I. J. Kay : Nördlich der Mondberge

Nördlich der Mondberge

I. J. Kay

Nördlich der Mondberge

Originalausgabe: Mountains of the Moon, 2012 Nördlich der Mondberge Übersetzung: Steffen Jacobs Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015 ISBN: 978-3-462-04655-7, 459 Seiten, 22.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Engländerin Anfang 30, die in ihrem Leben ein halbes Dutzend Namen benutzt hat, reflek­tiert über ihre schlimme Kindheit, die verkorkste Jugend und zehn Jahre im Gefängnis. Statt sich aufzugeben, erfüllt sie sich einen Traum und fliegt für einige Monate nach Afrika. Sie hat nicht vergessen, dass sie sich als Kind vorstellte, eine afrika­nische Kriegerin zu sein, wenn sie sich vor ihrem gewalttätigen Stiefvater fürchtete. Aber sie hofft auch, sich dort selbst zu finden ...
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Kritik

I. J. Kay entwickelt in "Nördlich der Mondberge" keine lineare Handlung, sondern präsentiert ein Stakkato von durch­einander­gewirbelten Fragmenten. Nach und nach ergibt sich daraus das Bild einer Ich-Erzählerin in drei verschiedenen Lebens­abschnitten: als Kind, mit 21 und mit Anfang 30.
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Joan hat früher, als Balletttänzerin, bessere Zeiten erlebt. Inzwischen steht sie immer erst auf, „wie die Sonne schon um die Vorderseite rum ist“. So drückt es ihre Tochter aus. Lulu wächst zunächst mit ihrem fünf Jahre älteren Halbbruder Philip („Pip“) auf, aber der wird schließlich von seinem Vater nach Wales geholt. Bald darauf bekommt Joan noch ein Kind, Graham, das Lulu nur „Baby Grady“ nennt. Dessen Vater ist vermutlich Joans neuer Lebensgefährte Bryce King, ein Kerl, der sich mit anderen Frauen herumtreibt und Joan schlägt. Lulu muss immer wieder die Notrufnummer wählen.

[…] heb ich die Fischstäbchen und Erbsen mit dem Kehrblech und dem Feger auf. In der Küche mach ich Tee. Mama isst nix beim Reden, und ihr Gesicht ist zerkloppt. Sheba hat mein Abendessen verputzt, wie die Polizisten gegangen sind. Hm-hm. Mama kann nicht sehn, wie ich in der Küche die Reste vom Kehrblech esse.

Zwischendurch geh ich ein paarmal hoch und guck nach, ob Mama tot ist. Sie hat sich einfach ins Bett gelegt und starrt ins Garnix.

Einen dieser Vorfälle schildert Lulu ausführlicher:

Ich hab’s Baby Grady vorgelesen, und er ist eingeschlaft. Unten wird’s lauter, und Sachen gehn kaputt. Mama schreit. Ich steh ausm Bett auf und lausch oben an der Treppe. Klingt nicht wie Spaßmachen. Ist kein Spaß, weil, jetzt schreit sie nach mir.

Lulu läuft hinunter und muss hilflos zusehen, wie Bryce die Mutter über den Tisch wirft und den Hund Sheba tottritt. Als das Kind zum Telefon reift, reißt Bryce die Schnur aus der Wand. Er würgt Joan, bis ihr Gesicht violett anläuft. Lulu springt ihm in den Rücken, aber er schüttelt sie ab. Da greift sie zur Hundekette und zieht sie ihm über den Rücken. Er jault auf.

„Sie hat es nicht so gemeint, Bryce“, sagt Mutter.
Ich rühr mich nicht. Frag mich, wie er mich umbringen wird, ob er es machen wird wie bei Sheba.

Bryce hängt Lulu mit dem Hundehalsband mit dem Kopf nach unten ans Treppengeländer. Ihre Nase blutet. Beim nächsten Mal werde er sie umbringen, droht Bryce.

Als Lulu sich mit Baby Grady in eine Baumkrone flüchtet und Bryce versucht, sie herunterzuholen, stößt sie die Leiter um. Bryce springt von der umkippenden Leiter, stürzt auf den Zaun und wird von Pfosten durchbohrt. Während sich Sanitäter um ihn bemühen, kommt die Feuerwehr mit einer Hebebühne, um die Kinder zu bergen.

Was geschah, als Sie und Sergeant Coot eintrafen?
Tja, die Feuerwehr und die Sanitäter gaben ihr Bestes, wie man sich denken kann. Eine große Menschenmenge war zusammengekommen und hat die Fahrbahn blockiert.
Wo war sie, als Sie und Coot eintrafen?
Immer noch oben im Baum, Sir, über der Straße. Die Feuerwehrleute haben ihre Hebebühne eingesetzt. Sie trug ein rotes Stofftuch und war deutlich zu sehen. Mr Draper …
Der Nachbar aus einem der hinteren Häuser?
Jawohl, Sir. Mr Draper hat gesagt, dass sie wie eine afrikanische Kriegerin gekleidet war, mit rotem Stofftuch und Speer.
[…] Warum hat die Feuerwehr es nicht geschafft, sie herunterzuholen?
Sie waren kurz davor, die Hebebühne bewegte sich schon nach oben. Ich war abgelenkt, Sir. Ein Tumult brach los, als ein Mann aus der Menge trat und die Mutter ohrfeigte. Ein Mr Baldwin, Sir, der Nachbar aus dem Nebenhaus, von ihm war der erste Anruf gekommen. Die Tante des Mädchens, die zu diesem Zeitpunkt zu Besuch war, ohrfeigte daraufhin Mr Baldwin. Er ist ein pensionierter älterer Herr, Sir. Als ich wieder hochsah, war das Mädchen verschwunden.

Am 22. November 1976 sagt John Nesbitt, der Fahrer eines Baufahrzeugs, bei der Polizei in High Wycombe aus. Als er am 15. November an der M25 arbeitete, entdeckte er eine Bodenöffnung ähnlich wie die eines Dachsbaus. Neugierig blickte er hinein und entdeckte den Fuß eines Kindes. Er rief hinein, erhielt jedoch keine Antwort, und als er das Kind herauszuziehen versuchte, durchbohrte es seine Hand mit einem Speer. Er trug das Mädchen ins Krankenhaus. Lulu war unterkühlt, unterernährt und dehydriert, musste fünfmal wiederbelebt werden. Ihr offizieller Name im Krankenhaus lautet Catherine Clark.

Am 24. Januar 1977 schreibt Richter G. Reginald Witherington-Roycroft dem Rechtsanwalt Lawson, der Lulu bzw. Catherine Clark vertritt, das Kind müsse voraussichtlich in der Jugendstrafanstalt Red Roofs in Sicherungsverwahrung bleiben, bis es alt genug sei, um sich vor Gericht zu verantworten.

In ihrer Zelle in der Jugendstrafanstalt Red Roofs in Egham zertrümmert Catherine Clark die Einrichtung.

„Werde ich aufgehängt?“, frag ich.
Sie kommt zu meinem Bett.
„Nein, Kleines“, sagt sie. „Man hängt keine Menschen mehr, schon gar keine kleinen Mädchen.“
„Muss ich ins Gefängnis?“
„Nicht ins Gefängnis. Kann sein, dass du hierbleibst. Vielleicht für sehr lange Zeit, bis u erwachsen bist […]“

Einige Zeit später bricht Catherine aus der Jugendstrafanstalt Red Roofs aus und taucht unter.

Im Alter von 20 Jahren – sie nennt sich jetzt Beverley Woods – muss sie sich in einem Dorfkrankenhaus wegen einer Stichwunde am Bein behandeln lassen. Möglicherweise wird die Wunde nicht tief genug gereinigt, denn der Fuß schwillt übermäßig an. Die Ärzte trennen einen motorischen Nerv und legen einen Gipsverband an, um eine Sehne zu dehnen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist Beverley noch einige Zeit auf Krücken angewiesen.

In der Hoffnung, wegen eines Behandlungsfehlers eine Entschädigung vom Krankenhaus erstreiten zu können, wendet sich Beverley Woods an einen Rechtsanwalt, aber der sieht keine Chance, denn er geht davon aus, dass kein Arzt gegen einen Kollegen aussagen werde.

Für einen Anwalt ist er wirklich nett, bloß scheiße in seinem Job.

Als sie auf einer Wiese liegt, wird sie von einem Hundewelpen beschnuppert, der einer vornehm gekleideten Waliserin gehört.

„Sind sie nicht hübsch, die Kirschbäume?“, fragt sie.
Es sind zwar Mandelbäume, aber ich nicke trotzdem.

Die Dame heißt Gwen Llewelyn. Der offizielle Name ihres Hündchens sei Pandoras Eisstern Galaktika, sagt sie, aber sie nenne es nur Pandabär oder Panda. Ebenso wie Beverley sucht sie eine Bleibe, allerdings benötigt Gwen dazu auch eine Stallung für Pferde. Zumindest behauptet sie das. Nach ihrer beruflichen Tätigkeit gefragt, behauptet sie, Privatdetektivin zu sein.

Gwen freundet sich mit Beverley an und bezieht mit ihr zusammen eine Wohnung. Eines Abends macht sie ihre neue Freundin mit zwei Männern bekannt: Heath Crow und Pete Eden. Heath fährt einen Lastwagen und betreibt damit eine Spedition. Auf dem Papier ist er mit Gwen verheiratet. Pete ist sein Freund. Sie fahren zu viert nach Hause, und Beverley bezahlt das Taxi. In der Diele wendet Heath sich flüsternd an Beverley:

„Wo ist dein Zimmer? Zeig’s mir.“
Ich denk, er will mir was erzählen, was Gwen nicht hören soll […] Ich hab inzwischen den Kamin aufgekriegt, und ein paar Teile vom Stuhl zum Verbrennen hab ich auch. Er macht die Tür hinter mir zu und bringt mich direkt zu Fall.
[…] „Du bist es, was ich will.“

Beverley weigert sich zwar, ihren Lammfell-Mantel abzulegen, aber er zieht ihr die Jeans herunter und streift dann auch seine ab.

Er kniet auf meinem Haar. Ich guck hoch, seh seine Eier über meinem Gesicht baumeln. Muss lachen, keine Ahnung, was ich mit denen machen soll, steck meine Hände in die Manteltaschen. […]
Er will mein Hemd aufmachen, ich lass ihn nicht, mein Körper muss bedeckt bleiben.

Als er zu den anderen ins Wohnzimmer gegangen ist, steht Beverley auf.

Heaths Sperma schmaddert mir die Unterhose voll.

Im Bad bearbeitet sie sich mit Chlorreiniger. Das Brennen spürt sie bis ins Mark. Die Unterhose versucht sie auf dem Zementboden vor der Hintertür zu verbrennen. Das gelingt allerdings erst, nachdem sie den Stoff mit Abbeizer getränkt hat.

Beverley versucht, an Pete Eden heranzukommen. Er erklärt ihr, dass er mit einer Frau zusammenlebe und eine dreijährige Tochter habe. Küssen lässt er sich nicht von ihr, und er interessiert sich auch nicht für ihre Brüste, aber er penetriert sie, während sie auf der Küchenplatte sitzt.

Als Heath einen Ausflug mit dem Lastwagen vorschlägt, ist sich Gwen zu fein dafür. Daraufhin fährt Heath mit Beverley los. Gwen kreischt: „Was ist mit mir?“

„Was ist mit mir?“ Sie baumelt an seinem Seitenspiegel.
„Siehst du, das ist es, was ich sexy an ihr finde. Ihren Kampfgeist“, sagt Heath.

Während des Ausflugs versucht Beverley, sich in einem See zu ertränken, aber es gelingt ihr nicht. Heath schläft am Ufer und bekommt davon nichts mit. Beverley geht sie zum LKW, klettert auf den Container und versucht sich zu erhängen.

Ich hab Angst. Angst, dass die Schlinge sich nicht zuzieht, Angst, dass sie sich nicht fest genug zuzieht. Angst, dass ich mir in die Hose scheiße.

Sie lässt sie sich nun doch auf eine Beziehung mit Heath ein. Als sie bei ihm einmal Kaffee machen möchte und in der Küche eine Dose öffnet, sagt er:

„Das ist nicht der Kaffee. Das ist mein Vater.“

Genauer gesagt, handelt es sich nicht um die Asche seines leiblichen Vaters, sondern eines Nachbarn, der sich seiner angenommen hatte.

Gwen und Beverley bewerben sich im Casino Royale. Die Empfangsdame wendet sich an Beverley:

„Ihr Mantel?“
„Ja“, sag ich. „Ist er.“

Zunächst wird nur Gwen genommen, aber nachdem eine weitere Stelle frei geworden ist, erhält auch Beverley einen Job und eine Lizenz als Croupier, obwohl ihre Referenzen erfunden sind.

Einmal ertappt sie Gwen mit Heath und Pete gleichzeitig beim Sex, und der „Eton-Boy“ genannte Kassierer des Casinos, der eigentlich Quentin Sumner heißt, sitzt im Sessel und schaut zu.

„Tut mir leid, dass es so gekommen ist“, sagt Heath. „Zwischen Gwen und mir gibt es eine spezielle Energie, die hat uns sozusagen überwältigt, als du weg warst.“

„Denk nicht, dass ich ein totales Arschloch bin. Um die Wahrheit zu sagen, ich mag dich mehr als Gwen, aber sie ist es, mit der ich gesehen werden will, sie ist es, die ich ficken will. Was du verstehen musst, ist: Nichts geht über ein bisschen Oberschicht, wenn ein Mann sich nicht wie ein Bauer vorkommen will.“

Dass Heath ein Dieb ist, ahnt man im Casino Royale, aber er wird als Stimmungskanone geduldet. Doch eines Abends geht in dem Augenblick, in dem Beverley „Rien ne va plus“ ruft und die Kugel in den Roulettekessel wirft, das Licht aus. Ein Schuss knallt, und ein Spiegel splittert.

Am 8. November 1986 meldet sich die 21-Jährige aus eigenem Antrieb bei einer Polizeiwache in Bristol und gibt an, eine Aussage machen zu wollen. Die Detective Inspectors Webb und Wilson vernehmen sie im Beisein des Pflichtverteidigers Thomas Book. Sie heiße Kim Hunter, sagt sie, habe jedoch auch die Namen Beverley Woods, Jackie Birch, Dawn Redwood und Catherine Clark benutzt. Kim gesteht, während des Feuerwerks am Guy Fawkes Day (5. November) in ihrer Wohnung auf eine Person geschossen und dabei versehentlich Quentin Sumner in den Kopf getroffen zu haben. Quentin Sumner liegt in einem Krankenhaus im Koma, und die Ärzte sind nicht sicher, ob er die schwere Kopfverletzung überleben wird. Die Schusswaffe, so Kim weiter, habe sie von einer Hängebrücke ins Wasser geworfen. Es sei nicht ihre gewesen. Sie weigert sich, den Namen der Person zu nennen, auf die sie gezielt hatte und lehnt auch den angebotenen Zeugenschutz ab.

Kim Hunter wird in das Staatsgefängnis im Londoner Stadtteil Holloway gebracht und schließlich zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Quentin überlebt. Chirurgen gelingt es, seinen Oberkopf zu rekonstruieren. Auf einem Auge bleibt er blind. Seine Mutter Irene Sumner glaubt trotz des Gerichtsurteils nicht, dass die Inhaftierte auf ihren Sohn schoss.

Nach zehn Jahren kommt sie aus dem Gefängnis. Sie ist jetzt 31 und nennt sich Louise Alder.

Jemand […] gibt mir eine Liste mit Organisationen, die mir bei der Suche nach einer neuen Unterkunft helfen könnten. Ich rufe dort an. Sie können mir helfen, wenn ich Kinder habe, vor häuslicher Gewalt fliehe, ein Flüchtling oder Angehöriger einer Minderheit bin, und sie können mir helfen, wenn ich Probleme mit Alkohol oder Drogen habe. Ich passe nicht ins Schema. Habe ich noch nie.

Tim Evans, der Leiter einer zur Resozialisierung von Straftätern eingerichteten Töpferei, dessen Ehefrau schizophren ist und dessen Tochter ein Kind erwartet, obwohl sie noch selbst zur Schule geht, hilft Louise, sich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem ehemaligen Pfarrhaus einzurichten.

Ich zahle der Wohnungsgesellschaft sechs Pfund die Woche für das Geräusch einer Zentralheizung, die keine Wärme produziert.

Um die Miete bezahlen zu können, nimmt Louise verbotenerweise einen Untermieter auf, den sie Danny Fish nennt, obwohl er Will Withywood heißt. Arbeit findet sie in einer Fabrik in Rose Green. Dort füllt sie Marmelade in Doughnuts.

Einige Zeit später fordert Louise eine Entschädigung für die zu Unrecht im Gefängnis verbrachten Jahre und erhält nach langem Hin und Her einen Scheck über 8000 Pfund, mit dem sie zur Bank geht, wo sie sich gleich einmal 254 Pfund ausbezahlen lässt. Als sie das Geld sieht, drohen ihr die Beine zu versagen.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragt die Frau.
„Diese Kaufkraft“, sage ich. „Die hätte mich fast umgebracht.“

Das Geld ermöglicht es Louise Alder, sich einen Traum zu erfüllen: eine Afrika-Reise.

Sie fliegt nach Kenia. Dort trifft sie ein 75 Jahre altes amerikanisches Ehepaar. Margaret tut sich mit dem Gehen schwer, aber ihr Mann Vernon erklärt Louise, sie hätten sich nur entweder eine neue Hüfte oder diese Reise leisten können.

In Uganda unternimmt Louise mit dem Führer Emmanuel und zwei Trägern eine Tour in den Mondbergen, also im Ruwenzori-Gebirge. Auf 4000 Metern Höhe begegnet sie einer Frau mit wogendem Busen im Badeanzug, die Afrika ebenfalls allein bereist: Lynn Robertson. Sie wandern einige Tage gemeinsam und freunden sich an.

Drei Monate später – sechs Wochen vor Lynns Rückflug von Simbabwe nach Großbritannien – wollen sie sich in Daressalam erneut treffen, aber Louise wartet dort nach einem Abstecher nach Sansibar vergeblich auf Lynn.

Schließlich fährt sie weiter durch Tansania und will nach Malawi. Aber der Bus biegt vor der Grenze ab und hält erst in einer nahen Stadt. Dort handelt Louise mit dem stiernackigen Fahrer eines Pick-ups einen Preis von 5 Dollar für die Fahrt zur Grenze aus. Als sie dort sind, stellt sie fest, dass sie nur einen 10-Dollar-Schein hat. Den gibt sie dem Mann und bedeutet ihm, dass sie auf das Wechselgeld verzichte. Aber er verlangt 100 Dollar. Louise weigert sich, ihm mehr als die 10 Dollar zu geben und steigt auf einen Reifen, um ihren Rucksack von der Ladefläche zu heben. Da fährt er an. Sie rennt ihm nach. Als er durch eine Kuhherde aufgehalten ist, packt sie ihn durchs Seitenfenster und würgt ihn.

„Noch ein einziges Quieken von dir, du Schwein, und ich bringe dich um. Verstehst du mich?“
Kluger Mann.
Ich lockere den Griff, lasse seinen Hemdkragen los und schenke ihm das Leben.

Sie nimmt ihren Rucksack und macht sich auf den Weg zurück zur Grenze.

„He! He!“
Dreh mich um und sehe den Stierkopf, der mit voller Wucht meine Magengrube rammt. Verschlägt mir den Atem, haut mir die Beine weg, torkele rückwärts.

Der Angreifer nimmt ihr den Rucksack ab. Nun kommt Louise zugute, dass ihr Körper seit der Haft gut durchtrainiert ist. Sie tritt ihm gegen den Unterkiefer.

Die Wut treibt ihn hoch, schnaubend und blind vor Wut, er spuckt das abgebissene Stück Zunge aus und will mich fertigmachen. Dummer Mann. Dummer Mann. Ich kann seinem ungeschützten Unterleib nicht widerstehen.

Stöhnend sinkt er auf die Knie. Louise geht drei Schritte zurück und trifft ihn dann mit einem im Gefängnis gut geübten Butterfly-Kick ins Gesicht. Im nächsten Augenblick blitzt eine Messerklinge zwischen ihren Fingerspitzen auf. Der Afrikaner greift sich mit beiden Händen ans Herz und fällt wie tot um. Während Louise ihn wiederzubeleben versucht, wird sie von Neugierigen umringt.

Uniformierte bringen Louise zum Chef der Grenzpolizei. Schließlich kommt auch der Stiernacken dazu, der zwar blutet und übel aussieht, aber wieder laufen kann. Der Kommandeur beschuldigt Louise, mit dem Mann einen Preis für die Fahrt von 100 Dollar vereinbart und dann nur 10 Dollar bezahlt zu haben. Obwohl Louise ihm erklärt, dass der ausgehandelte Preis 5 Dollar betragen habe, verlangt er von ihr, dem Fahrer 90 Dollar zu geben. Als er merkt, dass Louise nicht dazu bereit ist, reduziert er die Forderung schrittweise bis auf 50 Dollar – erfolglos. Plötzlich springt der Besitzer des Pick-ups auf, reißt den blutbesudelten 10-Dollar-Schein, der auf dem Tisch liegt, an sich und rennt hinaus. Daraufhin ist Louise frei. Allerdings ist der Grenzübergang inzwischen geschlossen, und sie muss sieben Stunden warten, bis sie nach Malawi kann.

Auch Simbabwe, Botswana und Namibia stehen noch auf dem Programm, bevor Louise nach England zurückkehrt.

Danny Fish ist inzwischen ausgezogen, aber er hat ihr den Elektroherd und den Kühlschrank dagelassen. Von Tim Evans findet Louise einen sechs Monate alten Brief vor: Weil die Fördermittel gestrichen wurden, musste er die Töpferei schließen.

13 Jahre nach dem Schuss am Guy Fawkes Day des Jahres 1986 trifft Louise Pete Eden. Er glaubt, dass sie ihn liebe. Immerhin sei sie sogar für ihn ins Gefängnis gegangen, sagt er. Und dann klärt er sie darüber auf, was damals geschah: Heath betrog ihn nach einem gemeinsamen Raubüberfall um seinen Anteil. Deshalb schoss Pete auf seinen Komplizen, aber der warf sich zur Seite und blieb unverletzt. Erst in diesem Augenblick sah Pete, dass Quentin hinter Heath gefesselt auf einem Stuhl saß. Er wurde in den Kopf getroffen. Mit der Entführung des Eton-Boys hatte Heath Geld erpressen wollen.

Am Bahnhof entdeckt Louise ihre frühere Freundin Gwen. Die „walisische Schlampe“ trägt ihren Lammfell-Mantel. Louise rennt ihr nach, sieht sie in den Zug nach Portsmouth einsteigen, schafft es gerade noch, auf den anfahrenden Zug aufzuspringen.

Bei der Kontrolle meint der Schaffner:

„Entweder haben Sie den falschen Fahrschein, oder Sie sind im falschen Zug. Wollen Sie nach Portsmouth?“
„Portsmouth“, sage ich. „Was soll ich in Portsmouth? Dies ist der Zug, den ich will. Wohin fährt dieser Zug?“
„Calais.“
Überrascht mich. Ich zähle das Geld aus meiner Tasche ab.
„Sieht so aus, als hätten Sie eine einfache Fahrt“, sagt er.
„Danke“, sage ich.

Sie findet Gwen in einem anderen Waggon und erklärt ihr, dass sie ihren Mantel wiederhaben wolle.

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Der Roman „Nördlich der Mondberge“ handelt von einer Frau Anfang 30, die nach einer schlimmen Kindheit, einer verkorksten Jugend und der Verbüßung einer zehnjährigen Haftstrafe über ihre Vergangenheit reflektiert und nach sich selbst sucht.

I. J. Kay hat „Nördlich der Mondberge“ in sechs Abschnitts gegliedert: „Ouvertüre und Anfänger“, drei „Akte“, „Finale und Reprise“, „Zugabe“. Und wie bei einem Theaterstück listet sie zunächst die „Besetzung“ auf. Aber sie entwickelt keine lineare Handlung. Stattdessen präsentiert sie ein Stakkato von durch­einander­gewirbelten Fragmenten. Nach und nach ergibt sich daraus das Bild einer Ich-Erzählerin in drei verschiedenen Lebens­abschnitten: mit etwa zehn bis 14 Jahren, mit 21 und Anfang 30. Das unterschiedliche Alter wird auch durch die Sprache wiedergegeben. So ist Lulu als Kind nicht nur großgewachst, sondern auch immer wieder übergerascht, und statt Renaissance hört sie Reingesangs. Als Kind heißt die Protagonistin Lulu bzw. Catherine Clark, später Beverley Woods und schließlich Louise Alder. Dass sie ein halbes Dutzend Namen benutzt, korrespondiert mit ihrer Selbstsuche, so wie das Chaotische und Unklare der Darstellung die Desorientierung und Verwirrung der Protagonistin spiegelt. Vieles bleibt ungesagt. In die Stimmen der kindlichen, jugendlichen bzw. erwachsenen Ich-Erzählerin hat I. J. Kay Briefinhalte, Protokolle und einen längeren Dialog von Polizisten eingeschoben.

In Spiegeln betrachtet sich die Ich-Erzählerin wie eine Fremde:

Das Mädchen im Spiegel kennt mich nicht, guckt zur Seite wie bei einer Verwechslung.

Das Mädchen im Seitenspiegel hasst mich.

Die Frau im Spiegel erschreckt mich, sie weht aus dem Glas, in bunte Stoffe und einen weißen Schlafanzug gekleidet.

Die Frau im Spiegel sieht mich an.

Als 21-Jährige mag sie sich nicht auf die Rolle einer Frau festlegen:

„Ich bin keine Frau, Heath. […] Ich spiele einfach nicht richtig mit beim Mann-Frau-Spiel.“

Ein Typ kam spezial aus seiner Gruppe raus, um mich zu fragen, ob ich ein Mann wär oder eine Frau. Keins von beidem, hab ich gesagt.

Ob sie ihre Mutter im Krankenhaus tatsächlich oder nur in ihrer Fantasie mit einem Kissen erstickt hat, bleibt offen. Sie beschuldigt sich auch noch anderer Tötungsdelikte, aber die Beweislage reicht nicht für eine Anklage aus.

„Nördlich der Mondberge“ ist ein verstörender Roman, ein Albtraum, auch wenn die Geschichte völlig unsentimental erzählt wird. Des Öfteren blitzen komische, witzige oder sarkastische Einfälle auf – aber das Lachen bleibt einem im Hals stecken.

Am Ende entdeckt Louise Alder ihren seit langem vermissten Mantel. Das lässt sich als Metapher für ihr wiedergefundenes Ich interpretieren – und in diesem Fall hat „Nördlich der Mondberge“ zumindest ansatzweise ein Happy End.

I. J. Kay ist das Pseudonym einer 1961 in Suffolk geborenen Engländerin, die mit „Nördlich der Mondberge“ als Schriftstellerin debütiert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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In "Blond" montiert Joyce Carol Oates aus inneren Monologen, Erzählungen wechselnder Erzähler-Ichs, erfundenen Gedichten und Notizen Marilyn Monroes und angeblichen Kommentaren von Zeitzeugen einen Roman, in dem sie zwischen Fakten und Fiktion bewusst nicht differenziert.
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