Elisabeth Herrmann : Zeugin der Toten

Zeugin der Toten
Zeugin der Toten Originalausgabe: List Verlag, Berlin 2011 ISBN: 978-3-471-35037-9, 428 Seiten Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin 2012 ISBN: 978-3-548-28412-5, 428 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Berlin 2010. Judith Kepler, eine allein stehende Frau Anfang 30, wuchs in einem Heim in Sassnitz auf und weiß nichts über ihre Eltern. Bei der Reinigung der Wohnung einer Ermordeten stößt die Cleanerin durch Zufall auf ihre Heimakte und den Namen eines ehemaligen BND-Agenten, der vor 25 Jahren in Sassnitz Mikrofilme mit den Namen von Stasi-Agenten erhalten und dafür dem Überläufer, dessen Frau und der Tochter zur Flucht verhelfen sollte ...
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Kritik

"Zeugin der Toten" ist ein Spionagethriller mit einer ungewöhnlichen Protagonistin. Elisabeth Herrmann bemüht sich, die Handlung komplex wirken zu lassen, vernachlässigt jedoch die Plausibilität der Zusammenhänge.
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Berlin 2010. Judith Kepler, eine allein stehende Frau Anfang 30, weiß nichts über ihre Eltern, denn im Alter von fünf Jahren war sie ins Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin in Sassnitz gebracht worden. Dort blieb sie zehn Jahre lang. Später wurde sie drogensüchtig und verbüßte drei Haftstrafen. Seit einiger Zeit ist sie clean und arbeitet bei Dombrowski Facility Management in Berlin. Ihre Aufgabe ist es, Räume zu reinigen, in denen Bluttaten geschahen und Wohnungen von Menschen zu „entwesen“, deren Tod längere Zeit nicht bemerkt wurde.

Es beginnt im Wohnzimmer. Der Sessel gegenüber der Couchgarnitur ist getränkt mit schwarzem Blut. Eine ganze Weile muss die Frau darin gesessen haben, schwerverletzt aus einer tiefen Wunde blutend, bevor es ihr gelingt aufzuspringen. Ein letzter, vergeblicher Versuch, das Unvermeidliche doch noch abzuwenden, denn sie kommt gerade noch bis zur Balkontür. Vielleicht will sie hinaus, fliehen, springen. Fluchtimpulse sind irrational. Das getrocknete Blut auf dem hellen Laminat ist verschmiert von nackten Fußsohlen und schweren Schuhen. Er holt sie ein, reißt sie zurück und schleudert sie quer durch den Raum an die Fensterfront.
Judith fährt herum. Er muss wütend sein. Sehr wütend. Die Situation entgleitet ihm, gerät außer Kontrolle. Er bekommt nicht, was er will, dabei hat er sie doch fast schon gehabt. Er richtet die Waffe auf sein Opfer. Er zielt. Er drückt ab. Ein Mal. Zwei Mal. Das Fenster hat ein Einschussloch. Die Wand zwischen Fensterbank und Heizkörper auch. Er verfehlt sie. Spielt er mit ihr?
Borg fällt auf den Boden. Kommt noch einmal hoch. Schleppt sich durch die Verbindungstür ins Schlafzimmer. Streift mit dem verwundeten Leib den Rahmen und versucht, die Tür zu schließen. Vergeblich. Er sprengt die Tür mit einem Tritt. Hebt die Waffe. Schießt. Ein Mal. Zwei Mal. Schulter und Arm. Ausgefranste Blutflecke auf der Tapete. Aber Borg lebt immer noch. Warum trifft er sie nicht tödlich? Redet er mit ihr? Schreit er sie an? Sie rutscht die Wand hinunter, ein breiter, rostroter Streifen folgt ihrer Bewegung. Sie gibt nicht auf. Kriecht weiter. Er steht über ihr, die Waffe im Anschlag. Schlägt sie. Tritt nach ihr, sie krümmt sich zusammen, wälzt sich über den billigen Chenilleteppich zum Bett, instinktiv und panisch nach Schutz suchend, und er sieht ihr beim Sterben zu, bis er die Waffe ein letztes Mal hebt.

Als Judith die Mietwohnung der erschossenen Schwedin Christina Borg säubert und in den Briefkasten schaut, kommt der Postbote ins Haus. Weil er sie mit dem Briefkastenschlüssel in der Hand antrifft, hält er sie für berechtigt, das große, an Christina Borg adressierte Kuvert entgegenzunehmen. Es enthält Judith Keplers Akte aus dem Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin. Gleich nach der Wende hatte Judith Akteneinsicht beantragt, aber man teilte ihr mit, dass nichts mehr auffindbar sei. Und nun taucht ihre Heimakte bei einer ermordeten Schwedin auf. Was hatte die ihr unbekannte Frau damit zu tun? Judith durchsucht den Müll der Toten, den sie gerade zur Tonne bringen wollte. In einer Fernsehzeitschrift fällt ihr auf, dass Christina Borg eine einzige Sendung ankreuzte: die Talkshow „Drei gegen eins“.

Stasi-Überprüfung: Pro oder Contra? […] Das ist das Thema am Freitagabend bei Juliane Westerhoff. Meine Gäste: Vertreter der Parteien im Bundestag, des Brandenburger Landtages, die Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde und der ehemalige BND-Agent Quirin Kaiserley.

Noch am selben Abend überrascht Judith in Christina Borgs Wohnung einen Mann, der gerade eine Kamera aus einem Rauchmelder schrauben wollte. Sie bedroht ihn mit einer Gasflasche, durchsucht seine Taschen und findet darin außer Minikameras und Mikrofonen Ausweise auf verschiedene Namen. Plötzlich schlägt der Einbrecher Judith nieder und flüchtet.

Mitten in der Nacht bricht Judith bei Quirin Kaiserley ein. Aber er wird durch Geräusche wach und überwältigt sie an der Tür. Als Judith erzählt, wie sie auf seinen Namen stieß und er auf diese Weise erfährt, dass Christina Borg ermordet wurde, begreift er, warum ihn die Schwedin versetzte. Christina Borg hatte ihm Mikrofilme der Rosenholz-Dateien mit den Klarnamen von über 3000 Stasi-Agenten gezeigt und wollte sich dazu mit ihm zusammen in der Talkshow „Drei gegen eins“ befragen lassen. Aber im Fernsehstudio warteten sie vergeblich auf sie. Judith zeigt ihm die erbeuteten Ausweise. Den Mann auf den Passfotos erkennt Quirin sofort: Es handelt sich um seinen Sohn Tobias Täschner („Teetee“), den er mit einiger Mühe beim BND untergebracht hatte.

Bei Dombrowski Facility Management wird am nächsten Morgen ein Rosenstrauß für Judith abgegeben. Darin steckt eine Karte mit einer Handynummer. Sie ruft an und verabredet sich mit einem Mann Anfang 60, der sich Jürgen Weckerle nennt, in einer Gaststätte. Allerdings beobachtet sie ihn am Treffpunkt nur und folgt ihm, als er es aufgibt, auf sie zu warten. Erst in der U-Bahn spricht sie ihn an. Der BND-Agent, der sie anhand der Aufnahmen der Überwachungskamera in Christina Borgs Wohnung identifizierte, vermutet, dass sie Mikrofilme an sich genommen habe. Aber Judith fand keine Mikrofilme.

Olaf Liepelt, ein junger, in sie verliebter Mitarbeiter der Gerichtsmedizin, gibt ihr den Obduktionsbericht zu lesen und lässt sie einen Blick auf Christina Borgs Leiche werfen. Judith hat die gleichaltrige Frau noch nie zuvor gesehen.

Um mehr über die Ermordung Christina Borgs zu erfahren, wendet Quirin sich an die Polizei und tut so, als wolle er eine Zeugenaussage machen. Kommissar Franz Ferdinand Maike spricht mit ihm und verrät ihm schließlich, dass Kopien der Ermittlungsakten ans Innenministerium in Schwerin geschickt wurden. Quirin versteht: Der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern interessiert sich für den Fall. Kommissar Maike nutzt die Gelegenheit und zeigt seinem Besucher ein Foto von Judith Kepler. Quirin behauptet, die Frau nicht zu kennen und merkt sich den Namen „Dombrowski“, der auf ihrem Arbeitskittel steht.

Judith ist inzwischen mit dem Transporter der Firma unterwegs nach Sassnitz. Das Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin gibt es nicht mehr; das Anwesen nennt sich jetzt Haus Waldfrieden. Judith schaut sich auf dem Gelände um, und als eine Mitarbeiterin sie anspricht, erkundigt sie sich nach Leuten von damals. Die Erzieherin erklärt ihr, dass der Träger der Einrichtung ebenso neu wie das Personal sei. Man wisse von nichts. Von einem zehnjährigen Mädchen erfährt Judith allerdings, dass sich vor einigen Tagen schon einmal eine Frau hier umgesehen habe. Sie sei festgenommen und ins „Stasi-Heim“ gebracht worden.

Aufgrund der Angaben des Kindes vermutet Judith, dass es sich bei der Frau um die frühere Erzieherin Martha Jonas handelte. Was die Zehnjährige unter der Bezeichnung „Stasi-Heim“ kennt, ist das Heim der Deutschen Seniorenfürsorge in Sassnitz. Judith lässt sich von der Schwester, die ihr zunächst den Zugang verweigert, nicht abweisen und dringt zu Martha Jonas vor. Die Frau erkennt sie sofort, nennt sie allerdings nicht Judith Kepler, sondern Christel Sonnenberg. Martha Jonas erzählt ihrer verwunderten Besucherin, dass sie als Fünfjährige bei ihrer Einlieferung ins Heim die Identität eines anderen Mädchens übernommen habe.

Im Sommer 1985 beobachtete Martha Jonas eines Nachts im Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin, wie ein Unbekannter ein Kind brachte und von Hilde Trenkner, der stellvertretenden Heimleiterin, empfangen wurde. Sie wunderte sich darüber, weil normalerweise die Polizei Neuzugänge brachte. Im Schlafsaal sprach Martha das Mädchen an und fragte nach seinem Namen. „Christel Sonnenberg“, lautete die Antwort. Da tauchte Hilde Trenkner mit dem Fremden auf, der sich als Hubert Stanz von der Außenstelle des MfS am Demmlerplatz in Schwerin vorstellte. Die beiden taten so, als handele es sich bei dem Kind um Judith Kepler. Stanz las aus einer Akte vor, in der es hieß, die Mutter der Fünfjährigen sei schwachsinnig und alkoholkrank. Den Text hatte Martha schon einige Tage zuvor bei der Einlieferung der echten Judith Kepler gehört, die jetzt verschwunden war. Stanz wusste, dass Martha heimlich Westsender hörte. Damit setzte er sie unter Druck, bis sie zustimmte, dass es sich bei dem Neuzugang um Judith Kepler handele. Das Monchichi, das Christel Sonnenberg alias Juliane Kepler bei sich hatte, wurde weggenommen und durch eine Puppe aus der DDR ersetzt.

Während Martha Jonas ihrer Besucherin das erzählt, alarmiert die Schwester, die Judith nicht aufhalten konnte, den Heimleiter Dr. Sigbert Matthes. Im letzten Augenblick flieht Judith durchs Fenster. Man lässt Hunde auf sie los. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als über den mit Stacheldraht gesicherten Zaun zu klettern. Dabei reißt sie sich die Hände auf und zerfetzt ihr Kleid.

Nachdem sie die Verletzungen im Transporter desinfiziert hat, fährt sie zum Friedhof und zertrümmert mit einem Vorschlaghammer den Stein des Grabes von Marianne Kepler. Sie weiß jetzt, dass die Frau, die im August 1985 starb, nicht ihre Mutter war.

Während Judith nach Sassnitz fuhr, flog Quirin Kaiserley nach München und passte seinen 34-jährigen Sohn ab. Widerstrebend erzählt Teetee ihm von seiner Begegnung mit Judith Kepler in Christina Borgs Wohnung. Erst als Quirin bereits für den Rückflug eincheckt, erfährt er durch einen Anruf Teetees, dass Judith auf dem Friedhof in Sassnitz festgenommen wurde, aber aus der Polizeiwache floh. Nach seiner Ankunft in Tegel hebt Quirin an einem Automaten den höchstmöglichen Betrag Bargeld ab und fährt nach Sassnitz, um Judith zu suchen.

In der Nähe des Friedshofs findet er einen Transporter der Firma Dombrowski. Ein Friedhofswärter erzählt ihm, er habe Marianne Kepler gekannt. Sie habe als Prostituierte im Rügen Hotel gearbeitet und von einem Freier ein Kind gekriegt. Das sei ihr 1985 weggenommen und ins Heim gebracht worden. Kurz darauf starb sie.

Etwa zur gleichen Zeit telefoniert Judith mit dem Mathematik-Studenten Berthold Geißler, der bei dem Berliner Bestattungsunternehmen Gerhard Schneider Nachtwache hat. Sie gibt sich als Mitarbeiterin der Firma Scan Ferries in Rostock aus, erzählt etwas von einem Auftrag der Berliner Senatsverwaltung, die Urne von Christina Borg zu überführen und erkundigt sich nach dem Empfänger. „Tyska Kerkan i Sverige in Malmö“ liest Berthold Geißler vom Bildschirm ab.

Wie soll Judith ohne Geld und Papiere, verletzt und im zerfetzten Kleid über die Grenze kommen? Im Fährhafen hält sie der holländische Fahrer eines mit Blumen beladenen Lastwagens für eine leichte Beute und fordert sie auf, sich bei ihm im Führerhaus zu verstecken. Sobald die Fähre ablegt, versucht er Judith zu vergewaltigen. Aber da reißt Quirin, der Judith auf der Fähre vermutete, die Türe auf und schlägt ihn nieder.

In Malmö quartiert Quirin sich mit Judith im Linneaholm Slott & Pensionat ein. Die Besitzerin Sofie Kirseberg freut sich über das Wiedersehen mit ihm, nennt ihn allerdings Thomas Weingärtner. Sie scheint auch für einen Geheimdienst zu arbeiten.

Am nächsten Tag fahren Quirin und Judith zur Kirche. Weil Quirin weiß, dass der Pfarrer Volfram Vonnegut ein ehemaliger Geheimagent ist, will er allein mit ihm sprechen. Judith besteht jedoch darauf, mitzukommen. Quirin bleibt nichts anderes übrig, als sie im geparkten Auto einzusperren.

Volfram und Gillis Vonnegut sind eingeschüchtert, denn vor eineinhalb Stunden drohte ihnen ein Anrufer, ihrer Enkelin Madita etwas anzutun. Der Pfarrer erhält immer wieder Geld, das er an eine Frau weiterleiten muss, die seit 25 Jahren unter dem Namen Irene Borg hier lebt. Christina, ihre Tochter, fand heraus, dass sie 1985 im Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin in Sassnitz mit einem anderen Mädchen vertauscht wurde und zog auf der Suche nach Judith Kepler nach Berlin. Dort wurde sie ermordet. Nachdem Quirin Irene Borgs Adresse bekommen hat, verabschiedet er sich vom Pfarrer.

Bei seinem Auto ist die Seitenscheibe zersplittert. Judith ist fort.

Quirin findet sie in Irene Borgs Wohnung. Jemand hat mit einem Baseball die Scheibe zertrümmert, sie bewusstlos geschlagen, ihr Heroin gespritzt und sie dann hierher verschleppt. Irene Borg ist tot. Ihre Leiche liegt mit einem Messer im Hals auf dem Fußboden. Ein Streifenwagen mit eingeschalteter Sirene nähert sich. Im letzten Augenblick entkommt Quirin mit Judith, die noch ganz benommen ist.

Ein Bekannter Quirins verhilft ihm und Judith zur Flucht auf einem Schiff.

In Sassnitz gehen die beiden in die Bar des Rügen Hotels. Während Judith dort ein Glas Whisky nach dem anderen trinkt, erkundigt Quirin sich bei der Bardame Gabi Jensen nach Marianne Kepler. Die sei hier Mitte der Achtzigerjahre als Animierdame tätig gewesen, aber nicht als „gewöhnliche“ Prostituierte, sondern im Dienst der Stasi, sagt Gabi Jensen. Sie erinnert sich sogar noch an den Namen des Führungsoffiziers Hubert Stanz.

Nachdem Quirin und Judith sich ein Zimmer genommen haben, ruft Gabi Jensen jemanden an. Daraufhin taucht am nächsten Morgen der Leiter des Heims der Deutschen Seniorenfürsorge in Sassnitz im Hotel auf, Dr. Sigbert Matthes. Er weist Judith darauf hin, dass die Polizei in Sassnitz wegen des zerstörten Grabsteins nach ihr fahnde und sie in Berlin und in Malmö als Tatverdächtige in zwei Mordfällen gesucht werde. Er rät ihr, sich in Berlin der Polizei zu stellen, weder das Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin noch das Heim der Deutschen Seniorenfürsorge in Sassnitz zu erwähnen und ihm Quirin Kaiserley vom Leib zu halten. Als Gegenleistung für ihre Kooperation verspricht er ihr Aufklärung über das Schicksal ihrer Eltern.

Bevor Judith abreist, sucht sie die Räume des Modelleisenbahnvereins Sassnitz auf. Dort trifft sie Jörg Optenheide und Gregor Wossilus an. Sie erkundigt sich nach dem Salonwagen der Königlich-Preußischen Eisenbahn-Verwaltung, in dem Lenin am 12. April 1917 auf dem Weg von der Schweiz nach St. Petersburg nach Sassnitz kam. Die Männer zeigen ihr ein Modell des luxuriösen Waggons. Da erinnert Judith sich bruchstückhaft daran, dass sie als Kind das Original im Lokschuppen des Bahnhofs Sassnitz sah und wegen der luxuriösen Ausstattung für einen Palast hielt.

In Berlin wird Judith von Kommissar Franz Ferdinand Maike vernommen. Wie von Matthes gewünscht, erwähnt sie weder das Heim der Deutschen Seniorenfürsorge in Sassnitz noch ihre Verwechslung mit einem anderen Mädchen. Obwohl inzwischen ein internationaler Haftbefehl gegen sie vorliegt, lässt Maike sie nach zwei Stunden gehen. Das Protokoll wird elektronisch in POLIKS abgelegt.

Erst in Berlin erkundigt Quirin sich nach dem Mann, den er im Rügen Hotel mit Judith sah. Vor 25 Jahren kannte er ihn unter dem Namen Hubert Stanz. Es handelte sich um einen Fachmann für Operative Psychologie der Stasi in Schwerin. Judith vertraut ihm an, was sie mit Hubert Stanz alias Sigbert Matthes absprach.

Quirin klärt sie darüber auf, dass ihre Mutter Irene Sonnenberg als Fotolaborantin für die Stasi tätig gewesen sei. Richard Sonnenberg, ihr Vater, habe unter dem Namen Richard Lindner in Westdeutschland für das MfS spioniert.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


1984 nahm Quirin an einer Besprechung in der Villa des US Commander Berlin in Dahlem teil. General Charles Henri Applebroog traf sich mit ihm, zwei weiteren BND-Agenten aus Pullach, der offiziell für die US-Botschaft in Bonn tätigen CIA-Agentin Angelina Espinoza und Richard Lindner. Der erfolgreich als „Romeo“ in Westdeutschland tätige Stasi-Agent, der sich an Geheimnisträgerinnen heranmachte und sie aushorchte, hatte bei der Fototec in Budapest Kontakt mit dem BND aufgenommen. Er wollte mit seiner Ehefrau Irene und seiner Tochter Christel die DDR verlassen und bot für die Hilfe der westlichen Geheimdienste die Klarnamen aller 3782 im Westen eingesetzten Stasi-Agenten an.

Im Jahr darauf bestiegen Irene und Christel Sonnenberg in Berlin-Lichtenberg den internationalen Schnellzug Berlin-Malmö. In diesem Zug wurden DDR-Bürger und Transitreisende aus anderen Staaten befördert, allerdings streng voneinander getrennt in verschiedenen Waggons. In Sassnitz sollte ein vom BND bestochener schwedischer Schaffner Irene und Christel Sonnenberg in das Abteil schleusen, in dem Richard Sonnenberg, Quirin und ein weiterer BND-Agent auf sie warteten. Im Austausch gegen die von Irene Sonnenberg besorgten Mikrofilme wollte Quirin der Familie drei bundesdeutsche Pässe auf den Familiennamen Borg für die Weiterreise aushändigen. Irene und Christel Sonnenberg kamen jedoch nicht. Als Richard Sonnenberg die beiden in der Bahnhofshalle zu sehen glaubte, wollte er zu ihnen und ließ sich von Quirin nicht zurückhalten. Der BND-Agent weigerte sich, ihm die Pässe ohne Gegenleistung auszuhändigen, aber der Überläufer schlug ihn mit dem Notfallhammer nieder.

Nachdem Quirin über die Ereignisse von damals berichtet hat, erhält Judith einen Anruf. Der Mann, der 1985 einen Haftbefehl gegen ihre Eltern ausgestellt hatte, ist bereit, sie in seinem Haus in Berlin-Biesdorf zu empfangen und ihr mehr darüber zu erzählen. Er heißt Horst Merzig und leitete bis 1990 im Rang eines Generalleutnants die Diensteinheit Spionageabwehr der Stasi.

Quirin begleitet Judith. Während sie erfahren möchte, was mit ihren Eltern geschah, sucht Quirin seit 1985 nach dem Maulwurf, der die Aktion in Sassnitz verriet. Diese Obsession kostete ihn nicht nur seinen Job beim BND, sondern zerstörte auch seine Ehe.

Generalleutnant Horst Merzig wurde 1985 vom Innenminister der DDR mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Verräter in den eigenen Reihen die Republik in einer Woche verlassen und dem BND und der CIA eine Mikroverfilmung der gesamten Kartei des Auslandsnachrichtendienstes übergeben wollten. Merzig, der davon noch nichts gewusst hatte, stand blamiert da. Die Information stammte von einer Sekretärin in Bonn, die von einem „Romeo“ mit dem Decknamen Saphir abgeschöpft wurde. Um nicht nur die Verräter, sondern auch die an der Aktion beteiligten westlichen Agenten festnehmen zu können, sollte der Zugriff erst in Sassnitz erfolgen. Merzig erhielt den Auftrag, für die beiden erwachsenen DDR-Bürger Haftbefehle auszustellen. Er wusste, dass ihnen die Todesstrafe drohte.

Die Außenstelle der Stasi in Schwerin übernahm den Einsatz in Sassnitz. Oberst Hubert Stanz beobachtete den internationalen Schnellzug Berlin-Malmö, der seit einer halben Stunde im Bahnhof stand. Er wusste, dass der Überläufer mit zwei hochkarätigen BND-Agenten im Kurswagen nach Bergen saß und seine Frau mit der Tochter aus einem anderen Teil des Zuges zu ihm gebracht werden sollte. Der vom BND bestochene Schaffner schleuste die beiden jedoch nicht hinüber, weil ihn die Stasi mit einer größeren Geldsumme umgedreht hatte. Schließlich holte Stanz Irene und Christel Sonnenberg so unauffällig wie möglich aus dem Zug und brachte sie in den Salonwagen der Königlich-Preußischen Eisenbahn-Verwaltung, der im Lokschuppen stand. Irene Sonnenberg versuchte zu fliehen, wurde jedoch vor den Augen ihrer Tochter erschossen.

Daraufhin ließ Stanz die Prostituierte Marianne Kepler aus dem Rügen Hotel und ihre Tochter Judith aus dem Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin holen. Richard Sonnenberg fiel darauf herein: Er glaubte, Irene und Christel zu sehen und kam mit den Pässen gelaufen. Die an der Aktion beteiligte CIA-Agentin erschoss ihn, damit er sie und die Kollegen vom BND nicht verraten konnte.

Marianne und Judith Kepler reisten mit den Pässen, die man dem Toten abgenommen hatte, als Irene und Christina Borg nach Bergen und lebten dann in Malmö von dem Geld, das sie von Pfarrer Volfram Vonnegut bekamen. Christel Sonnenberg, die gerade ihre Eltern verloren hatte, wurde von Hubert Stanz unter der Identität von Judith Kepler ins Kinder- und Erziehungsheim Juri Gagarin in Sassnitz gebracht. Irene und Christel Sonnenberg kamen kurz darauf angeblich während eines Urlaubs in Rumänien durch einen Autounfall ums Leben.

Der BND-Agent Kellermann, der 1984 bei der Besprechung in der Villa des US Commander Berlin in Dahlem dabei gewesen war, findet heraus, dass sich seine Ehefrau Eva heimlich an seinem Diensthandy zu schaffen machte. Sein Mitarbeiter Teetee ortet das Mobiltelefon Eva Kellermanns in Berlin. Sie scheint auf dem Weg nach Biesdorf zu sein.

Kellermann findet seine Frau jedoch nicht in Berlin, sondern in einem Zimmer des Hotels Bayerischer Hof in München. Sie liegt mit aufgeschnittenen Pulsadern leblos in der Badewanne und hat ihm einen Abschiedsbrief hinterlassen. Dem Notarzt gelingt es, sie zu reanimieren. Als sie im Krankenhaus zu sich kommt, kann sie sich nicht vorstellen, seinen Suizid-Versuch unternommen zu haben und weiß auch nichts von einem Abschiedsbrief. Sie sei mit einer Freundin verabredet gewesen, sagt sie.

Eva Lange, wie sie damals hieß, war vor 25 Jahren auf einen „Romeo“ der Stasi hereingefallen und hatte ihm die in Sassnitz geplante Aktion verraten. Kellermann, der ihr das Geheimnis anvertraut hatte, vertuschte ihren Verrat und heiratete sie.

In Berlin-Biesdorf verliert Judith die Nerven. Sie bedroht Horst Merzig mit der Pistole, die sie aus der Schreibtischschublade ihres Chefs Klaus Dombrowski genommen hatte. Noch ahnt sie nicht, dass Merzig ihr Großvater ist und 1985 gegen seine eigene Tochter einen Haftbefehl ausstellte.

Plötzlich zersplittern die Fensterscheibe und das Aquarium. Horst Merzig wird von einem Projektil in den Kopf getroffen und ist sofort tot.

Den Schuss gab Angelina Espinoza ab. Nun richtet sie die Waffe auf Quirin und Judith. Die 48-jährige Geheimagentin ist überzeugt, dass Judith die Mikrofilme in Christina Borgs Wohnung fand und verlangt die Herausgabe. Sie gibt zu, 1985 in Sassnitz Richard Sonnenberg alias Lindner erschossen und kürzlich in Malmö den Anschlag auf Judith Kepler durchgeführt zu haben. Sie wundert sich, dass Judith die Injektion überlebte. Es sollte eigentlich ein „goldener Schuss“ sein, sagt sie. Offenbar war sie von einem Dealer betrogen worden, der ihr gestrecktes Heroin verkauft hatte.

Judith gelingt es, ihre zu Boden gefallene Pistole aufzuheben und ins Schlafzimmer zu flüchten. Dort presst sie die Mündung in Kopfhöhe an die Tür und drückt ab, als sie Angelina Espinoza auf der anderen Seite vermutet. Der Schuss tötet die CIA-Agentin auf der Stelle.

Bald darauf meldet Judith sich bei Klaus Dombrowski wieder zum Dienst. In einem aus dem Müll von Christina Borg stammenden Monchichi, das er ihr nachwirft, findet sie vier mit Mikrofilmen gefüllte Kosmetikdosen.

Die Filme übergibt Judith dem Agenten Peter Winkler, nachdem der BND dafür sorgte, dass weder ihr noch Quirins Name in Verbindung mit dem Mordfall in Berlin-Biesdorf auftaucht. Offiziell heißt es, die Geheimagentin Gretchen Lindbergh alias Angelina Espinoza, von der sich die CIA sofort distanzierte, habe den ehemaligen Stasi-Offizier Horst Merzig in seinem Haus erschossen und sei daraufhin von ihrem Begleiter, dessen Identität nicht ermittelt werden konnte, getötet worden.

Eine Untersuchung ergibt, dass die Urne in dem von Judith verwüsteten Grab in Sassnitz von zwei Personen stammt. Vermutlich wurden ihre Eltern Richard und Irene Sonnenberg dort bestattet.

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Elisabeth Herrmann hat sich mit Judith Kepler eine ungewöhnliche Romanfigur ausgedacht und sie in den Mittelpunkt des Spionagethrillers „Zeugin der Toten“ gestellt. Dabei geht es um Doppelagenten und Überläufer, Verrat, die Vertuschung von Straftaten und die Funktion von Erziehungsheimen in der DDR. Die als „Rosenholz-Dateien“ bezeichneten Mikrofilme, die in „Zeugin der Toten“ eine entscheidende Rolle spielen, sind frei erfunden; mit den tatsächlich beim BStU archivierten Rosenholz-Dateien haben sie wenig mehr als den Namen gemeinsam.

Der Plot ist im Grunde einfach, aber durch einen Zeitsprung von 25 Jahren und eine Vielzahl beteiligter Personen mit zum Teil verschiedenen Identitäten entsteht der Eindruck von Komplexität. Während Elisabeth Herrmann die Handlung des Kriminalromans „Zeugin der Toten“ entwickelt und in Rückblenden Stück für Stück die Vorgeschichte aufgeklärt, wechselt sie fortwährend die Perspektive. Das ist spannend, setzt aber auch einigermaßen ungestörtes Lesen voraus, denn sonst verliert man den Überblick. Bei einigen Verknüpfungen bemüht Elisabeth Herrmann den Zufall, andere Zusammenhänge sind unplausibel, manche hanebüchen.

Den Roman „Zeugin der Toten“ von Elisabeth Herrmann gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Nina Petri (Regie: Margrit Osterwold, Hamburg 2011, 478 Minuten, ISBN 978-3-89903-038-9).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

Rosenholz-Dateien

Elisabeth Herrmann: Das Kindermädchen (Verfilmung)

Pete Dexter - Unter Brüdern
Pete Dexter schildert in seinem meisterhaften Gangsterroman "Unter Brüdern" nichts, sondern inszeniert alles prägnant. Die Hauptcharaktere leuchtet er tief aus, aber nicht durch Beschreibungen, sondern indem er sie agieren lässt. Dadurch werden sie lebendig.
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