Tecia Werbowski : Hotel Polski

Hotel Polski

Tecia Werbowski

Hotel Polski

Manuskript: 1999 Hotel Polski Übersetzung: Barbara Schaefer kalliope paperbacks, Bettina Weiss Verlag, Heidelberg 2013 ISBN: 978-3-9814953-3-1, 76 Seiten, 14 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eva Price lebt mit ihrem Mann und den Kindern in Montreal. "Unzufrieden mit ihrer Zufriedenheit" nimmt sie jedes Jahr im Einvernehmen mit der Familie eine zweiwöchige Auszeit in Paris. Als sie durch zwei an ihre vor fünf Jahren verstorbene Mutter Anna gerichtete Briefe erfährt, dass ihre Großeltern mütterlicherseits polnische Juden waren und Anna 1943 in Warschau eine Affäre mit einem Deutschen hatte, ändert sich ihr Leben plötzlich ...
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Kritik

In der bestürzenden Erzählung "Hotel Polski" beleuchtete eine differenziert dargestellte gegenwärtige Geschichte eine andere, die Jahrzehnte zuvor stattfand. Tecia Werbowski erzählt anschaulich, leicht und elegant.
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Eva Price wurde 1946 in Kanada geboren. Sie lebt mit ihrem Ehemann John und den Kindern in Montreal und arbeitet in der Universitätsbibliothek.

Ein vielleicht zu eintöniges und allzu vorhersehbares Leben?
Tatsächlich ging in ihrem Innersten, ganz tief in ihrer Seele, etwas vor sich, das schwer zu beschreiben war, eine Art unbegreiflicher Weltschmerz, eine Ruhelosigkeit, eine Unzufriedenheit mit ihrer Zufriedenheit […].

Jedes Jahr nimmt Eva sich deshalb im Einvernehmen mit ihrem Mann eine zweiwöchige Auszeit, die sie immer allein und in der Regel in Paris verbringt.

Während John geschäftlich in Toronto zu tun hat und die Kinder im Ferienlager sind, erhält Eva einen an ihre vor fünf Jahren verstorbene Mutter Anna Kamien-Patterson gerichteten Brief. Bei der Absenderin handelt es sich um eine Ilse Riegel in Düsseldorf, von der Eva noch nie etwas gehört hat. Sie schreibt, ihr Ehemann Joachim sei vor einem halben Jahr an Krebs gestorben und habe seinem Sohn Heinrich Riegel in Düsseldorf Sachen hinterlassen, die für Anna bestimmt seien, die im Mai 1943 im Hotel Polski in Warschau eine Liebesaffäre mit ihm gehabt habe.

Eva wundert sich: Sie weiß zwar, dass ihre Mutter aus Warschau stammte, aber wie soll eine Polin 1943 Umgang mit einem Deutschen gehabt haben?

In der Bibliothek liest Eva in dem 1982 von Abraham Shulman veröffentlichten Buch „The Case of Hotel Polski“ und erfährt, dass die deutsche Besatzung vor allem reiche Juden, die sich nach der Zerstörung des Warschauer Ghettos im April 1943 noch in der Stadt versteckten, mit dem Versprechen von Ausreisegenehmigungen ins Hotel Polski lockten.

In der Nacht hat Eva einen Albtraum: Sie sitzt mit ihrem Geliebten, dem jüdischen Verräter Lolek Stokowski, an einem Tisch im Hotel Polski, trinkt Wodka und isst marinierte Heringe.

Eine polnische Hausverwalterin, einen Besen in der Hand, flüsterte ihren Hausbewohnern zu: „Haben Sie gehört, haben Sie gehört? Diese reichen Juden setzen sich mit Luxusbussen ins Ausland ab, sie besorgen sich fremde Pässe, eine fremde Identität und zahlen dafür einen Haufen Geld, Schmuck, Diamanten, Goldmünzen, Dollars, sie sind stinkreich, diese Juden. Ich habe gehört, sie wären alle umgekommen, im Ghetto verbrannt, aber das stimmt nicht. Hunderte von ihnen sind wie Kakerlaken aus ihren Verstecken hervorgekrochen. Sie sind stinkreich, diese Juden.“

Die deutschen Gestapoleute trafen lächelnd ein: „Meine Damen und Herren, etwas mehr Ordnung bitte. Halten Sie Ihr Geld und Ihre Wertgegenstände bereit und begeben Sie sich zu den Herren Kenigel und Guzik wegen Ihrer Papiere. In einer Woche geht der erste Transport nach Vittel.“

Eine Jüdin namens Franziszka Mann zieht die Bluse und den BH aus. Die Gestapomänner starren sie an und erwarten, dass der Striptease weitergeht. Franziszka bückt sich lasziv, nimmt einen ihrer hochhackigen Schuhe in die Hand, rammt einem SS-Mann den Absatz ins Gesicht, entreißt ihm die Pistole und feuert sie auf ihn ab. Gleich darauf wird sie erschossen.

Eva sucht im Hotel Polski nach ihrer Mutter.

„Verzeihen Sie“, fragte sie höflich, „kennen Sie Frau Anna Kamien?“
Eine Frau mit gebleichtem blondem Haar erwiderte: „Anna Kamien, die hübsche, arisch aussehende Schlampe, die mit Joachim Riegel, diesem Deutschen, schläft? Sie ist mit ihm hinausgegangen. Und woher kommen Sie?“
„Aus Kanada.“
Die ganze Meute fiel über Eva her. „Wir wollen auch nach Kanada. Rette uns …“

Schweißgebadet schreckt sie aus dem Traum auf.

Als der Bankangestellte Heinrich Riegel in Düsseldorf erfährt, dass seine Stiefmutter Ilse der früheren Geliebten seines Vaters schrieb, bleibt ihm nichts anderes übrig, als endlich die Schachtel zu öffnen, die sein Vater ihm hinterließ.

Heinrich Riegels Ehefrau Nicole unterrichtet als Französischlehrerin, der Sohn Rudi bereitet sich in Heidelberg auf die Promotion vor, die Tochter Inge absolviert ein Praktikum im Krankenhaus und beabsichtigt, sich für einen Entwicklungshelfer­einsatz in Afrika zu melden. Nachdem Heinrichs Mutter an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte der Vater, ein Professor für slawische Sprachen, ein zweites Mal geheiratet.

In der Schachtel findet Heinrich ein an ihn gerichtetes Schreiben seines Vaters, alte Briefe, Dokumente, Fotos und einen Ring. Joachim Riegel berichtet von seinen Erlebnissen im Mai 1943. Er war damals noch Slawistik-Student, frisch verheiratet und strebte eine Diplomatenkarriere an. Nachdem er sich von einer Verwundung an der Front erholt hatte, wurde er nach Warschau abkommandiert. Dort sollte er im Hotel Polski als Übersetzer arbeiten und heimlich die Gäste beobachten.

Anna Kamien sprach ihn an. Die junge, sehr attraktive Jüdin wollte in die USA emigrieren, wusste jedoch nicht, ob ihre Ersparnisse ausreichten. Offenbar kam sie aus einer guten Familie; sie war belesen, gebildet und intelligent. Als Joachim Riegel ihre abgearbeiteten Hände bemerkte, erklärte sie ihm, damit habe sie früher Klavier gespielt, aber in den letzten drei Jahren sei sie Küchenhilfe gewesen. Zum Abendessen lud Joachim sie ins Hotel Bristol ein.

Er deflorierte sie. Ihre Liebesbeziehung dauerte einige Wochen. In dieser Zeit wurden einige der Gäste im Hotel Polski mit Bussen abgeholt. Es hieß, man bringe sie vorübergehend nach Vittel. Die Zurückgebliebenen wunderten sich darüber, dass sie nach der Ankunft nichts von sich hören ließen.

Als das Hotel Polski dann von den Deutschen geräumt wurde und die verbliebenen Gäste in Lieferwagen statt Bussen weggebracht wurden, war Joachim bei Anna im Zimmer. Es gelang ihnen, sich mit drei anderen Personen auf dem Dachboden des Hotels zu verstecken.

Anna, die inzwischen gefälschte Papiere für eine arische Identität besaß, wollte an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, und Joachim wurde am nächsten Tag nach Deutschland zurückbeordert.

Den Unterlagen in der Schachtel entnimmt Heinrich, dass sein Vater Anna nach dem Krieg Geld von Düsseldorf nach Warschau überwies und ihr damit vermutlich die Auswanderung nach Kanada finanzierte. Sie erstattete ihm das Geld dann in Raten zurück. Ihr letzter Brief in der Schachtel ist vom September 1946 datiert. Weil er in polnischer Sprache verfasst ist, kann Heinrich ihn nicht lesen.

Nun schreibt auch er einen Brief an Anna.

Eva antwortet ihm, und er schlägt ihr ein Treffen im Oktober in Warschau vor.

Weder er noch sie sprechen darüber mit ihrem Ehepartner.

Am 23. Oktober trifft Eva, die eigens ihren diesjährigen Europaaufenthalt verschoben hat, um aus Paris anreisen zu können, in Warschau ein. Heinrich hat Zimmer im Hotel Bristol reserviert. Sie gehen zusammen essen.

Am nächsten Tag schaut sich Eva unter einem Vorwand allein im ehemaligen Hotel Polski um. Das Gebäude wurde während des Warschauer Aufstands 1944 bis auf die klassizistische Fassade zerstört, aber nach dem Krieg wieder aufgebaut. Inzwischen dient es dem Metallarbeiterverband als Gästehaus.

Als sie Heinrich am Abend im Restaurant des Hotels Bristol wiedersieht, fragt sie ihn:

„Sagen Sie, warum haben Sie mir dieses Treffen überhaupt vorgeschlagen? Um mit mir ins Bett zu gehen? Um etwas Aufregendes wiederzubeleben, um sich wie Ihr Vater zu fühlen, um etwas zu erleben, das über das Gewöhnliche hinausgeht, weil Ihr Leben so monoton, so langweilig ist? Und was soll der Brief, den Ihre Stiefmutter an meine Mutter geschrieben hat? Was wollte sie? Seit ich diesen Brief bekommen habe, kann ich nicht mehr schlafen. Ich habe über all die Kriegsgräuel gelesen. Die Grausamkeiten Ihrer Landsleute. Sie wollen einen Orden dafür, dass Ihr Vater mit meiner Mutter geschlafen hat? Sie wollen eine Art Absolution? Ich habe ein ganz normales Leben in meinem Land geführt, und dieser Brief hat mein Leben total auf den Kopf gestellt. Nun muss ich mich, als Protestantin, mit der Tatsache auseinandersetzen, dass meine Mutter Jüdin war, und ich weiß nicht, was ich mit dieser Entdeckung anfangen soll. Warum haben Sie diese Begegnung initiiert? Wem nützt das?“

Er entgegnet:

„Jeder klagt die Deutschen an. […] Wir haben genug davon, wir wollen vergessen. […] Mein Vater hat Ihre Mutter gerettet! Ich habe mit der Vergangenheit nichts zu tun, verstehen Sie! Wenn man besessen ist von der Vergangenheit, kann man sich die Zukunft vergiften.“

Nachdem sie sich beide beruhigt haben, nimmt er sie mit in sein Zimmer, um ihr den Inhalt der Schachtel zu zeigen und ihr den Ring auszuhändigen, den sein Vater 1943 von Anna zum Abschied bekommen hatte.

Der dritte und letzte gemeinsame Abend in Warschau endet damit, dass Eva und Heinrich um 2 Uhr in sein Zimmer gehen und miteinander schlafen.

Am Morgen verabschieden sie sich. Heinrich nimmt ein Taxi. Als Eva ihre Rechnung bezahlen möchte, erfährt sie, dass sie bereits beglichen wurde, und sie bekommt einen Blumenstrauß, mit einer Karte. Heinrich hat „Faust“ zitiert:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

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Tecia Werbowski erzählt die bestürzende Geschichte weitgehend aus dem Blickwinkel Evas. Nur in der Mitte wechselt sie für zwei Abschnitte zur Perspektive Heinrichs bzw. seines Vaters Joachim. Ein Teil der Handlung (Eva, Heinrich) findet in der Gegenwart statt, der andere (Anna, Joachim) in der Vergangenheit. Dabei beleuchtet die differenziert dargestellte gegenwärtige Entwicklung die andere, die Jahrzehnte zuvor stattfand und nur in Umrissen bekannt ist.

Obwohl der 1943 im Hotel Polski spielende Teil der Erzählung den Holocaust thematisiert, ist „Hotel Polski“ keine düstere, belastende, sondern eine leichte und elegante Lektüre. Tecia Werbowski erzählt anschaulich, und es gelingt ihr, den Leser rasch zu fesseln.

Tecia Werbowski schrieb das Manuskript 1999 in englischer Sprache, aber die Erzählung „Hôtel Polski“ erschien zuerst in einer französischer Übersetzung in Frankreich (1999) und in Kanada (2008). Barbara Schaefer übertrug die Erzählung ins Deutsche, wobei der ursprüngliche Text in Absprache mit Tecia Werbowski leicht überarbeitet wurde, und 2014 veröffentlichte der Bettina Weiss Verlag in Heidelberg – kalliope paperbacks – diese deutsche Fassung der Erzählung „Hotel Polski“.

Das Hotel Polski in Warschau gab es tatsächlich. Das Gebäude entstand im 17. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erwarb es der Bankier Fryderyk Kabrit und ließ es nach seinen Vorstellungen umgestalten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Palais ein Hotel. Ein weiterer Umbau erfolgte von 1816 bis 1819.

Nachdem im Sommer 1942 mit der Räumung des Warschauer Ghettos begonnen worden war, kündigten die deutschen Besatzer an, Juden mit Pässen neutraler Staaten ausreisen zu lassen, und im Mai 1943 boten Kollaborateure entsprechend gefälschte Pässe reichen Juden an, die sich noch immer in Warschau versteckten. Ob dies im Auftrag der Besatzungsmacht geschah oder ob sich einzelne deutsche Offiziere mit der Aktion bereichern wollten, wissen wir nicht. Unklar ist auch, ob tatsächlich an eine Abschiebung der Juden oder einen Austausch mit deutschen Kriegsgefangenen der Alliierten gedacht war, oder ob einfach Juden aus ihren Verstecken gelockt werden sollten. Jedenfalls stellten etwa 3000 Juden Ausreiseanträge und wurden daraufhin im Hotel Polski ebenso wie im Hotel Terminus und im Hotel Royal interniert. Viele von ihnen brachte man in das deutsche Internierungslager in Vittel und in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Visa erhielten jedoch nur etwa 350 von ihnen, die nach Palästina wollten. Die anderen wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Das Hotel Polski brannte während des Warschauer Aufstands 1944 aus. Das Gebäude wurde zwar 1949/50 wieder aufgebaut, aber seither nicht mehr als Hotel genutzt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © kalliope paperbacks, Bettina Weiss Verlag

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