Norbert Gstrein : Die Winter im Süden

Die Winter im Süden

Norbert Gstrein

Die Winter im Süden

Die Winter im Süden Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2008 ISBN: 978-3-446-23048-4, 284 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 50-jährige, in Wien wohnende Kroatin Marija nimmt sich 1991 eine Auszeit von ihrem Mann und reist nach Zagreb. Dort erfährt sie, dass ihr Vater, von dem sie glaubte, er sei 1945 ums Leben gekommen, nach ihr sucht. Bei dem 70-Jährigen handelt es sich um ein früheres Mitglied der Ustascha. 1948 floh er nach Argentinien. Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens will er 1991 nutzen, um mit einer Freiwilligen-Schar in den Krieg einzugreifen ...
Weiterlesen

Kritik

In seinem Roman "Die Winter im Süden" entwickelt Norbert Gstrein zwei vom Ende des Zweiten Weltkriegs ausgehende Handlungsstränge, die sich 1991 in Zagreb berühren. Die Sprache ist spröd, und vieles wird nur angedeutet.
Weiterlesen

Im Dezember 1990 feiert Marija ihren fünfzigsten Geburtstag. Sie stammt aus Kroatien und gibt an der Universität in Wien einen Serbokroatisch-Kurs. Von ihrem Vater nimmt sie an, dass er 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges, umgekommen sei. Ihren Ehemann Albert lernte sie Ende der Sechzigerjahre kennen. Damals hauste der „Achtundsechziger“ in einem Kellerzimmer und besaß statt eines Bettes nur eine Hängematte, die aus ihrer Halterung riss, als sie sich zum ersten Mal liebten. Albert schwärmte davon, dass Marija in einem Land geboren worden war, in dem der Kommunismus gesiegt hatte, aber sie klärte ihn darüber auf, dass es sich bei ihrem Vater um ein Mitglied der Ustascha gehandelt habe und sie sich deshalb noch immer schlecht fühle. Nach dem Studium wurde Albert Kolumnist bei einer linksliberalen Zeitung. Marija, die schon seit längerer Zeit getrennt von ihrem Mann schläft und argwöhnt, dass er sie mit anderen Frauen betrügt, weiß inzwischen, dass er unter einem Pseudonym für ein rechtsgerichtetes Blatt schreibt. Ihre dreiundzwanzigjährige Tochter Lorena studiert zur Zeit in Philadelphia, und wenn Marija mit ihr telefoniert, hat sie mitunter den Eindruck, dass sie mit einer anderen Frau zusammen im Bett liegt.

Nach dem Sommersemester 1991 beschließt Marija, eine Auszeit von ihrem Mann zu nehmen und nach Zagreb zu reisen. Albert besteht darauf, sie mit dem Auto hinzubringen.

Im Maksimir-Park lernt Marija einen sehr viel jüngeren kroatischen Soldaten kennen, der sich gerade von einer Operation erholt und in wenigen Tagen wieder an die Front muss: Angelo. Eine Gefangene der Kriegsgegner war mit einem Sprengstoffgürtel auf seine Stellung zugelaufen. Sie hatten die Frau erschossen, als sie noch fünfzig Meter weg war. Angelo war jedoch von einem Dutzend Splittern in der Schulter getroffen worden. Marija lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein, doch als er fort ist, stellt sie fest, dass er ihr eine falsche Telefonnummer gab. Sie hat keine Chance, ihn wiederzufinden, denn sie kennt weder seinen Nachnamen, noch seine Adresse oder Einheit.

Schließlich arbeitet sie unentgeltlich für einen Greis, der erfolglos einen psychiatrischen Dienst für Frontkämpfer anbietet. Ihre Aufgabe besteht darin, ihn herauszurufen, wenn er mit Freunden zusammensitzt, um ihnen vorzutäuschen, er habe Patienten.

Zwei Wochen nachdem eine Zeitung einen Artikel über die Praxis brachte und dazu ein Foto des Psychiaters und seiner Sprechstundenhilfe veröffentlichte, wird Marija auf eine Annonce hingewiesen: „Marija … Dein Vater sucht Dich“. Daraufhin weiht sie den Autor des Zeitungsartikels in ihre Geschichte ein, und er führt mit ihrem Vater ein Interview. Die Zeitung illustriert es mit zwei Fotos. Eines der beiden kennt Marija. Sie weiß, dass es 1942 oder 1943 aufgenommen wurde und ihren Vater zeigt. Auf dem anderen ist er als Siebzigjähriger mit einer sehr viel jüngeren Frau und fünf oder sechs Jahre alten Zwillingen zu sehen: Carmen María und Evita María. „Kroatischer Antikommunist kehrt nach fünfundvierzig Jahren im Exil in die Heimat zurück“, heißt es dazu. Der Mann behauptet, er habe seine Frau und seine Tochter ein halbes Jahr vor Kriegsende nach Wien geschickt, aber sie seien in die Hände von Partisanen gefallen und umgebracht worden. Marija ist entsetzt, als sie das liest. Offenbar hatte er die Kriegswirren genutzt, um ihre Mutter und sie zu verlassen, denn die Eltern hatten eine ganze Serie von Treff- und Zeitpunkten verabredet. Einen davon hätte ihr Vater sicherlich wahrnehmen können.

Sie telefoniert mit ihrem Mann, der ihr davon abrät, Kontakt mit ihrem Vater aufzunehmen. Trotzdem geht Marija in das in der Anzeige genannte Hotel Esplanade und fragt nach ihrem Vater. Er sei ausgegangen, heißt es.

Es fällt ihr auf, dass ein Mann sie verfolgt. Als sie stehenbleibt und ihn zur Rede stellt, richtet er ihr aus, ihr Vater wünsche nicht, dass sie nochmals versuche, ihn zu sehen. Stattdessen solle sie warten, bis er sich bei ihr meldet.

– – –

Ludwig war Polizist in Wien. Seine Frau lebt mit der Tochter getrennt von ihm in Graz. Bei einem Einsatz erschoss er einen Jungen, der gerade seine Kollegin und Geliebte Nina getötet hatte. Daraufhin wurde er vom Dienst suspendiert.

Nun ist Ludwig in Argentinien, um all das zu vergessen. In Villa Gesell, einem Badeort nördlich von Mar del Plata, lernt er eine Einheimische kennen. Claudia rät ihm, sich bei ihrem Mann zu bewerben, der eine Art Adjutant sucht. Der gebürtige Kroate ist um die siebzig, dreißig Jahre älter als seine Frau, die Kellnerin gewesen war, als er sie kennengelernt hatte. Die beiden wohnen in einer Villa in San Isidro und haben Zwillingstöchter.

Der Alte behauptet, als Mitglied einer Fallschirmjärger-Einheit der Ustascha gegen die Partisanen in Jugoslawien gekämpft zu haben. Am 15. Mai 1945 ergab sich die Einheit bei Bleiburg den gerade einmarschierten Briten. Als diese die Männer an die Partisanen ausliefern wollten, gelang es ihm, aus der Marschkolonne zu fliehen. In den österreichischen Bergen wurde er wieder gefasst und in ein Lager bei Villach gebracht. Dort lernte er den aus der Gegend von Mostar stammenden Franziskanerpater Filip kennen. Sie entkamen zusammen aus dem Lager und flohen von Kloster zu Kloster nach Rom. Mit Hilfe von Mittelsmännern im Vatikan kamen sie 1948 auf die „Cabo Buena Esperanza“, die sie nach Buenos Aires brachte. In Argentinien gründete er schließlich eine Transportfirma und brachte es zu einem beträchtlichen Vermögen. Seine erste Ehefrau, erzählt der Alte, sei bei Kriegsende mit der Tochter von Partisanen ermordet worden.

Mit Don Filip ist der Alte noch immer befreundet. Ludwig lernt den Antikommunisten, Antisemiten und Yankee-Hasser kennen.

Unvermittelt zieht Claudia sich aus und legt sich nackt vor Ludwig aufs Bett. Obwohl Ludwig sich vor dem Alten fürchtet, lässt er sich auf eine Affäre mit der attraktiven Frau ein. Eines Tages stellt ihn der Alte deshalb zur Rede, aber Ludwig findet nicht heraus, ob er von dem Verhältnis weiß oder nur einem Verdacht nachgeht. Jedenfalls hält ihm der Alte plötzlich eine Pistole an die Schläfe und drückt mehrmals ab. Die Waffe ist allerdings nicht geladen.

„Sie haben Glück, dass Sie nicht der Erste sind. Sonst wären Sie jetzt tot.“ (Seite 130)

Schließlich will der Alte mit Ludwig nach Zagreb fliegen. Beim Abschied im Flughafen von Buenos Aires übergibt Don Filip ihm zwei mit „Bleiburg I“ und „Bleiburg II“ beschriftete Mappen, die prall mit Zeitungsausschnitten, Fotos und Notizen gefüllt sind.

Bei der Zwischenlandung in Frankfurt am Main erklärt Ludwig seinem Arbeitgeber, er komme nicht weiter mit, und der Alte reist allein weiter.

Ludwig schlägt sich in Wien als Türsteher in einem Nachtlokal und Chauffeur für die Damen eines Escort-Service durch, bis ihn der Alte aus Zagreb anruft und ihn überredet, nachzukommen. Er brauche nur eine Person zu observieren, erklärt er, und als Ludwig fragt, um wen es sich dabei handele, antwortet er: „Meine Tochter.“

Der Alte wartet vergeblich auf das Geld, das Don Filip für ihn sammeln wollte, damit er auf dem Balkan Freiwillige für den Kriegseinsatz rekrutieren kann. Als er in Zagreb ankam und man glaubte, er verfüge über finanzielle Mittel, wurde er von Offizieren und sogar Regierungsvertretern hofiert, aber inzwischen haben seine Kontaktleute gemerkt, dass er nichts hat und sind nicht mehr für ihn zu sprechen.

Einmal in der Woche kommt eine arbeitslose Historikerin vorbei, um mit dem Alten die von ihm mitgebrachten Unterlagen zu ordnen und auf eine wissenschaftliche Basis zu bringen. Der Alte hält nicht viel von ihr, denn sie ist Kommunistin und hilft ihm trotzdem.

„An der Frau Doktor können Sie wunderbar studieren, was politische Überzeugungen wert sind“, hatte er in ihrer Gegenwart gesagt. „Wenn sie gestern noch ganz auf Parteilinie war, schreibt sie Ihnen heute die Geschichte genauso um, wie Sie es von ihr haben wollen.“ (Seite 230f)

Die von dem Alten umworbene Tochter der Historikerin, die er in seinem Hotelzimmer mit Champagner bewirtet, rastet aus, als er sie über die Arbeit ihrer Mutter aufklärt. Angewidert schleudert sie den Inhalt der beiden Mappen auf den Boden und spuckt vor ihm aus.

Mit Ludwig fährt er zu seinem früheren Elternhaus in Dalmatien, das inzwischen von einem Ehepaar mit einem kleinen Sohn bewohnt wird. Wegen des nahenden Krieges sind die Leute bereit, es zu verlassen und bekommen von ihm dafür ein Bündel Banknoten hingeworfen.

Auf der Rückfahrt trifft der Alte sich in Split mit zwei Männern, die wie er mit dem Schriftzug „kriz“ (Kreuz) tätowiert sind. Offenbar gehörten sie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges derselben Geheimorganisation an. Sie scheinen wenig Respekt vor ihm zu haben und aus ihren Anspielungen schließt Ludwig, dass der Alte damals doch nicht der heldische Kommunistenjäger war, zu dem er sich gern stilisiert. Möglicherweise handelt es sich bei den von ihm angedeuteten Kriegsverbrechen um Hirngespinste.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nach der Rückkehr in sein Hotel in Zagreb sitzt der Alte gerade in der Badewanne, als es klopft. Ludwig öffnet die Tür. Da steht die Tochter der Historikerin und nimmt eine Pistole aus ihrer Umhängetasche.

– – –

Marija kehrt nach Wien zurück, ohne ihren Vater wiedergesehen zu haben.

Einige Wochen später erhält sie von Ludwig einen Brief, in dem er ihr mitteilt, dass ihr Vater von einer jungen Frau in der Badewanne erschossen wurde.

Der Brief kam von dem Mann, der sie in Zagreb verfolgt hatte, und er entschuldigte sich zuerst, dass er nach ihrem Zusammentreffen auf der Straße nichts mehr von sich hatte hören lassen und es jetzt mit Verspätung und leider auch nur mit dem tun konnte, was er ihr zu sagen habe. Dann schrieb er von den Umständen, unter denen ihr Vater umgekommen war, und sie las die Zeilen über das Mädchen, das ihn angeblich erschossen hatte, immer noch in der Stimmung vom Vortag, als läge es ganz und gar an ihr, es zu glauben oder nicht. Sie stand da, hielt die beiden Blätter mit der ein wenig kindlichen Schrift in der Hand und fühlte sich befreit, bis ihr klar wurde, es war nicht nur eine von den Geschichten, in die sich für ihren Mann alles verwandelte, und es würde einer größeren Anstrengung bedürfen, wenn sie endlich ganz davon loskommen wollte, größer jedenfalls als die kleine Mühe, ein Buch zuzuklappen, das zu Ende war, und nicht mehr daran zu denken. (Seite 284)

nach oben

In seinem Roman „Die Winter im Süden“ entwickelt Norbert Gstrein zwei Handlungsstränge gleichzeitig: Die fünfzigjährige, in Wien mit einem Altachtundsechziger verheiratete Kroatin Marija ist die eine Hauptfigur, bei der anderen, deren Namen wir nicht erfahren, handelt es sich um einen siebzig Jahre alten gebürtigen Kroaten, der seit 1948 in Argentinien lebt. Im Zweiten Weltkrieg hatte er als Mitglied der Ustascha die kommunistischen Partisanen auf dem Balkan bekämpft. Der von ihm eingestellte „Adjutant“, ein vom Dienst suspendierter Wiener Polizist, entnimmt den Andeutungen des Alten, dass er Kriegsverbrechen beging. Sein ganzes Denken wird vom Revanchismus bestimmt, und das Auseinanderbrechen Jugoslawiens will er 1991 nutzen, um mit einer Freiwilligen-Schar in den Krieg einzugreifen. In Zagreb berühren sich die beiden Handlungsstränge.

Auf diese Weise verknüpft Norbert Gstrein in „Die Winter im Süden“ drei Eckdaten der europäischen Zeitgeschichte: das Ende des Ersten Weltkriegs, die Studentenrevolte von 1968 und den Beginn der Balkankriege, der dem Zusammenbruch des Ostblocks folgte.

Die ersten beiden der zehn Kapitel des Romans sind die eindrucksvollsten. Norbert Gstrein führt die Hauptfiguren so ein, dass wir als Leser eine packende Handlung erwarten. Die bleibt dann allerdings aus, nicht zuletzt, weil es sich bei dem martialisch auftretenden Alten um einen Papiertiger handelt. Dass er im Zweiten Weltkrieg heldenhaft gegen die Kommunisten kämpfte, bildet er sich vermutlich nur ein, und als er 1991 glaubt, es sei seine Mission, noch einmal in die Kriege auf dem Balkan einzugreifen, versagt er kläglich.

„Die Winter im Süden sind schrecklich“, klagt der Alte einmal (160).

Dass er wie Jean-Paul Marat von einer Frau (Charlotte Corday) in der Badewanne ermordet wird, ist wohl kein Zufall.

Beschrieben wird der Alte nicht von einem auktorialen Erzähler, sondern von seinem „Adjutanten“ Ludwig. Wir erfahren nur, was der ehemalige Polizist beobachtet, hört und vermutet. Der andere Handlungsstrang wird gleichermaßen aus der Perspektive Marijas dargestellt. Die Sprache ist spröd, und vieles wird nur angedeutet.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Norbert Gstrein: Das Handwerk des Tötens

Johanna Wohlgemuth - Frau Schnieder kehrt heim
Johanna Wohlgemuth erzählt die ebenso realistische wie bedrückende Geschichte in "Frau Schnieder kehrt heim" mit großer Empathie, aber nüchtern und schnörkellos aus der Perspektive der Protagonistin.
Frau Schnieder kehrt heim

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: