Nirgendwo in Afrika

Nirgendwo in Afrika

Nirgendwo in Afrika

Originaltitel: Nirgendwo in Afrika - Regie: Caroline Link - Drehbuch: Caroline Link, nach dem Roman "Nirgendwo in Afrika" von Stefanie Zweig - Kamera: Gernot Roll - Schnitt: Patricia Rommel - Musik: Niki Reiser - Darsteller: Juliane Köhler, Merab Ninidze, Lea Kurka, Karoline Eckertz, Matthias Habich, Sidede Onyulo, Gerd Heinz, Hildegard Schmahl, Maritta Horwarth, Regine Zimmermann u.a. - 2001; 140 Minuten

Inhaltsangabe

Vor dem Hintergrund der NS-Herrschaft in Deutschland schildert Caroline Link das Schicksal der Familie eines jüdischen Rechtsanwalts aus Oberschlesien, die 1938 nach Kenia emigriert. Während es der sechsjährigen Tochter mühelos gelingt, sich in die neue Umwelt einzuleben, tun die Eltern sich schwer damit.
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Kritik

Ein vielschichtiges und meisterhaft strukturiertes Drehbuch, sensible Schauspieler, eine großartige Kameraführung und überwältigende Landschaftsaufnahmen machen aus "Nirgendwo in Afrika" ein grandioses Filmepos und ein eindrucksvolles Plädoyer für Toleranz.
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Im Frühjahr 1938 beschwört Walter Redlich (Merab Ninidze) seine bei ihrer gutbürgerlichen jüdischen Familie in Breslau lebende Frau Jettel (Juliane Köhler) in einem Brief, keinen Tag zu zögern und mit ihrer Tochter Regina (Lea Kurka / Karoline Eckertz) sofort zu ihm nach Kenia zu kommen. Die jüdische Gemeinde in Nairobi bezahle die Überfahrt. Schweren Herzens verabschiedet Jettel sich von ihren Eltern und ihrem Schwiegervater, bevor sie mit dem Kind nach Afrika reist.

Walter Redlich, der als Jude seinen Anwaltsberuf in Deutschland nicht mehr ausüben durfte, hat in Kenia eine Stelle als Verwalter einer Farm bekommen. Statt des von ihm erbetenen Eisschranks bringt Jettel ihr Rosenthal-Geschirr mit und ein Abendkleid, das sie sich kurz vor der Abreise kaufte. Sie ist nicht bereit, die Sprache der Einheimischen zu erlernen, schimpft über das vorwiegend aus Mais und Eiern bestehende Essen, das ihnen der schwarze Koch Owuor (Sidede Onyulo) zubereitet und will nicht auf der Farm bleiben. „Wenn Du mit mir sprechen willst“, herrscht sie Owuor an, „musst du schon Deutsch reden“ – als ob es für den Afrikaner einen Grund dafür gäbe. Sie hofft, dass der Spuk in Deutschland bald vorbei sei und sieht nicht ein, warum man sie dort verfolgen würde: Der jüdische Glaube hat weder für sie noch für Walter jemals eine Rolle gespielt, und sie fühlen sich als Mitglieder der deutschen Kulturnation wie alle anderen Deutschen auch. Am 9. November 1938 erfährt Walter aus dem Radio, das ihnen der seit 1933 in Kenia lebende jüdisch-deutsche Arzt Süßkind (Matthias Habich) schenkte, dass die Nationalsozialisten jüdische Synagogen und Geschäfte zerstört haben. Nach Deutschland können sie nicht zurückkehren. Es geht ums Überleben. Der Verlust der Heimat, die Angst vor der Zukunft und die Sorge um die zurückgelassenen Angehörigen zerrütten ihre Ehe.

Die schüchterne Tochter Regina blüht in der neuen Umgebung auf, lernt rasch Suaheli, befreundet sich mit Owuor und denkt bald wie die Einheimischen.

Bei Kriegsbeginn internieren die Briten alle Deutschen in Kenia – und dazu zählen ungeachtet der Juden-Verfolgung in Deutschland auch Flüchtlinge wie die Redlichs. Owuor bleibt mit dem Hund allein auf der Farm zurück. Walter wird in ein Männerlager im Ngong gebracht; für die internierten Frauen und Kinder requirieren die Militärs das Norfolk Hotel in Nairobi.

Die Frauen erreichen schließlich durch eine Eingabe an die jüdische Gemeinde in Nairobi, dass man die jüdischen Gefangenen freilässt. Der Farmer, der den Flüchtling Walter von Anfang an nur widerwillig beschäftigte, hat inzwischen einen anderen Verwalter eingestellt. Jettel lässt sich auf eine kurze Affäre mit einem britischen Soldaten ein, damit dieser als Gegenleistung ihren Mann auf seiner Maisfarm als Verwalter arbeiten lässt.

Nach einiger Zeit trifft auf der Farm auch Owuor mit dem Hund ein. Er hat die Redlichs überall gesucht, aus Treue und Freundschaft, aber auch, weil ihm die Arbeit als Koch eines weißen Herrn unter den Schwarzen Respekt verschafft.

Auf einer letzten Postkarte teilen Jettels Eltern mit, dass sie nach Polen deportiert werden. Walter weiß, dass dies den sicheren Tod in einem der Vernichtungslager bedeutet. Über das Schicksal seines eigenen Vaters bleibt er bis nach dem Krieg im Ungewissen. (Max Redlich wurde 1942 auf der Straße von zwei SS-Männern erschlagen.)

In dem englischen Internat, das Regina nach einigen Jahren besucht, gelten die jüdischen Schülerinen zwar als Außenseiterinnen, aber sie wird auch damit fertig, lernt rasch Englisch, und der Rektor wundert sich über ihre ausgezeichneten schulischen Leistungen.

Während Jettel sich allmählich an das Leben in Kenia gewöhnt und die Schönheit des Landes erkennt, fühlt Walter sich nutzlos und meldet sich deshalb bei der britischen Armee, um gegen die Deutschen und ihre Verbündeten zu kämpfen. Vergeblich versucht er Jettel zu überreden, währenddessen nach Nairobi zu gehen: Sie bleibt und bewirtschaftet die Farm mit Hilfe schwarzer Tagelöhner. Deren Sprache spricht und versteht sie mittlerweile.

Süßkind kommt hin und wieder mit seinem Jeep und lädt sie zu Ausflügen in die Umgebung ein. Als sie ihn küsst, wehrt er sie ab: Für eine Affäre ist er trotz seiner Einsamkeit nicht zu haben.

Nach dem Krieg schreibt Walter nach Deutschland, und das Land Hessen bietet ihm eine Stelle als Richter an. Jetzt ist es Jettel, die in Kenia bleiben möchte. Walter versucht ihr klar zu machen, dass er in der britischen Armee ein Fremder sei und sie auch in Kenia immer Fremde bleiben würden. Aber Jettel weigert sich, in ein Land zurückzukehren, in dem die Mörder ihrer Eltern und ihres Schwiegervaters leben. Süßkind, der die Auseinandersetzung miterlebt hat, bietet Jettel vor seiner Abfahrt kurz und sachlich an, sie könne bei ihm bleiben, wenn sie sich zur Trennung von ihrem Mann entschließe.

Walter quittiert seinen Dienst bei der Armee und erhält einen Platz auf einem Dampfer, der britische Soldaten nach Southampton bringt. Er lässt Jettel und Regina mit Owuor auf der Farm zurück und steigt in einen Jeep, um zur Eisenbahnstation zu fahren. Da fällt ein Heuschreckenschwarm in das Gebiet ein. Von überall her laufen die Afrikaner in die Felder, schreien, klappern mit Kochtöpfen und schlagen um sich, um die Heuschrecken zu verjagen. Jettel und Regina machen es ihnen nach. Und mitten im Maisfeld treffen sie plötzlich auf Walter, der zurückgekehrt ist, um zu helfen.

Einige Zeit später ist Jettel bereit, ihrem Mann nach Deutschland zu folgen. In der Nacht vor der Abreise der Redlichs macht Owuor sich mit dem Hund auf, um den schmerzhaften Abschied zu vermeiden. Er ist jetzt wieder ein Afrikaner ohne das Privileg, für eine weiße Familie zu arbeiten.

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Der Titel „Nirgendwo in Afrika“ erinnert zwar an „Jenseits von Afrika“, aber die beiden Filme haben nichts miteinander gemein außer den opulenten Landschaftsaufnahmen. Caroline Link zeigt kein romantisch verklärtes Afrika, und sie vermeidet Klischees. In ihrem Film sind die Afrikaner weder bedauernswert noch Paradiesbewohner, sondern einfach ganz normale Menschen.

„Nirgendwo in Afrika“ geht auf den autobiografischen Roman der Frankfurter Journalistin Stefanie Zweig zurück und handelt von einer deutsch-jüdischen Familie, die in Kenia den Holocaust überlebt, von Menschen, die an den Herausforderungen in dieser für sie fremden Umgebung wachsen. Ihre unterschiedliche Entwicklung wird ebenso nuanciert und nachvollziehbar dargestellt wie die Gefährdung ihrer Beziehungen.

Während in Deutschland Menschen ermordet werden, nur weil sie jüdische Vorfahren haben, lernen sich in Kenia Menschen gegenseitig wertschätzen, die sich in Hautfarbe, Sprache und Kultur fundamental unterscheiden.

Ein vielschichtiges und meisterhaft strukturiertes Drehbuch, sensible Schauspieler, eine großartige Kameraführung und überwältigende Landschaftsaufnahmen machen aus „Nirgendwo in Afrika“ ein grandioses Filmepos.

Dafür erhielt Caroline Link am 23. März 2003 einen „Oscar“ in der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“. Zum ersten Mal nach 23 Jahren wurde wieder ein deutscher Film mit einem „Oscar“ prämiert. (1980 war Volker Schlöndorff für „Die Blechtrommel“ damit ausgezeichnet worden.)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

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