Olga Tokarczuk : Unrast

Unrast
Bieguni Verlag Wydawnictwo Literackie, Warschau 2007 Unrast Übersetzung: Esther Kinsky Verlag Schöffling & Co., Frankfurt/M 2009 ISBN 978-3-89561-465-1, 456 Seiten btb, München 2011 ISBN 978-3-442-74134-2 Neuausgabe: Kampa Verlag, Zürich 2019 ISBN 978-3-311-10012-6, 464 Seiten ISBN 978-3-311-70044-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Das Fragmentarische und der Verzicht auf eine zentrale Perspektive spiegeln wohl die Entwurzelung und das Nomadentum der Menschen in der globalisierten Welt. Olga Tokarczuk bedauert es nicht, dass wir die Sesshaftigkeit aufgegeben haben; im Gegenteil, sie hält die mit Reisen verbundenen ständigen Wechsel der Blickwinkel für wünschenswert, weil diese Beweglichkeit gegen autokratische Systeme immunisiert.
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Kritik

"Unrast" wird zwar als Roman beworben, aber das Buch der polnischen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk setzt sich aus Kapiteln unterschiedlichster Art zusammen: Notizen, Tagebuch-Eintragungen, Traumprotokolle, Skizzen, Reflexionen, philosophische Essays, Briefe, Glossen, Erzählungen, Anekdoten … Die Themen sind noch vielfältiger als die Formen, und ein Zusammenhang ist nicht erkennbar. "Unrast" ist eine Collage.
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Ihre erste Reise habe sie als Kleinkind unternommen, schreibt die Autorin. Sie sei quer über die Felder gelaufen.

Meine Abwesenheit wurde lange nicht bemerkt, und so kam ich ziemlich weit.

Nach dem Psychologie-Studium arbeitete Olga Tokarczuk als Pädagogin, Beraterin in der Suchthilfe, in einer Bibliothek – und sobald sie ein wenig Geld gespart hatte, verreiste sie, wobei sie die Reisekasse mit weiteren Gelegenheitsjobs aufbesserte.

Ihr Bedürfnis zu reisen, führt Olga Tokarczuk auf das Perseverative Detoxifikationssyndrom zurück.

Mein Symptomkomplex besteht darin, dass mich alles anzieht, was kaputt, unvollkommen, defekt, zerbrochen ist. Mich interessiert das Unansehnliche, Irrtümer der Schöpfung, Sackgassen. […] deshalb unternehme ich meine geduldigen Reisen, auf denen ich die Fehler und Reinfälle der Schöpfung aufspüre.

Wenn ich mich auf eine Reise begebe, verschwinde ich von der Landkarte. Niemand weiß, wo ich bin. An dem Punkt, von dem ich ausgegangen bin, oder an dem Punkt, zu dem ich strebe?

Olga Tokarczuk greift in „Unrast“ beispielsweise die Reise durch Europa auf, die Zar Peter der Große 1697/98 zum Teil inkognito unternahm, um vor allem Erfahrungen im Schiffbau zu sammeln.

Drei Kapitel („Die Achillesferse“, „Die Geschichte von Philip Verheyen, aufgeschrieben von seinem Schüler und Vertrauten Willem van Horssens“, „Briefe an ein amputiertes Bein“) handeln von dem Flamen Philip Verheyen. 1676, im Alter von 28 Jahren und im zweiten Studienjahr in Leiden, verletzte er sich an einem Nagel. Obwohl oder weil er den kleinen Riss zunächst nicht beachtete, infizierte sich die Wunde, und nach einiger Zeit musste ihm das Bein unterm Knie amputiert werden. Philip Verheyen studierte weiter Anatomie und avancierte schließlich zum Rektor der Universität von Leuven. Fuß und Unterschenkel hob er in Spiritus auf, um das Präparat immer wieder untersuchen zu können. Dabei entdeckte er die Achillessehne. Am meisten wunderte er sich darüber, dass ihn das Fußgelenk und die Zehen schmerzten, obwohl dieser Teil des Beins keine Verbindung mehr mit seinem Körper hatte. Sein Student Willem van Horssen schrieb die Geschichte Philip Verheyens nach dessen Tod im Jahr 1710 auf. Bei seinen Recherchen stieß er auf Briefe, die der Anatom in den letzten Lebensjahren an sein abgetrenntes Bein adressiert hatte.

Drei weitere Kapitel in „Unrast“ beziehen sich ebenfalls auf historische Persönlichkeiten. Sie bestehen aus je einem Brief, den Josephine Soliman von Feuchtersleben an Kaiser Franz I. von Österreich schickte. Es geht um ihren Vater. Der wurde um 1720 in Afrika geboren. Im Alter von zehn Jahren brachte man ihn als Geschenk für eine Marquise nach Messina, und 1734 kam er in den Besitz des Fürsten Johann Georg Christian von Lobkowitz, der ihn als Kammerdiener, Soldat und Reisebegleiter beschäftigte. Verbotenerweise heiratete Angelo Soliman, wie er sich nun nannte, im Februar 1768 Magdalena Christiani, die Witwe eines holländischen Generals.

Die 1772 geborene Tochter Josephine vermählt sich 1797 mit dem Militäringenieur Ernst Freiherr von Feuchtersleben. In ihrem ersten Brief an den Kaiser bittet sie um die Erlaubnis eines christlichen Begräbnisses für ihren 1796 gestorbenen Vater. Franz I. antwortet nicht, und in ihrem dritten Brief an ihn beschwert sich Josephine Soliman von Feuchtersleben darüber, dass ihr ausgestopfter Vater als halbnackter Wilder im Kaiserlichen Kabinett der Wunder der Natur in Wien ausgestellt ist.

Diese mit Tauf- und Familiennamen meines Vaters beschriftete Hülle war einst ein lebendiger Mensch.

Eine der Geschichten in „Unrast“ dreht sich um eine Frau namens Annuschka, deren schwer kranker Sohn Petja auf einen Rollstuhl angewiesenen ist. Ihr Ehemann war zwei Jahre lang fort, vermutlich in einem Gefängnis, aber Annuschka weiß nichts darüber, und er weigert sich, darüber zu reden.

Er war ein anderer, als er zurückkam, das merkte sie gleich, und er blieb auch so anders. In der ersten Nacht untersuchte sie seinen Körper, auch der war ein anderer geworden. Fester, größer, muskulöser, doch auch seltsam schwach.Sie ertastete eine Narbe auf seiner Schulter und unter den Haaren, die sichtbar schütter und grau geworden waren. Seine Hände waren massig geworden, die Finger, dick, als hätte er körperliche Arbeit verrichtet.

Analog dazu findet ein polnischer Ingenieur, dessen Frau mit dem Sohn während eines Urlaubs in Kroatien drei Tage lang vermisst war, nicht heraus, was mit ihnen geschah.

In einem von mehreren Kapiteln über „Die Reisen des Doktor Blau“, der Fotos nackter Frauen sammelt, beschäftigt sich Olga Tokarczuk mit dem unterschiedlichen Aussehen der Vaginen (wobei wohl Vulven gemeint sind).

Blau hat eine ganze Sammlung solcher Fotos, Dutzende, vielleicht Hunderte – Frauenkörper gegen eine kahle Wand. Die Wände sind unterschiedlich, denn die Orte sind immer andere, Hotels, Pensionen, sein Arbeitszimmer in der Akademie, auch seine Wohnung. Die Körper sind einander im Grunde ähnlich, es gibt keine Geheimnisse.
Aber nicht die Vaginen. Die sind wie die Linien auf der Fingerkuppe, ja eigentlich könnte man diese von der Polizei unterschätzten Schamorgane zu Identifikationszwecken nutzen, denn jede ist absolut einzigartig. Schön wie Orchideen, die durch Form und Farbe Insekten anziehen. Was für eine seltsame Vorstellung, dass sich dieser botanische Mechanismus erhalten hat, bis der Mensch entstand. Oder besser gesagt: dass er so lange gewirkt hat. Man möchte meinen, die Natur hatte ihre Freude an dieser Blüte. Sie hat ihr so sehr gefallen, dass sie wollte, dass sie fortbestand, allerdings wohl ohne damit zu rechnen, dass der Mensch auch mit einer Psyche ausgestattet sein würde, die sich der Kontrolle entziehen und das so schön Ersonnene verbergen würde. Sie versteckt es in der Unterwäsche, im Unausgesprochenen, im Schweigen.

Die Autorin ist ständig auf Reisen und kennt zahlreiche Flughäfen – die sie offenbar besonders faszinieren.

Es gibt die großen Flughäfen, die uns mit dem Versprechen der Umsteigemöglichkeiten in Mengen versammeln, sie haben ihre geordneten Verbindungen und Flugpläne im Dienste der Bewegung. Doch auch wenn wir nicht vorhaben, uns in den nächsten paar Tagen fortzubewegen, lohnt es sich, sie näher kennenzulernen. Früher wurden sie wie die Bahnhöfe an den Stadtrand gelegt, als eine Art Anhang. Aber heute haben sie sich so weit emanzipiert, dass sie ihre ganz eigenständige Identität haben. Bald wird man sagen können, dass es die Städte sind, die als Arbeits- und Schlafstätten Anhängsel der Flughäfen bilden. Denn inzwischen ist ganz klar, dass das wahre Leben in der Bewegung stattfindet. Warum sollten heutzutage Flughäfen richtigen Städten in irgendetwas nachstehen? Es gibt dort Kunstausstellungen, Konferenzzentren, sie sind Schauplatz für Festivals und Shows. […] Außerdem haben wir dort Zugang zu guten Hotels und etlichen Bars und Restaurants. Es gibt kleine Läden, Supermärkte und Geschäftspassagen, in denen man sich nicht nur für die Reise versorgen kann, man kann bereits hier alle möglichen Souvenirs kaufen, um am Zielort keine Zeit damit zu verschwenden. Es gibt Fitness Clubs, Massagesalons – klassisch und asiatisch –, Friseure und Anlageberater, Niederlassungen von Banken und Mobiltelefongesellschaften. Wenn die körperlichen Bedürfnisse schließlich gedeckt sind, kann man sich zur geistigen Erbauung in die zahlreichen Kapellen und Meditationsräume begeben. […] Heute sind Flughäfen mehr, als ihr Name sagt, sie bilden eine spezielle Kategorie von Stadtstaaten mit festem Standort, jedoch ständig wechselnder Bevölkerung. Die Flughafenrepubliken, Mitglieder des Internationalen Luftfahrtverbands, haben noch keine Vertretung bei den Vereinten Nationen, aber das wird sicher nicht mehr lange dauern. Sie sind ein Beispiel für ein System, in dem die Innenpolitik weniger wichtig ist als die Verbindungen mit anderen zum Verband gehörenden Flughäfen, denn nur damit können sie ihre Existenz rechtfertigen. Sie sind ein Beispiel für ein extravertiertes System, die Verfassung steht auf jedem Fahrschein gedruckt, und der einzige Personalausweis seiner Bürger ist die Bordkarte. […] Unsere Adresse ist der Platz im Flugzeug, beispielsweise 7D oder 16A. […] Sie haben auch ihre eigene Musik. Das ist die Symphonie der Flugzeugmotoren, ein paar einfache Klänge, die sich im rhythmusfreien Raum ausbreiten, ein orthodoxer zweimotoriger Chor, düster rußig, rot und schwarz unterlegt, ein Largo, bestehend aus einem einzelnen Akkord, der sich selbst ermüdet. Ein Requiem, das mit dem mächtigen Introitus des Starts beginnt und mit dem zur Landung abklingenden Amen endet.

Auch auf Wikipedia geht Olga Tokarczuk ein:

Meiner Meinung nach ist es das anständigste der menschlichen Erkenntnis gewidmete Projekt, das es gibt. Es bringt unmittelbar zu Bewusstsein, dass alles Wissen von der Welt dem menschlichen Kopf entspringt, so wie Athene dem göttlichen Kopf. Die Leute bringen bei Wikipedia alles ein, was sie selbst wissen. Wenn das Projekt gelingt, wird eine solche sich ständig weiterentwickelnde Enzyklopädie das größte Weltwunder sein. […] Manchmal habe ich allerdings Zweifel, ob es gelingen wird. Denn dort kann sich ja nur das finden, was wir aussprechen können, wofür es Worte gibt. In diesem Sinne wird eine solche Enzyklopädie keineswegs alles enthalten. Es müsste des Gleichgewichts halber noch eine andere Wissenssammlung geben, von dem, was wir nicht wissen, […] von keinem Inhaltsverzeichnis zu erfassen, keiner Suchmaschine zugänglich, ihres ungeheuren Umfangs wegen findet der Fuß keinen Halt an den Worten, sondern man setzt die Füße zwischen die Worte, in die abgrundtiefen Schlünde zwischen den Begriffen. Jedes Mal rutscht der Fuß ab, und wir fallen. Die einzige mögliche Bewegung scheint mir die Bewegung in die Tiefe zu sein. Materie und Antimaterie. Information und Antiinformation.

In einem mit „Binden“ überschriebenen Kapitel heißt es:

In der Apotheke kaufte ich eine Schachtel mit einzeln verpackten Binden. […]
Nach dem dreißigsten Lebensjahr schrumpft ein menschliches Wesen langsam zusammen. Jedes Jahr kommen mehr Leute durch einen Eselstritt um als bei Flugzeugabstürzen. Wer am Boden eines Brunnens sitzt, kann auch tagsüber Sterne sehen. Weißt du, dass du deinen Geburtstag mit rund neun Millionen Menschen auf der Erde teilst? Der kürzeste Krieg aller Zeiten fand im Jahre 1896 zwischen England und Sansibar statt. Er dauerte nur achtunddreißig Minuten. Wenn die Erdachse nur um einen Grad verschoben würde, wäre die Erde nicht mehr bewohnbar, weil die Gegenden um den Äquator zu heiß und um die Pole zu kalt wären. Aufgrund der Drehbewegung der Erde fliegt jedes geworfene Objekt nach Westen weiter als nach Osten. Ein durchschnittlicher menschlicher Körper enthält so viel Schwefel, dass man damit einen Hund töten könnte. Arachibutyphobie ist die Angst, dass Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt.

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„Unrast“ wird zwar als Roman beworben, aber das Buch der polnischen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk weist keine durchgehende Handlung auf. Stattdessen setzt es sich aus Kapiteln unterschiedlichster Art zusammen: Notizen, Tagebuch-Eintragungen, Traumprotokolle, Skizzen, Reflexionen, philosophische Essays, Briefe, Glossen, Erzählungen, Anekdoten … Die Themen sind noch vielfältiger als die Formen, und ein Zusammenhang ist nicht erkennbar. „Unrast“ ist eine Collage. Das Fragmentarische und der Verzicht auf eine zentrale Perspektive spiegeln wohl die Entwurzelung und das Nomadentum der Menschen in der globalisierten Welt. Olga Tokarczuk bedauert es nicht, dass wir die Sesshaftigkeit aufgegeben haben; im Gegenteil, sie hält die mit Reisen verbundenen ständigen Wechsel der Blickwinkel für wünschenswert, weil diese Beweglichkeit gegen autokratische Systeme immunisiert. Genau deshalb versuchen diese Regierungen, die Bürgerinnen und Bürger zu fixieren.

Deshalb haben Tyrannen aller Färbung, diese Höllendiener, Hass auf alle Nomaden im Blut, deshalb verfolgen sie Zigeuner und Juden, deshalb zwingen sie alle freien Menschen, sich anzusiedeln, und bezeichnen sie mit einer Adresse, die für uns ein Urteilsspruch ist. Ihr Ziel ist es, eine erstarrte Ordnung aufzubauen, das Vergehen der Zeit als Schein darzustellen. Die Tage wiederholbar und ununterscheidbar wirken zu lassen, eine große Maschine zu bauen, in der jedes Geschöpf seinen Platz einnehmen und zum Schein Bewegungen ausführen muss. […] Die Welt soll mit Hilfe von Strichcodes festgenagelt, jeder Sache ein Etikett verliehen werden, man soll wissen, was für eine Ware etwas ist und wie viel sie kostet. […] Beweg dich, beweg dich. Gesegnet, wer geht.

Eine Romanfigur – eine Sektenangehörige – ist sogar davon überzeugt, dass der Teufel den Menschen hole, sobald dieser nicht mehr in Bewegung sei.

Was die vermummte Läuferin sagte
Reg dich, beweg dich, los, Bewegung, Unrast. Nur so kannst du ihm entkommen. Er, der die Welt beherrscht, hat keine Macht über die Bewegung und weiß, dass unser Körper in Bewegung heilig ist, nur dann kannst du ihm entgehen, wenn du dich bewegst. Er aber hat die Herrschaft über das, was unbeweglich und erstarrt ist, was reglos und kraftlos ist. Also beweg dich, reg dich, wiege dich, geh, lauf, renn, sobald du dich vergisst, stehen bleibst, rastest, packen dich seine Hände, verwandelt er dich in eine Marionette, sein Atem hüllt dich ein, der riecht nach Rauch und Abgasen und nach den riesigen Müllhaufen vor der Stadt. Er verwandelt deine bunte Seele in ein kleines flaches Seelchen, das aus Papier ausgeschnitten ist, aus Zeitungspapier, und er wird dir mit Feuer, Krankheit und Krieg drohen, er wird dir Angst machen, bis du die Ruhe verlierst und nicht mehr schlafen kannst.

Der polnische Originaltitel des Buches lautet „Bieguni“. So hieß eine russisch-orthodoxe Sekte von Nomaden und Anarchisten, die sich im 18. Jahrhundert gegen den Staat auflehnte.

Zwischen längeren, mehrteiligen Kapiteln gibt es auch welche, die nur aus wenigen Zeilen bestehen. Dazu zwei Beispiele:

Eine sehr lange Viertelstunde
Im Flugzeug, 8.45 bis 9.00 Uhr. Für mein Empfinden war das mindestens eine Stunde.

Irkutsk – Moskau
Das Flugzeug Irkutsk – Moskau. Es fliegt in Irkutsk um acht Uhr morgens ab und erreicht Moskau um dieselbe Uhrzeit – um acht Uhr morgens am selben Tag. Genau um diese Zeit geht die Sonne auf, man fliegt also die ganze Zeit bei Tagesanbruch. Man verharrt in einem Augenblick, in einem großen, ruhigen, ausgedehnten Jetzt, das so groß ist wie Sibirien.

An einer Stelle hinterfragt Olga Tokarczuk ihr Konzept:

Ist es gut, dass ich erzähle? Wäre es nicht besser, den Verstand mit einer Klammer zu bündeln, die Zügel straff zu ziehen und mich nicht in Geschichten auszudrücken, sondern mit einem schlichten Vortrag, wo ein Gedanke mit jedem Satz klarer Gestalt annimmt und in den folgenden Absätzen an andere Gedanken geheftet wird? Ich könnte Zitate und Anmerkungen verwenden, ich könnte in der Reihenfolge der Punkte oder Kapitel die Schlüssigkeit der Beweisführung Schritt für Schritt darlegen, aufzeigen, worum es mir geht; ich würde eine zuvor aufgestellte Hypothese verifizieren, und zum Schluss könnte ich Argumente hinaushängen wie ein Leintuch nach der Hochzeitsnacht, für jedermanns Augen sichtbar. Ich wäre Herrin über meinen Text, ich könnte ein ehrliches Zeilenhonorar damit verdienen.Doch so lasse ich mich auf die Rolle der Geburtshelferin ein, der Gärtnerin, deren Verdienst höchstens das Säen ist und anschließend das langweilige Unkrautjäten. Erzählungen haben eine eigene Trägheit, die sich nie ganz unter Kontrolle bringen lässt. Sie brauchen Leute wie mich, die unsicher sind, unentschieden, leicht an der Nase herumzuführen. Naive.

Olga Nawoja Tokarczuk wurde am 29. Januar 1962 in Sulechów bei Zielona Góra in Polen als Tochter des Lehrer-Ehepaars Wanda und Józef Tokarczuk geboren. Nach dem Abitur in Oberschlesien (1980) studierte Olga Tokarczuk Psychologie in Warschau und volontierte parallel dazu in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. 1985 schloss sie das Studium ab. Sie heiratete Roman Fingas und brachte 1986 einen Sohn zur Welt. Olga Tokarczuk lebte und arbeitete an wechselnden Orten, bevor sie sich 1998 in Krajanów bei Nowa Ruda niederließ. Der Germanist Grzegorz Zygadło wurde ihr zweiter Ehemann. 1989 erschien ihr erstes Buch, eine Gedichtsammlung. Vier Jahre später debütierte sie mit einem Roman. Nach zahlreichen Auszeichnungen erhielt Olga Tokarczuk 2019 rückwirkend den Nobelpreis für Literatur 2018.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Verlag Schöffling / Kampa Verlag

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