Michael Frayn : Das Spionagespiel

Das Spionagespiel
Originalausgabe: Spies Faber and Faber, London 2002 Das Spionagespiel Übersetzung: Matthias Fienbork Carl Hanser Verlag, München / Wien 2004 ISBN: 3-446-20455-5, 223 Seiten Taschenbuch: dtv, München 2006 ISBN: 978-3-423-13435-4, 223 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Stephen Wheatley wächst während des Zweiten Weltkriegs in einem Vorort von London auf. Eines Tages sagt sein einziger Freund Keith Hayward zu ihm: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin." Die beiden fangen an, Mrs Hayward von einem Versteck aus zu beobachten. Ihr Verdacht erhärtet sich, als sie herausfinden, dass Keith' Mutter Kontakt zu einem Mann hat, der sich in einer Ruine verbirgt. Dass sie mit ihrem Detektivspiel eine Kette verhängnisvoller Ereignisse auslösen, ahnen Keith und Stephen zunächst nicht ...
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Kritik

Elegant wechselt Michael Frayn in dem Kriminal-, Kriegs- und Entwicklungsroman "Das Spionagespiel" zwischen den Reflexionen des alten Mannes und dem Erleben der Kinder, zwischen Präsens und Präteritum, erster und dritter Person Singular.
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Stephen Wheatley wächst während des Zweiten Weltkriegs in einem Vorort von London auf. Mit seinen Eltern und seinem vier Jahre älteren Bruder Geoff wohnt er in einer Doppelhaushälfte. Hinter der anderen Seite des Gebäudes türmen sich ausrangierte Möbel und Metallteile, die Mr Pincher – wenn man den Leuten glauben darf – an seinem Arbeitsplatz stiehlt.

Anders als Stephen, ist sein einziger Freund, Keith Hayward, ein Einzelkind. Die Familie wohnt ein paar Häuser weiter. Dort ist Stephen häufig zu Besuch, aber er käme nie auf die Idee, Keith zu sich einzuladen, in das Zimmer, das er sich mit Geoff teilen muss. Im Vergleich zu den Wheatleys handelt es sich bei den Haywards um „bessere Leute“. Sie haben sogar eine Haushälterin: Mrs Elmsley. Während Keith‘ Vater so tut, als nähme er Stephen gar nicht wahr, beachtet ihn Keith‘ Mutter sehr wohl.

[Aber] sie sprach ihn nicht persönlich an, sondern wandte sich kollektiv an Keith und an ihn – als „ihr beide“ oder „Jungs“. „Möchtet ihr beiden ein Glas Milch?“, sagte sie vielleicht am Vormittag und sah dabei Keith an. Oder: „Los, Jungs, es wird Zeit, dass ihr eure Spielsachen aufräumt.“ Manchmal beauftragte sie Keith, Stephen etwas von ihr auszurichten: „Schatz, muss Stephen keine Hausaufgaben machen …? Keith, Liebes, möchtest du, dass Stephen zum Tee bleibt?“

Am liebsten spielen Keith und Stephen in den Trümmern des Hauses, in dem Miss Durrant durch eine deutsche Brandbombe getötet wurde. Da können sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen und sich beispielsweise Geheimgänge vorstellen. Als sie Knochen finden, von denen sie glauben, dass sie von einem Menschen stammen, verdächtigen sie Mr Gort als Mörder, und Keith schreibt dem Nachbarn Mr Mercaffy einen anonymen Brief mit entsprechenden Hinweisen. Auf Mr Gorts Verhaftung warten sie jedoch vergebens.

Keith‘ Tante Dee – Mrs Tracey – wohnt mit ihrer kleinen Tochter Milly in derselben Straße. Ihr Ehemann Peter ist Bomberpilot. Stephen wundert sich darüber, dass Keith‘ Mutter ihre Schwester jeden Tag besucht, während Mr Hayward nie hingeht und Tante Dee auch nicht herüberkommt.

Warum hat Keith eine Tante, die drei Häuser weiter wohnt? Tanten wohnten nicht in derselben Straße wie man selbst. Sie leben in fernen Orten, die man ein-, zweimal im Jahr besucht, allerhöchstens, und lassen sich nur an Weihnachten blicken. Und Keith‘ Mutter besucht sie nicht nur zwei-, dreimal im Jahr, sondern jeden Tag.

Einmal sehen Keith und Stephen, wie ein Polizist auf dem Fahrrad bei Tante Dee hält.

Deutlich erinnere ich mich an den Gesichtsausdruck von Keith‘ Mutter, als wir hineinlaufen und ihr erzählen, dass ein Polizist ins Haus von Tante Dee geht. Für einen Moment verliert sie die Fassung. Sie sieht krank und erschrocken aus. Sie reißt die Haustür auf und geht, nein, rennt die Straße hinunter …

Unvermittelt behauptet Keith:

„Meine Mutter ist eine deutsche Spionin.“

Das erklärt einiges, zum Beispiel, warum Mrs Hayward so viele Briefe schreibt und warum Miss Durrants Haus als einziges in der Siedlung durch einen deutschen Luftangriff zerstört wurde: Sie hatte wahrscheinlich herausgefunden, dass es sich bei Mrs Hayward um eine gegnerische Agentin handelte und musste sterben, damit sie nichts verraten konnte.

Keith schreibt auf eine Kladde: „LOCKBUCH – GEHEIM“. Sie werden seine Mutter beobachten und alles Verdächtige notieren. Von dem Versteck, das sie sich im zerbombten Garten eingerichtet haben, überblicken sie die ganze Straße. Zum Inventar ihrer Schatzkiste gehört ein „Bajonett“, von dem Keith behauptet, sein Vater habe damit fünf deutsche Soldaten erstochen. Es sieht wie ein Tranchiermesser ohne Griff aus, das Keith auf beiden Seiten scharf geschliffen hat und ist spitz wie ein Rapier. Auf dieses „Bajonett“ schwören die beiden Jungen, ihre Mission geheimzuhalten.

Als Stephen in der Schule wieder einmal von zwei Mitschülern an den Ohren gezogen wird, nimmt er es gelassener hin als sonst.

[…] fühle ich mich ihnen nicht ganz so ausgeliefert, denn die enorme Bedeutung des geheimen Wissens, das zwischen diesen beiden gepiesackten Ohren steckt, gibt mir Kraft.

Während Mrs Hayward ihren Mittagsschlaf hält, schleichen Keith und Stephen ins Wohnzimmer und versuchen mit Lupe und seitlicher Taschenlampenbeleuchtung die Abdrücke auf ihrer Schreibtischauflage zu entziffern. Sie blättern im Adressbuch. Fündig werden sie in Mrs Haywards Taschenkalender. Stephen hält es nicht für richtig, in den Privatsachen der Mutter seines Freundes herumzuschnüffeln, aber Keith lässt sich nicht davon abbringen.

„Schreib das auf“, sagt er.
Er blättert weiter. Noch mehr Kreuzchen. Noch mehr Ausrufezeichen. Ich notiere alles, und dabei stellt sich ein bestimmtes Muster heraus. Das Kreuzchen, was immer es bedeuten mag, passiert einmal im Monat. Manchmal ist es durchgestrichen und ein, zwei Tage vorher oder später eingetragen. Doch das Ausrufezeichen ist in diesem Jahr bislang nur dreimal passiert, und zwar in unregelmäßigen Abständen – an einem Samstag im Januar, an einem Samstag im März und an einem Dienstag im April. Bei dem letzten Datum, bemerke ich etwas verwirrt, steht außerdem die Eintragung „Hochzeitstag“.

Plötzlich steht Keith‘ Mutter in der Tür.

„Was macht ihr denn hier?“, fragt sie.
„Nichts“, sagt Keith.
„Nichts“, bestätige ich.
„Wart ihr an meinem Schreibtisch?“
„Nein.“
„Nein.“

Es heißt, Mrs Hardiment habe einen Spanner gesehen, einen Sittenstrolch, der Mrs Tracey küsste. Das finden Keith und Stephen ebenfalls verdächtig. Aber ihr Augenmerk gilt weiterhin Mrs Hayward.

Sobald die Schule aus ist, laufe ich sofort zu unserem Versteck und beginne, das Haus der Haywards zu beobachten. Aber kaum ist Keith gekommen, muss ich schon nach Hause zum Nachmittagstee, und kaum bin ich wieder zurück und er auch, müssen wir wieder nach Hause, Schulaufgaben machen, zu Abend essen, ins Bett gehen. Genau, wie ich es schon geahnt hatte. Wir haben einer Aufgabe von nationaler Bedeutung nachzugehen, aber ständig wird unsere Arbeit von unwichtigen Alltagsdingen durchkreuzt.

Barbara Berrill, die ein Jahr älter ist, und deren Schwester Deirdre sich mit Geoff herumtreibt, fragt Keith und Stephen, was sie spielen, ob sie Leute ausspionieren. Selbstverständlich verraten ihr die Jungs nichts von ihrer selbstgestellten Aufgabe.

Nachdem sie beobachteten, wie Keith‘ Mutter durch die Eisenbahnunterführung ging und kurz darauf zurückkehrte, sehen sie sich auf der anderen Seite um und entdecken in einer Kuhle der Stützmauer eine Blechkiste. Stephen versucht Keith davon abzuhalten, sie anzufassen. Vielleicht hat die deutsche Spionin hier Sprengstoff deponiert, um einen vorbeifahrenden Zug in die Luft zu jagen. Aber Keith hört nicht auf ihn – und zeigt ihm die Schachtel Zigaretten, die in der Schachtel liegt. Was hat das zu bedeuten?

Barbara passt Stephen ab, als er allein im Versteck sitzt, und zieht ihn damit auf, dass Keith auf ein Schild statt „privat“ „prevat“ geschrieben hat. Ob Stephen wisse, was das bedeute, fragt sie, und weil er glaubt, es handele sich um ein schmutziges Wort, blickt er sie geringschätzig an und meint ja.

Auch als Keith‘ Mutter zum Versteck kommt, ist Stephen allein dort. Sie bringt ihm zwei Schokoladenkekse, setzt sich zu ihm, und während er kaut und versucht, nicht auf ihren Busen zu starren, redet sie ruhig mit ihm, erklärt ihm, dass sich Leute belästigt fühlen können, wenn sie merken, dass sie beobachtet werden.

„Ich weiß, ihr beide habt viel Fantasie, und ich weiß, ihr erlebt spannende Abenteuer zusammen. Aber Keith ist leicht zu verführen, was du ja bestimmt schon bemerkt hast.“
In meiner grenzenlosen Verblüffung sehe ich ihr zum ersten Mal direkt ins Gesicht. Weiß sie wirklich nicht, dass Keith der Anstifter und Kommandeur all unserer Unternehmungen ist? […]
„Ich möchte ihm nicht verbieten müssen, dass er weiterhin mit dir spielt“, sagt sie sehr sanft. „Aber ich möchte auch nicht, dass er in Schwierigkeiten gerät.“

Sie lässt sich von Stephen versprechen, dass er zwar ihrem Sohn nichts von der Unterredung erzählt, aber auf ihn einwirkt, das Detektivspiel abzubrechen. Stephen fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem Versprechen und seiner Loyalität gegenüber Keith.

Die Kiste auf der anderen Seite der Eisenbahnunterführung ist verschwunden.

Als Mrs Hayward die Unterführung benutzt und weitergeht, kann Stephen seinen Freund nicht davon abhalten, ihr zu folgen. Sie durchquert das Armenviertel und nähert sich einem Ort, an dem im Winter ein alter Landstreicher hauste. Den soll allerdings inzwischen die Polizei abgeholt haben. Zwischen Mauerresten eines zerbombten Hauses entdecken die Kinder eine notdürftig mit Wellblech überdachte Kellertreppe und hören dort unten jemanden husten. Stephen hebt eine Eisenstange auf und schlägt auf das Wellblech ein; Keith macht es ihm mit einem Holzknüppel nach, bis sie beide nicht mehr können.

Die Stille unter dem Wellblechdach ist noch schauerlicher. Kein Schrei, kein Fluch, kein Atemzug.
Wir lachen nicht mehr. Eine kalte Angst erfasst plötzlich mein Herz, und ich weiß, dass es Keith ähnlich geht.
Der alte Mann ist aber nicht tot. Wie kann er tot sein! Die Leute sterben doch nicht wegen einer kleinen Neckerei!
Sie sterben aber vor Angst …
Keith wirft sein Stück Holz weg. Ich werfe meine Eisenstange weg. Wir wissen nicht recht, was wir tun sollen.
Warum gehen wir nicht hinunter und schauen nach? – Weil wir nicht können.
Und plötzlich drehen wir uns um und rennen los, keiner Anführer diesmal, keiner Geführter.

Als sie in ihre Straße zurückkommen, wartet Keith‘ Vater bereits ungeduldig vor dem Haus auf seine Frau. Kurz darauf läuft sie durch die Unterführung. Im Vorbeigehen fragt sie Stephen leise: „Wart ihr das?“

Wenn Stephen überhaupt etwas von den Vorgängen verstanden hat, dann vermutlich dies:
Dass er das Vertrauen enttäuscht hat, das Keith‘ Mutter in ihn gesetzt hatte, dass er in gewisser Weise alles schlimmer gemacht hat; dass alles auf der Welt komplizierter war, als er gedacht hatte; dass Keith‘ Mutter nun in der gleichen Schwierigkeit war wie er, dass auch sie nicht wusste, was denken, was tun, dieselbe tiefe Unruhe.

Stephen malt sich aus, dass es sich bei dem hustenden Mann unter dem Wellblechdach um einen abgeschossenen deutschen Piloten handelt, der sich mit dem Fallschirm gerettet hatte. Keith‘ Mutter fand ihn. Und nun bringt sie ihm heimlich Kleidung, Lebensmittel und Zigaretten. Vielleicht spioniert sie gar nicht für Deutschland, sondern hilft nur einem Deutschen, der in Schwierigkeiten geraten ist.

Einige Zeit später vermisst Mr Hayward die Thermoskanne und verprügelt Keith, weil er annimmt, der Junge habe sie weggenommen und gebe es nicht zu. Als Keith‘ Mutter sich dem Haus mit einem Picknickkorb in der Hand nähert, erzählt Stephen ihr auf der Straße von Mr Haywards Verdacht. Sie ist entsetzt, als sie hört, dass ihr Sohn deshalb geschlagen wurde und ihr Mann ihm weitere Züchtigungen androhte, falls er die Thermoskanne nicht zurückbringen würde.

Von da an verlässt Mrs Hayward das Haus nur noch selten. Keith übernimmt die Einkäufe für sie und Tante Dee.

Barbaras Mutter meldet der Polizei, sie habe den Sittenstrolch während der Verdunkelung gesehen. Stephen beobachtet einen Polizisten, der zuerst Mrs Tracey und dann die Haywards aufsucht.

Barbara raucht mit Stephen im Versteck eine Zigarette und bringt ihn dazu, ihr den Inhalt der Schatztruhe zu zeigen.

Am selben Nachmittag taucht Keith‘ Mutter auf und bringt einen gefüllten Picknickkorb ins Versteck. Sie bittet Stephen, die Sachen dem Mann unter dem Wellblechdach zu bringen.

„Als ihr, du und Keith, angefangen habt, Detektiv zu spielen“, sagt sie, „als ihr begonnen habt, in meinen Sachen herumzukramen und mich zu beobachten, da dachtest du bestimmt nicht, dass alles so enden […] würde.“

Sobald Keith‘ Mutter wieder im Haus verschwunden ist, kehrt Barbara ins Versteck zurück. Während sie erneut mit Stephen eine Zigarette teilt, die sie ihrer älteren Schwester gestohlen hat, zieht sie neugierig das Küchentuch vom Korb und untersucht den Inhalt: zwei Eier, zwei Scheiben Speck, Kartoffeln, Möhren, Dosenfleisch, Fieber senkende Tabletten und ein Brief. Bevor Stephen etwas unternehmen kann, schlitzt Barbara ihn mit dem „Bajonett“ auf. In diesem Augenblick ertönt die Stimme von Keith‘ Vater. Er verlangt nach dem Picknickkorb.

Stephen fühlt sich scheußlich.

Nur weil ich Dinge angeschaut habe, die ich nicht hätte anschauen dürfen, habe ich sie verändert. Ich habe Keith‘ Eltern entzweit. Ich habe Keith‘ Mutter und Tante Dee entzweit. Alles ist ruiniert.

Seine besorgte Mutter hört nicht zu fragen auf; sie möchte wissen, was ihn quält.

Selbst mein Vater spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Um die Sache mit dem Korb wiedergutzumachen, holt Stephen Tabletten gegen Fieber aus dem Badezimmerschrank. Außerdem nimmt er von den Vorräten, die für den Notfall angelegt wurden, eine Büchse Sardinen, eine Dose Kondensmilch und Kekse mit. Obwohl er Angst hat, durchquert er die Armensiedlung. Bei dem Höllentrip schnappen Hunde nach ihm, und verwahrloste Kinder bewerfen ihn mit Steinen.

Die mitgebrachten Sachen legt er auf die oberste Stufe der notdürftig überdachten Treppe. Da hört er aus dem Dunkeln seinen Namen: „Stephen?“ Es scheint doch kein deutscher Pilot zu sein, denn der Mann spricht ohne ausländischen Akzent. „Hat Bobs dich geschickt?“, fragt er. Stephen wundert sich, denn er hörte noch nie, dass jemand anderes als Mr Hayward diesen Namen für seine Frau verwendete. Der Mann kennt auch Mr Haywards Vornamen Ted und fragt überdies nach Milly. Als Stephen wieder gehen will, bittet der Kranke ihn, noch kurz zu bleiben. Er setzt ein paar Mal an, um etwas zu schreiben, zerknüllt aber jedes der Blätter und nimmt dann sein Halstuch ab.

„Nur damit sie etwas hat“, flüstert er. „Und sag ihr … sag ihr … ach … nichts, nichts. Gib es ihr einfach. Sie wird schon verstehen.“
Schon bin ich draußen im Licht, auf der zerfallenen Treppe, schnappe meine Tasche und stopfe das gefaltete seidige Etwas hinein.
„Stephen!“, ruft er, während ich schon in Richtung Lanes loslaufe. „Stephen! Sag ihr ‚für immer‘, ja? ‚Für immer‘.“ […]
„Es ist vorbei“, sagte er. „Für immer.“

Vor dem Haus der Familie Hayward sieht Stephen zum ersten Mal Mrs Traceys Kinderwagen stehen. Was hat das zu bedeuten?

Im Versteck wartet Keith auf ihn.

„Du hast ihr unsere Sachen gezeigt“, sagt er leise.

Stephen erschrickt so, dass er vergisst, zu fragen, wen Keith meint: seine Mutter oder Barbara. Keith drückt ihm die Spitze des „Bajonetts“ an die Kehle. Erst nach einiger Zeit lässt er gelangweilt von ihm ab.

Zu Hause erschrickt Stephens Mutter über das Blut. Während die Eltern die Wunde mit Jod und Verbandsmaterial versorgen und wissen wollen, wer ihn verletzt hat, verrät Geoff, dass die Notrationen verschwunden sind.

Weil Stephen befürchtet, dass ihn am nächsten Morgen die Polizei abholen wird, läuft er nach Einbruch der Dunkelheit durch die Eisenbahnunterführung und versteckt das Halstuch in der Kuhle auf der anderen Seite. Da nähert sich ein Auto und hält. Männer suchen den Bahndamm ab. Stephen zählt sechs Taschenlampen. „Habt ihr ihn?“, ruft jemand, und einer der Männer auf dem Gleis antwortet: „Das meiste von ihm.“

Am nächsten Tag erfährt Stephen, dass man einen Toten auf den Schienen fand.

Seine Mutter erzählt ihm, man habe Onkel Peter, den Bomberpiloten, für vermisst erklärt. Seine Ehefrau, Mrs Tracey, die sich offenbar mit ihrer Schwester überworfen hat, zieht mit Milly fort.

Stephen besucht Keith kein einziges Mal mehr und kriecht auch nie wieder ins Versteck. Keith wird einige Zeit später in ein Internat geschickt.

Auch Barbara spielt nicht mehr mit Stephen. Er sieht sie häufig mit Dave Avery zusammen.

Ich litt zum ersten Mal jene Qualen, die, wie ich später erkannte, in solchen Situationen üblich waren.

Erst sehr viel später begreift Stephen die Zusammenhänge.

Er wurde als Stefan Weitzler in einer deutschen Stadt geboren. 1935, als er zwei Jahre alt war, zogen seine englische Mutter und sein deutsch-jüdischer Vater nach England. Als der Krieg begann, wurde Stephens Vater ein Jahr lang als feindlicher Ausländer auf der Insel Man interniert, dann aber freigelassen, weil er sich verpflichtet hatte, als Wirtschaftsspion für die Briten zu arbeiten. Stephens deutsche Großeltern und beide Brüder des Vaters wurden von den Nationalsozialisten in einem Vernichtungslager ermordet. Die Schwester seines Vaters kam mit ihren beiden Kindern in einem Keller ums Leben, als das Haus bei einem Luftangriff zerstört wurde.

Geoff wusste das alles, aber er verschwieg es seinem jüngeren Bruder ebenso wie die Eltern. (Inzwischen erlag Geoff einem Lungenkrebsleiden.)

Die Mutter starb Anfang der Sechzigerjahre, der Vater knapp ein Jahr später.

Stephen heiratete eine Deutsche, zog mit ihr nach Deutschland und nahm wieder den Namen an, der im Geburtsregister steht. Die Ehe wurde inzwischen geschieden.

Aus Stephen Wheatley ist dieser alte Mann geworden, der sich langsam und vorsichtig in den Fußstapfen seines früheren Ichs bewegt. Dieser alte Mann heißt Stefan Weitzler.

Bei dem Mann, der sich unter dem Wellblechdach versteckte, handelte es sich um Peter Tracey. Offenbar war er desertiert. Er, Tante Dee, deren Schwester und Ted Hayward hatten sich in den Zwanzigerjahren beim Tennisspielen kennengelernt. Tracey verliebte sich zwar in Bobs, aber als sie Ted heiratete, ließ er sich mit ihrer Schwester trauen, hatte dann aber auch ein Verhältnis mit seiner Schwägerin.

Fast sechzig Jahre nach Peter Traceys Suizid fliegt Stefan Weitzler nach London und fährt in den Vorort, in dem das alles damals geschah. Er sieht sich um, hängt seinen Erinnerungen nach und versucht zu begreifen, welche Schuld er auf sich lud. Was aus Keith und dessen Mutter wurde, weiß er nicht.

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„Das Spionagespiel“ lässt sich als Kriminal-, Kriegs- und Entwicklungsroman lesen. Aus harmlosen Anfängen entwickelt sich eine Eigendynamik mit tragischen Auswirkungen. Die beiden Kinder, die mit ihren fantasievollen Spielen eine Kette verhängnisvoller Ereignisse in der Welt der Erwachsenen auslösen, verstehen nur rudimentär, was geschieht und sie verstört. Erst sechzig Jahre später kehrt einer der beiden Freunde an den Ort zurück und versucht, die Erinnerungen aufzuarbeiten.

Es ist wirklich schwer, sich zu erinnern, in welcher Reihenfolge alles passiert ist – aber wenn einem das nicht gelingt, wird man nicht herausfinden, wie das eine zum anderen führte und wie sich alles zueinander verhielt.

Elegant wechselt Michael Frayn zwischen den schmerzlichen Reflexionen des melancholischen alten Mannes und dem Erleben der Kinder, zwischen Präsens und Präteritum, erster und dritter Person Singular. Er hat den Roman „Das Spionagespiel“ so kunstvoll komponiert, dass die Konstruktion hinter der spannenden Handlung verschwindet. Suspense entsteht durch geschickt gesetzte, neugierig machende Andeutungen und überraschende Wendungen. Vieles bleibt ungesagt. Die Figuren sind differenziert dargestellt und durch gut beobachtete Verhaltensweisen charakterisiert. Michael Frayn spricht alle Sinne an, evoziert gleich auf der ersten Seite einen Geruch (Liguster) und vermittelt kurz darauf auch Höreindrücke (fahrender Zug). Obwohl die Geschichte tragisch endet, sind auch komische und humorvolle Szenen eingestreut. Nicht zuletzt trägt eine geschliffene Sprache zum Lesegenuss bei.

Übrigens spielt Michael Frayn mit der Ähnlichkeit der Wörter private (privat), privet (Ligustrum vulgare) und privy (geheim, eingeweiht, Plumpsklo).

In der deutschsprachigen Ausgabe stört, dass Matthias Fienbork die immer wieder vorkommenden englischen Substantive close, lanes und barns, mit denen offenbar verschiedene Arten von Weilern gemeint sind, unübersetzt lässt. Missglückt ist auch der folgende Satz:

Ich sehe, wie er aus der verworfenen Haustür tritt und sich noch immer einen Rest vom Nachmittagstee in den Mund stopft. (Seite 12)

Den Roman „Das Spionagespiel“ von Michael Frayn gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Christian Brückner (Regie: Dörte Voland, Berlin 2004, 6 CDs, ISBN: 3-935125-33-X).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Arnon Grünberg - Der Vogel ist krank
Arnon Grünberg lässt sich in dem Roman "Der Vogel ist krank" viel Zeit, die zugleich hoffnungslose, tragische und komische Geschichte zu erzählen; der fehlende Schwung wird jedoch durch Sprachwitz und Situationskomik weitgehend kompensiert.
Der Vogel ist krank

Arnon Grünberg

Der Vogel ist krank

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