Mario Puzo : Die Familie

Die Familie

Mario Puzo

Die Familie

Originalausgabe: The Family Regan Books, New York 2001 Die Familie Übersetzung: Peter Hahlbrock Ullstein Verlag, Berlin 2001 ISBN 3-550-08349-1, 528 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mario Puzo sah in der Borgia-Familie einen Vorläufer der Mafia: Der Borgia-Papst Alexander VI. bekannte sich offen zu seinen illegitimen Kindern, betrieb eine Heiratspolitik im Dienste der Machtentfaltung und setzte seine Söhne in bedeutende Ämter ein. Um die Interessen der "Familie" durchzusetzen, schreckten weder er noch sein Sohn Cesare Borgia vor Mordanschlägen zurück.
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Kritik

Der historische Roman "Die Familie" liest sich leicht, ist jedoch kein großer Wurf wie "Der Pate". Nur in einigen Episoden zeigt Mario Puzo den gewohnten erzählerischen Schwung, dann kommen auch Spannung und Atmosphäre auf.

Mario Puzo (1920 – 1999) hatte sich jahrelang mit der Geschichte der Borgias befasst. Im Nachlass des Schriftstellers wurde das angeblich bis auf die letzten Kapitel fertige Manuskript des Romans „Die Familie“ gefunden. Mario Puzos Lebensgefährtin und Assistentin Carol Gino vollendete es.

Mario Puzo sah in der Borgia-Familie einen Vorläufer der Mafia: Der Borgia-Papst Alexander VI. bekannte sich offen zu seinen illegitimen Kindern, betrieb eine Heiratspolitik im Dienste der Machtentfaltung und setzte seine Söhne in bedeutende Ämter ein (Nepotismus). Um die Interessen der „Familie“ durchzusetzen, schreckten weder er noch sein Sohn Cesare Borgia vor Mordanschlägen zurück.

In dem Roman „Die Familie“ schildert Mario Puzo die Geschichte der Borgia von 1472 bis 1507, von der Papstwahl Rodrigo Borgias (Alexander VI.) bis zum Tod seines Sohnes Cesare. Im Mittelpunkt stehen die beiden genannten Personen und Lucrezia Borgia, die Tochter Rodrigos und Schwester Cesares. Als Eckpfeiler benutzt Mario Puzo historische Fakten; den Raum dazwischen füllt er mit überlieferten Gerüchten, Anekdoten und selbst erdachten Szenen aus, ohne erkennen zu lassen, was authentisch und was fiktiv ist.

Er malt aus, wie Savonarola gefoltert wird („als dem Opfer Knochen und Muskeln der Arme aus den Schultern gerissen wurden“ – Seite 281) und Cesare jede Nacht die besiegte, gefangene und gefesselte Caterina Sforza vergewaltigt („‚die Wölfin‘ lag mit gespreizten Beinen und Armen in der Falle“ – Seite 345). Reißerisch ist auch die Szene, in der Papst Alexander VI. seine Tochter Lucrezia von deren Bruder Cesare vor seinen Augen deflorieren lässt („begann der Papst, seinem Sohn die Hand führend, den Körper seiner Tochter zu streicheln“ – Seite 73). Um eine Spekulation handelt es sich bei der Behauptung, das auch von Johannes Burchard (1481 – 1513), dem Zeremonienmeister von Papst Alexander VI., in seinem „Diarium“ erwähnte „Infans Romanus“ sei ein von Cesare Borgia mit seiner Schwester gezeugtes Kind gewesen und Lucrezias Schwangerschaft habe den Plan gefährdet, ihre Ehe mit Giovanni Sforza wegen dessen angeblicher Impotenz annullieren zu lassen. Weil wir das „Diarium“ von Johannes Burchard bis auf 26 Originalseiten nur aus Abschriften kennen, sind Herkunft und Wahrheitsgehalt einzelner Eintragungen ungewiss. Das gilt auch für die Schilderung eines vulgären Spektakels, das am 30. Oktober 1501 im Vatikan stattgefunden haben soll: Eine Gruppe splitternackter Kurtisanen musste sich zum Amüsement der Gäste um auf den Boden gestreute Kastanien balgen. Mario Puzo verlegt die Szene um zwei Monate und macht daraus eine Orgie auf dem Fest des Papstes für die Gäste, die zur Hochzeit von Lucrezia Borgia und Alfonso I. d’Este aus Ferrara gekommen waren (Seite 443ff).

Positiv anzumerken ist, dass Mario Puzo den Borgia-Papst Alexander VI. nicht als sittenlosen Schurken, sondern als Renaissancefürsten mit widersprüchlichen Charakterzügen darstellt – und damit der farbigen historischen Figur gerechter wird.

Der historische Roman „Die Familie“ liest sich leicht, ist jedoch kein großer Wurf wie „Der Pate“. Einige inhaltliche und sprachliche Entgleisungen ziehen das Niveau des Buches arg herunter. Offenbar haben historische Tatsachen die Fantasie und Fabulierfreude von Mario Puzo gelähmt: Viele Charaktere und Szenen wirken holzschnittartig, die Details sind einfallslos und es mangelt ihnen an Farbe und Originalität. Nur in einigen Episoden zeigt Mario Puzo den gewohnten erzählerischen Schwung, dann kommen auch Spannung und Atmosphäre auf.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Econ Ullstein List

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