Zahra Hussain : Das Erbe der Weisen

Das Erbe der Weisen

Zahra Hussain

Das Erbe der Weisen

Das Erbe der Weisen. Eine Kindheit in Afghanistan Originalausgabe: Buchverlag Peter Hellmund, Würzburg 2013 ISBN: 978-3-939103-45-5, 200 Seiten, 14 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Safia – zu Beginn des Buches ist sie schätzungsweise zehn Jahre alt – wächst als ältestes von vier Geschwistern in einem afghanischen Dorf auf. Ihre Familie gehört zur Ethnie der zumeist schiitischen Hazara, die von Taliban und Paschtunen angefeindet wird. Der Vater flieht deshalb mit seinen Angehörigen ins Bamiyantal. Dort richten sie sich in einer Höhle ein. Als Safia etwa 13 Jahre alt ist, will der Vater sie zur Eheschließung mit einem zehn Jahre älteren Mann zwingen ...
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Kritik

In ihrem Roman "Das Erbe der Weisen. Eine Kindheit in Afghanistan" lässt Zahra Hussain die Protagonistin in der Ich-Form erzählen. Die schlichte Darstellung passt zur Perspektive des Kindes.
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Safia wächst mit ihren drei jüngeren Halbgeschwistern, ihrem Vater und ihrer Stiefmutter in einem afghanischen Dorf auf. Als ältestes der Kinder muss sie im Haushalt helfen, auf Leila und Fatma aufpassen und sich um die Ziegen und Schafe kümmern, deren Dung die Familie im Sommer sammelt und trocknet, um im Winter Heizmaterial zu haben. Dass ihr Bruder Habib viele Vorrechte hat, die ihr trotz ihrer Arbeit und ihres Alters nicht zustehen, nur weil sie ein Mädchen ist, ärgert Safia.

Die Familie gehört zur Ethnie der zumeist schiitischen Hazara, die von den sunnitischen Paschtunen angefeindet wird. Deshalb kann Habib auch nicht in die von Paschtunen geleitetete Schule gehen. Die Paschtunen wollen keine Hazara im Unterricht, denn sie befürchten, dass Bildung dem einen oder anderen der Unterdrückten zum gesellschaftlichen Aufstieg verhelfen könnte.

Allerdings handelt es sich bei der engsten Freundin von Safias Stiefmutter Halima um eine Paschtunin, die mit mit einem Tadschiken verheiratet ist und keinen Unterschied zwischen den Volksgruppen oder Glaubensrichtungen macht. Sie heißt Gülnar. Ihre Tochter Malalai ist mit Safia befreundet, die schätzungsweise ein Jahr jünger ist. So genau weiß man das nicht, denn bei Mädchen wird das Geburtsjahr nicht festgehalten. Malalais Bruder Scharif ist jedenfalls ebenso alt wie Habib.

Als Safia ungefähr elf Jahre alt ist, kommt eine fremde Frau Mitte 20 vorbei und schließt sie weinend in die Arme. Dadurch erfährt das Kind, dass Halima nicht ihre leibliche Mutter ist. Die verzweifelte Frau fleht Safias Vater an, zu ihr zurückzukehren und ihr die Tochter zurückzugeben. Offenbar war sie mit ihm verheiratet, aber er trennte sich wegen Halima von ihr. Nachdem sie das Geld, das er ihr angeboten hat, zurückgewiesen hat, wirft er sie hinaus. Safia wird ihre leibliche Mutter nie wiedersehen.

Vertrauen hat Safia vor allem zu ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters. Als sie ihr einmal erzählt, sie habe nachts nicht schlafen können und durch ein Fenster einen alten Mann und eine junge Frau nackt in einem der Nachbarhäuser gesehen, meint die Großmutter, da hätte sie nicht hinschauen dürfen. Der Mann habe versucht, ein Kind mit seiner Frau zu zeugen, so wie es seine Pflicht verlangt.

„Eine kinderlose Frau ist wie ein trockener Baum ohne Blätter, also wertlos!“

„Es ist unsere Aufgabe zu gebären, wie es Aufgabe der Männer ist, zu arbeiten und unsere Ehre zu verteidigen.“

Einige Zeit später bekommt Safia einen zweiten Halbbruder: Ismael.

Dann stirbt ihre Großmutter.

Safia freundet sich mit einem stummen Mädchen aus dem Nachbarort an, das früher einmal einige Monate lang zur Schule ging und ihr Lesen und Schreiben beibringt.

Onkel Massouri, ein Bruder von Safias Vater, meint während eines Besuchs, Afghanistan sei nur durch Bildung möglichst vieler Bewohner zu retten.

Als Safia schätzungsweise zwölf Jahre alt ist, wird die Familie zur Hochzeit eines Cousins des Vaters eingeladen. Safia möchte zu diesem Anlass ihr schönstes Kleid anziehen, aber Halima gibt es ihr nicht. Auf der Hochzeitsfeier stellt Safia überrascht fest, dass ihre Freundin Malalai das Kleid trägt. Hat sie es gestohlen? Das kann Safia sich nicht vorstellen. Von Malalais Mutter Gülnar erfährt sie, dass Halima es ihr mit der Begründung verkaufte, es passe Safia nicht.

Am Morgen nach der Hochzeit kommt der Bräutigam Amir Mohammad aufgeregt und gesteht seinem Cousin, seine Braut Marica in der Nacht getötet zu haben, weil sie keine Jungfrau mehr war.

Safia wird von ihrer Stiefmutter immer wieder schikaniert. Umso mehr wundert sie sich, als sie hört, wie Halima zu einer Besucherin sagt:

„Wenn wir den Männern unser Schicksal überlassen, dann verfault unser Gehirn unter der Scharia, der Macht der Männer und der Mullahs!“

Habib und Scharif entdecken in einer Felsspalte eine Menge halb verwester Leichen, darunter auch Greise, Frauen und Kinder. Die Jungen führen auch Safia und Malalai hin, aber weder der Anblick noch der Gestank sind lange zu ertragen.

Als Safia etwa 13 Jahre alt ist, darf sie das Haus nicht mehr verlassen. Dann entdeckt der Vater einen Blutfleck. Er schlägt sie. Safia versteht nicht, was mit ihr geschieht. Sie blutet. Aus einem leeren Reissack macht sie sich eine Art Unterhose.

Der Vater hält nun den Zeitpunkt für gekommen, sie zu verheiraten, und er lädt eine Familie zur Brautschau ein. Der von ihm ausgesuchte Bräutigam Charim ist zehn Jahre älter als sie, studierte im Iran Religion und wird demnächst Mullah.

Ich wurde wie ein Stück Vieh, das man verkaufen wollte, von meinem Vater angeboten und von den Gästen begutachtet.

In zwei Jahren, so vereinbaren es die Väter, soll die Hochzeit von Charim und Safia gefeiert werden.

Tadschiken überfallen die Familie. Alle bis auf Halima können sich rechtzeitig verstecken. Halima wird von den Tadschiken schwer verletzt, und die Eindringlinge rauben sowohl die Vorräte als auch die Tiere. Safias Vater beschließt deshalb, den Ort vor dem nächsten Sonnenaufgang zu verlassen, obwohl er seine Frau auf einer Trage schleppen muss.

Fatma, die schon seit einiger Zeit Blut hustet, stirbt unterwegs.

Zuflucht sucht die Familie bei Halimas Schwester Zahra, die mit ihren drei Kindern in Afshar wohnt, einem Stadtteil von Kabul. Aber bald schon marodieren dort die Milizen der Warlords Massoud und Saya. Safias Vater flieht mit seiner Familie in eine Höhle außerhalb der Stadt, in der sich auch viele andere Hazara verstecken. Etwa tausend Hazara werden ermordet, zahlreiche Frauen vergewaltigt. Als Safia und ihre Angehörigen zurückkommen, liegen zwei von Zahras Kindern apathisch in einer Ecke. Zahra sitzt wimmernd auf dem Boden und hält die blutüberströmte Leiche ihres kleinsten Kindes auf dem Schoß. Die Eindringlinge hatten den Dreijährigen an den Füßen gepackt und mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert. Zahra ist fast verrückt vor Schmerz.

Deshalb kann Safias Vater sie auch nicht mitnehmen, als er mit seiner Familie aus Afshar flieht.

Sie haben nichts zu essen. Einmal bringt der Vater zwei übel riechende Taubenkadaver. Das ist alles, was er finden konnte. Während sie noch versuchen, davon zu essen, werden sie von Tadschiken angegriffen. Sie fliehen in eine kleine Moschee.

Ein alter Mann namens Chalil verriegelt hinter ihnen die Türe. Er kommt mit seiner Frau aus der Kleinstadt Teimani. Dort besaß er ein kleines Haus. Dann kamen Milizen, brannten das Haus nieder, verschleppten die Tochter, und der Sohn wurde von einer Bombe zerfetzt. Chalil rettete sich mit seiner Frau in diese Moschee; er hält Ordnung und darf dafür hier wohnen. Aber seine Frau hat den Verstand verloren.

Ein Lastwagenfahrer, dem Safias Vater das letzte Geld gibt, nimmt sie auf der Ladefläche mit, auf der bereits einige andere Flüchtlinge sitzen. Nach ein paar Stunden werden sie an einer Straßensperre angehalten. Die Wegelagerer verlangen Geld von den Flüchtlingen, und wenn diese keines mehr besitzen, müssen sie Uhren und Schmuck hergeben. Safia entgeht nicht, dass der Fahrer einen Teil davon einbehält, bevor er die Beute an die Wegelagerer weitergibt.

Nachdem der LKW sie abgesetzt hat, schließen sich Safia und ihre Familie einer Karawane an und gelangen ins Bamiyantal, ein Siedlungsgebiet der Hazara. Zwei 35 bzw. 53 Meter hohe, in den Fels gehauene Buddha-Statuen zeugen davon, dass hier vom 3. bis 10. Jahrhundert Buddhisten lebten. Die Neuankömmlinge suchen sich eine unbewohnte Höhle und richten sich dort notdürftig ein.

Bei ihren Streifzügen in der Umgebung entdeckt Safia einen allein in einer Höhle lebenden Mann. Der Einsiedler heißt Hakim. Er lehrte an der Universität in Kabul, bis die Taliban ihn vertrieben.

Die sunnitischen Taliban, von denen es heißt, dass sie einen Gottesstaat errichten wollen, erreichen auf ihrem Siegeszug durch Afghanistan auch das Bamiyantal. Sogleich versuchen sie, die Buddha-Statuen zu zerstören. Aber durch Beschuss richten sie nur verhältnismäßig geringen Schaden an. Schließlich sprengen sie die riesigen Statuen.

Zwischen den Amerikanern und den Taliban gibt es eine lange Beziehung. Als die Russen in unserem Land waren, haben die Amerikaner die Mujaheddin mit Waffen und Informationen unterstützt. Die Amerikaner wollten nämlich nicht, dass die Russen, die damals die Feinde von Amerika waren, Afghanistan beherrschen würden. Die Mujaheddin haben dann gegen die Russen gekämpft, und als die Russen aus dem Land geworfen waren, haben die Mujaheddin sich gegenseitig bekämpft. Die Taliban, zum größten Teil Paschtunen, die Koranschulen in Pakistan besucht haben, haben dort beigebracht bekommen, dass der Islam so sein soll wie zu der Zeit, in der Mohammed gelebt hat. Bezahlt haben das alles Leute aus Saudi-Arabien.

Obwohl die Taliban Mädchen den Schulbesuch untersagen, versammelt Safia die Kinder und Jugendlichen aus den benachbarten Höhlen und bringt ihnen Lesen und Schreiben bei. Zunächst erlauben die Eltern nur den Jungen, sich von ihr unterrichten zu lassen, aber Safia überzeugt sie schließlich, dass auch die Mädchen etwas lernen müssen.

Halima erholt sich nicht mehr von den Verletzungen. Sie wird immer kränker und stirbt schließlich. Safia muss noch mehr Verantwortung übernehmen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als stark und erwachsen zu werden, Verantwortung zu tragen.

Der Vater beginnt wieder von der geplanten Hochzeit zu reden. Um Zeit zu gewinnen, fälscht Safia einen Brief ihres Vaters an ihren Verlobten Charim und schreibt, die Eheschließung müsse um ein Jahr aufgeschoben werden, weil die kranke Halima auf die Hilfe ihrer ältesten Tochter angewiesen sei. Gleichzeitig täuscht Safia ihrem analphabetischen Vater vor, Charim habe geschrieben. Sie liest ihm den angeblichen Brief vor und tut so, als stehe da, dass Charim geschäftlich so viel zu tun habe, dass er um Aufschub bitten müsse. Parallel dazu schickt sie Scharif einen Liebesbrief.

Er antwortet, schickt ihr ein Foto und teilt ihr mit, dass er sich zwar mit einer anderen Frau verlobt habe, aber Safia heiraten werde. Einige Zeit später steigen Gülnar und ihr Sohn Scharif aus einem Bus. Tagelang wagen sie Safias Vater nicht zu sagen, warum sie gekommen sind. Als er es endlich erfährt, verstößt er seine Tochter.

Vor der geplanten Eheschließung fährt Scharif noch für drei Tage mit dem Einsiedler Hakim nach Kabul, um ihm zu helfen, seine Bibliothek zu retten. Aber sie kehren nicht zurück: Beide verlieren ihr Leben bei einem Selbstmordanschlag.

Safia zieht daraufhin in die verwaiste Höhle des Einsiedlers.

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Im Zentrum des Romans „Das Erbe der Weisen. Eine Kindheit in Afghanistan“ von Zahra Hussain steht ein in Afghanistan aufwachsendes, zu Beginn schätzungsweise zehn Jahre altes, am Ende vielleicht fünf Jahre älteres Mädchen. Safia erzählt linear-chronologisch in der Ich-Form. Die schlichte Darstellung passt zur Perspektive des Kindes. Eine Analyse der gesellschaftlichen Gegebenheiten in Afghanistan oder eine Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen hätte diesen Rahmen in „Das Erbe der Weisen. Eine Kindheit in Afghanistan“ gesprengt. Wer mehr darüber erfahren möchte, muss zu anderen Büchern greifen.

Zahra Hussain durfte selbst keine Schule besuchen. Lesen und Schreiben brachte sie sich autodidaktisch bei. 1999 floh sie mit drei Kindern aus Afghanistan. Einen Sohn musste sie zurücklassen. 2010 gründete Zahra Hussain in Bad Kissingen mit deutschen Freunden gemeinsam den Verein „Eine Schule für Bamiyan“. Und im Sommer des folgenden Jahres wählte sie während eines Aufenthalts in der afghanischen Provinz Bamiyan das Dorf Qula Quesch als Standort für die geplante Schule aus, die dann bis 2013 fertiggestellt und in ihrem Beisein eingeweiht wurde. Auch ein Teil der Einnahmen aus dem Verkauf des Buches „Das Erbe der Weisen. Eine Kindheit in Afghanistan“ kommt dem Verein bzw. der Schule in Bamiyan zugute.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Buchverlag Peter Hellmund

 

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