Michael Ende : Der Spiegel im Spiegel

Der Spiegel im Spiegel
Der Spiegel im Spiegel. Ein Labyrinth Edition Weitbrecht im Verlag K. Thienemanns, Stuttgart 1984 ockebooks, Edition Michael Ende, München 2014 ISBN 978-3-95751-046-4
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Erzählung "Der Spiegel im Spiegel" besteht aus 30 Bildern, die nicht kausal oder chronologisch im Sinne einer Geschichte aufeinanderfolgen, sondern locker durch Assoziationen verknüpft sind. Das ist irritierend wie der Weg durch ein Labyrinth.
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Kritik

Konsequent wie in keinem seiner anderen Bücher folgt Michael Ende in "Der Spiegel im Spiegel" seiner Überzeugung, dass in unserer fantasielosen, materialistischen Welt der Poesie eine besondere Aufgabe zukommt.
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Das Südliche Orakel in „Die unendliche Geschichte“ besteht aus drei Toren. Zunächst sieht man nur das erste, von zwei Sphinxen bewachte Große Rätsel Tor. Es steht frei in der Landschaft: Man könnte um das Tor herumgehen und würde dahinter nichts entdecken. Erst wer durch das Tor hindurchschreitet, erblickt das zweite Tor.

Im letzten Bild der Erzählung „Der Spiegel im Spiegel“ marschieren zwei Wachsoldaten an einem Winterabend vor dem Tor einer Ruine auf und ab. Sie haben nie jemand hineingehen oder herauskommen sehen, aber sie kennen natürlich die Gerüchte über das hinter dem Tor lebende stierköpfige Ungeheuer, das angeblich jeden Besucher verschlingt. Irgendwann einmal wagen die Wachsoldaten, hinter den Mauerrest zu schauen. „Es ist überhaupt nichts dahinter“, wundert sich der eine von ihnen. Trotzdem marschieren sie auch weiterhin vor dem Tor auf und ab, wie es vorgeschrieben ist — bis sie von der Tochter des Königs weggeschickt werden.

Ein junger Mann begleitet das Mädchen. Unter seinem Trenchcoat trägt er das Kostüm eines Matadors, und in der Linken hält er eine Capa mit einem darin eingewickelten Degen. Trotz der grauenvollen Gerüchte ist der Matador bereit, durch das Tor zu gehen, aber er bittet die Prinzessin um ein Erinnerungsgeschenk. Da sagt sie:

„Meinst du ein Fadenknäuel, an dem du dich zurücktasten könntest, nach vollbrachter Tat? Es würde dir nichts nützen, mein Freund, denn sobald sich diese Tür hinter dir schließt, weißt du nichts mehr von mir und ich nichts mehr von dir. Du wüsstest nicht einmal, was das unnütze Knäuel in der Hand bedeuten soll, und würdest es fortwerfen. Du wirst durch viele Verwandlungen gehen, aus einem Bild ins andere. Und jedesmal wirst du glauben zu erwachen und dich nicht mehr an deinen vorigen Traum erinnern. Du wirst vom Inneren ins Innere des Inneren stürzen und immer weiter bis ins innerste Innere, ohne dich zu erinnern, durch Leben und Tode, und immer wirst du ein anderer sein und immer derselbe, dort, wo es keine Unterschiede gibt. Den aber, den du töten willst, wirst du niemals erreichen, denn wenn du ihn gefunden hast, wirst du dich in ihn verwandelt haben.“

Während wir in diesem letzten Bild nur einen Blick von außen auf das Tor des Labyrinths werfen, befinden wir uns zu Beginn der Erzählung „Der Spiegel im Spiegel“ im Inneren, und der Bewohner Hor schildert uns seine unaufhörliche Wanderung durch die verwirrenden Zimmerfluchten seiner Behausung. Er flüstert, weil jedes laut gesprochene Wort in den vollkommen leeren Räumen ein nicht mehr endendes Echo hervorrufen würde.

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Die Erzählung „Der Spiegel im Spiegel“ besteht aus 30 Bildern, die nicht kausal oder chronologisch im Sinne einer Geschichte aufeinanderfolgen, sondern locker durch Assoziationen verknüpft sind. Das ist irritierend wie der Weg durch ein Labyrinth. Wer nach rationalen Erklärungen der fantastischen, absurden und skurrilen, kreativen und widersprüchlichen Traumvisionen sucht, wird sich in dem Spiegelkabinett verlaufen, denn es handelt sich um eine Lektüre nicht für die linke, sondern für die rechte Gehirnhälfte.

Konsequent wie in keinem seiner anderen Bücher folgt Michael Ende in „Der Spiegel im Spiegel“ seiner Überzeugung, dass in unserer fantasielosen, materialistischen Welt der Poesie eine besondere Aufgabe zukommt.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszug: © Verlag K. Thienemanns

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