Peter Handke : Wunschloses Unglück

Wunschloses Unglück
Wunschloses Unglück Manuskript: Januar / Februar 1972 Erstausgabe: Residenz Verlag, Salzburg Suhrkamp Basis Bibliothek, Frankfurt/M 2003 ISBN 3-518-18838-0, 144 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am Beispiel seiner Mutter zeigt Peter Handke die Schwierigkeiten einer Frau aus einfachen Verhältnissen, sich selbst zu emanzipieren und zu verwirklichen. Das Leben dieser Frau wechselt zwischen den Gegensätzen Auflehnung und Anpassung, Liebe und Pflichtehe, Entdeckung der eigenen Individualität und Zusammenbruch.
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Kritik

Peter Handke wählte in "Wunschloses Unglück" eine realistisch und distanziert erscheinende, nicht besonders anschauliche Darstellungsweise und reflektiert zwischendurch darüber, dass er weder eine individuelle Biografie noch die Geschichte einer Kunstfigur erzählen möchte.
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Auf die Nachricht vom Suizid seiner Mutter fliegt Peter Handke nach Kärnten. In der Sonntagsausgabe der Volkszeitung liest er:

In der Nacht zum Samstag [20. November 1971] verübte eine 51-jährige Hausfrau aus A. (Gemeinde G.) Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis von Schlaftabletten.

Sieben Wochen später beginnt er mit der Erzählung „Wunschloses Unglück“.

Sein Großvater lebt noch. Der jetzt 86-Jährige wurde 1885 von einem slowenischen Knecht mit einer unverheirateten Bauerntochter gezeugt. Durch seine Mutter kam er zu einem kleinen Anwesen. Diesen Besitz empfand er als befreiend, und um ihn zu halten und auszubauen, verzichtete er auf alles Entbehrliche. Er arbeitete als Zimmermann und betrieb nebenbei eine Landwirtschaft. Als vorletztes seiner fünf Kinder wurde Peter Handkes Mutter geboren.

Sie war gut in der Schule und bettelte bei ihrem Vater darum, einen Beruf erlernen zu dürfen, aber das kam nicht in Frage und wurde mit einer Handbewegung abgetan. (Der Lebenslauf einer Frau entsprach den Stationen eines beliebten Kinderspiels: müde, matt, krank, schwer krank, tot.) Im Alter von 15 oder 16 Jahren ging das Mädchen von zu Hause fort und begann in einem Hotel zu arbeiten, als Abwaschhilfe, Stubenmädchen, Beiköchin, Köchin, und schließlich kümmerte sie sich sogar um die Buchhaltung.

Die einzige Liebe in ihrem Leben war ein verheirateter deutscher Sparkassenangestellter, ein Mitglied der NSDAP, kleiner und viel älter als sie. Kurz vor der Entbindung (6. Dezember 1942) besann sich die Mutter auf ihre Pflicht, dem Kind einen Vater zu geben und heiratete einen Unteroffizier der deutschen Wehrmacht, obwohl er ihr zuwider war.

(Peter Handke sah seinen leiblichen Vater nach dem Abitur zum ersten Mal: Die Mutter hatte sich mit ihm in einem Café verabredet, sie war aufgeregt, er ratlos, und Peter Handke erinnert sich, dass er ständig fragte: „Wann gehen wir wieder nach Hause?“)

Den Zweiten Weltkrieg verbrachte die Mutter allein mit ihrem Sohn auf dem Land.

Bald nach Kriegsende fiel meiner Mutter der Ehemann ein, und obwohl niemand nach ihr verlangt hatte, fuhr sie wieder nach Berlin. Auch der Mann hatte vergessen, dass er einmal […] auf sie aus gewesen war und lebte mit einer Freundin zusammen; damals war ja Krieg gewesen.
Aber sie hatte das Kind mitgebracht, und lustlos befolgten beide das Pflichtprinzip.
Zur Untermiete in einem großen Zimmer in Berlin-Pankow, der Mann, Straßenbahn-Fahrer, trank, Straßenbahn-Schaffner, trank, Bäcker, trank, die Frau ging immer wieder mit dem inzwischen zweiten Kind zum Brotgeber und bat, es noch einmal zu versuchen, die Allterweltsgeschichte.
In diesem Elend verlor meine Mutter die ländlichen Pausbacken und wurde eine recht elegante Frau. Sie trug den Kopf hoch und bekam einen Gang. Sie war nun so weit, dass sie sich alles anziehen konnte, und es kleidete sie. Sie brauchte keinen Fuchs um die Schultern. Wenn der Mann, nach dem Rausch wieder nüchtern, sich an sie hängte und ihr bedeutete, dass er sie liebe, lächelte sie ihn erbarmungslos mitleidig an. Nichts mehr konnte ihr etwas anhaben.
Sie gingen viel aus und waren ein schönes Paar. Wenn er betrunken war, wurde er FRECH, und sie musste STRENG zu ihm werden. Dann schlug er sie, weil sie ihm nichts zu sagen hatte und er es doch war, der das Geld heimbrachte.
Ohne sein Wissen trieb sie sich mit einer Nadel ein Kind ab.

Im Frühsommer 1948 verließ die Mutter mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern ohne Papiere den Ostsektor Berlins und schlug sich zu ihren Verwandten nach Kärnten durch.

Der Ehemann wurde als erster Arbeiter beim Zimmermeisterbruder eingestellt, sie selbst wieder ein Teil der früheren Hausgemeinschaft.

Mehrmals musste sie ihren Bruder anflehen, die Entlassung ihres trunksüchtigen Mannes zurückzunehmen.

Im Winter die Arbeitslosenunterstützung für das Baugewerbe, die der Mann fürs Trinken ausgab. Von Gasthaus zu Gasthaus, um ihn zu suchen; schadenfroh zeigte er ihr dann den Rest. Schläge, unter denen sie wegtauchte …

Weil das Geld nicht reichte, wurde an Weihnachten das ohnehin Nötige als Geschenk verpackt.

Nach drei Abtreibungen brachte die Mutter mit 40 Jahren ihr viertes Kind zur Welt.

Abends fragte ihr Mann: „Was hast du den ganzen Tag zu Hause gemacht?“ Die erste Maschine im Haushalt war ein elektrisches Bügeleisen. Später kamen Mixer, Elektroherd, Kühlschrank und Waschmaschine hinzu. Dadurch gewann die Mutter allmählich mehr Zeit für sich selbst und begann Zeitungen und Bücher zu lesen.

Freilich las sie die Bücher nur als Geschichten aus der Vergangenheit, niemals als Zukunftsträume; sie fand darin alles Versäumte, das sie nie mehr nachholen würde.

Sie begann, unter heftigen Migräneanfällen zu leiden. Tabletten erbrach sie, Zäpfchen und bald auch wöchentliche Injektionen halfen nicht. Waren es die Wechseljahre? Der Hausarzt zeigte sich ratlos. Sie konsultierte einen Nervenarzt in der Landeshauptstadt, der diagnostizierte einen Nervenzusammenbruch, und die Mutter war froh, dass jemand die Symptome einordnen konnte.

Ihr Mann wurde wegen einer Lungentuberkulose in ein Sanatorium eingewiesen.

Am 18. November 1971 schrieb sie Abschiedsbriefe an alle Angehörigen. Am Tag darauf ging sie noch einmal zum Friseur und zur Maniküre. Unter Vorlage eines Dauerrezepts besorgte sich in der Bezirkshauptstadt 100 Schlaftabletten. Abends saß sie mit ihrem jüngsten Kind vor dem Fernseher. Dann schickte sie das Kind schlafen, zog ihr Kleid aus, hängte es an den Schrank, nahm alle Schlaftabletten und mischte sie mit ihrem Vorrat an Antidepressiva.

Sie zog ihre Menstruationshose an, in die sie noch Windeln einlegte, zusätzlich zwei weitere Hosen, band sich mit einem Kopftuch das Kinn fest und legte sich, ohne die Heizmatte einzuschalten, in einem knöchellangen Nachthemd zu Bett. Sie streckte sich aus und legte die Hände übereinander.

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In „Wunschloses Unglück“ zeigt Peter Handke am Beispiel seiner Mutter die Schwierigkeiten einer Frau aus einfachen Verhältnissen, sich selbst zu emanzipieren und zu verwirklichen.

Er überlegt zunächst, was er nach dem Selbstmord seiner Mutter empfindet. Dann setzt er wie bei einer konventionellen Biografie mit der Herkunft ein, aber nach einigen wenigen Informationen über den Großvater mütterlicherseits hört er damit wieder auf. Der Hauptteil wechselt zwischen den Gegensätzen Auflehnung und Anpassung, Liebe und Pflichtehe, Entdeckung der eigenen Individualität und Zusammenbruch. Der letzte Schritt zur Selbstbefreiung dieser Frau ist der Suizid.

Peter Handke wählte für diese Erzählung eine realistisch und distanziert erscheinende, nicht besonders anschauliche Darstellungsweise. Zwischendurch reflektiert er über die Arbeit an diesem Buch: Er fühlt sich zwischen Skylla und Charybdis, möchte einerseits nicht bloß einen individuellen Lebenslauf nacherzählen, ist aber zugleich besorgt, dass Abstraktionen und Formulierungen die Mutter zur Kunstfigur machen könnten.

Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat für die Biografie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Residenz Verlag, Salzburg

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