Peter Handke : Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter Erstausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1970 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, Band 13, München 2004 ISBN 3-937793-14-3, 106 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Monteur Josef Bloch glaubt, man habe ihm gekündigt. Von einem Tag zum anderen fällt er aus der Welt heraus. Ziellos lungert er herum und weiß nicht, was er anfangen soll. Er findet sich nicht mehr zurecht, und was er sieht und hört, verstört ihn. Seine Entfremdung gegenüber der offenbar funktionierenden, aber für ihn völlig undurchschaubaren Umwelt wird zur existenziellen Qual.
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Kritik

"Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" von Peter Handke ist eine spröde Krankengeschichte über die schizophrene Diskrepanz zwischen dem Innenleben des Protagonisten und der von ihm beobachteten Außenwelt.
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Dem Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, dass er entlassen sei. Jedenfalls legte Bloch die Tatsache, dass bei seinem Erscheinen in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine solche Mitteilung aus und verließ das Baugelände. (Seite 7)

So beginnt die Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“.

Bloch erinnert sich an die Zeit, als er Tormann war. Während eines Spiels achtete er für ein paar Augenblicke nur auf seine Hände. Als er dann aufblickte, kam er Ball auf ihn zu. Ohne ihn abzuwehren, schaute er zu, wie er über die Torlinie rollte. Der Schiedsrichter, den er dann beleidigte, stellte ihn vom Platz.

Bloch schlendert ziellos durch Wien, geht ins Kino und sucht sich dann eine Unterkunft. Weil er kein Gepäck, sondern nur seine Aktentasche hat, bekommt er nur in einem schäbigen Hotel in einer Nebenstraße ein Quartier. Auf dem Bett schläft er sofort ein, verlässt dann das Hotel, betrinkt sich in einer Gaststätte und versucht trotz der späten Stunde Freunde anzurufen, bis ihm die Münzen ausgehen.

Am nächsten Tag verabredet er sich mit einer Frau, die er von früher kennt. Während er in einer Gaststätte auf sie wartet, kommt er mit einem Mädchen neben der Musikbox ins Gespräch, geht mit ihr hinaus und versucht, mit ihr in einem Hausgang zu verschwinden, aber es ist schon überall zugesperrt. Schließlich kehrt er allein in die Gaststätte zurück, in der die Bekannte inzwischen bereits auf ihn wartet. Sie fahren ein Stück mit der Straßenbahn, aber dann verabschiedet er sich unter einem Vorwand wieder von ihr.

Im Prater wird er von zwei Burschen zusammengeschlagen. Danach wäscht er sich in einer Toilette das Gesicht und säubert seinen Anzug.

Vergeblich wartet er auf die Kassiererin vom Kino, die ihm bei seinem Besuch aufgefallen war, weil sie „die Geste, mit der er das Geld, ohne etwas zu sagen, auf den drehbaren Teller gelegt hatte, mit einer anderen Geste wie selbstverständlich beantwortet hatte“ (Seite 7). Aber sie wird von einem Freund abgeholt. Erst am nächsten Abend geht sie allein los und lässt sich ohne weiteres von ihm begleiten. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung weit draußen beim Flughafen. Ohne Licht angemacht zu haben, lieben sich die beiden und legen sich dann schlafen. Am anderen Morgen nennt die Kassiererin ihren Namen – Gerda –, aber Bloch wollte ihn gar nicht wissen.

Alles, was er sah, störte ihn; er versuchte, möglichst wenig wahrzunehmen. (Seite 7)

Aber dann störte ihn alles immer mehr. (Seite 20)

Nach dem Frühstück setzen sie sich aufs Bett.

Plötzlich würgte er sie. Er hatte gleich so fest zugedrückt, dass sie gar nicht dazu gekommen war, es noch als Spaß aufzufassen. (Seite 20)

Im Hotel hat man sein Zimmer bereits ausgeräumt und seine Aktentasche in die Abstellkammer gestellt, weil es so aussah, als kehre er nicht zurück.

Bloch begibt sich zum Busbahnhof und fährt nach Süden. Kurz vor Mitternacht hält der Bus in einem Grenzort. In dem Gasthof an der Haltestelle bekommt Bloch zwar ein Zimmer für die Nacht, aber er erkundigt sich sogleich nach einer Bekannten, von der er nur den Vornamen kennt: Hertha. Die habe eine Gaststätte außerhalb des Ortes gepachtet, heißt es. Dorthin zieht er am folgenden Tag.

Über dem Musikautomaten erblickte Bloch ein beschädigtes Hirschgeweih. Die Kellnerin erklärte, es stamme von einem Hirsch, der sich ins Minenfeld verirrt habe. (Seite 32)

Wie unter Zwang will er wissen, was die einzelnen Gegenstände im Hotelzimmer gekostet haben, oder die Wochenkarte der Friseuse, die ihm die Haare im Nacken ausrasiert, und als er an einer Obststeige mit einem umgefallenes Preisschild vorbeikommt, stellt er es auf.

Bei einer Brücke biegt er von der Straße ab und folgt dem Bachlauf. Hinter einer Biegung hört das Gewässer beinahe ganz zu fließen auf. Da entdeckt er unter der Oberfläche die Leiche eines Kindes, vermutlich des stummen Schuljungen, der seit Tagen gesucht wird. Als er wieder auf der Straße ist, kommt ihm ein Gendarm auf einem Moped entgegen, aber er sagt nichts von seiner Entdeckung.

Immer wieder hat er den Eindruck, dass die Lippenbewegungen der Leute, mit denen er spricht, nicht mit dem übereinstimmen, was er von ihnen hört (Seite 69). Wenn er getrunken hat, scheint sich alles außerhalb seiner Reichweite zu befinden.

Er war so entfernt von den Vorgängen, dass er selber in dem, was er sah oder hörte, gar nicht mehr vorkam. (Seite 64)

Bloch war gereizt. Innerhalb der Ausschnitte sah er die Einzelheiten aufdringlich deutlich: als ob die Teile, die er sah, für das Ganze standen. (Seite 71)

Buchstäblich war alles, was er sah, auffällig. Die Bilder kamen einem nicht natürlich vor, sondern so, als seien sie extra für einen gemacht worden. Sie dienten zu etwas. Wenn man sie ansah, sprangen sie einem buchstäblich in die Augen. (Seite 81f)

Weil sein Geld knapp wird, isst er nicht mehr im Gasthaus, sondern kauft sich in einer Metzgerei zwei Wurstsemmeln. Dabei erfährt er, dass der Zollwachebeamte inzwischen die Leiche des vermissten Schülers fand. Bloch ruft seine Exfrau an und ersucht sie, ihm mit etwas Geld auszuhelfen, aber sie legt einfach auf.

Es ist Zahltag. Deshalb ist es auch in Herthas Gaststätte voll, und Bloch bleibt nichts anderes übrig, als sich zu anderen Männern an einen Tisch zu setzen. Zuerst gibt er eine Runde Schnaps aus, dann schüttet er einem Burschen den Inhalt des Aschenbechers ins Gesicht und provoziert eine wüste Prügelei, die auf der Straße fortgesetzt wird. Sobald die anderen glauben, dass er genug hat, läuft er ihnen wieder nach, bis sie ihm einen Mantel über den Kopf werfen und ihn so zusammenschlagen, dass er eine Weile liegen bleibt. Nach ein paar Minuten steht er wieder auf und kehrt ins Wirtshaus zurück.

Er wollte etwas sagen, aber als er die Zunge bewegte, schlug das Blut im Mund Blasen. Er setzte sich an einen Tisch und zeigte mit einem Finger, dass man ihm etwas zu trinken bringen solle. Die andern am Tisch kümmerten sich nicht um ihn. Die Kellnerin brachte ihm eine Flasche Bier ohne Glas […] Er war zu schwach, die Bierflasche mit einer Hand zu heben; so umklammerte er sie mit beiden Händen und beugte sich vor, um sie nicht zu hoch anheben zu müssen. (Seite 87)

In der Zeitung findet er am nächsten Tag eine Beschreibung von sich selbst. Einer Frau im Bus war er aufgefallen, weil er Münzen verloren hatte, amerikanische Münzen, wie sie auch neben der toten Kassiererin gefunden worden waren. Ihre Beschreibung stimmt mit der eines Bekannten der Ermordeten überein, der sie am Abend vor der Tat vom Kino abgeholt und ihn nahe des Kinos gesehen hatte.

Bloch geht zum Sportplatz, wo gerade ein Fußballspiel stattfindet.

„Es ist sehr schwierig, von den Stürmern und dem Ball wegzuschauen und dem Tormann zuzuschauen“, sagte Bloch. (Seite 104)

Ein Elfmeter wurde gegeben. Alle Zuschauer liefen hinter das Tor.
„Der Tormann überlegt, in welche Ecke der andere schießen wird“, sagte Bloch. „Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze damit, dass der Tormann sich das überlegt. Also überlegt sich der Tormann weiter, dass der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will? Und so weiter, und so weiter.“
[…]
Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände. (Seite 105f)

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„Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ von Peter Handke ist eine spröde Krankengeschichte über die schizophrene Diskrepanz zwischen dem Innenleben des Protagonisten und der von ihm beobachteten Außenwelt.

Ein Monteur glaubt, man habe ihm gekündigt. Von einem Tag zum anderen fällt er aus der Welt heraus. Ziellos lungert er herum und weiß nicht, was er anfangen soll. Immer wieder sieht er bei etwas zu, ohne einzugreifen. Nur als er unvermittelt eine Kinokassiererin erwürgt, hat er für einen Moment den Eindruck, aktiv auf seine Umwelt eingewirkt zu haben. Er findet sich nicht mehr zurecht, denn es scheint alles keinen Sinn zu ergeben, und was er sieht und hört, verstört ihn. Seine Entfremdung gegenüber der offenbar funktionierenden, aber für ihn völlig undurchschaubaren Umwelt wird zur existenziellen Qual.

Wim Wenders verfilmte die Erzählung „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ (Buch und Regie: Wim Wenders; Kamera: Robby Müller und Martin Schäfer; Schnitt: Peter Przygodda; Musik: Jürgen Knieper; Darsteller: Arthur Brauss, Kai Fischer, Lipgart Schwarz, Erika Pluhar, Marie Bardischewski, Rüdiger Vogler u.a.; 1971/72; 100 Minuten)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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