Reinhard Kaiser-Mühlecker : Schwarzer Flieder

Schwarzer Flieder

Reinhard Kaiser-Mühlecker

Schwarzer Flieder

Schwarzer Flieder Originalausgabe: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2014 ISBN: 978-3-455-40470-8, 236 Seiten, 19.99 € (D) ISBN: 978-3-455-81243-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ferdinand wächst bei den Großeltern müt­ter­licher­seits auf und kommt mit 16 auf den Bauernhof der Familie seines Vaters. Paul Goldberger wanderte nach Bolivien aus und starb dort. Sein Bruder Thomas bewirtschaftet den Hof. Ferdinand tritt nach dem Landwirtschafts-Studium in Wien eine Stelle im Ministerium an. Als sich seine Verlobte kurz vor der geplanten Hochzeit ertränkt, reist er nach Bolivien. Tante Sabine ruft ihn zurück: Thomas hat den Ziehsohn Leonhard erschlagen ...
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Kritik

Mit dem düsteren Epos "Schwarzer Flieder" knüpft Reinhard Kaiser-Mühlecker an seinen Roman "Roter Flieder" an. Ruhig und stringent setzt er die tragische Geschichte der Bauern­familie Goldberger fort. Es geht um Hass, Einsamkeit, Scheitern, Schuld und Tod.
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Als Ferdinand Wolf 16 Jahre alt war, holten ihn sein Onkel Thomas und seine Tante Sabine auf den Bauernhof der Familie Goldberger in Rosental, einem Dorf bei Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich. Thomas Goldberger, der jüngere Bruder seines in den Siebzigerjahren nach Bolivien ausgewanderten und dort umge­kom­menen Vaters Paul, bewirtschaftet den 1944 von Ferdinands Urgroßvater über­nommenen Hof, auf dem auch Pauls Mutter Anna wohnt. Ferdinand, der bei den Großeltern mütterlicherseits in K. aufgewachsen war, nennt sich seit seiner Aufnahme in Rosental nicht mehr Wolf, sondern Goldberger.

Nach der Matura zog Ferdinand Goldbergers feste Freundin Susanne nach Wien und ließ nichts mehr von sich hören. Er sah sie auch nicht mehr, während er selbst an der Universität für Bodenkultur Wien studierte. In den ersten drei Studien­jahren verbrachte er die Ferien in Rosental. Dann starb die Großmutter, und der Goldberger-Hof wurde ihm fremd, zumal Thomas seinen angeheirateten Neffen Leonhard, den Sohn von Sabines Schwester Elfriede, als Ziehsohn aufgenommen hatte. Ferdinand fährt seither nur noch selten nach Rosental. Seit dem Studien­abschluss arbeitet er im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

Sieben Jahre nachdem er zum Studieren nach Wien gezogen war, überredet ihn der Ministerialbeamte Anselm Steiner zu einem Wechsel in dessen Abteilung. Als der neue Vorgesetzte ihn einmal nach seinem Standpunkt in Bezug auf Ökologie und Landwirtschaft fragt, meint Ferdinand:

„Ich meine wirklich, dass es darüber nicht viel zu sprechen gibt. Die Richtung ist längst eingeschlagen, und kein Mensch wird sie ändern – die einen können sie nicht ändern, und die anderen wollen sie nicht ändern. So wie immer und überall. […]
Die Böden werden ruiniert. So wie jetzt hauptsächlich gewirtschaftet wird, werden sie ruiniert. Sie sind in katastrophalem Zustand, ganz gleich, wohin Sie den Blick richten. Und ist es etwa nicht auch ein ökonomischer Unsinn, so zu verfahren? Hat man denn ein anderes Kapital?“

Ferdinand erfragt Susannes Adresse von ihrer Schwester Anita. Susanne freut sich über seinen Besuch, und die beiden knüpfen nicht nur an die alte Liebesbeziehung an, sondern wollen heiraten. Als Ziel der Hochzeitsreise wählen sie Bolivien. Beim ersten Wiedersehen in Wien fielen Ferdinand Schnitte an Susannes Unterarmen auf. Inzwischen sind sie verheilt, und es sind keine neuen hinzugekommen. Aber nach einigen Monaten, als die Einladungen zur Hochzeit bereits verschickt sind, entdeckt Ferdinand neue Schnitte, und Susanne zieht sich unvermittelt zurück. Und dann ruft Anita ihn an und teilt ihm mit, dass sich ihre Schwester in der Donau ertränkte.

Daraufhin gibt Ferdinand seine Stelle in Wien auf und fliegt nach Bolivien, wo sein Vater die letzten zwölf Lebensjahre verbrachte. Als er in einem Spital eine Station entdeckt, in der halb verhungerte Kinder von zwei österreichischen Wehr­dienst­verweigerern umsorgt werden, beginnt er spontan, Boris und Philipp dabei zu helfen.

Schließlich lässt er sich auf einem Lastwagen zu dem Ort mitnehmen, an dem sein Vater lebte. Manfredo Rocha, ein greiser Gutsbesitzer, erinnert sich an Don Pablo, wie Paul Goldberger hier genannt wurde. Er berichtet, wie der Asket und Prediger starb:

„Deinen Vater hat man umgebracht – erschlagen hat man ihn, aus Aberglauben. Das war weit entfernt von hier. Ich habe nie etwas davon gehalten, dass er in jene Siedlungen reiste, um zu predigen. Besser, man hätte ihnen einen Lehrer geschickt, der ihnen Verstand in ihre Köpfe eingetrichtert hätte!“

Einige Zeit später unternimmt Ferdinand eine fünfwöchige Rundreise mit Bussen durch Bolivien. Dann erhält er unerwartet einen Anruf seiner Tante. Sabine teilt ihm mit, dass Thomas in Wels im Gefängnis sitzt, weil er Leonhard erschlug.

Ferdinand kehrt nach Rosental zurück, und Sabine berichtet, was geschehen ist.

Thomas hatte immer wieder Land dazugepachtet, dann mit Leonhard neue Ställe gebaut und den Schwerpunkt des Betriebs vom Getreideanbau zur Schweinezucht verlagert. 60 Jahre nachdem der alte Ferdinand Goldberger den Hof übernommen hatte, interessierten sich nicht nur Politiker, sondern auch das Fernsehen für den prosperierenden Betrieb seines Enkels Thomas.

Die errungene gesellschaftliche Stellung wurde allerdings durch Gerüchte über Leonhard gefährdet. Es hieß, er quäle Mädchen und junge Frauen. Anfangs wollte Sabine es nicht glauben, obwohl sie sich bereits darüber wunderte, warum ihr Neffe die Wände seines Zimmers mit Eierkartons tapeziert hatte. Alle zwei Wochen brachte er eine andere Frau mit. Nachts hörten Sabine und Thomas sie wimmern, mitunter auch vor Schmerzen schreien. Thomas forderte Leonhard auf, sich zu ändern. Die schon immer vorhandene Spannung zwischen den beiden nahm zu, und als Leonhard die Hand gegen Thomas erhob, schlug dieser zu.

„Leonhard stürzte mit dem Kopf gegen eine Schiene des Kratzbodens, fiel zu Boden und blieb reglos liegen. Er muss, das sagten sie später, auf der Stelle tot gewesen sein.“

Nach der Verhaftung ihres Mannes fühlte sich Sabine so einsam, dass sie zu ihrer früheren Freundin Maria nach Schwan fuhr, obwohl der Kontakt längst abgerissen war.

„Im Grunde wollte ich gar keinen Kontakt mehr mit ihr! Doch das andere war stärker. Das andere – was war es eigentlich? Ich schämte mich, so allein zu sein, und diese Scham war sogar noch größer als die Scham darüber, es überspielen zu wollen, vor mir selbst so zu tun, als wäre es anders.“

Maria versuchte gar nicht zu verhehlen, dass sie sich durch den Besuch gestört fühlte. Ein paar Tage später fuhr Sabine auch noch zu ihrer Schwester Elfriede, aber die leitete gerade eine Bibelstunde und ließ sie nicht ins Haus.

Im Namen ihres Mannes bittet Sabine ihren Neffen, den Hof für die Zeit der Haft zu übernehmen. Ferdinand antwortet:

„Sag ihm, ich mache es. Aber er muss mir den Hof überschreiben. Und wenn er freikommt, kann er nicht mehr hierher zurückkommen. Er wird hier kein Wohnrecht bekommen. Das sind die Bedingungen. Er soll es sich überlegen. Eine Woche gebe ich ihm Zeit.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Zur Verwunderung Sabines beginnt Ferdinand sofort nach der Übernahme des Hofes trotz der ungünstigen Marktpreise mit dem Verkauf der Tiere. Einen nach dem anderen sucht er die Eigentümer der Pachtgründe auf, kündigt Verträge und erklärt bei ohnehin bald auslaufenden Verträgen, dass er sie nicht verlängern werde. Schließlich verkauft er auch noch Land. Das Geld legt er in Gold- und Silberbarren an, die er im Keller versteckt. Auf dem verbliebenen Bauernhof führt er sorgfältig dokumentierte landwirtschaftliche Versuche durch. Innerhalb von kurzer Zeit zerstört er das Lebenswerk seines Onkels.

Thomas Goldberger wird nach sechs Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. Er kommt noch einmal nach Rosental, aber nur, um Sabine abzuholen. Sie ziehen nach Wels.

Ferdinand gibt ein Inserat auf: „Junglandwirt sucht ordentliche Frau für gemeinsamen Haushalt.“ Obwohl er dabei weder an eine Liebesbeziehung noch an eine Eheschließung denkt, erscheint es in der Rubrik der Heiratsanzeigen. Er entscheidet sich für Renate, eine Frau Ende 30. Ihre Mutter starb vor ein paar Monaten, und ihr Vater lebt in einem Pflegeheim. Zuletzt arbeitete Renate als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft. Als Ferdinand ihr das Zimmer zeigt, das er ihr zugedacht hat, blickt sie ihn verwundert an, denn sie ging von einem gemeinsamen Schlafzimmer aus.

Eine junge Frau kommt auf den Hof: Judith, die Tochter von Anselm und Alissa Steiner. Sie schickte ihm bereits zwei Briefe, die er allerdings unbeantwortet ließ. Judith Steiner studierte Biologie und macht jetzt ein Masterprogramm Pflanzenbau an der Universität für Bodenkultur. Deshalb würde sie gern mehr über Ferdinands Versuche erfahren, aber er weist sie brüsk zurück.

„Das heißt also, Sie können mir nicht helfen?“
„Nein“, sagte Ferdinand, und es klang, als spreche er lediglich ihre Worte nach, „ich kann Ihnen nicht helfen.“
„Ich hatte gehofft, Sie könnten. Das ist sehr schade“, sagte die junge Frau. […]
„Papa war sicher, dass …“, fing sie an, doch Ferdinand unterbrach sie.“
„Ich kann Ihnen nicht helfen, wirklich nicht. Bitte – bitte, gehen Sie jetzt.“

Später bedauert er sein Verhalten und lädt Judith Steiner ein. Ihr Vater stammt aus der Gegend und besitzt ein Wochenendhaus, von dem aus sie in einer Stunde zum Goldberger-Hof gehen kann. Sie tut das in den folgenden Monaten jeden Donnerstag oder Freitag, um ihre Abschlussarbeit über Ferdinands Versuche zu schreiben. Ferdinand verliebt sich in sie. Die beiden kommen sich näher. Mehr als Ferdinand achtet Judith darauf, dass die Liebesbeziehung heimlich bleibt. Aber durch einen Zufall werden sie von Renate ertappt.

Nach dieser beschämenden Situation bricht Judith den Kontakt ab, und Renate packt ihre Sachen.

„Es stand bei den Heiratsannoncen“, sagte sie endlich mit erstickter Stimme. […]
„Es gab keine andere Rubrik …“, murmelte er für sie unhörbar.

Schließlich fragt Renate, ob Ferdinand schon einmal in Georgien gewesen sei.

„Vielleicht fährst du bald einmal hin?“
„Ich? Nach Georgien? Warum sollte ich denn?“ Ferdinand lachte auf.
„Oder wirst du sie gar nicht besuchen, Ferdinand?“
Ferdinand erschauderte. Nach langen Sekunden flüsterte er – und noch im Flüstern war seine Stimme heiser: „Wen besuchen?“
„Ihr Mann ist Diplomat. Der Ehemann von Judith. Ja, Ferdinand, in ein paar Monaten übersiedeln sie nach Tiflis.“

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Mit „Schwarzer Flieder“ (2014) knüpft Reinhard Kaiser-Mühlecker an seinen Roman „Roter Flieder“ (2012) an, in dem er die Chronik der österreichischen Bauernfamilie Goldberger von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Neunzigerjahre erzählte. In dem düsteren Epos geht es um (Selbst-)Hass und Rache, Einsamkeit und Verlorenheit, Freud- und Beziehungslosigkeit, Scheitern, Schuld und Tod.

Als Motto hat Reinhard Kaiser-Mühlecker dem Roman „Schwarzer Flieder“ ein Zitat aus der Odyssee (10. Gesang, Vers 53) vorangestellt: „Ich wählte Dulden und Bleiben“.

„Schwarzer Flieder“ beginnt, als der Protagonist Ferdinand Goldberger seit sieben Jahren in Wien lebt. Reinhard Kaiser-Mühlecker skizziert kurz die Vorgeschichte und entwickelt die Handlung dann ruhig und stringent in vier chronologischen Teilen. Der erste Teil endet mit Susannes Suizid, der zweite spielt in Bolivien, im dritten erzählt Sabine, was während Ferdinands Abwesenheit auf dem Hof im fiktiven oberösterreichischen Dorf Rosental geschah, und der letzte Teil beginnt mit Ferdinands Übernahme des Hofes.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

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