Michael Ondaatje : Anils Geist

Anils Geist

Michael Ondaatje

Anils Geist

Originaltitel: Anil's Ghost McClelland & Stewart, Toronto 2000 Anils Geist Carl Hanser Verlag, München / Wien 2000 Übersetzung: Melanie Walz
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine aus Sri Lanka stammende, aber seit fünfzehn Jahren im Westen lebende Wissenschaftlerin versucht im Auftrag einer Menschenrechtsorganisation nachzuweisen, dass die Bevölkerung der Insel nicht nur von den Guerillakämpfern im Norden und den Aufständischen im Süden terrorisiert wird, sondern auch von der Regierung.
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Kritik

Bei "Anils Geist" handelt es sich um eine stilsicher arrangierte, ungeachtet der Grausamkeit eher lyrische Collage aus mehr oder weniger zusammenhängenden Episoden, einprägsamen Bildern des Schreckens, der Entwurzelung, aber auch der Fürsorge und Barmherzigkeit.
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Anils Vater war der singhalesische Arzt Nelson K. Tissera. Eigentlich heißt sie gar nicht Anil; doch im Alter von dreizehn Jahren gab sie keine Ruhe, bis man ihr den ohnehin nicht verwendeten zweiten Vornamen ihres Bruders überließ, und als ein Astrologe drei Jahre später im Auftrag ihrer Eltern versuchte, sie wenigstens dazu zu bringen, ihrem Vornamen ein „e“ anzuhängen, um ihn weiblicher aussehen zu lassen, wehrte sie den Versuch erfolgreich ab. Mit achtzehn verließ Anil Tissera ihre Heimat Sri Lanka. Ihre Eltern sah sie nicht wieder, denn sie starben bei einem Autounfall. Während des Studiums geriet Anil „in die Stürme einer schlechten Ehe“, die nur kurze Zeit währte. Danach lebte sie in den USA, obwohl sie inzwischen einen britischen Pass besaß. Als dreiunddreißigjährige Forensikerin kommt sie 1992 zum ersten Mal wieder nach Sri Lanka, um im Auftrag der Vereinten Nationen zu untersuchen, ob außer den Guerillakämpfern im Norden und den Aufständischen im Süden auch der Regierung inoffizielle Hinrichtungen anzulasten sind.

Im Schatten von Krieg und Politik kam es zu surrealen Verkehrungen von Ursache und Wirkung. In einem Massengrab, das 1985 in Naipattimunani entdeckt wurde, fand man blutbefleckte Kleidung, die ein Vater als die von seinem Sohn zum Zeitpunkt seiner Festnahme und seines Verschwindens getragene identifizierte. Als in einer Hemdtasche ein Ausweis gefunden wurde, ließ die Polizei die Ausgrabung auf der Stelle unterbrechen, und am nächsten Tag wurde der Vorsitzende des Bürgerrechtskomitees – der die Polizei zum Fundort der Leichen geführt hatte – verhaftet. Das Schicksal der anderen Toten in diesem Grab in der östlichen Provinz – wie sie gestorben waren, wer sie waren – wurde nie enthüllt. Der Leiter eines Waisenhauses, der Fälle von Ermordung meldete, wurde ins Gefängnis gesperrt. Ein Anwalt, der sich in der Menschenrechtsbewegung engagierte, wurde erschossen, und die Leiche wurde von Armeeangehörigen beseitigt. (Seite 47)

Obwohl zum Beispiel immer wieder vor der Küste Menschen aus Hubschraubern geworfen werden, leugnet Präsident Katugala, dass es organisierte Terrorakte auf der Insel gibt, doch um die westlichen Handelspartner zu beruhigen, erklärt er sich mit der Untersuchung einverstanden, und die Regierung beauftragt den neunundvierzigjährigen Archäologen Sarath Diyasena, Dr. Anil Tissera dabei zu unterstützen. Sarath stellt sich ihr in Colombo vor. Sie weiß nicht, ob sie ihm vertrauen kann, und als sie erfährt, dass einer seiner Cousins Minister ist, fragt sie sich immer wieder, auf welcher Seite er steht. Sarath führt Anil zur „Oronsay“, einem ausgedienten Passagierkreuzer der Orientlinie, der – aller brauchbaren Maschinenteile und wertvollen Ausstattung beraubt – seit drei Jahren an einem unbenutzten Kai am Nordende des Hafens von Colombo festgemacht ist und vom Kynsey Road Hospital Colombo als Lager und Werkstatt benutzt wird. Hier hat man den beiden Wissenschaftlern einen Arbeitsbereich zugewiesen.

Bei Grabungen in einer Felsenhöhle bei Bandarawela, die zu einer von der Regierung überwachten archäologischen Schutzzone gehört, entdeckt Anil nach drei Skeletten aus dem 6. Jahrhundert ein viertes, vier bis sechs Jahre altes Skelett, dessen Knochen noch von vertrockneten, teilweise verkohlten Ligamenten zusammengehalten werden. Aufgrund des Befunds kommt sie zu dem Schluss, dass man versucht hatte, die Leiche des bei seinem Tod etwa achtundzwanzig Jahre alten Mannes zu verbrennen. Außerdem schließt Anil aus den Spuren, dass der Mann ermordet und zunächst anderswo begraben wurde. Später exhumierte man die Leiche und verscharrte sie zwischen den jahrhundertealten Skeletten. Anil drängt Sarath, diesem Fall nachzuspüren.

„Das ist die Gelegenheit, ein Mord, den wir zurückverfolgen können. Wir haben das Opfer an einem Ort gefunden, zu dem nur ein Regierungsbeamter Zutritt haben konnte.“ (Seite 57)

Zur weiteren Untersuchung schaffen sie die vier Skelette auf die „Oronsay“.

Anil ist ungehalten, als sie merkt, dass Sarath ohne Absprache den Schädel des vierten Skeletts abgetrennt hat. Doch er will ihn von dem achtundsiebzig Jahre alten, längst erblindeten Palipana befühlen lassen, der mit seiner Nichte Lakma als Einsiedler im Wald lebt, und um Rat fragen.

Als Lakma zwölf war, musste sie mit ansehen, wie ihre Eltern ermordet wurden. Eine Woche später brachte man sie zu einem von Nonnen geführten Waisenhaus der Regierung nördlich von Colombo.

Der Schock über die Ermordung ihrer Eltern hatte jedoch alles in ihr getroffen, hatte sie in ihren verbalen und motorischen Fähigkeiten auf Kleinkindniveau regredieren lassen. Hinzu kam die Verstocktheit einer Erwachsenen. Sie ließ nichts an sich heran. (Seite 110)

Ihr Onkel Palipana, der einzige überlebende Verwandter, holte sie vor zwei Jahren in die Einsiedelei.

Palipana rät seinen Besuchern, den Künstler Ananda Udugama aufzusuchen und sich von ihm den mutmaßlichen Kopf auf den Schädel modellieren zu lassen.

Unterwegs fahren sie an einem mit eingeschalteten Scheinwerfern auf der Straße abgestellten Lastwagen vorbei, vor dem ein Mann ohne Hemd, mit bloßen Füßen und ausgebreiteten Armen rücklings auf der Straße liegt.

„Ist das der Fahrer?“ Sie flüsterte, um die Stille nicht zu stören.
„So schlafen sie manchmal, wenn sie sich kurz ausruhen wollen. Bleiben einfach auf der falschen Spur stehen, lassen das Licht an und legen sich für eine halbe Stunde auf den Asphalt. Vielleicht ist er auch nur betrunken.“ (Seite 118)

Kurz darauf kehren sie doch um und sehen sich den Mann genauer an. Er ist fast bewusstlos. Er wurde mit Eisenklammern, die man ihm durch die Hände schlug, auf dem Asphalt gekreuzigt. Anil löst vorsichtig die Klammern aus dem Boden, und sie bringen ihn – er heißt Gunesena – nach Colombo zu Saraths jüngerem Bruder Gamini, der dort als Arzt arbeitet. Gamini betäubt die Hände des Opfers und zieht ihm die Eisenklammern heraus.

Sarath und Gamini sollten die Anwaltskanzlei ihres Vaters übernehmen, aber der ältere der beiden wurde Archäologe, und der jüngere Arzt. Vor einiger Zeit, als Gamini in der Kinderchirurgie arbeitete, hatte er gerade mit der Operation eines an einer Fallot-Tetralogie – einer komplizierten Herzerkrankung – erkrankten Jungen begonnen, als die Opfer eines Massakers in einem dreißig Meilen entfernten Dorf eingeliefert wurden. Erst als Gamini die sechsstündige Herzoperation durchgeführt hatte, kümmerte er sich um die Verletzten.

Die Massaker hatten sich um zwei Uhr morgens in einem kleinen Dorf neben der Hauptstraße nach Batticaloa ereignet. Man hatte Gamini neun Monate alte Zwillinge gebracht, denen man beiden in die Handflächen und ins rechte Bein geschossen hatte – es konnte also kein Zufall sein; absichtliche Schüsse aus nächster Nähe, die Kinder dem sicheren Tod überlassen; ihre Mutter war ermordet worden. (Seite 254f)

Die Ärzte mussten mit Verletzungen aller politischen Kontrahenten fertig werden, und sie hatten nur einen einzigen Operationstisch. Wenn ein Patient heruntergehoben wurde, saugte man das Blut mit Zeitungspapier auf, wischte den Tisch mit Desinfektionsmittel ab und legte den nächsten Patienten darauf. (Seite 255)

Obwohl Gamini die Krankenschwester, die ihm bei der Operation des Jungen geholfen und dabei einen Mundschutz getragen hatte, nicht wiedererkannte, als sie sich einige Zeit später in der Kantine an seinen Tisch setzte, verliebte er sich in die Frau. Er zeigte es ihr jedoch nicht, denn sie war verheiratet. Ein Jahr später lernte er Chrishanti kennen, mit deren Bruder er zusammen auf der Schule gewesen war. Sie wurde seine Frau. Als er gerade im Dean Street Hospital Dienst hatte, lieferten sie die Krankenschwester ein: Sie hatte Lauge geschluckt, um sich auf qualvolle Weise das Leben zu nehmen.

Mit einer Hand gab ich ihr Schmerzmittel und mit der anderen verabreichte ich ihr Ammoniak, um sie wach zu halten. Ich musste zu ihr vordringen. Ich wollte nicht, dass sie in dieser letzten Phase dachte, sie sei allein. Ich vergiftete sie mit Schmerzmitteln, aber ich wollte verhindern, dass sie einschlief. Es war selbstsüchtig von mir. Ich hätte sie einfach betäuben sollen, einschlafen lassen sollen. Aber ich wollte, dass meine Anwesenheit sie tröstete. Dass ich bei ihr war, nicht er, nicht ihr Mann.
Ich hielt ihr die Lider mit den Daumen offen. Ich schüttelte sie, bis sie mich erkannte. Es interessierte sie nicht. Ich bin hier. Ich liebe dich, sagte ich. Sie schloss die Augen – wie angewidert, kam es mir vor. Dann hatte sie wieder Schmerzen. (Seite 264)

Als Gamini von seiner Ehefrau Chrishanti verlassen wurde, stürzte er sich in die Arbeit, kehrte kaum noch nach Hause zurück, sondern schlief in der Klinik – vorzugsweise in leeren Krankenbetten der Kinderabteilung – und besorgte sich am Straßenimbiss vor dem Krankenhaus hin und wieder etwas zu essen. Nach zwei Monaten brach er zusammen. Inzwischen hält er sich mit Aufputschmitteln wach und ist weiterhin rund um die Uhr im Krankenhaus.

Vor ein paar Jahren machte die Geschichte über einen anderen Arzt aus Colombo die Runde: Linus Corea, ein fünfzigjähriger Prominentenarzt, war seit zehn Jahren verheiratet und hatte zwei Söhne. 1987, als Corea gerade Golf spielte, erschossen Aufständische seinen Leibwächter. Mit einem gezielten Schlag brachen sie ihm eine Rippe, um ihn gefügig zu machen und verschleppten ihn in eines ihrer Lager.

Nach dem ersten Monat musste er sich eingestehen, dass ihm seine Frau und seine Kinder nicht mehr fehlten, nicht einmal unbedingt Colombo. Nicht dass er hier glücklich gewesen wäre, aber er war zu beschäftigt, um sich darüber Gedanken zu machen. (Seite 132)

Corea gab den Männern eine Liste von Dingen, die er benötigte: Kittel, Gummihandschuhe, Spritzen, Verbandsmaterial, Morphium. Da überfielen sie ein Krankenhaus bei Gurutulawa und entführten auch gleich eine vierzig Jahre alte Krankenschwester namens Rosalyn.

Coreas Angehörige hörten nichts von ihm, bis nach acht Monaten jemand seiner Frau einen Brief ihres Mannes überbrachte: „Wenn du mich wiedersehen willst, komm mit den Kindern. Wenn du es nicht willst, habe ich Verständnis dafür.“ Obwohl es „eine finanziell abgesicherte, aber keine glückliche Ehe“ war, folgte sie dem Unbekannten, der sie zu dem Lager brachte, in dem Corea Tag und Nacht Verletzte operierte. Bei der Begrüßung sagte er: „Sie halten mich hier auf Trab. Es ist mein Leben.“

Anil und Sarath finden den Künstler Ananda Udugama und nehmen ihn mit zu einem verlassenen, von Teeplantagen umgebenden Herrenhaus, in dem sie sich vorübergehend einquartieren wollen.

Zwei Fahrstunden vor Ratnapura wurden sie an einer Straßensperre angehalten. Soldaten kamen träge aus dem Schatten an beiden Seiten der Straße auf sie zu. Sie saßen schweigend da, in erzwungener Höflichkeit, und reichten ihre Ausweise hinaus, als eine Hand in den Jeep schoss und mit den Fingern schnipste. Anils Ausweis schien den Soldaten nicht zu passen; einer von ihnen öffnete die Beifahrertür und blieb abwartend daneben stehen. Anil begriff nicht, was man von ihr erwartete, bis Sarath es ihr im Flüsterton erklärte; dann stieg sie aus.
Der Soldat beugte sich in den Jeep, hob ihre Schultertasche heraus und leerte den Inhalt geräuschvoll auf die Kühlerhaube. Alles rollte ins Sonnenlicht; eine Brille und ein Füller fielen auf den Asphalt, wo er sie liegen ließ. Als Anil einen Schritt machte, um sie aufzuheben, streckte er die Hand aus. Im Licht der Mittagssonne betastete er bedächtig jeden einzelnen Gegenstand: Er schraubte einen Flakon Eau de Cologne auf und schnüffelte am Inhalt, betrachtete die Postkarte mit dem Vogel, leerte Anils Brieftasche aus, steckte einen Stift in eine Kassette und drehte das Band wortlos weiter. In ihrer Tasche befand sich nichts wirklich Wertvolles, aber die Langsamkeit seiner Bewegungen war ihr peinlich und irritierte sie. Er öffnete ihren Wecker und nahm die Batterie heraus, und als er die Ersatzbatterien sah, die noch in Plastik eingeschweißt waren, nahm er auch die an sich und überreichte sie einem zweiten Soldaten, der sie zu einer mit Sandsäcken verbarrikadierten Höhle am Straßenrand brachte. Der Soldat ließ Tasche samt Inhalt liegen, entfernte sich, und ohne sich umzudrehen, machte er ihnen ein Zeichen, dass sie weiterfahren konnten. […]
„Die Batterien werden für selbst gebastelte Bomben gebraucht“, erklärte Sarath.
„Das weiß ich“, fuhr sie ihn an, „das weiß ich.“(Seite 172f)

Während Ananda an dem Kopf arbeitet, den er auf einem ausgedienten Plattenspieler vor sich hat, bis er sich nachmittags regelmäßig bewusstlos trinkt, untersucht Anil das Skelett, das sie ebenfalls mitgebracht haben. Sie vermutet, dass der Mann in kauernder Stellung gearbeitet hat, etwa in einer Mine. Bevor er sich ein Bein brach, scheint er allerdings keine so einseitige Beschäftigung gehabt zu haben.

Endlich ist Ananda mit dem Kopf fertig. Aber er hat keine Rekonstruktion des Toten geschaffen, sondern einen Mann mit so friedlichen Gesichtszügen, wie er sie für seine Frau erhofft hatte, als sie 1989 im Ratnapura-Distrikt verschwunden war – zusammen mit 46 Schülern und einige Lehrern.

„Wir haben hier in den letzten Jahren so viele auf Pfähle aufgespießte Köpfe gesehen. Vor zwei Jahren war es am schlimmsten. Man sah sie frühmorgens, wenn jemand nachts zugeschlagen hatte, bevor die Familien davon erfuhren und sie herunterholten und nach Hause brachten. In Hemden eingewickelt oder einfach im Arm.“ (Seite 196)

Antil findet Ananda, als er sich die Kehle durchzuschneiden versucht. Sie legt ihm einen Verband an, injiziert ihm Epinephrin, das sie wegen einer Allergie für den Fall bei sich hat, dass sie von Insekten gestochen wird. Sie bringen ihn ins Krankenhaus von Ratnapura, und er wird gerettet.

An dem Skelett findet Sarath Spuren, die darauf hindeuten, dass man die Leiche zunächst in sumpfigem Boden – etwa in einem Reisfeld – begraben hatte. Und die von Anil zu Rate gezogene Entomologin Chitra Abeysekera entdeckt auf den Knochen das Verpuppungssekret bestimmter Zikaden, die nur in Waldgebieten vorkommen. Diese Hinweise erlauben es Anil und Sarath, das Gebiet des ersten Grabes einzugrenzen: Es dürfte sich zwischen Weddagala, Moragoda, Ratnapura und Sinharaja befunden haben. Dort erkundigen sie sich in den Graphitminendörfern nach dem Toten, und es gelingt ihnen tatsächlich, herauszufinden, dass es sich um einen Palmsaftzapfer namens Ruwan Kumara handelte, der seit einem Sturz, bei dem er sich ein Bein gebrochen hatte, in einer Mine arbeitete. Die Dorfbewohner erinnern sich, wie vor einigen Jahren Männer mit einem billa kamen, also einem Einheimischen, der sich einen Sack mit Sehschlitzen übergestülpt hatte, um den Sympathisanten der Aufständischen anonym identifizieren zu können. Sie holten Ruwan Kumara aus der Mine und brachten ihn fort.

Sarath fährt nach Colombo, um sich Einblick in eine schwarze Liste aus der damaligen Zeit zu verschaffen und zu überprüfen, ob sie den Namen Ruwan Kumara enthält. Das wäre ein Indiz dafür, dass die Regierung den Mord in Auftrag gab. In zwei Tagen will er zurück sein. Als Anil nach sechs Tagen noch immer nichts von ihm gehört hat, ruft sie in ihrer Verzweiflung Oberarzt Dr. Perera im Kynsey Road Hospital an und sagt ihm, dass sie sich in Ekneligoda befindet. Ein Wagen holt sie ab. Perera trifft sie erst im Krankenhaus in Colombo. Während sie mit ihm in der Kantine sitzt, lässt jemand das Skelett von Ruwan Kumara verschwinden.

Einige Tage später soll Anil das Ergebnis ihrer Nachforschungen im Armoury Auditorium am Sitz der Antiterroristeneinheit in Colombo vortragen. Man hat ihr eines der drei anderen Skelette hingelegt. Offenbar legt man es darauf an, sie lächerlich zu machen. Plötzlich steht Sarath auf, den sie bis dahin nicht sah, weil er in der letzten Reihe saß. Mit polemischen Fragen entkräftet er Anils Argumente. Dann lässt er ein weiteres, in einen Plastiksack gewickeltes Skelett hereinfahren und fordert Anil auf, in 48 Stunden über ihre Untersuchungsergebnisse an dieser angeblich zweihundert Jahre alte Leiche zu berichten. Man werde ihr das Skelett auf dem Parkplatz übergeben. Sarath fährt das Skelett durch einen Tunnel hinaus, und Gunesena hilft ihm dabei, es in den Kastenwagen zu legen, der Anil zur Verfügung steht. Der Forscher weiß, dass Anil nicht so rasch kommen kann, weil man sie in jedem Stockwerk des Gebäudes aufhalten, die Papiere überprüfen und sowohl Taschen als auch Kleidungsstücke durchsuchen wird, um sie zu demütigen. Nach eineinhalb Stunden taucht sie am Hauptausgang auf. Man hat ihr alles abgenommen. Sie beschimpft Sarath als Verräter. Unbeirrt rät er ihr, zur „Oronsay“ zu fahren.

Als sie dort den Plastiksack öffnet, merkt sie sofort, dass sie nicht um ein zweihundert Jahre altes Skelett vor sich hat, sondern Ruwan Kumaras Knochen. Unter den Rippen findet sie ihren Kassettenrecorder. Sie schaltet ihn ein. Sarath hat auf das Band gesprochen. Er drängt sie, ihren Bericht noch am selben Tag zu schreiben und am nächsten Morgen mit der ersten Maschine das Land zu verlassen.

Wie hat Gamini einmal gesagt?

„Amerikanische Filme, englische Bücher – wisst ihr noch, wie sie immer enden? Der Amerikaner oder Engländer besteigt ein Flugzeug und reist ab. Und das war’s. Die Kamera verschwindet mit ihm. Er sieht aus dem Fenster auf Mombasa oder Vietnam oder Jakarta, irgendeinen Ort, den er jetzt durch die Wolken betrachten kann. Der erschöpfte Held. […] Das genügt dem Westen an Wirklichkeit. Wahrscheinlich ist das die Geschichte der letzten zweihundert Jahre politischen Denkens im Westen. Nach Hause fahren. Ein Buch schreiben. Sich wieder in den Kreislauf einfügen.“ (S. 298f)

Am Freitag bringen Mitarbeiter einer Bürgerrechtsbewegung, wie üblich, die Leichen der während der Woche in Colombo Ermordeten zu Gamini, damit er ihren Zustand protokolliert. Diesmal sind es sieben Leichen. Die dritte Leiche ist die seines Bruders Sarath.

Kurz darauf kommen Präsident Katugala und mehr als fünfzig ihn umstehende Menschen durch einen Selbstmordattentäter ums Leben.

Auf der Suche nach einem Schatz sprengen Diebe eine Buddha-Statue. Ananda Udugama wird beauftragt, die Trümmer wieder zusammenzusetzen, während in der Nähe eine Kopie der Statue aus Gips aufgestellt wird, deren Augen Ananda im Rahmen einer feierlichen Zeremonie meißelt und bemalt. Ein Junge hilft ihm dabei.

„Er spürte die besorgte Hand des Jungen auf seiner Hand. Die süße Berührung der Welt.“ (Seite 320)

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„Hier gibt es nur die Logik des Wahnsinns“, behauptet Gamini (Seite 198). Und sein älterer Bruder Sarath erklärt: „Ich wollte das eine Gesetz finden, das alles Leben regiert. Und ich fand die Angst …“ (Seite 144) Er warnt Anil, leichtfertig zu urteilen: „Ich glaube nicht, dass Klarheit unbedingt mit Wahrheit gleichzusetzen ist. Eher mit Einfachheit, oder?“ (Seite 271)

Michael Ondaatje fügt nur hin und wieder eine Szene aus dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka ein, aber die Gewalt ist beinahe auf jeder Seite des Buches zu spüren. Im Vordergrund geht es um eine aus Sri Lanka stammende, seit fünfzehn Jahren im Westen lebende Wissenschaftlerin, die im Auftrag einer Menschenrechtsorganisation der Vereinten Nationen nachzuweisen versucht, dass die Bevölkerung der Insel nicht nur von den Guerillakämpfern im Norden und den Aufständischen im Süden terrorisiert wird, sondern auch von der Regierung. Diese Geschichte bildet gewissermaßen einen roten Faden durch eine stilsicher arrangierte, ungeachtet der Grausamkeit eher lyrische Collage aus mehr oder weniger zusammenhängenden Episoden, die sich dem analytischen Denken zum Teil entziehen und ihre Wirkung über die poetische Kraft entfalten. „Unglaubliche Bilder“, schwärmte Denis Scheck in der Sendung „Kulturzeit“ (3Sat). „Bilder von einer choreographischen Schönheit, die einem den Atem verschlägt.“ Es sind ebenso verstörende wie einprägsame Bilder des Schreckens, der Entwurzelung, aber auch der Fürsorge und Barmherzigkeit. Michael Ondaatje kommt es weder darauf an, eine spannende Handlung voranzutreiben, noch die Hintergründe des Bürgerkriegs zu erläutern, sondern er veranschaulicht den Wahnsinn des politischen Terrors. Ondaatje ergreift keine Partei, klagt aber alle an, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen.

In der deutschen Übersetzung stören leider hin und wieder Stil- und Grammatikfehler.

Michael Ondaatje wurde 1943 in Sri Lanka geboren, ist holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung und lebt seit 1962 in Kanada.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Paul Auster - Nacht des Orakels
Paul Auster spielt in "Nacht des Orakels" mit Geschichten, die wie Matrjoschka-Puppen ineinander gepackt sind. Er erzählt mit überbordender Fabulierlust und bietet eine höchst unterhaltsame Lektüre auf hohem Niveau.
Nacht des Orakels

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