Franz Hohler : Gleis 4

Gleis 4
Gleis 4 Originalausgabe: Luchterhand Literaturverlag, München 2013 ISBN: 978-3-630-87420-3, 220 Seiten btb Verlag, München 2015 ISBN: 978-3-442-74832-7, 220 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Isabelle Rast, eine Schweizer Alten­pflegerin Mitte 40, von Zürich nach Kloten fahren will, trägt ihr ein höflicher älterer Herr den Koffer über eine Bahnhofstreppe hinauf. Am Gleis 4 stellt er ihn ab – und bricht tot zusammen. Es handelt sich um den am Tag zuvor aus Montreal eingetrof­fenen 72-jährigen Kanadier Martin Blancpain. Seine Witwe Véronique kommt nun ebenfalls nach Zürich und lässt sich von Isabelle schildern, was passierte. Doch warum ruft auf dem Handy des Toten jemand an und fragt nach Marcel?
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Kritik

Franz Hohler prangert die Aus­beutung der Arbeitskraft von Kindern in der Schweiz bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts an. Aber "Gleis 4" ist kein düsterer-sozial­kritischer Roman, sondern eine unterhaltsame Lektüre, denn die Handlung ist nach dem Vorbild eines Kriminalromans aufgebaut.
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Eigentlich hatte Isabelle Rast, eine Altenpflegerin Mitte 40, für September/Oktober 2012 einen dreiwöchigen Urlaub mit ihrer Freundin Barbara auf der Insel Stromboli geplant. Aber sie musste sich Gallensteine entfernen lassen und den Abflug deshalb um eine Woche verschieben. Von der Operation noch etwas mitgenommen, geht sie nun mit ihrem Koffer von ihrer Wohnung in Zürich zum nahegelegenen Bahnhof Oerlikon, um mit dem Zug zum Flughafen Kloten zu fahren und nach Neapel zu fliegen. Ein gut gekleideter und höflicher älterer Herr bietet ihr an, den Koffer über die Treppe zum Bahnsteig hochzutragen. Am Gleis 4 stellt er das Gepäck ab – und kollabiert. Isabelle, die im Zürcher Seniorenheim „Steinhalde“ viele Menschen sterben sah, weiß zwar sofort, dass der Mann tot ist, versucht ihn aber dennoch wiederzubeleben, bis die von anderen Reisenden alarmierten Rettungskräfte eintreffen. Die Polizisten suchen vergeblich in den Taschen des Verstorbenen nach einem Pass oder anderen Hinweisen auf seine Identität.

Erst im Zug zum Flughafen fällt Isabelle auf, dass die Mappe des älteren Herrn, die sie vom Boden aufhob, noch auf ihrem Rollkoffer liegt. Weil sie trotz der Verzögerung hofft, ihren Flug noch zu erreichen, fährt sie nicht zum Bahnhof zurück, sondern öffnet den Reißverschluss des Gepäckstücks und schiebt die Mappe hinein. Am Check-in in Kloten erfährt sie allerdings, dass ihr Flug bereits abgefertigt wurde. Isabelle kehrt nach Hause zurück und ruft ihre Freundin an, um ihr abzusagen.

Wäre der Fremde auch gestorben, wenn er ihr nicht den Koffer über die Treppe hochgetragen hätte? Isabelle fühlt sich schuldig am Tod des Mannes, sagt sich jedoch, dass er sich anbot und selbst hätte wissen müssen, was er sich zutrauen konnte. Vielleicht war die körperliche Anstrengung auch gar nicht die Ursache des Zusammenbruchs.

Erst als im Koffer ein Handy klingelt, denkt Isabelle wieder an die Mappe des Toten. Sie nimmt sich vor, das fremde Eigentum zur Polizei zu bringen, aber als sie erst einmal das inzwischen wieder verstummte Handy herausnimmt, sieht sie, dass der Akku fast leer ist. Würde sich das Gerät wegen Strommangels abschalten, könnte es nur noch mit der PIN reaktiviert werden. Möglicherweise gingen dann wertvolle Hinweise auf die Identität des Verstorbenen verloren. Isabelle, die zufällig ein Handy derselben Marke besitzt, verbindet das des Toten deshalb mit ihrem Ladegerät.

Als es erneut klingelt und Isabelle sich meldet, fragt ein mürrischer Mann, der seinen Namen nicht nennt, nach Marcel und lässt ihm schließlich ausrichten, dass man ihn am nächsten Tag auf dem Friedhof Nordheim nicht sehen wolle. Dann beendet er die Verbindung.

Neugierig geworden, geht Isabelle am nächsten Tag zum Friedhof und mischt sich unter die Trauergäste. Bei der dritten Beerdigung – Mathilde Meier, geborene Schwegler, 1923 bis 2012 – wird sie von einem feindseligen Mann gefragt, wer sie sei und was sie wolle. Isabelle vermutet, dass es sich um den anonymen Anrufer und einen Sohn der Verstorbenen handelt. Ohne weitere Erklärungen verlässt sie den Friedhof Nordheim. Dass ihr jemand folgt, merkt sie nicht.

Die Polizei teilt ihr mit, dass die Identität des Toten geklärt sei. Ein bei ihm gefundenes Streichholzbriefchen stammte aus dem Hotel, in dem er die Nacht verbracht hatte. Der 72-Jährige, der an Herzversagen starb, hieß Martin Blancpain, war Kanadier und kam am Tag vor seinem Tod aus Montreal nach Zürich. Inzwischen wurde seine Witwe in Montreal verständigt, und die Polizei bittet Isabelle, sich bereitzuhalten, um mit Véronique Blancpain über die Todesumstände zu reden, falls diese es wünscht.

Hieß der Mann, der ihr den Koffer trug, nun Martin oder Marcel? War er Kanadier oder Schweizer? Er sprach nicht französisch, sondern Schwyzerdütsch. Und was hat es mit den anonymen Anrufen auf sich? Warum wollte man ihn nicht bei Mathilde Meiers Beerdigung sehen?

Wie erwartet, möchte Véronique Blancpain erfahren, wie ihr Mann starb und was in den Minuten davor geschah. Isabelle, die sich glücklicherweise in französischer Sprache mit ihr verständigen kann, erzählt es ihr und zeigt ihr auch im Bahnhof die Treppe und den Bahnsteig am Gleis 4. Sie hilft der Kanadiern bei den Formalitäten und veranlasst mit ihr die Kremation der Leiche. Außerdem überredet sie Véronique, ihr Hotelzimmer aufzugeben, nimmt sie für die paar Tage bis zur Rückreise bei sich auf und übergibt ihr die Mappe des Verstorbenen.

Véronique arbeitet als Grundschullehrerin in Montreal. Sie lernte Martin – den Namen Marcel hört sie zum ersten Mal in diesem Zusammenhang – vor 20 Jahren bei einem Ausflug auf dem Sankt-Lorenz-Strom kennen. Er war der Kapitän des Schiffes. Selbst als sie bereits verheiratet waren, wollte er nicht von seiner Kindheit und Jugend in der Schweiz reden. Véronique weiß lediglich, dass er bei Pflegeeltern aufwuchs und mit Anfang 30 die kanadische Staatsbürgerschaft erhielt. Vor vier Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Eigentlich wollte er nie in die Schweiz, aber am 22. September erfuhr er durch einen Telefonanruf einer Tante, deren Namen Véronique nicht kennt, vom Tod seiner Pflegemutter. Daraufhin buchte er den Flug nach Zürich.

Isabelle Rast wuchs mit ihrer Schwester in Winterthur auf. Der Vater arbeitete als Buchhalter in einer Textilmaschinenfabrik, die Mutter als Arzthelferin. Nach dem Besuch der Pflegerinnenschule in Zürich und einer Zusatzausbildung in Gerontologie fing Isabelle als Altenpflegerin zu arbeiten an. Inzwischen leitet sie eine Station in der Pflegeabteilung des Seniorenheims „Steinhalde“ in Zürich. Sie hat eine 22-jährige Tochter, die Jura studiert. Sarah hat die schwarze Hautfarbe ihres Vaters geerbt. Der Assistenzarzt Amadou Kanté aus Mali hatte mit Isabelle in Genf eine Affäre. Sie erfuhr erst später, dass in Bamako Frau und Kinder auf ihn warteten. Noch vor Sarahs Geburt im Jahr 1990 kehrte er nach Afrika zurück, und Isabelle machte nie irgendwelche Ansprüche an ihn geltend. Stattdessen zog sie ihre Tochter allein auf.

Sarah bringt Véronique zum Einwohnermeldeamt in Uster. Die Telefonnummer ist nämlich auf dem in der Mappe hinterlassenen Handy gespeichert: Martin muss dort angerufen haben. Am 28. Januar 1940 – Martins Geburtstag – waren in Uster zwei Kinder zur Welt gekommen: Anna Weber und Marcel Wyssbrod. Wyssbrod – Weißbrot – pain blanc – Blancpain: Offenbar änderte dieser Marcel Wyssbrod später, in Kanada, seinen Namen in Martin Blancpain. Seine Mutter hieß Anna-Maria Wyssbrod; der Name des Vaters fehlt in den Aufzeichnungen.

Anna-Maria Wyssbrod, die seit ihrer Eheschließung den Familiennamen Berthod trägt, lebt im Seniorenheim „Le Vieux Vignoble“ in Cortaillod. Nachdem Sarah sie dort ausfindig gemacht hat, fährt Isabelle mit Véronique hin. Die Greisin teilt sich ein Zimmer mit einer anderen Bewohnerin. Bei der Geburt Marcels sei sie 18 Jahre alt gewesen und habe als Magd auf einem Bauernhof gearbeitet, erzählt sie. Geschwängert wurde sie von dem Bauern. Das Neugeborene nahm man ihr weg, und sie kam als „gefallenes Mädchen“ bis zu ihrem 20. Lebensjahr in ein Heim. Von Marcel hat sie nie wieder etwas gehört. Und nun ist es zu spät. Ihr Sohn ist tot.

Unter dem Vorwand, eine Umfrage durchzuführen, gelingt es Sarah, von Konrad Meiers Frau in die Wohnung eingelassen zu werden. Nach einigen Fragen bittet sie darum, das Bad benutzen zu dürfen. Dort fällt ihr eine Voodoo-Puppe mit Nadeln in Brust und Kopf auf. Sie knipst ein Foto davon. Als sie die Tür öffnet, steht Konrad Meier davor. Durch die Milchglasscheiben hat er den Blitz gesehen, und weil er Isabelle nach ihrem Auftauchen bei der Beerdigung seiner Mutter beschattete, weiß er, wer die angebliche Meinungsforscherin wirklich ist. Nachdem er glaubt, Sarah genügend eingeschüchtert zu haben, wirft er sie hinaus.

Zufällig lernt Sarah kurz darauf eine nigerianische Kommilitonin kennen. Als sie Nubi von der Voodoo-Puppe erzählt, nimmt die Afrikanerin sie mit nach Hause. Ihr Vater Jo arbeite hier als Friedhofsgärtner, sei jedoch in Nigeria Medizinmann gewesen, erklärt sie. Jo lässt sich von Sarah Fotos ihrer Mutter und der Voodoo-Puppe geben und beruhigt sie nach einem schweißtreibenden Ritual, indem er ihr versichert, dass sich der Fluch nicht gegen ihre Mutter richte.

Sarah fährt mit Véronique noch einmal nach Uster, um im Sozialamt mehr über Marcel bzw. Martin herauszufinden. Sie erfahren, dass Marcel Wyssbrod am 28. Mai 1957 aus einer Jugendanstalt floh, man drei Tage später das Fehlen seiner Akte im Büro der Vormundschaftsbehörde bemerkte und er am 4. August 1962 auf Antrag der Vormundschaftsbehörde für verschollen erklärt wurde.

Während Sarah und Véronique fort sind, entdeckt Isabelle beim Auspacken ihres Koffers einen Zettel mit dem handschriftlichen Hinweis, sie möge auf 044 423 57 88 aufpassen. Den kann ihr nur Martin Blancpain zugesteckt haben, während er den Koffer über die Bahnhoftreppe hinauftrug. Am Hauptteil der Telefonnummer erkennt Isabelle, dass es sich um einen Zimmeranschluss im Seniorenheim „Steinhalde“ handelt. Als sie dort anruft, meldet sich Frau Maurer, die sie gut kennt. Isabelle fährt sofort hin, und die Kolleginnen wundern sich, weil sie glaubten, sie verbringe die Ferien auf Stromboli.

Die im Rollstuhl sitzende Seniorin Elsa Maurer, die über Kopf- und Brustschmerzen klagt, erzählt ihrer überraschenden Besucherin Isabelle, dass letzte Woche ihre Schwester gestorben sei. Auf dem Nachttisch entdeckt Isabelle ein Foto von Marcel Wyssbrod alias Martin Blancpain in Kapitänsuniform. Als sie begreift, wer Elsa Maurer ist, teilt sie Sarah in einer SMS mit, sie habe Martins Tante gefunden. Sarah und Véronique eilen daraufhin zum Seniorenheim „Steinhalde“.

Elsa, geborene Schwegler, war Mathildes jüngere Schwester. Als Mathilde bald nach dem frühen Tod der Mutter den Bauern Christian Meier heiratete, kam Elsa mit, denn sie war noch nicht volljährig. Auf dem Bauernhof oberhalb von Uster arbeitete neben Christian Meiers Söhnen Konrad und Alfons auch der Verdingbub Marcel. Er musste von früh bis spät schuften und wurde bei jeder Gelegenheit schikaniert. Elsa tat er leid, und wenn niemand es sah, steckte sie Marcel schon mal einen Apfel zu. Seit einiger Zeit rief er sie hin und wieder aus Kanada an, und als Mathilde starb, unterrichtete Elsa ihn darüber. Er besuchte sie noch am Sonntag, dem Tag seiner Ankunft in Zürich. Da gab er ihr auch das Foto und legte ihr einen Zettel mit der Nummer des prepaid Handys hin, das er sich nach der Landung im Flughafen gekauft hatte.

Elsa Maurer weiß auch, warum Marcel im Alter von 15 Jahren in ein Erziehungsheim gesperrt wurde. Im Juni 1955 hatten der 42-jährige Bauer Christian Meier, Mathilde und Elsa, Konrad, Alfons und Marcel einen Sonntagsausflug zum Großen Mythen unternommen. Während die beiden Frauen in einem Berggasthof warteten, wollten die Männer auf den Gipfel steigen. Aber nach einiger Zeit kam Alfons angerannt und alarmierte die Rettungskräfte, denn der Vater war abgestürzt. Christian Meier konnte nur noch tot geborgen werden. Konrad beschuldigte dann Marcel, den Vater angegriffen und aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Weil sich das nicht beweisen ließ, wurde Marcel zwar nicht gerichtlich verurteilt, aber im September 1955 in ein Erziehungsheim gebracht.

Während die drei Besucherinnen noch bei Elsa Maurer im Zimmer sind, kommt Konrad Meier herein. Als er seine Tante am Montag besuchte, um sie zu fragen, ob sie an der Beerdigung ihrer Schwester am nächsten Tag teilnehmen wolle, scheint er Marcels Foto entdeckt und die Telefonnummer mitgenommen zu haben.

Sarah hat inzwischen eine Voodoo-Puppe besorgt. Als sie die beiden Nadeln herauszieht, wundert Elsa Mauer sich, denn ihre Schmerzen verschwinden von einem Augenblick zum andern.

Am Tag darauf bringen Sarah und Isabelle die neue Freundin zum Flughafen. In der Aufregung lässt Véronique die Schachtel mit der Urne stehen. Das herrenlose Gepäckstück wird schließlich in einen Steinbruch transportiert und dort gesprengt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Einige Wochen später erhält Isabelle Post aus Montreal. Aus dem Kuvert zieht sie außer einem Brief ein Heft, das Véronique bei den Hinterlassenschaften ihres Mannes fand. Darin schilderte er unter dem Datum vom 14. Juni 1977, also einige Jahre bevor er Véronique begegnete, seinen Werdegang.

Er wusste nicht, wer seine Eltern waren. Vom Waisenhaus kam er schließlich als Verdingkind auf den Hof des Bauern Christian Meier, wo ihn alle mit Ausnahme von Elsa, der Schwägerin des Bauern, schikanierten. Er war 15 Jahre alt, als Christan Meier mit ihm und seinen beiden Söhnen auf den Großen Mythen steigen wollte. Weil sich der jähzornige Bauer über seine jüngeren Begleiter ärgerte, die nicht Schritt halten konnten, kam es zum Streit. Konrad schlug seinen Vater so heftig ins Gesicht, dass dieser ins Taumeln geriet und an dem steilen Wegrand über einer Felswand abrutschte. Marcel konnte ihn zwar noch am Bein packen, aber nicht lange halten. Der Bauer stürzte in die Tiefe. Während Alfons zur Bergwirtschaft hinunterrannte, um Hilfe zu holen, verlangte Konrad von Marcel, nichts von dem Streit zu verraten. Später sagte er dann aus, sein Vater sei von Marcel in den Abgrund gestoßen worden.

In der Erziehungsanstalt absolvierte Marcel eine Schlosserlehre. Dass das Öffnen von Schlössern zu den erworbenen Fertigkeiten gehörte, kam ihm zugute, als er mit 17 aus dem Heim floh, im Büro der Vormundschaftsbehörde einbrach und außer seiner Akte etwas Geld aus der Kasse raubte. Mit einem ebenfalls gestohlenen Fahrrad fuhr er nach Zürich, von dort mit dem Zug nach Genf und weiter mit einem Bus nach Veyrier. Unbehelligt überquerte er zu Fuß die Grenze nach Frankreich und schlug sich in fünf Wochen nach Marseille durch. Weil auf der „St. Lawrence 2“ ein Heizer ausgefallen war, konnte er auf dem Schiff anheuern. Nachdem er sich auf der sechswöchigen Reise über Argentinien nach Kanada bewährt hatte, stellte ihn die St. Lawrence-Passagierschifffahrt als Hilfsmechaniker ein. Er nannte sich nun Martin Blancpain, erwarb die kanadische Staatsbürgerschaft und arbeitete sich zum Kapitän hoch. Immer wieder kam es vor, dass ihn Schiffsgäste baten, eine Ansichtskarte mit zu unterschreiben. Dabei fiel ihm einmal der Name Elsa Schwegler in Uster auf. Auf diese Weise fand er die „Tante“ wieder, und er telefonierte hin und wieder mit ihr. Er berichtete ihr, was am Großen Mythen tatsächlich geschehen war. Dass seine Mutter Anna-Maria Wyssbrod hieß und bei seiner Geburt 18 Jahre alt gewesen war, hatte er bereits seiner Akte entnommen. Dass der Bauer Christian Meier sein Vater war, erfuhr er von Elsa.

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Der Schweizer Kabarettist, Liedermacher und Schriftsteller Franz Hohler (* 1943) attackiert in seinem Roman „Gleis 4“ nicht nur die unter seinen Landsleuten weit verbreitete Xenophobie und Engstirnigkeit, sondern kritisiert auch nachträglich die Gesellschaft, die unverheiratete Mütter als „gefallen“ verachtete, ihnen die Neugeborenen wegnahm und sie als Verdingkinder ausbeutete.

Die Verdingung gab es in der Schweiz bis Ende der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Die zuständigen Behörden übergaben Kinder unehelicher Mütter oder aus zerrütteten Familienverhältnissen ebenso wie Waisen Pflegeeltern. Das waren häufig Bauern. Obwohl diese dafür ein Kostgeld bekamen, beuteten sie die Verdingkinder zumeist als Arbeitskräfte aus. Misshandlungen und Vergewaltigungen waren keine Seltenheit. (Ähnlich wie die Verdingkinder wurden die Schwabenkinder als Arbeitssklaven missbraucht.) Nachdem das finstere Thema Jahrzehnte verdrängt worden war, bat die sozialdemokratische Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga (* 1960) die ehemaligen Verdingkinder am 12. April 2013 im Namen der Regierung um Verzeihung für das erlittene Unrecht und die Verletzung der Menschenwürde.

Trotz des ernsten Themas ist „Gleis 4“ kein düster-sozialkritischer Roman, sondern eine unterhaltsame Lektüre. Franz Hohler bedient sich beim Thriller-Genre und setzt das Gesamtbild wie in einem Puzzle schrittweise zusammen. Die Handlung von „Gleis 4“ spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Nach dem plötzlichen Tod eines 72-jährigen Mannes im September 2012 in Zürich erforschen drei Frauen dessen Kindheit und Jugend. Diese Spurensuche ähnelt den Ermittlungen eines Privatdetektivs oder der Polizei in einem Kriminalroman. Zunächst gibt es nur offene Fragen und Ungereimtheiten, dann tauchen Hinweise auf, die sich aber erst einordnen lassen, wenn die Zusammenhänge nach und nach klarer werden. Dabei versteht es Franz Hohler, Spannung zu erzeugen.

Die Figuren in „Gleis 4“ sind allerdings recht einfach gestrickt und alles andere als vielschichtige Charaktere. Zu häufig fällt Franz Hohler nichts Besseres als ein Zufall ein, um die Handlung in die gewünschte Richtung voranzubringen. Ganz und gar unglaubwürdig ist ein spießiger, fremdenfeindlicher Schweizer Bauer, der eine Tante heimlich angreift, indem er Nadeln in eine Voodoo-Puppe sticht. Und der Hokuspokus funktioniert auch noch! Wenige Stunden nachdem eine der Frauen die Puppe auf abenteuerliche Weise entdeckt hat, lernt sie zufällig (!) eine nigerianische Kommilitonin kennen, deren als Friedhofsgärtner in Zürich arbeitender Vater in Afrika Medizinmann war und sich mit Voodoo auskennt. Das ist abstrus.

Den Roman „Gleis 4“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Franz Hohler.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

Eugen Ruge - In Zeiten des abnehmenden Lichts
Nicht chronologisch, sondern kaleidoskopartig und aus verschiedenen Perspektiven erzählt Eugen Ruge in dem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" eine vier Generationen umspannende Familiengeschichte.
In Zeiten des abnehmenden Lichts

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