Lessing : Minna von Barnhelm

Minna von Barnhelm
Manuskript: 1764 – 1767 Uraufführung: Hamburg 1767 dtv, München 1997 ISBN 3-423-02610-3
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil der preußische Major von Tellheim im Siebenjährigen Krieg die von den Sachsen einzutreibenden Kontributionen aus eigener Tasche vorstreckte, wird er 1763 angeklagt und wartet nun auf den Ausgang des Prozesses. Unverhofft taucht seine sächsische Verlobte Minna von Barnhelm auf. Wegen seiner finanziellen Nöte und seiner unehrenhaften Lage sieht Tellheim sich jedoch außerstande, sein Eheversprechen einzulösen ...
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Kritik

Mit dem Lustspiel "Minna von Barnhelm" stellte Lessing der damals üblichen Posse erstmals eine zwar heitere, aber erst zu nehmende Dichtung gegenüber. Das Stück gilt als erste deutsche Komödie.
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Das Stück spielt im August 1763, unmittelbar nach dem Siebenjährigen Krieg, in einem Wirtshaus bei Berlin. Major von Tellheim, der im Krieg durch einen Schuss am Arm verwundet wurde, hat mit der Verabschiedung aus der preußischen Armee sein Einkommen eingebüßt. Vor allem leidet er darunter, dass man ihm vorwirft, seine Pflichten gegenüber König Friedrich II. verletzt zu haben. Tellheim sollte während des Krieges in Thüringen, einem zu Sachsen gehörenden Territorium, Kriegskontributionen eintreiben. Dabei verständigte er sich mit den durch den Krieg zahlungsunfähigen sächsischen Ständen auf einen minimalen Betrag, den er außerdem aus seiner eigenen Tasche vorstreckte. Als er den ausgestellten Wechsel nach dem Krieg bei der Berliner Kriegskasse einlösen wollte, wurde er wegen Korruption angeklagt und wartet nun mit seinem Diener Just auf den Ausgang des Gerichtsverfahrens. Die Möglichkeit, ins Ausland zu fliehen, zieht Tellheim gar nicht in Betracht.

Ich brauche keine Gnade; ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre – (4. Aufzug, 6. Auftritt)

Nicht zuletzt aufgrund seines Großmuts gegenüber den sächsischen Ständen verliebte sich Minna von Barnhelm in Tellheim, und die beiden verlobten sich während des Krieges in Thüringen. Unerwartet taucht Minna von Barnhelm mit ihrer Dienerin Franziska in Berlin auf. Tellheim sieht sich jedoch wegen seiner Geldsorgen und seiner unehrenhaften Lage außerstande, Minna von Barnhelm zu heiraten. Er versetzt sogar beim Wirt seinen Verlobungs-Brillantring. Den Kredit, den ihm der befreundete Wachtmeister Paul Werner anbietet, will er nicht annehmen. Und trotz seiner eigenen finanziellen Not zerreißt er einen von Stabsrittmeister Marloff ausgestellten Schuldschein und erlässt dessen Witwe die Rückzahlung.

Minna von Barnhelm kauft dem Wirt den versetzten Verlobungsring ab, gibt ihn Tellheim und lässt ihn glauben, es sei ihr eigener Ring.

Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurück, mit dem Sie mir Ihre Treue verpflichtet. Es sei drum! Wir wollen einander nicht gekannt haben! (4. Aufzug, 6. Auftritt)

Er muss also annehmen, dass sie die Verlobung löst, zumal Franziska dem Major auf Anweisung ihrer Herrin vormacht, Minna von Barnhelms Oheim und Vormund, der Graf von Bruchsall, habe sie enterbt und sie sei nun ebenso mittellos wie Tellheim.

Warum soll ich es Ihnen nicht sagen? Es kann doch länger kein Geheimnis bleiben. – Der Graf von Bruchsall hat das Fräulein enterbt, weil sie keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verließ, alles verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlosen uns denjenigen aufzusuchen, dem wir – (4. Aufzug, 7. Auftritt)

Als der Major nicht mehr befürchten muss, von Minnas Geld leben zu müssen, will er sie nun doch heiraten. Tellheim nimmt sogar das von Paul Werner angebotene Geld an, weil er glaubt, den versetzten Ring zurückkaufen zu müssen.

Wie ist mir? – Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein eignes Unglück schlug mich nieder; machte mich ärgerlich, kurzsichtig, schüchtern, lässig: ihr Unglück hebt mich empor, ich sehe wieder frei um mich, und fühle mich willig und stark, alles für sie zu unternehmen. (5. Aufzug, 2. Auftritt)

Als die Nachricht eintrifft, Friedrich der Große habe den Prozess gegen Tellheim niedergeschlagen, der Major sei rehabilitiert und bekomme den ihm zustehenden Geldbetrag ausbezahlt, scheint sich alles zum Guten gewendet zu haben. Doch jetzt weigert Minna von Barnhelm sich zum Schein, Tellheims Frau zu werden, denn sie möchte ihm wegen seines Starrsinns eine Lektion erteilen.

Konnte nur sein wiederkehrendes Glück ihn in dieses Feuer setzen? – Er erlaube mir, dass ich, bei seiner fliegenden Hitze, für uns beide Überlegung behalte. – Als er selbst überlegen konnte, hörte ich ihn sagen: es sei eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trage, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. – Recht; aber ich bestrebe mich einer ebenso reinen und edeln Liebe, als er. – Jetzt, da ihn die Ehre ruft, da sich ein großer Monarch um ihn bewirbt, sollte ich zugeben, dass er sich verliebten Träumereien mit mir überließe? dass der ruhmvolle Krieger in einen tändelnden Schäfer ausarte? – Nein, Herr Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals –
[…] Ich weise Sie in die große Welt, auf die Bahn der Ehre zurück, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen. (5. Aufzug, 9. Auftritt)

Erst als der Graf von Bruchsall eintrifft, beendet Minna von Barnhelm die Komödie und stellt dem Oheim ihren Bräutigam vor.

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„Verfertigt im Jahre 1763“ ließ Gotthold Ephraim Lessing auf das Titelblatt drucken. Tatsächlich schrieb er das Lustspiel „Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ nicht im letzten Jahr des Siebenjährigen Krieges, sondern erst 1764 bis 1767. Die Uraufführung fand am 30. September 1767 in Hamburg statt.

Major von Tellheim steht zwar anderen großzügig bei – den sächsischen Ständen und der Witwe Marloff –, aber er selbst nimmt keine Hilfe an, schon gar nicht von einer Frau. Das lässt sein Stolz nicht zu. Lieber verzichtet er auf seine große Liebe Minna von Barnhelm. Die wirft ihm außerdem vor, dass er das „Gespenst der Ehre“ zu wichtig nehme und damit den Weg zu Liebe und Glück blockiere.

O, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! für alles andere Gefühl sich verhärten! (4. Aufzug, 6. Auftritt)

Dabei übersieht sie, dass der Major ohne die Wiederherstellung seiner Ehre durch die juristische Rehabilitation kein standesgemäßes Leben mehr führen könnte. Geld spielt in „Minna von Barnhelm“ eine entscheidende Rolle.

Den Gegenpol zu dem kompromisslosen, ehrenhaften Tellheim bildet der eitle Franzose Riccaut de la Marliniere, der jede Gelegenheit nutzt, um sich Vorteile zu verschaffen.

Lessing schreibt Tellheim die selbstverschuldete Unmündigkeit [Immanuel Kant] auf den Leib, während Minna im Sinne der Aufklärung ein „kompletter“ Mensch mit Herz und Verstand ist. Das Fräulein von Barnhelm wird als „emanzipierte“ Frau dargestellt, die das Handeln dem Beten vorzieht. Tellheim hingegen ist im Sinne der Aufklärung zu engstirnig, um die vernünftigen Argumente Minnas nachvollziehen zu können. Er setzt den gesellschaftlichen Stand vor die Liebe. Außerdem präsentiert sich der Major als unglücklichen Menschen […] Minna lässt sich von seinen Reden jedoch nicht beeindrucken und reißt ihn gegen seinen Willen aus seinen Depressionen […] Das isst ganz im Sinne der Aufklärung. (Viola Sommer, Programmheft der Theater AG der Eichendorfschule, Kelkheim)

In dem Drama werden nicht mehr, wie noch Johann Christoph Gottsched lehrte, moralische Fehler oder soziale Untugenden dem Verlachen preisgegeben, sondern ernst zu nehmende Probleme heiter gelöst. „Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein?“, fragt Minna von Barnhelm. (Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Dortmund 1989, Band 4, Seite 2004)

„Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ gilt als erste deutsche Komödie. Lessing stellte damit der bis dahin üblichen Posse echte Dichtung entgegen. Das Stück ist in Deutschland noch immer häufig auf der Bühne zu sehen. Es wurde mehrmals verfilmt: von Hans Schweikart („Die Heldinnen“, 1940), Dietrich Haugk (1960) und Martin Hellberg (1962). Eine Adaptation als Musical wurde am 2. Dezember 2000 in Heilbronn uraufgeführt (Idee: Klaus Wagner, Text: Michael Wildenhain, Musik: Konstantin Wecker und Nicolas Kemmer).

Literaturhinweis:
Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm. Erläuterungen und Dokumente (Reclam, Stuttgart 2003)

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

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Karin Feuerstein-Praßer - Die preußischen Königinnen
Die Historikerin Karin Feuerstein-Praßer verfolgt die Schicksale von sieben preußischen Königinnen und beleuchtet dabei zugleich mehr als 150 Jahre preußischer Geschichte.
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Karin Feuerstein-Praßer

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