Brigitte Kronauer : Der Scheik von Aachen

Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer

Der Scheik von Aachen

Der Scheik von Aachen Originalausgabe: Klett-Cotta, Stuttgart 2016 ISBN: 978-3-608-98314-2, 408 Seiten, 22.95 € (D) ISBN: 978-3-608-10036-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Alter von 42 Jahren gibt Anita Janne­mann ihre Anstellung bei der ETH in Zürich auf und kehrt in ihre Geburtsstadt Aachen zurück, weil dort ihr Geliebter Mario Schlei­felder lebt. Der ist allerdings verreist, als sie eintrifft: Er will den Elbrus besteigen. Anita besucht ihre verwitwete Tante Emmi, in deren Anwesenheit sie den Namen Wolfgang nicht aussprechen darf, denn so hieß ihr mit elf Jahren tödlich verunglückter Cousin ...
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Kritik

Brigitte Kronauers tragikomischer, vor allem aus Dialogen und inneren Mono­logen aufgebauter Roman "Der Scheik von Aachen" dreht sich um Liebe und Selbstzweifel, Trauer und Enttäuschung, Schuldgefühle und Zynismus.
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Im Alter von 42 Jahren gibt Anita Jannemann ihre Anstellung beim interdisziplinären Collegium Helveticum der ETH in Zürich auf und kehrt in ihre Geburtsstadt Aachen zurück, denn an der dortigen Universität arbeitet der Wiener Naturwissenschaftler Mario Schleifelder, in den Anita sich verliebt hat. Anita hofft auf eine Tätigkeit an der RWTH, übernimmt aber fürs Erste den Verkauf in einem Antiquitäten­laden am Domplatz, in dem neben Scherzartikeln Meißener Porzellan angeboten wird. Beim Besitzer handelt es sich um einen schwulen älteren Zyniker namens Marzahn.

Beklommen besucht Anita Jannemann nach langer Zeit erstmals wieder ihre verwitwete Tante Emmi Geibel. Eine Polin namens Bartosz führt der bald Achtzigjährigen den Haushalt. Anita weiß, dass sie den Namen Wolfgang in Gegenwart der Tante nicht aussprechen darf. Selbst bei ähnlich klingenden Wörtern wie Hofgang oder Walfang fährt Emmi hoch. Das ist so, seit Anita die Sonntagnachmittage bei Tante Emmi und Onkel Uwe verbringen musste. Das Kind wurde dann an Wolfgang gemessen, der mehr und mehr zu einer Legende wurde.

Wolfgang hieß Anitas zwei Jahre älterer Cousin. Am 15. April 1981 wollten seine Eltern – Uwe und Emmi Geibel – mit ihm von ihrem Wohnort Monschau nach Aachen fahren, um den 80. Geburtstag von Emmis Vater Hugo Jannemann zu feiern. Emmis Schwestern Wilma und Lucy reisten mit ihren Ehemännern Heinrich und Eberhard aus Paris bzw. München an. Ihr Bruder wohnte ohnehin mit seiner Frau, der neunjährigen Tochter Anita und dem jüngeren Sohn im Haus des Vaters. Kurz vor der geplanten Abfahrt in Monschau kletterte Wolfgang auf eine Birke nahe beim Haus – und stürzte aus der Baumkrone. Dabei rammte sich der Elfjährige das Fahrtenmesser, das er bei sich hatte, ins Herz. Die Eltern flohen ein halbes Jahr später aus Monschau, wo alles sie an den toten Sohn erinnerte. Sie zogen nach Aachen, wo Uwe Geibel eine Anwaltskanzlei leitete.

Inzwischen wohnen alle drei verwitweten Schwestern wieder in Aachen. Anitas Bruder Alexander lebt mit seiner Ehefrau, einer französischen Frisörin, in Paris und führt dort das Unternehmen seines Onkels Heinrich weiter.

Die Ehepaare Geibel und Brammertz, die in benachbarten Häusern in Aachen wohnten, waren eng befreundet. Der Architekt Brammertz half Emmi, den Schmerz über den Verlust des Sohnes zu ertragen.

Die Freundschaft zwischen den Männern sei groß gewesen, die zwischen dem verheirateten Brammertz und der verheirateten Emmi noch viel, viel größer. Heftiger und heimlicher! Das Komische an der Affäre: Je öfter sich Emmi außerehelich mit Brammertz vergnügt habe, desto häufiger sei bei ihr, zum Ausgleich, zur Besänftigung der Gewissensbisse natürlich, die Rede gewesen von ihrem verlorenen Sohn. Unter dem Vorwand architektonischer Ratschläge konnte der Mann auch in Abwesenheit des Ehemanns Emmi besuchen, wann ihm der Sinn danach stand. Später war es sowieso egal. Ob Emmis Mann aus Kummer über den fortgesetzten Ehebruch gestorben sei, wisse niemand. Das müsse Emmi mit ihrem Herrgott ausmachen. Die damalige Ehefrau von Brammertz sei die Seitensprünge gewöhnt gewesen. Dass der Kerl Emmi nach dem Tod des Onkels in vielen, auch bürokratischen Dingen treu geholfen habe, wolle man nicht leugnen, und die Leidenschaft, wenn man es so nennen wolle, habe sich, dem zunehmenden Alter auf beiden Seiten entsprechend, offenbar nach und nach gelegt, verflüchtigt, in Luft aufgelöst. Zudem sei durch Emmis Witwenschaft das Prickelnde des Ehebrechens gegenstandslos geworden, und das sei vielleicht in Richtung einer Wiederaufnahme guter Sitten wirksamer als eine innere Schicklichkeit dem Toten gegenüber gewesen.

Der inzwischen ebenfalls verwitwete Architekt ging vor einiger Zeit bankrott und musste sein Schlösschen verkaufen. Es wird gerade abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Emmi gibt ihrer Nichte Anita zwei 100-Euro-Scheine, die sie dem verarmten Freund zustecken soll.

Nun aber, wo es um den finanziell ruinierten Witwer Brammertz so unglücklich stehe, sei die Beziehung zur dürr gewordenen, aber reichen Emmi, die durch die veränderte Sachlage plötzlich die besseren Karten habe, in irgendeiner Weise wieder aufgeflammt, wenn auch vermutlich nicht körperlich, das wäre ja zum Schießen.

Konrad Brammertz, ein Neffe des Architekten, erwarb vor einigen Jahren einen kleinen Garten über einem Stauweiher. Auf einer Parkbank in dem Hortus conclusus trauert er um seine verstorbene Frau. Als Anita ihm dort begegnet, rät er ihr in Bezug auf seinen Onkel:

„Lassen Sie sich von seinem Ruin nicht zu stark beeindrucken. Er stellt die Dinge gern theatralisch dar. Richtig, er ist ein bisschen verarmt durch fahrlässige Immobilienspekulation, Spielschulden, Frauengeschichten in Verbindung mit Alkohol.“

Anita besucht ihre Tante Emmi nun häufiger, und um sie zu unterhalten, erzählt sie von Mario, der abgereist war, als sie nach Aachen kam: Er will den Elbrus besteigen, den höchsten Berg im Kaukasus. Unvermittelt meint die Tante: „Du liebst ihn gar nicht!“ Zur Bekräftigung schlägt sie mit der Faust auf den Tisch. Anita protestiert und weist darauf hin, dass sie die ganze Zeit von nichts anderem als Mario rede.

Sie erinnert sich, dass auch Mario einmal sagte: „Ich glaube gar nicht, dass du mich liebst.“ Anita denkt neu über ihre Beziehung nach und beginnt sich vor dem Wiedersehen zu fürchten.

Mario könnte seinen Zauber verloren haben und ihren Erwartungen nicht standhalten.

Der ganze Satz würde aus Anitas Mund lauten: Ich habe mich mit diesem Mann (wahlweise: dieser Liebe, dieser stummen Vereinbarung) übernommen, es geht über meine Kräfte, meine Geduld, meine Leidensbereitschaft.

Bald darauf überbringt Marzahn ihr die Nachricht, dass Mario am Elbrus abgestürzt sei. Eine Eislawine traf ihn.

„Er galt wohl nicht unbedingt als großartiger Bergsteiger und hielt sich auch selbst nicht dafür. Der Elbrus war sein höchster Berg überhaupt. Vielleicht haben Sie ihn, ohne es zu ahnen und völlig schuldlos, zu diesem Höhenflug angestiftet?“, sagt Marzahn.

Man hat Mario an Ort und Stelle begraben. Marzahn, der die Mitteilung von Marios Bruder erhielt, hatte Mario vor dessen Abreise versprochen, Anita im Fall eines Unglücks zu benachrichtigen und ihr sein Tagebuch zu übergeben.

„Ich gehe jetzt“, sagt der Antiquitätenhändler, „stehe jedoch zu Ihrer Verfügung, wenn Sie mich brauchen sollten, und zwar jederzeit. Heute ist Samstag. Natürlich wäre es merkwürdig, mit Tränen in den Augen Scherzartikel zu verkaufen, das sehe ich ein. Trotzdem die Frage: Bis wann soll ich das Geschäft schließen?“

Anita liest die knappen Tagebuch­eintragungen und wundert sich darüber, dass Mario überhaupt nichts über sie geschrieben hat.

Ich weiß jetzt, dass ich einen schweren Fehler begangen und mich überhaupt vielleicht aufgedrängt habe, ihm regelrecht nachgelaufen bin, ohne es selbst zu bemerken. Aber warum hat er schließlich dies alles für mich hergerichtet?
Ein verwegener Bergsteiger ist mein Mario, ist dieser Mario nie gewesen. […]
Das Besteigen des Elbrus, das er vor mir als ein angenehmes Abenteuer und letztlich als Kleinigkeit darstellte, war für ihn in Wahrheit ein riskantes, außergewöhnliches Unterfangen […].
Habe ich ihn denn zu begeistert angestarrt, wenn er von solchen Sachen erzählte, habe ich etwas unbewusst von ihm verlangt, was über sein tatsächliches Können ging, und ihn selbst in aller Unschuld eigenhändig in den Kaukasus getrieben? […]
Oder wollte er, weil er bereits Unheil witterte, einfach ausreißen vor meiner Schwärmerei […]?

Als Emmi von Herrn Brammertz eine Karte für die Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck geschenkt bekommt, gibt sie diese an Frau Bartosz weiter. Die Haushälterin liest in der Zeitung, dass ein Bergsteiger aus Aachen im Kaukasus tödlich verunglückte und spricht Anita im Beisein der Tante darauf an. Statt Mitgefühl zu bekunden, äußert Emmi die Sorge, ihre Nichte werde nach dem Tod ihres Geliebten wieder fortziehen.

Marzahn glaubt nicht an die Liebe; er hält sie für ein Hirngespinst.

Unter uns, da Anita manches, aber noch nicht alles durchschaut: Die Vermutung liegt nahe, dass Marzahn Zweifeln für die Königstugend kultureller Intelligenz hält. Anderes interessiert ihn ohnehin nicht. Das drückt sich für ihn – seine römische Erkenntnis – am schlagendsten aus in der Homosexualität, die er mindestens so ideologisch wie animalisch betreibt. Aufrichtige Tränen, die auch er hin und wieder benötigt, spart er sich auf für die Idee eines kleinen Erzengels oder für die malerische oder literarische Beschreibung von Ideallandschaften. Die Gefahr eines allzu dünnblütigen Ästhetentums sieht er durchaus. Daher die sporadische Vorliebe fürs Ordinäre. Trieb und Medizin in eins.

Um zwei Uhr nachts sieht Anita durchs Fenster, wie vor dem Haus ein Auto hält. Der schöne Leo, den Marzahn unlängst hinauswarf, hebt den Antiquitätenhändler vom Beifahrersitz. Anita ist bereits im Treppenhaus, als es bei ihr an der Wohnungstür klingelt.

Als sie unten ist, sind Leo und Auto verschwunden, nur Marzahn lehnt an der von Glasstreifen unterbrochenen Haustür, die sie vorsichtig öffnet, damit er nicht hinschlägt. Bevor sie etwas sagen kann angesichts des fürchterlich zugerichteten Antiquitätenhändlers, lallt er, offenbar mit letzter Kraft: „Hoch zu Ihnen. Schnell! Kein Arzt, keine Polizei!“

Marzahn wurde zusammengeschlagen, vermutlich aus Rache für Leos Hinauswurf. Anita fällt auf, dass er unter der Hose Damenstrümpfe und dazu Lackschuhe trägt. Nachdem sie seine blutigen Verletzungen notdürftig versorgt hat, ruft sie ihm ein Taxi nach Burtscheid, wo er wohnt.

Konrad Brammertz kommt des Öfteren in Marzahns Laden, um bei Anita Lakritz zu kaufen. Später gesteht er:

„Lakritz? Ich esse das Zeug nicht besonders gern. Vielleicht haben Sie es sich längst gedacht, Frau Jannemann. Mir ist nur nichts anderes eingefallen, was ich in Ihrem Laden kaufen könnte.“

Er fährt mit Anita nach Jülich und weiter nach Pommenich, einen Ortsteil von Pier bzw. der Gemeinde Inden. Dort zeigt er ihr den größten Schaufelradbagger der Welt: „220 Meter lang, 90 Meter hoch, 14 200 Tonnen schwer. Fördermenge: bis zu 240 000 Kubikmeter pro Tag“. Dann führt er sie in die Sternwarte von Pommenich, die in ein paar Tagen abgerissen werden soll. Um an die Kohle zu kommen, vernichtet man Ortschaften. Konrad Brammertz ist Bauingenieur, übt jedoch seinen Beruf nicht mehr aus, weil er die allgemeine Zerstörung nicht ertrug. Inzwischen berät er bei der Einrichtung und Modernisierung von Heimatmuseen.

Frau Bartosz setzt durch, dass zu ihrer Entlastung eine Putzfrau eingestellt wird. Sie heißt Edyta und stammt ebenfalls aus Torunia (Thorn). Von Frau Bartosz erfährt Anita, dass ihre Tante unentwegt von Wolfgang redet. Nur in Anwesenheit ihrer Nichte darf der Name nicht in den Mund genommen werden. Daraufhin verstößt Anita bewusst gegen das ungeschriebene Verbot und gesteht ihrer Tante, dass sie Wolfgang damals das Fahrtenmesser geschenkt hatte.

Konrad Brammertz rät Anita, es dabei zu belassen:

„Gönn ihr um Gottes Willen das Manöver. Nicht dran rühren! Als Katholikin, in dieser Gegend ist das wenigstens naheliegend, liebt sie das Verbot. Und ich, als Spezialist für Heimatmuseen, behaupte: es ist ihre kleine Hauskapelle. Wenn ihr beide zusammen seid, steigt der Weihrauch auf. Der bittere Stolz auf ihr besonderes Schicksal beginnt in deiner Gegenwart wieder zu glänzen. Aber nur, das ist der Witz, ohne Aussprache. Eine Aussprache würde das quasi Heilige in Luft auflösen, ich meine, den Zauber ersatzlos streichen.“

Anita vertraut Konrad an, dass sie ihrem Cousin das Messer nicht aus Zuneigung schenkte, sondern ihn mit der Frage, was man damit wohl anstellen könne, dazu anstiftete, etwas Gefährliches zu tun. Insgeheim denkt Anita, sie habe auf ähnliche Weise auch Mario in den Tod getrieben.

Konrad erzählt Anita, dass er als Kind oft seine Großmutter besuchte, die in einem kleinen Alpenort wohnte. Er war 14, als sie starb, aber auch danach fuhr er immer wieder hin und wohnte bei einer älteren Frau, die ihm gewissermaßen die Großmutter ersetzte. Die soll nun auf Druck der Verwandtschaft ihr zweieinhalb Jahrhunderte altes, feuergefährdetes Holzhaus verlassen und in ein Pflegeheim umziehen. Konrad will die auf Wintertourismus erpichte Gemeinde überreden, das Haus nicht nur zu erhalten, sondern in „eine Art Langzeitgedächtnis des Ortes“ umzuwandeln.

„Ich frage dich, ob du, dringend erwünscht, meine, hm, Mitstreiterin werden willst, weiblicher Compagnon. Ernstes Angebot für einen neuen Job, Anita. Keine Probezeit, ordentliche Entlohnung zugesichert.“

Anita kann sich sorglos darauf einlassen, denn Emmi und der Architekt Brammertz wollen heiraten, und Marzahn findet einen hübschen Knaben, der die Arbeit im Antiquitätenladen übernimmt.

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Der Titel „Der Scheik von Aachen“ klingt wohl nicht zufällig ähnlich wie der eines Märchens von Wilhelm Hauff: „Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven“ (1827). Es handelt von Ali Banu, dem Scheik von Alessandria, der um seinen von den Franken entführten Sohn Kairam und seine aus Gram über den Verlust des Kindes gestorbene Ehefrau trauert. Am zehnten Jahrestag der Entführung hört sich der Scheik Geschichten an, die ihm fünf kürzlich von ihm erworbene junge Sklaven erzählen und lässt sie dann frei. Einer von ihnen ist Kairam, aber der Vater erkennt ihn zunächst nicht, weil seine Augen durch Tränen getrübt sind.

Auch die Figuren in dem Roman „Der Scheik von Aachen“ von Brigitte Kronauer haben Verluste erlitten und halten sich mit Erinnerungen bzw. Legenden aufrecht. „Der Scheik von Aachen“ dreht sich um Liebe und Selbstzweifel, Trauer und Enttäuschung, Schuldgefühle und Zynismus. Dabei sind Tragik und Komik dicht beieinander, wie in dem Antiquitätenladen in Aachen, in dem Anita Jannemann aushilfsweise Scherzartikel und Lakritz, aber auch Meißener Porzellan verkauft. Krachende Action-Szenen darf man von Brigitte Kronauer nicht erwarten. „Der Scheik von Aachen“ ist vor allem aus Dialogen und inneren Monologen der Protagonistin im Präsens aufgebaut. Eingeflochten sind Kommentare der Autorin mit direkter Ansprache der Leserinnen und Leser. Beispiele:

Schon drängen sich drei Fragen auf. Vor wem fürchtet sich Anita? Vor Emmi. Zu wem spricht sie? Zunächst zu sich, dann zu Ihnen, jawohl, zu Ihnen, auch wenn Sie für Anita noch viel fiktiver sind als umgekehrt.

Oder will sie im Erzählen den Auftritt ihres Ritters – na, Sie begreifen schon.

Vielleicht sind Sie längst der Meinung, Anita könnte der Sache mit der alten Furcht vor Emmi und ihren grünen Augen mit Verstand beikommen? Aber wenn ihr nun schwant, dass sie momentan mehr davon hat, wenn sie bei der Furcht bleibt? Und falls Sie sich wundern sollten, dass sie der alten Frau das alles berichtet, dann bedenken Sie bitte, dass sie, außer dem einen, für den die Berge nichts Neues sind, noch keine richtigen Freunde in Aachen hat. Vor allem muss sie, da sie schon mal hier ist, gegen Emmis alten Kummer anreden.

Zwei Wochen später, an einem Nachmittag Anfang September, sehen Sie auf der Bank im hortus conclusus nebeneinander einen Mann und eine Frau sitzen. Zwischen dem Paar steht ein kleiner Picknickkorb. Sie heben gefüllte Sektgläser und bringen sie in der Luft schwungvoll zum Klingen. Selbst Sie könnten wohl kaum entscheiden, welches Gesicht glücklicher lächelt, das männliche oder das weibliche.

Konrad Brammertz zeigt Anita Jannemann im Herbst 2014 die Sternwarte von Pommenich. In Wirklichkeit wurde der Ort 2013/14 eingeebnet. Brigitte Kronauer kommentiert denn auch:

Tatsächlich war die Sternwarte, um 1968 vom Dorfarzt Johannes Pottgießer errichtet, zu diesem Zeitpunkt im Zuge der waltenden Vernichtung bereits abgerissen, aber, Sie werden die zeitliche Platzierung hoffentlich billigen und Anita zustimmen, „wie gut das passt, nach dem Stall die Sternwarte von Pommenich“

Als Anita Jannemann ihrer Tante von der Astronomin Caroline Herschel (1750 – 1848) erzählt, fügt Brigitte Kronauer ein:

Falls es Sie interessiert: Am 1. August notierte sie in einem privaten Brief: „Ich habe einhundert Nebulae berechnet und diesen Abend erblickte ich ein Object, das sich, glaube ich, morgen Nacht als Komet ausweisen wird. – 2. August: Heute berechnete ich 150 Nebulae. Ich fürchte, es wird heute Abend nicht klar sein, Es hat den ganzen Tag geregnet, scheint sich aber jetzt ein wenig aufzuhellen. – 1 Uhr. Das Object ist ein Komet.“ Die Nachricht an den Fachmann Dr. Blagdon klingt so: 1. August 1786. 9 h 50′. Fig. 1. Das Object im Centrum gleicht einem Sterne außerhalb der Brennweite, während das Uebrige vollständig klar ist. Ich vermuthe, es ist ein Komet. 10h 33′. Fig. 2. Der muthmaßliche Komet bildet jetzt ein vollständig gleichschenkliges Dreieck mit den Sternen a. und b. 11h 8′. Ich glaube, die Stellung des Kometen entspricht jetzt der Fig. 3, aber es ist so neblig, dass ich den kleinen Stern b nicht deutlich genug sehen kann, um der Bewegung gewiss zu sein. Mit unbewaffnetem Auge erblickt man den Kometen zwischen den Sternen 54 und 53 Ursae Majoris und 14, 15 und 16 Comae Berenices. Er bildet mit ihnen ein stumpfwinkeliges Dreieck, dessen Scheitel nach Süden gerichtet ist. 2. August. 10h 9′. Der Komet befindet sich jetzt zu den Sternen a und b in der Stellung, welche Fig. 4 zeigt. Dadurch ist seine Bewegung seit vergangener Nacht erwiesen.“

Auf den letzten Seiten von „Der Scheik von Aachen“ lässt Brigitte Kronauer den Zyniker Marzahn ausführlich zu Wort kommen.

Marzahns Fragmente,
die Anita vorläufig ungelesen in ihre Tasche schiebt. (Sie können, wenn Sie wollen,
natürlich genauso verfahren!)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH

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