Amos Oz : Späte Liebe

Späte Liebe

Amos Oz

Späte Liebe

Manuskript: 1970 Erstveröffentlichung in "Ad mavet", 1971 Späte Liebe Übersetzung: Ruth Achlama Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1997 in "Dem Tod entgegen" ISBN: 3-518-40821-6, 175 Seiten Suhrkamp-Taschenbuch: 1999 ISBN 978-3-518-39434-2, 175 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Obwohl der Israeli Schraga Unger bereits 68 Jahre alt ist, hält er noch immer Vorträge in Kibbuzim. Vereinsamt lebt er in einer Ein-Zimmer-Wohnung, in der überall Zeitungen herumliegen. Durch die Lektüre glaubt er, als Einziger die Wahrheit zu kennen: Die von den Bolschewiken im Geheimen beschlossene Vernichtung des Judentums könne nur durch einen Überraschungsangriff Israels gegen die Sowjetunion verhindert werden. Niemand will jedoch seine abstrusen Warnungen hören ...
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Kritik

Bei der von Amos Oz als inneren Monolog angelegten Erzählung "Späte Liebe" handelt sich um eine böse und groteske Satire über einen israelischen Querulanten.


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Israel, Anfang der Siebzigerjahre. Obwohl Schraga Unger bereits achtundsechzig Jahre alt ist und ihm seine Korpulenz zu schaffen macht, lässt er sich noch immer an jedem Freitagabend von Kibbuz zu Kibbuz fahren, um im Auftrag des Exekutivausschusses Vorträge über das Judentum in der Sowjetunion zu halten. Früher hatte ihn dabei die Sängerin Ljuba Kaganowskaja begleitet, doch als ihre Stimme aufgrund des Alters versagte, hörte sie auf. Inzwischen geben die Verantwortlichen im Kulturbüro auch Unger zu bedenken, dass die wöchentlichen Fahrten für einen Mann in seinem Alter zu anstrengend seien. Er argwöhnt, dass er abgeschoben werden soll, weil er die Augen offenhält und als Einziger weiß, dass die Bolschewiken im Geheimen beschlossen haben, das ganze Volk Israel endgültig auszurotten. Seine Warnungen will jedoch niemand hören.

Wenn ich das Kulturbüro oder die Kibbuzzentrale betrete, stürzen sich sogar die jungen Typistinnen augenblicklich auf ihre Schreibmaschinen. (Seite 39)

Unger lebt einsam in einer Ein-Zimmer-Wohnung der Gewerkschaft. Seit Jahren hat er keine Frau mehr angeschaut, und Freunde oder Verwandte gibt es auch nicht. Deshalb ist es nicht so schlimm, dass er Mundgeruch hat.

Weil die Zwischenwand zur Nachbarwohnung seit längerer Zeit vermutlich aufgrund eines durchgerosteten Rohrs feucht ist, hält er eine Reparatur für erforderlich. Statt bei der Nachbarin zu klingeln und mit ihr zu reden, schickt er ihr einen Brief per Post und weist sie darauf hin. Er ist bereit, die Kosten zu übernehmen; sie braucht nur zuzustimmen. Die Witwe schreibt ihm zurück, sie werde in wenigen Wochen ausziehen und er solle die Angelegenheit deshalb mit ihrem Nachmieter regeln.

Überall in Ungers Wohnung liegen Zeitungen herum. Drei bis fünf Stunden benötigt er täglich für die Zeitungslektüre.

Es gibt ja so viele Dinge, auf die sich mein Wissensdurst erstreckt: Grenzüberfälle, Ideengefechte, Staatsintrigen, Signale aus dem Weltall, den vorgestern in Brüssel abgehaltenen Anarchistenkongress, auf dem mit Stimmenmehrheit ein handlungsfähiges Sekretariat gewählt wurde. (Seite 30)

Seit Jahren sammelt er Zeitungsausschnitte über „Juden in Russland, sowjetische Politik und Technologie, das Sonnensystem, der Weltkommunismus, Intrigen und Umwälzungen im Kreml“. (Seite 80) Sein Hauptaugenmerk gilt der Gefährdung Israels durch die Bolschewiken.

Rote Agenten tummeln sich bei uns allerorten. (Seite 26)

Unger weiß Bescheid, denn er kommt aus Russland und war nach dem Ersten Weltkrieg Vizekommissar, Bezirksvorsitzender und Blocksekretär der Bolschewiken. 1923 wurde Unger in Ost-Smolensk verhaftet, weil man ihn für den Bruder eines deutschen Juden namens Mungert hielt, von dem es hieß, er habe in Wien eine Zelle der Menschewiki gegründet. Unger beteuerte, er sei ein Einzelkind und wies darauf hin, dass er nicht Mungert, sondern Unger heiße, aber der Kommissar, der ihn verhörte, ließ sich von seinem Verdacht nicht so leicht abbringen.

Gerade beginnt er wieder mit einem seiner Vorträge. Vor ihm sitzen elf schläfrige Kibbuzniks, alles ältere Leute, darunter sechs strickende Frauen. Unger klärt sie über die ostslawische Seele auf. In Russland werde viel geweint, behauptet er.

Annuschka weint, weil Wanja sich nicht in sie verliebt hat, und am nächsten Tag weint sie wieder, weil er sich’s nun anders überlegt hat und sie plötzlich doch liebt. (Seite 60)

An einem Beispiel veranschaulicht Unger, wie grausam Russen sein können:

Der russische Bauer ist fähig, eines schönen Tages aufzustehen und seiner eigenen Mutter mit dem Messer zu Leibe zu gehen, sie richtiggehend abzuschlachten. Und warum sollte Wassil seine eigene Mutter umbringen? Na, sagen wir mal – weil Wassils alter Vater das fast wahnwitzige Verlangen hat, eine junge Bauerstochter zur Frau zu nehmen, die Alte aber partout nicht sterben will. Wassil tat es bis zu Tränen leid um seinen alten Vater, der das Mädchen nicht heiraten konnte und sich von Tag zu Tag im Suff verlor. Deswegen hat Wassil zum Messer gegriffen und die Alte abgeschlachtet, um den Weg frei zu machen. Und was folgt daraus, Genossen? Vor lauter Mitleid hat Wassil gemordet, wusste vor Mitleid nicht, wohin. Schmerz und Erbarmen brachen ihm das Herz. Aber einen Monat später, vor der Dorfkirche, bei der Hochzeitsfeier seines Vaters mit der Bauerstochter, säuft dieser Wassil nun wie wild, zerschmettert die leere Flasche urplötzlich auf dem Kopf seines Vaters und ertränkt die junge Braut eigenhändig im Fluss – überwältigt vom Mitleid für seine arme Mutter. (Seite 59f)

Eines Tages beschließt er, Ljuba Kaganowskaja ausfindig zu machen. Er findet sie in Tel Aviv. Sie ist inzwischen mit Hugo verheiratet, einem unterwürfigen Graphologieprofessor aus Bukarest, der ihr ohne Widerrede gehorcht. Unger klärt die beiden über das Komplott der Bolschewiken auf. Er habe Beweise, aber die werde er nur Verteidigungsminister Mosche Dajan persönlich vorlegen.

Es gebe nur eine Möglichkeit, der Gefahr zu entgegen: Gegenkonspiration.

Und dann, sage ich, packen und vergiften. Na. Alle Wege sind legitim, ohne langes Fackeln, in der Stunde der Gefahr. Diese roten Tyrannen, sage ich, diese Mörder des Volkes Israel persönlich vergiften. Sprichwörtlich vergiften. Von Grund auf. Und rechtzeitig, ehe sie uns zuvorkommen. (Seite 27)

Unger malt sich aus, wie israelische Panzertruppen Polen einnehmen und die Front weiter nach Osten und Südosten vorschieben, bis Mosche Dajan düster schweigend die Kapitulation des Generalgouverneurs von Kischinew entgegennimmt.

Schließlich resigniert Unger und nimmt sich vor, zum Kulturbüro zu gehen, um seine Vortragstätigkeit ohne Bitterkeit zu beenden.

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Amos Oz hat die Erzählung „Späte Liebe“ als inneren Monolog angelegt. Es handelt sich um eine böse und groteske Satire über einen verbohrten Israeli, der überzeugt davon ist, als Einziger die Wahrheit zu kennen: Die von den Bolschewiken im Geheimen beschlossene Vernichtung des Judentums könne nur durch einen Überraschungsangriff Israels gegen die Sowjetunion verhindert werden. Niemand will jedoch seine abstrusen Warnungen hören: Er vereinsamt, und sein Körper verfällt in dem Maße, wie sich sein Geist verwirrt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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