Thomas Rosenboom : Neue Zeiten

Neue Zeiten

Thomas Rosenboom

Neue Zeiten

Originalausgabe: Publicke werken Em. Querido's Uitgeverij, Amsterdam 1999 Neue Zeiten Übersetzung: Marlene Müller-Haas Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004 ISBN: 3-421-05663-3, 493 Seiten, 24.90 € (D) Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006 ISBN: 978-3499240102, 493 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Walter Vedder, dessen Geigen nur von Spielleuten gekauft werden, vergeudet seine Vaterliebe an einen Waisenknaben, der ihn schamlos ausnutzt. Als an der Stelle, an der sein Haus steht, ein Hotel gebaut werden soll, glaubt er, ein beträchtliches Vermögen für den Jungen herausschlagen zu können. Sein Vetter, der Apotheker Christof Anijs, der selbst nicht studiert hat, sich aber gegen einen promovierten Konkurrenten durchsetzen will, überredet ihn zu einer folgenschweren Investition ...
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Kritik

Thomas Rosenboom ist ein fulminanter Erzähler: In farbigen und lebendigen, ausdrucksstarken und vielfach symbolischen Bildern entwickelt er eine komplexe, spannende Handlung vor dem Hintergrund des Umbruchs am Ende des 19. Jahrhunderts: "Neue Zeiten".
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In Hoogeveen, einer Kleinstadt im Süden der niederländischen Provinz Drenthe, lebt 1888 der gut sechzig Jahre alte Apotheker Christof Anijs. Als junger Mann war er aus der Provinzhauptstadt Assen gekommen und hatte als Assistent bei dem damaligen Inhaber der Apotheke „Die zwölf Apostel“ angefangen, einem Witwer mit zwei Töchtern. Bald nachdem die jüngere Tochter nach Groningen gezogen war, erkrankte der Apotheker. In dieser Lage erklärte er sich damit einverstanden, dass seine ältere Tochter Martha die Ehefrau seines Assistenten wurde, und dieser übernahm nach dem Tod seines Schwiegervaters die Apotheke „Die zwölf Apostel“. Dafür war damals kein akademisches Studium erforderlich. Der Bürgermeister und der Arzt Dr. Feeko Koerts Amshoff, die sich regelmäßig mit seinem Vorgänger getroffen hatten, blieben jedoch zu Anijs auf Distanz.

Es gibt in Hoogeveen noch eine Apotheke: „Das Einhorn“. Van der Wal, der Besitzer, starb kürzlich, und seine Witwe zog fort. Vor einer Woche kam der neue Apotheker mit seiner Ehefrau nach Hoogeveen. Seither hat Anijs vergeblich auf einen Antrittsbesuch des Kollegen gewartet. Schließlich geht er hin und stellt erschrocken fest, dass es sich bei Halink um einen etwa zwanzig Jahre alten promovierten Apotheker handelt. Es dauert nicht lang, bis er beobachtet, dass Dr. Halink, Dr. Amshoff und der Bürgermeister häufig zusammen sind.

Umso eingehender widmet sich Anijs der von Amshoff seiner Meinung nach vernachlässigten Armensiedlung. Die Männer, die dort mit ihren Familien in Katen hausen, arbeiten als Torfstecher. Nur Pet Bennemin, der die Kinder der Feldgänger als unbesoldeter Lehrer unterrichtet, besitzt ein gemauertes Haus.

Pet Bennemin kam vor Jahren mit seiner Familie, zwei Brüdern und seinem Vater, der noch den unverfälschten Namen Benjamin trug und als Mohel (Beschneider) tätig war, nach Hoogeveen, weil es in ihrer früheren Wohngegend für Torfstecher nichts mehr zu tun gab. Sie folgten dem Rand des Moors, der sich durch den Abbau immer weiter verschob. In einer einzigen Nacht errichteten die Männer auf einer sandigen Anhöhe im Moor eine Kate, und weil sie es schafften, dabei unbemerkt zu bleiben und vor Sonnenaufgang ein Feuer im Kamin zu entfachen, konnte sie aufgrund des tradierten Rechts niemand mehr vertreiben.

Anijs versorgt die Moorkolonie nicht nur kostenlos mit Medizin, sondern überschreitet auch seine Kompetenz, indem er selbst Diagnosen stellt und gelegentlich eine Punktation durchführt. Martha versucht vergeblich, ihn davon abzuhalten, dem einen oder anderen der Armen seine besondere Unterstützung zuzusichern.

Eines Tages beobachtet Anijs zufällig, wie Sieger, ein Zwanzigjähriger aus dem Armenviertel, mit ein paar Kumpanen in das Haus der Familie Bennemin eindringt. Sieger geht seit zwei Jahren mit Bennemins Tochter Johanna. Wie üblich, kletterte er mit stillschweigender Billigung der Eltern regelmäßig durchs Fenster zu Johanna ins Zimmer und schlief mit ihr, um vor der beabsichtigten Eheschließung ihre Fruchtbarkeit zu prüfen. Weil Johanna nicht schwanger wurde, zwingt er sie nun, im Beisein ihrer Angehörigen und seiner Freunde mit einer Puppe zu tanzen, die „kalter Freier“ genannt wird: Mit dieser Schandhochzeit sagt sich Sieger von Johanna los.

Kurz vor diesem Ereignis brachte Pet Bennemin eine von seinem verstorbenen Vater geerbte Geige in die Apotheke und bat Anijs, sie von dessen Vetter Walter Vedder in Amsterdam in Kommission nehmen und verkaufen zu lassen.

Bei dem sechzigjährigen Walter Vedder handelt es sich um einen gelernten Schreiner, der sich autodidaktisch zum Geigenbauer machte. Allerdings gehören keine Orchestermusiker zu seinen Kunden – die gehen zu Smolenaars –, sondern Musikanten, die in Sälen zum Tanz aufspielen. Seit seine Frau ihn verließ und gleich darauf ihr erstes Kind von einem anderen Mann bekam, wohnt Vedder allein in seinem Haus gegenüber dem gerade entstehenden Bahnhof von Amsterdam. Ein Junge aus dem Diakoniewaisenhaus, für den er in dem Kellner Rossaert und dessen Ehefrau Adoptiv- und Pflegeeltern fand, ist für ihn so etwas wie sein eigener Sohn. Wenn Theo Rossaert in wenigen Wochen seinen sechzehnten Geburtstag feiert, soll er über seine Herkunft aufgeklärt werden.

Nächsten Monat würde er sechzehn, und Rossaert sollte ihm die Wahrheit über seine Geburt erzählen; dann könnte Theo seine Fürsorge voll und ganz schätzen – ohne seine Vermittlung würde er als Stadtwaise jetzt womöglich gar in einer Moorkolonie in Drenthe hocken. Ach ja, er war doch immer wie ein Vater für ihn gewesen, er hatte sich sogar für seine Schulbildung eingesetzt, aber auf der Höheren Bürgerschule hatte der Junge keinen Eifer gezeigt, sodass er jetzt als Bürobote bei einer Handelsfirma arbeitete. (Seite 63)

Obwohl Vedder alles für Theo tut, kommt dieser nur vorbei, wenn er Geld braucht.

Auf Anijs Nachricht hin fährt Vedder nach Hoogeveen, um die Geige zu holen. Den Wert des vor etwa hundert Jahren in einer böhmischen Manufaktur angefertigten Instruments schätzt er auf 100 Gulden.

Zurück in Amsterdam, überredet er Rossaert auf Marthas Rat hin, mit Theos Aufklärung noch ein Jahr zu warten. Weil die Waisenkasse aber nach dem 16. Geburtstag kein Pflegegeld mehr bezahlt und die Rossaerts nicht darauf verzichten können, übernimmt Vedder die Kosten.

Unerwartet taucht Veddars anderer Vetter bei ihm auf: Al Vedder, der etwa vierzig Jahre alte Enkel von Auswanderern, der für mehrere Monate aus New York nach Amsterdam gekommen ist, weil er hier geschäftlich zu tun hat. Al Vedder sagt aber nur kurz Hallo.

Im September 1888 steht in der Zeitung, dass das Unternehmen „Victoria Hotel“ in Amsterdam ein Luxushotel gegenüber dem in Bau befindlichen Bahnhof errichten will. Friedrich Ebert, ein höflicher Geschäftsmann Ende zwanzig, Kompagnon des Firmendirektors J. F. Henkenhaf, sucht Vedder auf. Dessen Haus ist eines von zehn Gebäuden, die abgerissen werden sollen, um Platz für den Hotelneubau zu machen. Vedder sieht eine Chance, viel Geld zu machen und malt sich aus, wie er Theo als Alleinerben einsetzt. Dann wird der Junge endlich begreifen, dass er wie ein Vater für ihn sorgt. Weil Vedder befürchtet, dass die Hausbesitzer hinsichtlich des Preises gegeneinander ausgespielt werden sollen, lässt er sich von seinem Nachbarn Carstens eine Vollmacht für die Verhandlungsführung geben, und als Ebert 20 000 Gulden pro Haus bietet, verlangt er kurzerhand 50 000. Er ist überzeugt, dass die Hotelgesellschaft am Ende jeden Preis bezahlen muss, um das Projekt verwirklichen zu können. Und während er glaubt, unbegrenzt Zeit zu haben, soll das Hotel nicht viel später als der Bahnhof fertig werden.

Ebert ist zwar nicht bereit, auf Vedders Forderung einzugehen, aber er lässt ihm eine Geige mit einem Wolf zur Reparatur da. Dem Etikett zufolge wurde das Instrument 1692 von Willem van der Syde angefertigt. Auf der Quittung, die Vedder dem Besitzer aufdrängt, gibt er den Wert mit 3000 Gulden an. Ein so kostbares Stück hatte er bis dahin noch nie in seiner Werkstatt.

Ein Jahr nach der Schandhochzeit fragt Johanna in der Apotheke „Die zwölf Apostel“ nach Siebenbaum. Das Abtreibungsmittel sei für die Ziege, behauptet sie, aber Anijs durchschaut die übliche Lüge. Also ist Johanna doch nicht unfruchtbar! Er verspricht ihr, Sieger ins Gewissen zu reden. Der zeigt sich überrascht, als Anijs mit ihm spricht und versichert, nicht der Vater des Kindes zu sein.

Johanna ist im achten Monat, als ihr Bruder Pet Bennemin jr. Anijs mitten in der Nacht aus dem Schlaf klingelt: Das Mädchen liegt in den Wehen. Um die Schmerzen zu lindern, punktiert Anijs ihren Bauch mit dem Beschneidungsmesser ihres Großvaters. Gleich darauf gebiert sie ein totes Kind. Als Anijs das Gesicht sieht, begreift er, dass nicht Sieger, sondern der geistesgestörte Lubber der Vater ist. Ohne die vorgeschriebene Leichenbeschau durch einen approbierten Arzt wird der tote Säugling hinter der Scheune verscharrt.

Der promovierte Apotheker Halink richtet nicht nur das erste Fotostudio in Hoogeveen ein, sondern plant überdies, eine Bunsenbatterie für elektrisches Licht zu beschaffen. Seine Ehefrau ist inzwischen ganz offensichtlich schwanger.

Das Unternehmen „Victoria Hotel“ hat bereits acht der zehn Grundstücke für je 20 000 Gulden erworben. Nach und nach ziehen die Nachbarn weg. Nur Vedder und Carstens bleiben zurück.

Am 15. Oktober 1889 wird der neue Bahnhof eingeweiht.

Als Theo, der am selben Tag seinen 17. Geburtstag feiert, erfährt, dass die Rossaerts nur seine Pflege- und Adoptiveltern sind, hält er Vedder irrtümlich für seinen leiblichen Vater – aber das bedeutet für ihn nur, ein Anrecht auf finanzielle Unterstützung durch ihn zu haben.

Ebert verbindet die Erhöhung seines Angebots auf 25 000 Gulden mit dem Hinweis, dass der Beginn der lärmenden Abbruch- und Bauarbeiten unmittelbar bevorstehe.

Al Vedder, der sich die ganze Zeit über nicht sehen ließ, kommt, um sich von seinem Vetter zu verabschieden. Er vermittle gegen Provision zwischen auswanderungswilligen Europäern und Arbeitgebern in den USA, erklärt der amerikanische Geschäftsmann auf Nachfrage und übergibt Walter die Geschäftskarte seines Notars J. L. H. Biederlack in Amsterdam. Im Gehen kauft Al Vedder noch rasch die Geige, die sein Vetter in Kommission anbietet, und weil er keine Gulden mehr bei sich hat, gibt er ihm 100 Dollar dafür, obwohl das dem Dreifachen des Preises entspricht.

Freudig fährt Walter Vedder nach Hoogeveen und bringt Christof Anijs die 100 Dollar.

Als Anijs hört, dass sein Vetter in Kürze mit 50 000 Gulden rechnet, schlägt er ihm vor, das Geld statt in Aktien einer Ölgesellschaft in Menschen anzulegen. Der Betrag entspricht der Summe, die erforderlich ist, um hundert Familien die Überfahrt nach New York zu bezahlen. Knapp hundert Familien bilden die Armensiedlung von Hoogeveen, und weil der Rand des Moors durch den Abbau schon wieder verschoben wurde, wissen die Torfstecher bald nicht mehr, wovon sie leben sollen. Vedder soll das Geld für die Schiffspassage vorstrecken und sich mit einer entsprechenden Verzinsung von den Emigranten zurückzahlen lassen.

Anijs versammelt die Feldgänger, überreicht zunächst Pet Bennemin die 100 Dollar für die Geige und erklärt den Anwesenden dann das Vorhaben. Begeistert stimmen sie zu.

Vedder beauftragt J. L. H. Biederlack, der übrigens auch als Notar für Direktor J. F. Henkenhaf tätig ist, mit der Abwicklung des Projekts. Für jede Auswandererfamilie investiert er 500 Gulden, die mit 8 Prozent Jahreszinsen plus 4 Prozent Provision für den Agenten in fünf Jahresraten zurückgezahlt werden sollen. Biederlack lässt hundertzwanzig Verträge in dreifacher Ausfertigung drucken. Nachdem Vedder sie im Januar 1890 unterschrieben hat, werden sie zur Gegenzeichnung nach New York geschickt. Vedder braucht nur noch das Geld auf ein Depositenkonto einzuzahlen; um alles andere kümmern sich der Notar und der Agent in den USA.

Nach dem Abriss der acht Häuser beginnen die Bauarbeiten für das Hotel. Aufgrund des Lärms kann Vedder kaum noch seiner Arbeit nachgehen – er sucht noch immer nach der Ursache für den Wolf der Geige –, und es steht zu befürchten, dass die Erschütterungen die beiden noch stehenden Gebäude zum Einsturz bringen. Das Ehepaar Carstens hält es nicht mehr aus; Frau Carstens geht wegen ihres schmerzenden Beins ins Spital, und ihr Mann zieht in eine kleine Mietwohnung.

Im März eröffnet Biederlack das Depositenkonto. Erst mit dem Eingang des Gesamtbetrags werden die Verträge wirksam.

Am 11. April – neun Tage vor der geplanten Einschiffung – kommen die vom Agenten unterschriebenen Verträge aus den USA zurück, und Vedder schickt sie nach Hoogeveen weiter. 92 Familien schließen einen Vertrag ab. Die Großeltern, die zum Auswandern nicht mehr bereit oder in der Lage sind, werden bei Verwandten untergebracht. Argwöhnisch beobachtet der Bürgermeister, dass die Feldgänger Pässe beantragen und ihre Habe auf Trödelmärkten verkaufen.

Vedder, der anfangs dachte, die Zeit arbeite für ihn, gerät unter Druck, das Geld auf das Depositenkonto einzuzahlen. Ebert erklärt ihm, er sei inzwischen authorisiert, bis auf 30 000 Gulden hochzugehen, aber Vedder weicht von seiner Forderung nicht ab. Selbst wenn er wollte, könnte er es nicht mehr, weil er die 50 000 Gulden für die Schiffspassage und die Rechnungen der Druckerei, des Notars und der Bahngesellschaft benötigt, bei der Anijs zwei Viehwaggons für den Transport der Auswanderer von Hoogeveen nach Amsterdam bestellte.

Obwohl Vedder noch immer kein Geld hat, werden die Emigranten am 20. April 1890 nach Amsterdam gebracht.

Nachdem Vedder sich vergewissert hat, dass sie alle an Bord der „Orion“ sind, atmet er auf: Während der vier Wochen dauernden Überfahrt kann erst einmal nichts passieren. Es wird reichen, wenn er die 50 000 Gulden vor der Ankunft des Schiffes in New York bezahlt.

Dr. Amshoff und der Bürgermeister überraschen Anijs nach der Abreise der Feldgänger hinter der Scheune von Pet Bennemins verlassenem Haus. Mit heruntergelassener Hose und einer silbernen Klemme an der Vorhaut steht er vor einem mit Steinen umrandeten Grab. Amshoff, der weiß, dass Johanna schwanger war, begreift sofort, was geschehen ist und droht Anijs mit einem Verfahren. Der Apotheker hatte offenbar gerade vor, sich mit der silbernen Lanzette von Johannas Großvater, die ihm Bennemin zum Abschied schenkte, zu beschneiden. Auf der Flucht stößt er einen Bienenstock um und wird von den aufgescheuchten Insekten halb tot gestochen. Im Spital von Asser kommt er wieder zu sich. Das Gift hat sein Gesicht so anschwellen lassen, dass er nichts sieht und Nahrung nur mit einem Strohhalm in flüssiger Form zu sich nehmen kann.

Martha zieht zu ihrer Schwester nach Groningen.

Das Ärztliche Standesgericht schreibt Anijs, wegen seines Alters sei man bereit, auf weitere Schritte gegen ihn zu verzichten, wenn er seine berufliche Tätigkeit von sich aus aufgebe.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Immer wieder hat Vedder die Geige, die Ebert ihm zur Reparatur anvertraute, zerlegt und zusammengebaut aber die Ursache des Wolfs nicht gefunden. Am Ende bleibt nur noch die Fläche unter dem Etikett. Das zerreißt beim Abmachen, aber als Vedder die Geige nach dem erneuten Zusammenbau ausprobiert, ist sie in Ordnung: Unter dem Etikett muss sich ein Sandkorn oder ein winziger Glassplitter befunden haben. Das Etikett kann also nicht echt gewesen sein. Vedder begreift, dass er hereingelegt wurde und vermutet, dass Ebert seine Nerven strapazieren wollte.

Vedder wundert sich, als nach dem Auslaufen der „Orion“ vier, fünf, sechs Wochen vergehen, ohne dass er etwas über das Schicksal der Emigranten erfährt, obwohl er noch immer nichts bezahlt hat.

An Pfingsten ist das Hotel „Victoria“ fast fertig. Ein unter dem Pseudonym E. Nigma schreibender Architekturkritiker, der sich vor einiger Zeit in einem offenen Brief an den Magistrat gegen den pompösen Neubau aussprach, ereifert sich nun über die Häuser Vedders und Carstens, die den Anblick der Prunkfassade des Hotels verunstalten.

Ebert erklärt die Verhandlungen für beendet. Vedder drängt ihn, wenigstens das Haus der Carstens zu kaufen und erklärt sich mit 25 000 Gulden einverstanden. Frau Carstens benötige das Geld dringend für eine Operation ihres Beins. Der Geschäftsmann meint jedoch, es mache keinen Sinn, nur eines der beiden Grundstücke zu erwerben. Direktor Henkenhaf habe inzwischen beschlossen, das Hotel um die beiden noch stehenden Häuser herumzubauen.

Am Tag der Einweihung des Hotels „Victoria“ wird an Vedders Haus ein Transparent mit der Aufschrift „Stadtverhunzer“ angebracht. Er glaubt, Henkenhaf zu sehen. Sie sind ja nun Nachbarn. Auf dem Dach seines Hauses verliert er den Boden unter den Füßen, stürzt durch eine gläserne Wand in die Tiefe und kommt dabei ums Leben.

Am 12. September 1890 schreibt Pet Bennemin in New York einen Brief an Christof Anijs. Weil die Agentur das vereinbarte Geld nicht erhalten hatte, waren die Auswanderer zunächst einen Monat lang auf Staten Island festgehalten worden. Dann stellte sich heraus, dass die Agentur gar nicht mehr existierte. Weil keine der Familien Geld besaß und der amerikanische Staat nicht für die Kosten der Rückreise aufkommen wollte, ließ man sie einfach frei. Die Bennemins blieben in New York und nahmen den Familiennamen Benjamin wieder an. Pet junior bereitet sich auf seine Bar-Mizwa vor, Johanna hat eine Stelle als Krankenpflegerin im Bethesda-Spital bekommen, und Pet Benjamin senior arbeitet als Hilfskraft bei einem Geflügelhändler.

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In seinem historischen Roman „Neue Zeiten“ erzählt Thomas Rosenboom drei miteinander verflochtene Geschichten, die in der Zeit von 1888 bis 1890 in den Niederlanden spielen. Sie handeln von einer Torfstecher-Familie, einem Apotheker und einem Geigenbauer, der eigentlich Schreiner ist. Walter Vedder, dessen Geigen nur von Spielleuten gekauft werden, vergeudet seine Vaterliebe an einen Waisenknaben, der ihn schamlos ausnutzt. Als an der Stelle, an der sein Haus steht, ein Hotel gebaut werden soll, will er sich nicht nur in der Verhandlungsführung beweisen, sondern zugleich ein beträchtliches Erbe für den Jungen herausschlagen, um dessen Liebe zu erkaufen. Sein Vetter, der Apotheker Christof Anijs, bekommt unversehens einen promovierten Konkurrenten und weil er selbst nicht studiert hat, versucht er sein Selbstwertgefühl zu bewahren, indem er sich in der Armensiedlung als Wohltäter feiern lässt. Als er erfährt, dass Vedder mit 50 000 Gulden für sein Grundstück rechnet, überredet er ihn, es den rund hundert mittellosen Torfstecher-Familien für die Auswanderung nach Amerika vorzustrecken. Die beiden sechzig Jahre alten Männer, die keine Kinder gezeugt haben, also unfruchtbar geblieben sind, führen „das Volk“ – so lautet die Überschrift des 18. Kapitels – wie Moses die Israeliten ins Gelobte Land, in diesem Fall in die Neue Welt, ohne selbst dorthin gelangen zu können.

Die Zeit des Umbruchs am Ende des 19. Jahrhunderts macht den Torfstechern ebenso zu schaffen wie dem Apotheker ohne Studium und dem autodidaktischen Geigenbauer. Da wir gut hundert Jahre später ebenfalls „neue Zeiten“ haben, ist der Roman nicht nur historisch aufschlussreich, sondern er spiegelt auch die aktuelle Situation.

Thomas Rosenboom ist ein fulminanter Erzähler: In farbigen und lebendigen, ausdrucksstarken und vielfach symbolischen Bildern entwickelt er eine komplexe, spannende Handlung vor dem Hintergrund des historischen Panoramas.

Das Buch ist als eine von drei Stimmen vorgetragene Chronik angelegt, die genau registriert, wie die im Wortsinne Betroffenen auf die Veränderungen ihrer überkommenen, vermeintlich überschaubaren Lebensweise reagieren, die mit jenem Prozess unaufhaltsam heraufgeführt werden, den man als technisch-zivilisatorischen Fortschritt zugleich objektiviert und verharmlost […]
In großartigen Bildern, mit einer narrativen, detailverliebten Opulenz, einer Prosa, die den Formen und Farbenreichtum der holländischen Malerei in Sprache übersetzt, zeigt Thomas Rosenboom diese Veränderungen […]
Thomas Rosenbooms wunderbar erzählter, von Marlene Müller-Haas vorzüglich übersetzter Roman ist ein raffiniertes Märchen, ein faszinierender Lesestoff, der die conditio humana in Umständen eines grundstürzenden Wandels aller Seinsgewissheiten erhellt.
(Johannes Willms, Süddeutsche Zeitung, 22. März 2004)

Der Roman „Neue Zeiten“ hätte gut noch länger sein können, denn einige der Figuren machen uns neugierig, ohne dass wir viel über sie erfahren. Beispielsweise wüssten wir gern, was der Waisenknabe Theo Rossaert mit dem Geschäftsmann Friedrich Ebert zu schaffen hat und ob es eine Beziehung zwischen Al Vedder und J. F. Henkenhaf gibt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Deutsche Verlags-Anstalt

Thomas Rosenboom: Das Liebeswerk

Prechtls Welttheater - Prechtls Welttheater
Für alle Prechtl-Liebhaber – und solche, die es werden wollen/sollen – bietet sich dieser schön gedruckte, fadengebundene Bildband mit Zeittafel, Bibliografie und Kommentaren über diesen vielseitigen Künstler geradezu an: "Prechtls Welttheater".
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