Marianne Fredriksson : Hannas Töchter

Hannas Töchter
Originaltitel: Anna, Hanna och Johanna Verlag Wahlström & Widstrand, Stockholm 1994 Hannas Töchter Übersetzung: Senta Kapoun Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt/M 1997
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Hannas Töchter" ist die Geschichte von drei Frauen, von Hanna, ihrer Tochter Johanna und ihrer Enkelin Anna. Darin spiegelt sich die Entwicklung der Rolle und des Selbstverständnisses der Frau im Verlauf von mehr als hundert Jahren – von 1871 bis 1986.
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Kritik

Mit Ausnahme der drei Frauen bleiben die Figuren schemenhaft und wirken zum Teil holzschnittartig. Während der Wechsel der Perspektiven passt, wirkt die Variation der Stile eher störend.
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August und Maja-Lisa leben in dem schwedischen Dorf Bråten nahe der norwegischen Grenze. Ihre ersten vier Kinder starben während der Hungersnot Ende der Sechzigerjahre im 19. Jahrhundert. Dann brachte Maja-Lisa noch zwei Töchter und drei Söhne zur Welt.

Hanna wurde 1871 geboren. Im Alter von zwölf Jahren kam sie als Magd auf den Hof Lyckan. Dort gab nicht Joel Eriksson, sondern dessen hartherzige Frau Lovisa den Ton an. Ihr Sohn Rickard vergewaltigte und deflorierte die neue Magd, die mit dreizehn von einem Jungen entbunden wurde, den sie Ragnar nannte. Die beiden miteinander verwandten Familien dachten an eine Eheschließung, damit das Kind nicht in Schande aufwachsen musste, doch Rickard erklärte hochmütig, er wolle weder Bauer werden noch eine Hure heiraten.

Vom Runenmeister und seinem Hexenweib, die Hanna heimlich im Wald aufsuchte, hatte sie einen Runenstab erhalten, den sie seither ständig zwischen den Brüsten trug, weil sie darauf baute, dass er ihr Glück brachte.

Einige Jahre später zog der gut vierzigjährige John Broman aus Värmland in die Gegend. Seine Frau Ingrid und seine Tochter Johanna waren gestorben. Auch sein Vater lebte seit fünfzehn Jahren nicht mehr; seine unausstehliche Mutter regierte die Familie mit fester Hand vom Krankenbett aus. Hanna gefiel ihm und er heiratete sie, obwohl er mehr als doppelt so alt war. John setzte die heruntergekommene Mühle wieder in Gang und nahm sie in Betrieb. Für das Mahlen eines Fasses Korn überließen ihm die Bauern zwei Scheffel Mehl, die er in der nächsten Stadt gegen Kaffee, Salz, Zucker eintauschen beziehungsweise gegen Geld verkaufen konnte. Da gab es viel Arbeit für ihn und Hanna. Der jungen Frau machte das nichts aus; sie war daran gewöhnt, dass es im Leben um nichts anderes als Pflichterfüllung ging. Und dass sich John wie die meisten Männer samstags betrank, fand sie auch normal. Der war zufrieden mit seiner Wahl und glaubte, eine lange Liste mit Hannas Tugenden aufstellen zu können.

Sie war gehorsam und still, verbreitete keinen Klatsch, kochte gut und hielt Haus und Stall sauber. Das Beste an ihr war, dass sie sich nie beklagte oder ihm Vorwürfe machte. Und ordentlich war sie und tüchtig im Haushalt und mit dem Geld. Und dann war sie auch schön anzusehen und nicht unwillig im Bett.

Rickard Joelsson wurde auf einer Bärenjagd in Trösil versehentlich erschossen. Kurz darauf erwürgte Joel Eriksson seine Frau und erschoss sich anschließend.

Hannas Eltern starben Mitte der Neunzigerjahre kurz nacheinander.

Ragnar bekam schließlich Arbeit bei Hannas Schwager, einem Fischhändler in Fredrikshald, jenseits der Grenze.

Obwohl die alte Hebamme Anna davor gewarnt hatte, dass eine weitere Entbindung Hanna töten könnte, wurde sie noch einmal schwanger und gebar 1902 die Tochter Johanna.

Als John starb, verkaufte Hanna den Hof und zog 1911 mit Johanna nach Göteborg, wo Ragnar inzwischen mit einer Frau namens Lisa verheiratet war. Lisa hatte ihre Eltern auf tragische Weise verloren: Als nämlich ihre Mutter gestorben war, hatte sich ihr Vater das Leben genommen. Den elterlichen Hof hatte sie verkauft und mit dem Geld einen eigenen Kurzwarenladen in Göteborg erworben.

Sicher war sie bis zu dem Tag, an dem sie Ragnar kennen lernte und sich so hoffnungslos verliebte, ein freier und selbstständiger Mensch gewesen.

Hanna, für die ein Spiegel oder eine Petroleumlampe einen bahnbrechenden Fortschritt bedeutet hatten, kam sich in der belebten Stadt, in der elektrisches Licht und Leitungswasser eine Selbstverständlichkeit waren, wie auf einem anderen Planeten vor.

[…] Hanna und Johanna vertrugen sich nicht gut. Das Mädchen war frech und widerspenstig […]. Sie beschimpfte die Mutter, dumm und ungebildet zu sein, sie berichtigte ihre Aussprache und schrie sie an, sich doch endlich von all dem Aberglauben frei zu machen und zu denken. Anfangs versuchte Hanna sich zu verteidigen. Mit Worten. Aber Johanna hatte soviel mehr Worte als sie und weitaus klarere Gedanken.

Johanna hatte zunächst als Dienstmädchen bei einer gutbürgerlichen Familie in Göteborg gearbeitet. Zwei Jahre lang war alles gut gegangen. Dann drang der Hausherr nachts in ihre Kammer ein. Johanna schrie das Haus zusammen. Während sie nach einer neuen Anstellung suchte, half sie ihrer Schwägerin Lisa im Laden und im Haushalt. Schließlich wurde sie von Nisse Nilsson als Verkäuferin in einer Delikatessenhandlung auf dem Markt beschäftigt. Einmal kam ihr früherer Arbeitgeber vorbei, erkannte sie jedoch nicht und kaufte für einen Betrag ein, der doppelt so hoch war wie der Monatslohn, den er ihr als Dienstmädchen gezahlt hatte. Durch diesen Vorfall entstand ihr Hass auf das Bürgerliche, und sie schloss sich den Sozialdemokraten an.

In den Zwanzigerjahren lernte sie auf einer sozialdemokratischen Versammlung Arne Henriksen kennen, der Werkmeister auf einer der großen Werften war. Seine dominante, hochnäsige Mutter weigerte sich, Johanna die Hand zu geben, und sein Vater saß nur still in einer Ecke. Als Hanna schwanger wurde, versprach Arne ihr die Ehe und hielt sein Versprechen auch, obwohl sie im dritten Monat eine Fehlgeburt erlitt. Sie bauten sich ein Häuschen am Meer, und Arne steckte viel Geld in ein Segelboot.

Im Alter von 35 Jahren brachte Johanna eine Tochter zur Welt, die den Namen Anne erhielt. Bis 1943 folgten noch mehrere Fehlgeburten.

Eine Eigenart, die ich mit vielen Frauen meiner Generation teile, war, dass die Verliebtheit nichts mit Sexualität zu tun hatte. Der Beischlaf war unvermeidlich, der gehörte dazu. Männer brauchten das. Ich fand es nicht gerade abstoßend, aber auch nicht unbedingt lustvoll.

Hin und wieder schlug Arne sie. Schlimmer fand Hanna, dass sie das Gefühl hatte, vollständig von ihm abhängig zu sein. Deshalb begann sie wieder ein paar Stunden pro Woche bei Nisse Nilsson zu arbeiten. So verdiente sie wenigstens ihr eigenes Geld. Kummer bereitete es ihr auch, dass ihre Tochter eine Stufe gebildeter und selbstbewusster war als sie.

Anna stand nun mit einem Bein in einer anderen Welt, der Welt der Bildung und der Bürgerlichen.

Johanna überlegte:

Ich bin in bezug auf Männer nie erwachsen geworden. Erst Vater, dann Ragnar. Danach Arne, der mich wie ein unvernünftiges kleines Kind behandeln konnte. Warum ließ ich das zu? Und genoss meine Erniedrigung wie ein bittersüßes Bonbon.

Hanna starb 1964 mit siebenundachtzig Jahren in den Armen ihrer Tochter. Bald darauf kam Ragnar ähnlich wie sein Vater ums Leben: er wurde bei einer Elchjagd in Halland versehentlich erschossen. Verwundert stellte Johanna fest, dass Lisa über den Tod ihres Mannes nicht besonders traurig war. Doch ihre Schwägerin gestand ihr, dass sie es satt gehabt hatte, nachts wach zu liegen und zu überlegen, mit welcher Frau er zusammen war. Jetzt brauchte sie wenigstens seine fleckigen Unterhosen nicht mehr zu waschen.

Anna promovierte, veröffentlichte ihre Doktorarbeit in einer populärwissenschaftlichen Version und wurde Journalistin. Nach einer unglücklichen Affäre mit dem amerikanischen Austauschstudenten Donald und einer Abtreibung lernte sie den Journalisten Rickard Hård kennen. Die beiden heirateten und lebten zusammen in Stockholm. Rickards Vater hatte Suizid begangen, als der Junge zwölf gewesen war. Seine Mutter Signe war eine eiskalte, herrschsüchtige Frau.

Annas Sohn Peter starb nach vierzig Tagen. Nach der Geburt ihrer beiden Töchter Maria und Malin ließ Anna sich scheiden, weil Rickard sie betrogen hatte. Da sie finanziell unabhängig war, konnte sie sich diese Befreiung ohne weiteres leisten. Doch als er von einem Einsatz als Auslandskorrespondent in Hongkong zurückkam und sie um Verzeihung bat, ließ sie sich überreden, ihn ein zweites Mal zu heiraten.

Maria und Malin lehnten die Ehe ab, aber sie hatten beide ein Kind.

Als Annas Vater Arne einem Herzinfarkt erlag, flog sie von Stockholm nach Göteborg. Ihre Mutter bekam es nicht mehr mit; sie lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Heim, weil sie an Alzheimer erkrankt war, nicht mehr sprach und nicht einmal mehr ihre Tochter erkannte.

Im Frühjahr 1986, nachdem sie Fotos von ihrer Großmutter Hanna und autobiografische Aufzeichnungen ihrer Mutter Johanna gefunden hatte, beschäftigte sich Anna mit dem Leben der beiden und verglich ihr eigenes damit. Sie begann ein Buch darüber zu schreiben.

Was wollte ich mit dieser Reise durch drei Frauenleben? Wollte ich nach Hause finden?
In dem Fall ist es mir misslungen. Es gab kein Zuhause, oder es konnte nicht wiedergefunden werden, jedenfalls nicht auf dem von mir gewählten Weg. Alles bestand aus so vielen kleinen Einzelheiten, und zwar so widerspruchsvoll […] Ich weiß nicht einmal, ob ich jetzt besser verstehe. Aber ich habe viel gelernt […]

Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1987 richtete Anna das Haus der Eltern in Göteborg her und legte den Garten neu an. Dann verkaufte sie es Ingeborg – der Tochter von Sofia Johannson, einer Fischersfrau, die mit Johanna befreundet gewesen war – und deren Ehemann Rune, bevor sie erleichtert nach Stockholm zurückreiste.

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„Hannas Töchter“ ist die Geschichte von drei Frauen, von Hanna, ihrer Tochter Johanna und ihrer Enkelin Anna. Marianne Fredriksson zeichnet damit die Entwicklung der Rolle und des Selbstverständnisses der Frau im Verlauf von mehr als hundert Jahren nach – von 1871 bis 1986. Während die Großmutter noch eine abergläubische und ihrem Mann unterworfene Frau war, handelt es sich bei der Enkelin um eine finanziell unabhängige Akademikerin. (Und deren Töchter ziehen ihre Kinder ohne Trauschein auf.)

Marianne Fredriksson gliedert den Roman in fünf Teile: (1) Prolog, (2) Hanna Broman, 1871 – 1964, (3) Zwischenspiel: Anna, (4) Johanna, 1902 – 1987, (5) Schlusswort: Anna. Über Hanna wird in der dritten Person Singular erzählt. Das Kapitel über Johanna besteht aus ihren fiktiven autobiografischen Aufzeichnungen. In den übrigen drei Abschnitten grübelt die ebenfalls fiktive Autorin Anna über ihr Leben nach, vergleicht es mit dem ihrer Mutter und ihrer Großmutter und erinnert sich an Erlebnisse und Erzähltes. Da handelt es sich weitgehend um einen schwermütigen inneren Monolog. Einen Teil ihrer Gedanken formuliert Anna auch als Brief an ihre Mutter. Der Perspektivenwechsel passt, doch die verschiedenen Stile verschmelzen nicht zu einer Ganzheit.

Dass Johanna ihre autobiografischen Aufzeichnungen offenbar erst abschließt, als sie bereits im Heim lebt und wegen ihrer fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung nicht mehr mit ihren Angehörigen kommunizieren kann, ist nicht plausibel. Ihre Notizen enden mit den Worten:

Das Letzte woran ich mich erinnere, ist, dass sie plötzlich um mich herumstanden, alle. Sie hatten große Augen, dunkel vor Angst, und ich wollte sie trösten, aber die Worte, die es noch immer gab, erreichten nie den Mund. Dann war da ein Krankenhausbett mit hohen Gittern und eine entsetzliche Furcht vor dem Eingesperrtsein. Ich rüttelte nächtelang an diesen Zäunen, wollte mich freikämpfen. Anfangs saß Anna an meiner Seite, tagelang. Sie weinte. Sie hatte aufgehört herumzurennen. Jetzt wäre eine Verbindung möglich gewesen, aber ich hatte alle meine Fähigkeiten verloren.
Es war zu spät.

Marianne Fredriksson fokussiert die Darstellung auf die drei Frauen Hanna, Johanna und Anna; die Ehemänner und andere Romanfiguren bleiben schemenhaft. Holzschnittartig finde ich es, dass es sich bei Lovisa und den Müttern von John, Arne und Rickard ausschließlich um dominante, hartherzige Frauen handelt.

Die Sprache ist schlicht und einfühlsam. Während die Abschnitte, in denen Anna nachsinnt, ein wenig farblos wirken, ist es der Autorin gelungen, das Kapitel über Hanna ergreifend zu erzählen.

Obwohl es sich bei „Hannas Töchter“ nicht um ein Meisterwerk handelt, traf Marianne Fredriksson damit offenbar einen Nerv der Zeit. „Es wird von einer Generation von Frauen gelesen“, schreibt Marianne Wellershoff, „die zweifelt, ob die Emanzipationsbewegung der Siebzigerjahre etwas gebracht hat außer einer vierfachen Belastung: Frauen sollen Geld verdienen, Geliebte, Mutter und Hausfrau sein. […] Und der Roman fällt in eine Zeit, in der es nicht mehr um Selbstverwirklichung geht, sondern um Selbstbeschau.“ („Der Spiegel“ 27/1997)

Im Vorwort betont Marianne Fredriksson, dass es sich bei „Hannas Töchter“ nicht um einen autobiografischen Roman handelt.

Marianne Fredriksson (1927 – 2007) stammte aus einer Göteborger Arbeiterfamilie. Eine ihrer Lehrerinnen setzte sich dafür ein, dass sie die höhere Schule besuchen konnte. Ende der Vierzigerjahre fing sie an, für eine Lokalzeitung Seeberichte zu schreiben (wie Quoyle in dem Roman „Schiffsmeldungen“ von E. Annie Proulx). Später heiratete sie einen immer wieder monatelang zur See fahrenden Schiffsingenieur. 1980 veröffentlichte sie ihren ersten Roman („Evas Buch“).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Wolfgang Krüger Verlag

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