der knapp fünfzigjährige Polizeiassistent zurückkommt, erklärt er, den Afrikaner in Notwehr erschossen zu haben.

Weil Lundmark ausdrücklich darauf besteht, von seiner Kollegin Kerstin Holm vernommen zu werden, fordert Kommissar Niklas Grundström, der Leiter der Abteilung für interne Ermittlungen in Stockholm, von seinem Kollegen Jan-Olov Hultin für die Untersuchung des Falls Kerstin Holm und Paul Hjelm an. Es handelt sich um zwei herausragende Mitglieder der „Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“ (vulgo: A-Truppe) bei der Reichskriminalpolizei, die von Kommissar Hultin faktisch geführt wird, auch wenn Waldemar Mörner offiziell als Chef fungiert. Hultin beabsichtigt, entweder Kerstin Holm oder Paul Hjelm für die Nachfolge vorzuschlagen, wenn er in einem Jahr pensioniert wird.

Lundmark bleibt bei seiner Darstellung: Der Afrikaner sei auf dem Dach stehen geblieben und habe zweimal auf ihn geschossen, behauptet er. Tatsächlich wurde neben dem Toten eine zweimal abgefeuerte Pistole sichergestellt. Die anderen vier Afrikaner – der Schauspieler Sembene Okolle aus Uganda, der Akademiker Elimo Wadu aus Kenia, der ehemalige Drogendealer Ngugi Ogot aus Kenia und der Grubenarbeiter Siphiwo Kani aus Südafrika – sagen übereinstimmend aus, dass Winston Modisane keine Waffe gehabt habe und schildern ihn als ausgesprochen friedfertig. Der sechsunddreißigjährige Südafrikaner, der im Oktober des Vorjahres nach Schweden kam, gab in seinem inzwischen abgelehnten Asylantrag an, er sei Arbeiter in einer Gummifabrik in Kapstadt gewesen. Die Vernehmung der am Einsatz beteiligten Polizisten ergibt, dass ihr Vorgesetzter, Kommissar Ernst Ludwigsson („Lubbe“), telefonisch einen Hinweis auf den Aufenthaltsort der Asylanten erhielt. Der Anrufer nannte den Namen Mattson, gab sich als Mitarbeiter der Migrationsbehörde aus und legte wieder auf, bevor Ludwigsson etwas fragen konnte. Bei der Untersuchung der Aufzeichnung stellt der Tontechniker Roger Rikardsson fest, dass der Anruf von einem Tonband abgespielt wurde.

Kerstin zweifelt daran, dass Modisane eine Waffe hatte und verdächtigt Lundmark, den Afrikaner ermordet zu haben.

Dag Lundmark ist der Sohn eines Pastors. Seine Mutter verließ die Familie, als er fünf Jahre alt war. 1975 schloss er die Polizeihochschule ab und fing bei der Ordnungspolizei in Göteborg an. Drei Jahre später heiratete er Anna Högberg, aber die Ehe wurde 1992 kinderlos geschieden. (Anna heißt inzwischen mit Nachnamen Strömbäck, ist wieder verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Göteborg.) Nach mehreren Verwarnungen wegen Trunkenheit wurde Lundmark im Juli 2000 vom Polizeidienst suspendiert, aber sein Vorgesetzter, Kommissar Victor („Vicke“) Lövgren, bürgte für ihn und verhinderte dadurch eine Kündigung. Zum Entzug ließ Lundmark sich in Rudhagens Privatklinik in Mälardalen aufnehmen. Ende Juni 2001 kehrte er in den aktiven Dienst zurück, und zwar als Polizeiassistent im Stockholmer Vorort Huddinge.

Im Frühjahr 1992 ließ Kerstin Holm sich auf ein Verhältnis mit ihrem zehn Jahre älteren Kollegen ein. Weil sie von Lundmark geschlagen und vergewaltigt wurde, trennte sie sich im Sommer 1994 von ihm.

Kerstin, die Tochter eines Werftarbeiters und einer Krankenschwester, war als Kind mehrmals von ihrem Onkel Holger missbraucht worden. Bevor sie Polizistin wurde, hatte sie sich in wechselnden Jobs versucht und zwei Jahre lang verschiedene Studienfächer ausprobiert. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Eva wurde Krankenschwester. (Eva Jansson lebt mit ihrem Ehemann und ihrer neunjährigen Tochter in Göteborg-Hisingen.)

Trotz der Trennung von Lundmark vor sieben Jahren trägt Kerstin noch immer den Verlobungsring mit der aus dem Hohelied des Alten Testaments stammenden Gravur „Auch viele Wasser löschen die Liebe nicht“, denn sie kriegt ihn nicht ab. Sie erinnert sich, wie Lundmark ihn ihr ansteckte.

In diesem rosenroten kleinen Ecklokal in Haga. Die rosenroten Wände. Die Rose in der Hand. (Seite 17)

An diesem Morgen zerkratzte sie mit dem Ring beim Joggen einen auf einem Fußgängerüberweg stehenden Porsche.

Unter dem glatten Ring an ihrem Ringfinger schauten ein paar rosenrote Farbsplitter hervor.
Nein, nicht rosenrot.
Porscherot. (Seite 15)

Während Kerstin Holm und Paul Hjelm herauszufinden versuchen, was zwischen Dag Lundmark und Winston Modisane auf dem Dach ablief, leiten die Kollegen Arto Söderstedt und Viggo Norlander Ermittlungen im Fall einer von einem Einbrecher aufgefundenen Leiche.

Wegen einer schweren Erkältung roch Björn Hagman nichts von dem Verwesungsgestank in dem Haus, in das er eingebrochen war. Den Toten entdeckte er erst, als er ihn im Bett liegen sah. Danach brauchte er etwas zu trinken und betrat eine Kneipe in der Nähe – ohne zu ahnen, wie er nun selbst roch. Zwei anwesende Polizisten schöpften Verdacht und nahmen ihn fest. Nach einer ersten Vernehmung führt er Söderstedt und Norlander in das Haus mit der Leiche. Die beiden Beamten ertragen das Gestank nicht und hasten würgend ins Freie, ohne auf Hagman zu achten. Der nutzt die Gelegenheit zur Flucht.

Bei dem Toten handelt es sich um Ola Ragnarsson. 1978 hatte der damals Fündundzwanzigjährige mit seinem Geschäftspartner Lars Rundqvist eine Investmentgesellschaft auf den Cayman Islands gegründet und damit ein Vermögen gemacht. Unvermittelt stieß er 1984 seine Anteile ab und zog sich aus dem Geschäftsleben zurück. Er starb vor zwei Wochen an einer Vergiftung mit Thalliumsulfat, einem geruch- und geschmacklosen Mittel, das früher als Rattengift verwendet wurde. Es scheint sich um einen Suizid zu handeln. In einem Abschiedsbrief bezichtigt sich Ragnarsson, ein Serienmörder zu sein. An einer in dem Schreiben angegebenen Stelle zwischen Grönby und Sörby werden zwei Leichen ausgegraben. Es handelt sich um das Ehepaar Max Evald Sjöberg und Rigmor Alberta Sjöberg von einem Bauernhof in Anderslöv. Sie starben ebenfalls an einer Vergiftung mit Thalliumsulfat. Die einen Kilometer entfernt wohnenden Nachbarn Margareta und Robert Lindblom geben zu Protokoll, dass die Sjöbergs vor zwei Wochen verreisen wollten. Von ihrem siebenjährigen Adoptivsohn Anders fehlt jede Spur.

Lundmark ist ebenfalls verschwunden.

Söderstedt fliegt nach Monaco, um dort Claudine Jauret zu befragen, die von Frühjahr 1983 bis Spätsommer 1984 – damals hieß sie noch Verdurin – Ola Ragnarssons Geliebte war. Sie bestätigt Söderstedts Verdacht, dass sie ein von Ragnarsson gezeugtes Kind hatte abtreiben lassen. Ragnarsson erfuhr es erst, als sie sich von ihm im Streit trennte. Am Tag darauf verließ er Monaco, beendete dann seine Karriere als Geschäftsmann und ließ sich Anfang September 1984 in die von Dr. Robert Ehnmark geleiteten Rudhagens Privatklinik in Mälardalen aufnehmen. Wegen einer Schizophrenie wurde er drei Jahre lang stationär behandelt, und seither verbrachte er fast jedes Jahr einige Wochen dort.

Björn Hagman wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Der Autofahrer, der ihn erfasst hatte, flüchtete. Norlander besucht den Ganoven und erfährt, dass er von einem anonymen Anrufer auf die Gelegenheit hingewiesen worden war, in Ola Ragnarssons Haus einzubrechen. Jemand wollte offenbar, dass die Leiche zu diesem Zeitpunkt gefunden wurde.

Als sich herausstellt, dass sowohl Kommissar Ernst Ludwigsson als auch Björn Hagman von demselben Anschluss angerufen wurden, entsteht eine Verbindung zwischen den Fällen Winston Modisane und Ola Ragnarsson. Beide Gespräche wurden von einem seltsamerweise funktionstüchtigen Telefon in einer leerstehenden Lackierwerkstatt im Stockholmer Industriegebiet Ulvsunda geführt.

Jorge Chavez, der Sohn chilenischer Immigranten, der ebenso wie seine schwangere Ehefrau Sara Svenhagen zur A-Truppe gehört, findet heraus, dass Modisane für die Reinigungsfirma „Reines Haus“ in Huvudsta arbeitete. Joakim Backlund, der Geschäftsführer des steuerhinterziehenden Unternehmens, gibt widerstrebend an, der Afrikaner habe seit einigen Monaten bei dem Pharmaunternehmen „Dazimus“ geputzt.

Chavez und sein Kollege Gunnar Nyberg fahren zur Firmenzentrale von „Dazimus“ und befragen den Informationschef Carl-Ivar Skarlander. Um ihn aus der Reserve zu locken, beschuldigen sie das Unternehmen, Reinigungskräfte schwarz zu beschäftigen.

Informationschef Carl-Ivar Skarlander wurde jetzt wirklich ganz und gar Informationschef. Um Situationen wie diese zu meistern, war er angestellt […] „Ich muss zugeben, dass ich keinen Überblick über unsere Reinigungsverträge habe. Ich weiß, dass die Reinigung an Subunternehmen vergeben wird, aber ich weiß nicht, wann, wo und wie. Und wie die Subunternehmen ihre Arbeit erledigen und organisieren, das entzieht sich gänzlich unserer Kontrolle. Wir entscheiden uns für das günstigste Angebot. Wenn das, was Sie mir sagen, zutrifft, werden wir selbstverständlich den Vertrag mit sofortiger Wirkung kündigen.“
„Es ist einfach geputzt, wenn Sie morgens kommen?“, fragte Nyberg. „Abrakadabra, und der Staub fliegt davon.“
„Wie gut wissen Sie denn Bescheid darüber, wer Ihre Büros putzt“, sagte Carl-Ivar und traf damit ins Schwarze.
Das ließ die beiden Herren Polizisten verstummen. Wer würde jetzt den ersten Stein werfen?
Chavez war es. Und von Stein konnte kaum die Rede sein. Eher vom verirrten Papierball eines miserablen Jongleurs. „Das bedeutet, dass Sie uns auch nicht sagen können, wo genau Modisane geputzt hat?“
„Richtig“, sagte Skarlander. „Aber unsere Räumlichkeiten sind nicht übermäßig groß. Wenn er nachts hier war, könnte er fast das ganze Haus geschafft haben. Wissen Sie, ob er allein war? Oder waren sie zu mehreren?“
Noch ein Dämpfer für ihr vor wenigen Sekunden noch so aufgeblähtes Selbstvertrauen. Beide hatten es versäumt, Joakim Backlund nach diesem wesentlichen Detail zu fragen […]
„Genau das versuchen wir zu klären. Im Augenblick ist der Punkt noch etwas unklar.“
Informationschef Carl-Ivar Skarlander erkannte seinen eigenen Tonfall und seine eigene Strategie. Kein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, er verzog keine Miene – und doch wirkte er sofort ein wenig entspannter […]
Sie verabschiedeten sich mit dem Gefühl, überfahren worden zu sein. Von einem sanft lächelnden Informationschef. (Seite 209f)

Von seinem südafrikanischen Kollegen Mzwanele Tshekela erfährt Nyberg, dass Winston Modisane Chemiker war und es sich bei seinem drei Jahre jüngeren Landsmann Siphiwo Kani ebenso wenig um einen Arbeiter handelt, sondern um einen Arzt. Offenbar waren sie als Industriespione nach Schweden gekommen. Vermutlich hatten sie es auf die Formel für den von „Dazimus“ entwickelten HIV-Blocker abgesehen.

Routinemäßig hatten alle an der Razzia gegen die Asylanten in Flemingsberg Beteiligten eine Urinprobe abgeben müssen. In Lundmarks Urin werden Naltrexon und Acamprosat nachgewiesen, zwei Wirkstoffe, die nach einem Alkoholentzug verabreicht werden. Ungewöhnlich ist die Kombination. Weitere Ermittlungen ergeben, dass „Dazimus“ dabei ist, ein Präparat aus beiden Wirkstoffen zu entwickeln. Allerdings gibt es noch Probleme damit. Lundmark ließ sich wohl in Rudhagens Privatklinik damit behandeln, obwohl es illegal war, weil noch nicht einmal eine Zulassung für das Medikament beantragt wurde.

Es gibt also eine Verbindung von Lundmark und „Dazimus“.

Wurde Lundmark von dem Pharmaunternehmen beauftragt, Modisane zu ermorden, nachdem der afrikanische Chemiker als Spion enttarnt worden war?

Chavez und Nyberg beschatten die Villa des Informationschefs. Als sich nichts rührt, dringen sie in das Gebäude ein, obwohl sie wissen, dass sie damit eine Straftat verüben – und stoßen auf Carl-Ivar Skarlanders enthauptete Leiche. Der abgetrennte Kopf fällt auf Chavez, als dieser sich gegen die Tür lehnt.

Die Ermittler glauben nun einigermaßen zu wissen, was geschah: Lundmark ermordete Max und Rigmor Sjöberg. Danach brachte er Ola Ragnarsson, den er in in Rudhagens Privatklinik kennengelernt hatte, dazu, den Abschiedsbrief zu schreiben und vergiftete ihn. Als man bei „Dazimus“ merkte, dass Winston Modisane die Formel des HIV-Blockers ausspioniert hatte, beauftragte Carl-Ivar Skarlander den Polizisten, der bei der illegalen Erprobung eines neuen Medikaments mitgemacht hatte, den Afrikaner zu ermorden. Lundmark lockte nach dem Mord den Einbrecher Björn Hagman in Ragnarssons Haus, damit die Leiche gefunden wurde und fuhr ihn später mit dem Wagen an. Jetzt ermordete er Skarlander. Warum tat er das? Was hat er als nächstes vor?

Will er sich an Kerstin Holm rächen, die plötzlich vermisst wird?

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Im Lebenslauf seiner Kollegin findet Paul Hjelm eine Lücke: Von November 1993 bis April 1994 war Kerstin vom Dienst befreit.

Weitere Ermittlungen ergeben, dass das kinderlose Ehepaar Sjöberg im April 1994 einen zwei Wochen alten Jungen adoptierte. Hjelms Verdacht, dass es sich bei dem inzwischen siebenjährigen Anders Sjöberg um einen Sohn von Kerstin Holm und Dag Lundmark handelt, erhärtet sich, als er mit der in einem Pflegeheim in Slangerup nordwestlich von Kopenhagen tätigen Hebamme Marit Raagaard telefoniert. In ihren Unterlagen ist die Niederkunft einer anonymen Schwedin am 16. April 1994 protokolliert.

Hjelm, Nyberg und Söderstedt fahren zur Wohnung von Mervat Elmargarmid in Huddinge. Seit kurzem wissen sie, dass Elmargarmid die Wohnung an Lundmark untervermietet hatte, obwohl dieser offiziell ein Zimmer Hotel „Siebenstern“ in Huddinge bewohnte. Die Tür wurde bereits aufgebrochen. Vermutlich war Kerstin vor ihnen da. Im WC der verwüsteten Wohnung finden sie die Schnipsel eines zerrissenen Fotos. Es zeigt Dag Lundmark und seinen Sohn Anders Sjöberg. Die beiden tragen aus zwei Tage alten Zeitungen gefaltete Hüte.

Als Kerstin das Foto in der verlassenen Wohnung entdeckte, wurde ihr bewusst, dass sie verdrängt hatte, Mutter zu sein. Sie hatte das von Lundmark gezeugte Kind nicht abtreiben wollen, aber die Schwangerschaft vor ihm verheimlicht und sich deshalb in den letzten Monaten der Schwangerschaft im Sommerhaus ihrer dänischen Freundin Lotte Kierkegaard in Lystrup Skov unweit von Slangerup aufgehalten. Damit der Gewalttäter nichts von dem Kind erfuhr, gab sie es gleich nach der Geburt in Malmö anonym zur Adoption frei. Lieber verzichtete sie auf das Kind, als mit ansehen zu müssen, wie es von Lundmark geschlagen wurde.

Hjelm findet Kerstin völlig verstört in einer Hütte auf der Insel Ljusterö. Der Besitzer, Kommisar Victor Lövgren, liegt ermordet im Bett.

In der Lackierwerkstatt in Ulvsunda spüren Hjelm und seine Kollegen den Mörder auf. Von einer Vorrichtung in seiner Hand führen Drähte in den benachbarten Raum, und Lundmark droht, das ganze Gebäude werde gesprengt, wenn er die Zündvorrichtung fallen lasse. Anders sitzt mit einem Videospiel vor einem Fernsehgerät. Sein Vater erklärt ihm, dass die Erwachsenen auch ein Spiel machten. Dann fordert er ihn auf, das Gebäude zusammen mit seiner Mutter zu verlassen. Jorge Chavez und seine schwangere Ehefrau Sara Svenhagen dürfen im Austausch gegen die Kommissare Jan-Olov Hultin und Niklas Grundström ebenfalls gehen. Er habe nur erreichen wollen, dass Kerstin sich wieder an ihren Sohn erinnert, beteuert Lundmark. Nachdem er in der Entzugsklinik begriff, was er ihr angetan hatte, richtete sich sein Zorn gegen sich selbst.

Auf dem Bildschirm des Fernsehgeräts ist zu sehen, wie ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers in New York prallt.

Dag Lundmark lässt das Gerät fallen. Im nächsten Augenblick schießt er sich in den Kopf und bricht tot zusammen. Die Polizisten ducken sich zum Schutz vor der erwarteten Explosion. Nichts passiert. Es gibt keinen Sprengkörper.

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In seinen Kriminalromanen über die „A-Gruppe“, die „Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“ bei der schwedischen Reichskriminalpolizei, stellt Arne Dahl jeweils ein anderes Teammitglied in den Vordergrund. In „Rosenrot“ ist es Kerstin Holm. Aber sie dominiert keineswegs die Handlung, sondern auch ihre Kollegen kommen zum Zug. Die vielen Personen und das Fehlen einer Identifikationsfigur erschweren die Lektüre von „Rosenrot“ ebenso wie Anspielungen auf frühere Romane der Reihe. Dazu kommt die bruchstückhafte und sprunghafte Erzählweise von Arne Dahl: Von Kapitel zu Kapitel ändert sich die Perspektive, und manchmal wechselt Arne Dahl auch innerhalb eines Kapitels zwischen Zeiten und Orten, etwa wenn er die Vernehmungen der afrikanischen Asylanten und der an der Razzia gegen sie Beteiligten parallel montiert (Kapitel 10) oder Kerstin Holms Erinnerungen in eine Szene einstreut, in der sie mit einem Tontechniker zusammensitzt (Kapitel 15). Noch ambitionierter wirkt der Auftakt des Romans: Auf vier Seiten schildert Arne Dahl, was Winston Ellis Modisane in den letzten Sekunden seines Lebens denkt.

Er dachte: der schwarze Tod, die schwarze Liste, schwarze Löcher und schwarze Schafe. Er dachte: Schwarzmakler, Schwarzarbeit, Schwarztaxi.
Er dachte: vollkommen schwarz geärgert.
[…] Und er folgte den schwarzen Konturen des Spiegelbilds […] und nur fünfzig Sekunden später sollte er denken: Vielleicht war ich wirklich, in dieser kurzen Gnadenfirst, schwarz vor Wut […]
Wie schnell die Gedanken liefen, wenn die Pforte zum Reich des Todes in Sicht war.
Aber das dachte er erst fünfundvierzig Sekunden später.
Jetzt dehnte er ein wenig den Nacken. Kohlschwarz, dachte er, Pechschwarz, dachte er, Rabenschwarz, tiefschwarz, nachtschwarz. (Seite 5f)

In dem Bemühen um eine literarische Ausdrucksweise entgleist Arne Dahl hin und wieder.

Die erstaunte Herbstsonne ließ ihre schmalen Strahlen ins Zimmer fallen und heizte es auf. (Seite 229)

Die drei verschwitzten Telefonate verbanden sich zu einem gesegneten verbalen Mischmasch. (Seite 229)

Ebenso ärgerlich sind Übersetzungsfehler (etwa wenn die Wörter gleich und dasselbe verwechselt werden) oder Schludrigkeiten (etwa wenn die Adoptiveltern von Anders Sjöberg auf Seite 329 plötzlich Max und Rigmor Anders statt Sjöberg heißen).

„Rosenrot“ ist zwar spannend, aber Kerstin Holms Verhalten lässt sich kaum nachvollziehen und die Motivation des Mörders ist abstrus. Man begreift zwar, dass Arne Dahl dabei auf parodistische Weise mit den Versatzstücken des Genres spielt, aber so richtig witzig fand ich das nicht. Ulrich Baron meint dagegen:

Dahl alias Jan Arnald ist nicht nur ein mitreißender Erzähler, sondern auch ein Eulenspiegel. Seine Romane um die A-Gruppe […] machen die Stereotypen des Kriminalromans zu teils makabren, teils komischen Kippfiguren […] Dahl ist nicht nur ein glänzender Entertainer, sondern auch ein hintersinniger Dekonstrukteur des Genres […] So erzählt „Rosenrot“ nicht nur eine spannende und wahrlich herzergreifende Kriminalgeschichte voller plastisch gezeichneter Charaktere, sondern auch von den Elementen, die den zeitgenössischen Kriminalroman ausmachen. Dahl dreht und wendet, paraodiert und ironisiert sie, und gewinnt ihnen so neue, noch unverbrauchte Möglichkeiten ab. (Süddeutsche Zeitung, 29. Mai 2006)

Unter dem Pseudonym Arne Dahl schrieb der schwedische Literatur- und Theaterkritiker Jan Lennart Arnald (* 1963) elf Kriminalromane über die „A-Gruppe“:

  • Ont blod (1998; Böses Blut, 2004)
  • Misterioso (1999; Misterioso, 2003)
  • Upp till toppen av berget (2000; Falsche Opfer, 2005)
  • Europa Blues (2001; Tiefer Schmerz, 2005)
  • De största vatten (2002; Rosenrot, 2006)
  • En midsommarnattsdröm (2003; Ungeschoren, 2007)
  • Dödsmässa (2004; Totenmesse, 2009)
  • Mörkertal (2005; Dunkelziffer, 2010)
  • Efterskalv (2006)
  • Himmelsöga (2007)
  • Elva (2008)

„Misterioso“ wurde von Maike Dörries ins Deutsche übertragen, alle anderen Bände übersetzte Wolfgang Butt. Die deutschsprachigen Ausgaben erschienen im Piper Verlag.

Den Roman „Rosenrot“ von Arne Dahl gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Till Hagen (Bearbeitung: Hannelene Limpach, Aufnahmeleitung: Markus Hoffmann, Schwäbisch Hall 2006, 6 CDs, ISBN: 3-88698-820-1).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Piper

Saphia Azzeddine - Bilqiss
Mit orientalischer Fabulierlust, aber nicht blumig ausschweifend, sondern flott und stringent, entwickelt Saphia Azzeddine die Geschichte, mit der sie die Unterdrückung der Frau im Islam anprangert, zugleich aber auch die westliche Arroganz.
Bilqiss

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