Richard Breitman : Heinrich Himmler

Heinrich Himmler

Richard Breitman

Heinrich Himmler

Originalausgabe: The Architect of Genocide. Himmler and theFinal Solution. Alfred A. Knopf, New York 1991 Übersetzung: Karl und Heidi Nicolai Der Architekt der "Endlösung". Himmler unddie Vernichtung der europäischen Juden Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1996 Taschenbuch: "Heinrich Himmler. Der Architektder "Endlösung". Pendo Verlag, Zürich 2000 ISBN 3-85842-378-5, 435 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Himmler war ein intellektuell überdurchschnittlich, physisch und emotional unterdurchschnittlich begabter Mensch, der bereit war, Abermillionen von Menschen für die vermeintliche Zukunft des deutschen Volkes zu opfern." (Richard Breitman)
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Kritik

In dem ausgezeichneten und sehr gut lesbaren Buch arbeitet Richard Breitman auf der Grundlage eines umfangreichen Quellenstudiums Heinrich Himmlers zentrale Rolle bei der Planung und Durchführung des Holocaust heraus.
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Himmler in der Rückschau

Himmler war auf seine Weise ein Idealist. Fast sein ganzes Leben lang verklärte und idealisierte er die germanische Rasse, den deutschen Soldaten und den deutschen Bauern […] Schon lange bevor er Hitler begegnete, war Himmler ein entschiedener rassistischer Antisemit; danach wurde er ein regelrechter Fanatiker. Weder durch normale menschliche Gefühle noch durch Rücksichtnahme auf das Individuum ließ er sich davon abhalten, seine Ziele bis zu ihrer äußersten logischen Konsequenz zu verfolgen.
Himmlers Leben und Handeln illustrieren die potenziellen Auswirkungen der Auffassung, dass alle Verhaltensweisen erblich […] sind. Wenn die Erbmasse entscheidend ist, kann die Zukunft eines Volkes am besten dadurch gesichert werden, dass man konsequent Menschenzüchtung betreibt, d.h. die vermeintlich Hochbegabten fördert und die vermeintlich Minderwertigen beseitigt […]
Himmler war auch ein vehementer Antibolschewist, hielt jedoch – wie Hitler – den Bolschewismus für eine vordergründige Erscheinung; ein Marxist würde in einem solchen Fall von einem „bloßen Überbau“ sprechen. Für Himmler war der Bolschewismus lediglich ein Bestandteil der jüdischen Weltverschwörung […]
Die „Endlösung“ begann mit ideologischen Wahnvorstellungen, die Hitler, Himmler und zahlreiche andere führende Nationalsozialisten gemeinsam hatten […] Himmler und die SS nahmen den Führer ganz ernst und begannen mit Planungen […]
Man kann jedoch schwerlich behaupten, die ganze „Endlösung“ sei im Voraus geplant gewesen […]
Die Technik für Massenmord in gigantischem Ausmaß war noch im Entwicklungsstadium. Obwohl Himmler schon im Dezember 1939 an Gaskammern und Krematorien dachte, hatte er es nicht eilig, dieses Projekt zu verwirklichen. Das Ausmaß der Tötungen hing auch von der militärischen und diplomatischen Situation Deutschlands ab […]
Dass vor allem Hitler, Himmler und Heydrich die Entscheidungen für die „Endlösung“ trafen, entlastet andere deutsche Funktionsträger in anderen Institutionen nicht. Die Erschießungen im Osten erforderten die Kooperation und manchmal die direkte Beteiligung der deutschen Wehrmacht; Eisenbahnbeamte organisierten die Deportationen in die Vernichtungslager. Nicht nur die SS, sondern auch große deutsche Firmen beschäftigten KZ-Häftlinge unter Bedingungen, die einer langsamen Hinrichtung gleichkamen. Ärzte selektierten diejenigen, die vergast werden sollten und führten an Juden und anderen Opfern grauenhafte medizinische Experimente durch. Juristen und Verwaltungsbeamte trugen dazu bei, Juden ihrer Rechte und ihres Eigentums zu berauben. Ein großer Teil des Verwaltungsapparates war auf die eine oder andere Weise an der eskalierenden Judenverfolgung seit 1933 beteiligt […]
[…] die Beteiligten halfen bei der Durchführung; die Gesellschaft war gegen den nationalsozialistischen Antisemitismus nicht immun und schuf daher ein Klima der Zustimmung. Jede Ebene – wenn auch nicht jeder Einzelne – trägt ein gewisses Maß von Verantwortung […]
Himmler war ein intellektuell überdurchschnittlich, physisch und emotional unterdurchschnittlich begabter Mensch, der bereit war, Abermillionen von Menschen für die vermeintliche Zukunft des deutschen Volkes zu opfern […]
[…] Himmler war nicht einfach ein blutdürstiges, sadistisches Ungeheuer. Seine Brutalität war eher angelernt, nicht instinktiv oder emotional […] Das Todeslager war, wie Bach-Zelewski nach dem Krieg sagte, eine Schöpfung von Bürokraten, und Himmler war der Bürokrat par excellence.
(Richard Breitman, a. a. O., Seiten 346 – 353)

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Der Titel der Taschenbuchausgabe legt die Vermutung nahe, dass es sich um eine Biografie Heinrich Himmlers handelt. Das ist jedoch nicht der Fall. Nur in der – allerdings 33 Seiten umfassenden – Einleitung geht der amerikanische Historiker Richard Breitman (*1947) nebenbei auf das Leben ein, das Heinrich Himmlers geführt hatte, bevor er Reichsführer-SS wurde. Eingehender beschäftigt er sich mit der Persönlichkeit Heinrich Himmlers, aber auch das nicht aus dem Interesse eines Biografen heraus, sondern, um den „Architekten der ‚Endlösung'“ besser zu verstehen. Richard Breitman geht es in seinem ausgezeichneten und sehr gut lesbaren Buch vor allem darum, auf der Grundlage eines umfangreichen Quellenstudiums Heinrich Himmlers zentrale Rolle bei der Planung und Durchführung des Holocaust herauszuarbeiten.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Verlag Ferdinand Schöningh

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