Carlo Lucarelli : Der Kampfhund

Der Kampfhund

Carlo Lucarelli

Der Kampfhund

Originalausgabe: Un giorno dopo l'altro Verlag Giulio Einaudi, Turin 2000 Der Kampfhund Übersetzung: Peter Klöss DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002 ISBN 3-8321-6002-7, 301 Seiten, 17.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Berufskiller Vittorio verändert für jeden Auftrag Identität und Aussehen, nicht jedoch sein Markenzeichen: einen Kampfhund. Der Informatik-Student Alex arbeitet nachts für einen Internet-Provider und stößt dabei auf einen verdächtigen Chatroom: "Pitbull". Oberinspektorin Grazia ermittelt in mehreren Mordfällen, in denen der Täter das Bild eines Kampfhundes hinterließ. Schließlich kreuzen sich die Wege von Vittorio, Alex und Grazia ...
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Kritik

Carlo Lucarelli entwickelt in seinem Thriller "Der Kampfhund" drei Handlungsstränge, die er zunächst parallel führt und dann miteinander verknüpft. Aus wechselnden Perspektiven schildert er das in Szenen und Dialogen veranschaulichte Geschehen.
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Bologna im Jahr 2000. Grazia Negro, eine Oberinspektorin der Mordkommission Mitte zwanzig, observiert mit zwei Kollegen den Gangsterboss Jimmy Barracu, um ihn überführen zu können. An einer Wand der Wohnung, in der er sich mit seiner Ehefrau und seinem Leibwächter aufhält, ist ein Mikrofon installiert, und jedes Geräusch wird aufgezeichnet. Im Morgengrauen wird Grazia unruhig, denn bei Barracu ist es totenstill. Kein Schnarchen ist zu hören. Sie dringt mit ihren beiden Kollegen in die Wohnung ein: Barracu, seine Frau und der Leibwächter sind tot. Als Grazia einen auf einer Anrichte stehenden Laptop aus dem Stromsparmodus holt, ist auf dem Bildschirm ein Pitbull zu sehen; es handelt sich um eine Website über Kampfhunde.

Der Mörder muss ein Nachtsichtgerät benützt haben, um kein Licht einschalten zu müssen. Auf seiner Pistole hatte er wohl einen Schalldämpfer und ein Netz, mit dem er die Hülsen auffing. Die von Experten aufbereiteten Abhörbänder lassen vermuten, dass er die Wohnungstür mit einem Dietrich öffnete und sich dabei neunzehn Minuten Zeit ließ, um jedes unnötige Geräusch zu vermeiden. Die Videoaufnahmen legen den Schluss nahe, dass es sich bei einem jungen Fahrradfahrer, der vor dem Mord das Haus betrat und einem älteren Mann der danach herauskam, um ein und dieselbe Person handelte: der Mörder scheint ein Verwandlungskünstler zu sein.

Einige Zeit später taucht am Flughafen Malpensa ein augenscheinlich älterer, hinkender Mann mit gebrochener Nase auf. Beim Security Check schlägt der Metalldetektor an, aber der Passagier weist ein ärztliches Attest und eine Röntgenaufnahme vor, aus denen hervorgeht, dass sein rechter Fußknöchel nach einer Fraktur mit einer Metallplatte zusammengeschraubt wurde. In der Toilette entfernt er das Klebeband von seiner rechten Wade und nimmt den Metallschlitten, den Lauf und die Schließfeder einer Glock Pistole Kaliber 40 in die Hand. Unter einer Achsel zieht er das dazugehörige Griffstück und ein Magazin hervor, beides Spezialanfertigungen aus Plastik. Dann baut er die Schusswaffe zusammen, lädt sie mit Patronen aus Glas und steckt sie unter dem Jackett in den Hosenbund. Er geht zur VIP-Lounge der Alitalia und fragt nach einer Toilette. Der Wachmann weist ihn zurück, aber als die dreiundzwanzigjährige Managerin der Lounge den peinlichen Fleck vorn auf der Hose des Mannes bemerkt, hat sie Mitleid mit ihm und holt ihn herein. Die Lounge wurde von der Polizei für den russischen Unternehmer Akunin requiriert, der nach Sankt Petersburg abgeschoben werden soll. Plötzlich stößt der eben noch behindert wirkende vermeintliche Passagier die Alitalia-Angestellte zur Seite und erschießt sowohl die Polizeibeamten als auch den Russen. Dann verschwindet er. Die Mordkommission findet keine Fingerabdrücke von ihm, auch nicht auf der Sporttasche, die am Tatort gefunden wird. Als Grazia darin auf ein Exemplar der Zeitschrift „Diana armi“ mit einem Artikel über Pitbulls stößt, fühlt sie sich in der Annahme bestätigt, dass er die Tasche nicht vergaß, sondern absichtlich zurückließ.

Ist der Kampfhund die Signatur, das Markenzeichen des Mörders? Die Überprüfung unaufgeklärter Morde ergibt, dass in vier Akten das Bild eines Pitbulls erwähnt ist. Mit Projektilen aus Glas oder Wachs, die keine Rückschlüsse auf die Waffe zulassen, wurde in zwei weiteren unaufgeklärten Mordfällen geschossen.

Ohne etwas von diesem Zusammenhang zu ahnen, fällt einem Informatik-Studenten auf, dass sich in einem Chatroom mit der Bezeichnung „Pitbull“ immer nur zwei Leute unterhalten: „Pitbull“ und „Ilvecchio“. Alessandro („Alex“) ist dreiundzwanzig und verdient sein Studium durch die nächtliche Arbeit bei dem Internet-Provider Freeskynet in Bologna. Er hat selbst einen Hund, der ständig mit einem Pitbull verwechselt wird, bei dem es sich jedoch um einen American Staffordshire handelt. Eigentlich hatte er ihn für seine dänische Freundin Kristine gekauft, aber er konnte ihr den Hund nicht mehr schenken, denn sie war nach Ablauf ihres Erasmus-Stipendiums unerwartet nach Kopenhagen zurückgekehrt. – Zu seinen Aufgaben bei Freeskynet gehört es, die Chatrooms zu überwachen. Er stellt fest, dass „Pitbull“ und „Ilvecchio“ sich in den letzten zwölf Monaten genau vierzehnmal in den Chatroom „Pitbull“ eingewählt hatten, stets gleichzeitig und nie länger als ein paar Minuten. Als er die Kommunikation verfolgt, sieht es so aus, als handele es sich bei „Pitbull“ und „Ilvecchio“ um zwei Männer, die illegale Hundekämpfe organisieren. Alex‘ zwei Jahre ältere Kollegin Luisa findet über persönliche Kontakte die Einwahlorte heraus: Internet-Cafés und öffentliche Bibliotheken. Nur einmal ein Privatanschluss. Der gehört dem Rechtsanwalt Alberto D’Orrico in Sabaudia. Alex und Luisa können auf einen bloßen Verdacht hin keine Anzeige erstatten. Frustriert will Luisa den vermeintlichen Hundekampf-Veranstalter zumindest ärgern: Sie ruft die Nummer an und als Alberto D’Orrico sich meldet, sagt sie: „Wir wissen, was ihr da tut, ihr Schweine.“ Dann legt sie wieder auf. Sie denkt nicht daran, dass im Display des angewählten Telefons die Rufnummer der Freeskynet-Niederlassung in Bologna erscheint.

Wenige Minuten später schickt a.dorri@hotmail.it eine E-Mail an pitbull@libero.it, in der es heißt: „Wir haben ein Problem.“

An einem der nächsten Tage bückt Alex sich gerade unter Luisas Schreibtisch, um eine Dreifachsteckdose hervorzuholen. Da betritt ein Fremder den Raum und erschießt Luisa. Alex bemerkt er erst, als dieser vor Entsetzen aufschreit. Der Mörder gießt Benzin aus und setzt es in Brand. Ohne lang nachzudenken, springt Alex durch das Fenster im zweiten Stock. Er schlägt auf dem Dach der Arkaden auf und fällt erst von dort auf die Straße. Mit nur ein paar Prellungen und Hautabschürfungen springt er auf. Der Mörder verfolgt ihn zu seiner nahe gelegenen Wohnung, aber Alex gelingt es noch, seine Tür zuzuschlagen, und sein Hund verbellt den Fremden vor der Tür. Vor Angst bricht Alex zusammen. Polizisten, die wegen des Feuers gerufen worden waren, in der Niederlassung des Internet-Providers Freeskynet nur Tote vorgefunden hatten und sofort nach den fehlenden Mitarbeitern suchen, bringen ihn zur Notaufnahme des Krankenhauses. Später versteckt Alex sich in seinem Elternhaus in Ravenna.

Durch seine Aussage erfährt Grazia von dem verdächtigen Chatroom und Alberto D’Orrico. Drei Polizisten, die den Rechtsanwalt in seiner Villa in Sabaudia befragen wollen, werden erschossen. Der Mörder, den Grazia inzwischen „Pitbull“ nennt, hat nur seinen bisherigen Partner am Leben gelassen. D’Orrico sagt aus, „Pitbull“ habe im August 1996 erstmals über das Internet Kontakt mit ihm aufgenommen. Der Jurist sollte für den Berufskiller Kunden requirieren, ihn mit Informationen über die Zielpersonen versorgen und die Millionen-Honorare abzüglich einer Provision an ihn weiterleiten. D’Orrico kennt weder den Namen noch die Adresse des Killers, er hat ihn weder gesehen noch mit ihm telefoniert. Der Kontakt lief ausschließlich übers Internet.

Marco Carrone, ein kürzlich entlassener Offizier der Carabinieri, meldet sich bei der Mordkommission in Bologna und berichtet Grazia von einem Sprengstoffanschlag. Das Opfer, ein Mann, dem es die Beine abgerissen hatte und der am ganzen Leib verbrannt war, konnte ihm noch zuflüstern, bei dem Attentäter handele es sich um „Pitbull“ und der gehöre Don Masino Barletta. Weil die Sanitäter von Carrone daran gehindert worden waren, sich um den Sterbenden zu kümmern, bis er dessen Aussage notiert hatte, wurde er vom Dienst suspendiert.

Der Mafioso Don Masino Barletta war 1979 verhaftet und aus Palermo verbannt worden. Danach hatte er sich zwar ruhig verhalten, aber von 1981 an war sein Name in Mafiakreisen wieder respektvoll genannt worden. Er wohnte zuletzt in Budrio bei Bologna. Bei ihren Ermittlungen stößt Grazia auf Marchini Vittorio, den dreißigjährigen Inhaber einer Importfirma, die mit Schmuck handelt. Sein Büro ist in San Marino, aber er lebt bei seiner Mutter in Budrio. Grazia sucht die Adresse auf. Vittorios Mutter öffnet und sagt, ihr Sohn sei nicht da. Grazia zeigt ihren Dienstausweis vor und betritt mit den beiden Kollegen, die inzwischen ebenfalls aus dem Wagen ausgestiegen sind, das Haus. Grazia fragt nach einem Foto von Marchini Vittorio. Dessen Mutter kramt in einer Schachtel. Beim Anblick eines Fotos, das ihren Sohn im Alter von zehn Jahren zeigt, kann sie eine Gefühlsaufwallung nicht unterdrücken. Damals wurde Marchini ständig von einem stärkeren Mitschüler gehänselt und herumgeschubst. Zunächst reagierte er nicht darauf, aber eines Tages stieß er ihn durch eine Glastür. Ein Splitter zerschnitt dem Jungen die Kehle und er starb. Nach diesem Unfall zog die Mutter mit Marchini nach Budrio.

Zufällig parkte Vittorio gerade ein – aus Sicherheitsgründen ein Stück weit entfernt – als Grazia klingelte. Da sah er die Besucher, erkannte sie unschwer als Kriminalbeamte und fuhr wieder fort.

Als Grazia nach Hause kommt, wo sie seit zwei Jahren mit dem Blinden Simone zusammenlebt, wird sie vor der Wohnungstür von Vittorio überwältigt. Sie kommt erst wieder zu sich, als sie gefesselt in einem fahrenden Wohnmobil liegt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nach dem Vorfall mit dem Mitschüler und dem Umzug nach Budrio war Marchini Vittorio von Don Masino Barletta angesprochen worden. Der fünfzigjährige Mafiapate – für Marchini „Onkel Tommaso“ – richtete den Jungen systematisch zum Killer ab, und weil dessen Hände anfangs noch zu klein für eine normale Schusswaffe waren, besorgte er ihm eine Mauser Baby Kaliber 6.35 mit modifiziertem Griff. Das Kind tötete für ihn seine Widersacher. Neunundfünfzig Morde gesteht Vittorio seiner Gefangenen.

Der „Pitbull“ bringt Grazia in ein verlassenes Haus, in dem ein Mann gefesselt und geknebelt auf einem Schaukelstuhl sitzt. Er entsichert Grazias Beretta, drückt ihr die Waffe in die Hand, drückt ihren Zeigefinger auf den Abzughebel und feuert auf diese Weise mehrere Schüsse ab, die das Opfer töten und sein Gesicht zerfetzen. Vittorios Plan sieht vor, als nächstes Grazia mit einer anderen Waffe in den Bauch zu schießen. Dann würde es später so aussehen, als habe die Kriminalistin „Pitbull“ aufgestöbert, sei von ihm tödlich in den Bauch getroffen worden und habe ihn sterbend erschossen. Nur um die Polizei durch seinen vorgetäuschten Tod irreführen zu können, hatte Vittorio das Markenzeichen 1999 eingeführt. – Grazia durchschaut, was er vorhat. Mit dem Mut einer Verzweifelten stürzt sie sich auf ihn. Trotz ihrer Handschellen kriegt sie seine Pistole zu fassen und flüchtet ins Freie. Mit Grazias Beretta in der Hand folgt Vittorio ihr. Er weiß, dass er sie damit nicht erschießen darf, wenn er seinen Plan verwirklichen will. Deshalb überlegt er einen Augenblick, als Grazia hinter dem Wohnmobil hervortritt und auf ihn zielt. Sein Zögern kostet ihn das Leben.

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Der italienische Schriftsteller Carlo Lucarelli (*1960) entwickelt in seinem Thriller „Der Kampfhund“ drei Handlungsstränge, die er zunächst häppchenweise parallel führt und dann gegen Ende zu miteinander verknüpft. Aus den wechselnden Perspektiven von Vittorio, Grazia und Alessandro schildert er das in Szenen und Dialogen veranschaulichte Geschehen. Generell schreibt Carlo Lucarelli in der dritten Person Singular, aber im Fall des Studenten schlüpft er mitunter in die Rolle eines Ich-Erzählers.

Carlo Lucarelli: Bibliografie (Auswahl):

  • Freie Hand für De Luca (1990)
  • Der trübe Sommer (1991)
  • Schutzengel (1994)
  • Das Mädchen Nikita (1994)
  • Der rote Sonntag (1996)
  • Der grüne Leguan (1997)
  • Mafia alla Chinese (1997)
  • Die schwarze Insel (1999)
  • Der Kampfhund (2000)
  • Laura di Rimini (2001)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

Christoph Peters - Der Arm des Kraken
Der Roman "Der Arm des Kraken" spielt in der Berliner Unterwelt, in der Vietnamesen das Sagen haben. Christoph Peters geht es vor allem um den Gegensatz zwischen einer ineffizienten deutschen Kommissarin und einem disziplinierten Jakuza, den er auch sprachlich spiegelt.
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Christoph Peters

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